{"id":19445,"date":"2013-11-29T09:54:12","date_gmt":"2013-11-29T08:54:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19445"},"modified":"2024-09-27T05:34:52","modified_gmt":"2024-09-27T03:34:52","slug":"aufruf-zur-revolte-ein-interview-mit-konstantin-wecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19445","title":{"rendered":"\u201eAufruf zur Revolte\u201c \u2013 Ein Interview mit Konstantin Wecker"},"content":{"rendered":"<p>Konstantin Wecker hat gemeinsam mit Prinz Chaos II. ein Buch &uuml;ber Revolte geschrieben (<a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/content\/attachment\/webarticle\/aufruf_zur_revolte_40040.pdf\">kostenloser Download [PDF &ndash; 9.2 MB]<\/a>). Es ist eine Polemik. In einem Aufruf voller Wut und Poesie dr&uuml;cken die Autoren aus, was quer durch die politischen Lager von Vielen gedacht, aber nur selten in dieser Klarheit ausgesprochen wird. Ihr Fazit lautet eindeutig: &ldquo;Duckt Euch nicht! Steht auf! Stellt Euch zornig gegen die Energie der Zerst&ouml;rung!&rdquo;. <strong>Christine Wicht<\/strong> hat mit <strong>Konstantin Wecker<\/strong> &uuml;ber den &bdquo;Aufruf zur Revolte&ldquo; gesprochen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Sie sind der Meinung, dass sich zu emp&ouml;ren ein Grundrecht des Menschen ist. Ohne Emp&ouml;rung w&auml;re die Sklaverei nicht abgeschafft worden und es g&auml;be keine Demokratie. 2007 haben Sie eine CD herausgebracht mit dem Titel &bdquo;Ich gestatte mir Revolte&ldquo;. Der Wunsch zur Revolte begleitet Sie schon eine ganze Weile. Sie rufen mit Ihrem aktuellen Buch auf zur Revolte. Was glauben Sie, warum machen nur wenige Menschen den Mund auf?<\/strong><\/p><p>Das ist eine ganz eigent&uuml;mliche Mischung aus Einsch&uuml;chterung und Beschwichtigung, die Tag f&uuml;r Tag auf uns einregnet. &bdquo;Angst essen Seele&ldquo; auf, nannte Rainer Werner Fassbinder einen seiner Filme. Nichts l&auml;hmt einen Menschen so sehr, wie die Angst. Und auf der anderen Seite h&auml;ngt immer die Karotte vor der Nase, dass es eben doch irgendwie genauso weitergehen k&ouml;nnte, dass man eigentlich nichts &auml;ndern muss. Es kann aber nicht und man muss!<br>\nDer Menschheitswagen steuert auf einen Abgrund zu. Aber die Geschwindigkeit, mit der wir auf diesen Abgrund zurasen, ist inzwischen so hoch, dass sich viele Menschen verzweifelt festhalten, um nicht bei voller Fahrt ins Aus geschleudert zu werden. Das ist auch sehr verst&auml;ndlich, aber wir m&uuml;ssten irgendwie versuchen, ins Fahrerh&auml;uschen zu gelangen. Wir steuern ja nicht mehr die Dinge, sondern die Dinge steuern uns!<\/p><p><strong>Sie sind ein Verehrer von Erich M&uuml;hsam und haben in Ihren Konzerten schon oft den von ihm geschriebenen Revoluzzer zitiert. Warum ist der Revoluzzer von M&uuml;hsam heute noch aktuell?<\/strong><\/p><p>Erich M&uuml;hsam sagte: &bdquo;Sich f&uuml;gen hei&szlig;t l&uuml;gen&ldquo;. Es gibt viele Missst&auml;nde in unserem Land, Altenpflege, Armut, Kinderarmut, Bankenrettung, &Uuml;berwachung, um nur einige zu nennen. Es gibt wenig Widerstand gegen politischen Entscheidungen. Die Menschen f&uuml;gen sich. Und letztlich geht das eindeutig nur deshalb, weil sehr viel gelogen wird. Wir werden belogen, aber wir bel&uuml;gen uns auch selbst. Nehmen wir den Rechtsterrorismus. Was da in den Verfassungsschutz&auml;mtern angeblich an Pleiten, Pech und Pannen abgelaufen ist, das kann doch kein Mensch mehr glauben. Aber sind wir auch bereit, die grausigen Schlussfolgerungen zu ziehen? Der Ungeheuerlichkeit n&auml;mlich ins Auge zu sehen, dass es eine Kumpanei gegeben haben muss, zwischen Nazi-Terroristen und Teilen des Sicherheitsapparates?<\/p><p><strong>In der Vorbemerkung Ihres B&uuml;chleins &ldquo;Aufruf zur Revolte&rdquo; weisen Sie und Prinz Chaos II. extra darauf hin, der Text sei kein unbeherrschter Wutausbruch, sondern ein Aufschrei. Da m&ouml;chte ich Sie mit einer Strophe Ihres Liedes &ldquo;Wut und Z&auml;rtlichkeit&rdquo; fragen: Kann man w&uuml;tend sein und weise, laut sein und im Lauten leise, macht gerechter Zorn nicht m&uuml;de?<\/strong><\/p><p>Die Revolte, die wir beide uns vorstellen, ist ja ohnehin etwas anders als man sich das vielleicht spontan vorstellt. Wir sprechen ja von einer &bdquo;Revolte der Z&auml;rtlichkeit&ldquo;. Ich sehe keinen Widerspruch zwischen Sensibilit&auml;t und Revolte. Gerade die F&auml;higkeit, an fremdem Leid mitzuleiden, ist essentiell nicht nur f&uuml;r die Mitmenschlichkeit generell, sondern auch daf&uuml;r, die Unertr&auml;glichkeit der Zust&auml;nde zu empfinden.<\/p><p><strong>In der Bev&ouml;lkerung ist aber kaum ein Aufschrei zu merken, die Wahl hat gezeigt, dass das Volk keine wirkliche &Auml;nderung will, mal abgesehen von der Abwahl der FDP. Revolte liegt wohl scheinbar nicht im Trend?<\/strong><\/p><p>Wir haben uns nicht entschlossen, diesen Text zu schreiben, weil wir uns dachten: &bdquo;Die Revolte liegt in der Luft, man braucht jetzt nur noch einen schmissigen Aufruf und dann geht&rsquo;s los.&ldquo; Im Gegenteil: die Idee dieses Textes ist in einer Situation entstanden, in der sich der Prinz und ich unsere, ja, doch: unsere Verzweiflung gestanden haben. Das war in der K&uuml;nstlergarderobe nach einem Konzert in der Schweiz. Wir beide sind ja sozusagen von Berufs wegen immer dabei, Leuten Mut zu machen, sie stark zu reden und zu singen, an das Positive zu appellieren. Aber da haben wir festgestellt, dass uns Himmelangst wird, wenn wir uns den Stand der Dinge anschauen &ndash; und den eklatanten Mangel an echtem, wirkungsvollem Widerstand, an kreativem Denken. Der Aufruf zur Revolte ist deshalb ein Versuch, in ziemlich verzweifelter Lage einen kraftvollen und auch sehr poetischen Gegenimpuls zu setzen.<\/p><p><strong>&Uuml;ber 15 Seiten Nennen Sie in eindringlicher Weise viele Gr&uuml;nde, von denen jeder es wert ist, sich zu emp&ouml;ren, aufzustehen und nein zu schreien. Es sind bekannte Tatsachen, warum meinen Sie, hat sich bisher niemand emp&ouml;rt?<\/strong><\/p><p>Emp&ouml;rt wird sich ja schon immer mal wieder. Aber diese Art der Emp&ouml;rung, die sich einfach nur &uuml;ber etwas aufregt, die aber keinerlei praktischen Konsequenzen ableitet, die nicht aktiv wird, nicht eingreift &ndash; das ist eine Stubenhockeremp&ouml;rung und hat mit dem, was der sp&auml;te Stefan Hessel in seinem grandiosen B&uuml;chlein &bdquo;Emp&ouml;rt Euch!&ldquo; gemeint hat, &uuml;berhaupt nichts zu tun.<\/p><p><strong>Warum gerade jetzt ein Buch? Der Neoliberalismus hat in Demokratien Einzug erhalten. Die Menschen haben sich anscheinend damit abgefunden. Wenn die geplante Freihandelszone zwischen USA und EU durchgedr&uuml;ckt wird, ist die Demokratie in vielen Bereichen ausgehebelt. Wie sollen sich B&uuml;rger noch gegen die Macht der Wirtschaft wehren?<\/strong><\/p><p>Wie sollte sich ein kleines Volk wie die Vietnamesen gegen die gewaltige Milit&auml;rmaschine der USA zu Wehr setzen? Wie sollten die Menschen fr&uuml;her gegen den unglaublichen Druck des Absolutismus aufkommen? Wir haben ein aberwitziges Ungleichgewicht bekommen, was Wohlstand und Macht angeht. Und diese Zusammenballung der Macht in wenigen H&auml;nden ist mit einer Demokratie unvereinbar. Aber solche Situationen gab es in der Geschichte h&auml;ufig und keine Macht der Welt ist f&uuml;r die Ewigkeit gebaut.<\/p><p><strong>Sie vergleichen im Aufruf zur Revolte den Zustand unserer heutigen Gesellschaft mit dem vor der franz&ouml;sischen Revolution. Glauben Sie, dass Sie Ihre Leser mit diesem Vergleich zur Revolte ermutigen k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Prinz Chaos II. ist ja nicht nur Liedermacher und Autor, sondern auch Historiker. Und ich finde diesen Vergleich mit dem vorrevolution&auml;ren Frankreich ungeheuer hilfreich, um vor allem das Verhalten der Herrschenden, diesen elit&auml;ren Autismus, zu verstehen. Auch damals gab es ja genug auch sehr einflussreiche Leute, die genau erkannt haben, dass es so nicht weitergeht, dass Frankreich sich radikal ver&auml;ndern m&uuml;sste. Aber die sind innerhalb ihrer eigenen Klasse v&ouml;llig aufgelaufen, weil die bei weitem meisten Adeligen total abgekoppelt waren von der Stimmung im Rest der Gesellschaft. Die haben nicht gemerkt, was sich da zusammenbraut oder es einfach nicht ernst genommen. Diese Entkoppelung sehen wir heute auch wieder. Daniela Dahn schreibt in ihrem neuen Buch, dass die Kluft zwischen arm und reich in Europa heute der zur Zeit vor der franz&ouml;sischen Revolution &auml;hnelt. Der Geldadel ist aufgepumpt mit Arroganz und einem Gef&uuml;hl der &Uuml;berlegenheit. Die sehen auch nach einer gigantischen Finanzkrise keinen Grund, irgendetwas zu &auml;ndern, weil sie so gl&auml;nzend verdienen. Aber das kann sich r&auml;chen.<\/p><p><strong>Die moderne Konsumindustrie hat bisher immer vermocht, schon nach erschreckend kurzer Zeit jede noch so kritische Bewegung zu kommerzialisieren und mit ihrer PR zu lenken bzw. zu konterkarieren. Wird sie nicht auch jede weitere Idee zur Revolte in Watte packen, h&uuml;bsch designen und urheberrechtlich gesch&uuml;tzt vermarkten?<\/strong><\/p><p>Klar, wir haben das oft erlebt, dass man Revolten die Spitze genommen und sich deren Symbolik und Sprache einverleibt hat. Am Ende kam dann nicht viel mehr dabei heraus, als eine Modernisierung des alten Systems. Die Kommerzialisierung einer Revolte ist momentan aber nicht unser Problem. Leider, k&ouml;nnte man sagen. Das Problem ist diese allgemeine Friedhofsruhe, speziell in Deutschland. In anderen L&auml;ndern sieht es ja teilweise anders aus. Aber die Bundestagswahl war ja quasi das Votum zu sagen: &bdquo;Hauptsache uns geht&rsquo;s gut und welche Ursachen das Debakel in Griechenland oder Spanien hat, ist uns erstmal egal.&ldquo; Das ist nicht nur eine moralisch fragw&uuml;rdig Haltung. Das wird auch auf Dauer nicht gut gehen. Denn die Krise ist schon l&auml;ngst da &ndash; nur noch nicht bei allen.<\/p><p>Sie beschreiben einerseits die Geldsucht und andererseits die Aktion des Herrn Kofler, sein Aktienpaket zu verkaufen, als kluge Aktion. Halten Sie diese Handlungsoption f&uuml;r realistisch, zumal die Aktien gerade steigen?<\/p><p>In diesem ganzen Bereich habe ich, im wahrsten Sinne, keine Aktien. Ich hatte noch nie Aktien und verfolge das Auf und Ab der Kurse auch nicht sonderlich. Ich bin da sehr altmodisch und lehne es f&uuml;r mich ganz allgemein ab, Aktien zu kaufen. Am Ende sind das doch alles Luftbuchungen und man muss sich eher wundern, dass es immer wieder gelingt, dieses irrwitzige Finanzsystem f&uuml;r eine weitere Runde zu stabilisieren. Aber diese Rettungsaktionen werden immer aufwendiger und die letzte Rettungsrunde hat die Staaten mit einer gigantischen Staatsverschuldung hinterlassen.<\/p><p>Nein, wir brauchen ganz andere Ans&auml;tze einer kooperativen, nachhaltigen Wirtschaft und vor allem einer Wirtschaft, in der die Produktion von G&uuml;tern und Dienstleistungen, die tats&auml;chlich ben&ouml;tigt werden, im Zentrum steht und nicht eine solche Finanzakrobatik.<\/p><p><strong>Wie stellen Sie sich die Revolte vor?<\/strong><\/p><p>Es gibt ein paar Anhaltspunkte. Das eine ist die Erfahrung von Dresden Nazifrei. Hier waren der Prinz und ich ja jahrelang vor Ort bei den Blockaden und wir durften erleben, was ein B&uuml;ndnis bewerkstelligen kann, das entschlossen und solidarisch vorgeht. Dabei ist das pers&ouml;nliche Vertrauen zwischen verschiedenen Akteuren absolut entscheidend. Wenn man sich nicht vertraut, kann man in brenzligen Situationen nicht bestehen. Wie man diese Dresdner Erfahrung auf das soziale Feld &uuml;bertragen kann, scheint uns die zentrale Herausforderung zu sein. Und die Form der Blockade wird da nicht gen&uuml;gen. Dazu haben wir aber in den letzten Jahren diese Serie von Platzbesetzungen erlebt, vom Tahrir in Kairo ausgehend. Hier wurde zumindest angedeutet, wie eine neuartige, selbstorganisierte Organe einer echten Massendemokratie entstehen k&ouml;nnten. Am Ende f&uuml;hrt nat&uuml;rlich kein Weg an neuen Organisationsformen vorbei, aber den Anfang muss eine spontane Dynamik machen, etwas Unvorhergesehenes, eine Energie, die sich losrei&szlig;t aus dem Knast der Frustrationen. Das kann man nicht herbeischreiben. Das k&ouml;nnen nur viele Einzelne herbeif&uuml;hren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Konstantin Wecker hat gemeinsam mit Prinz Chaos II. ein Buch &uuml;ber Revolte geschrieben (<a href=\"http:\/\/www.randomhouse.de\/content\/attachment\/webarticle\/aufruf_zur_revolte_40040.pdf\">kostenloser Download [PDF &ndash; 9.2 MB]<\/a>). Es ist eine Polemik. In einem Aufruf voller Wut und Poesie dr&uuml;cken die Autoren aus, was quer durch die politischen Lager von Vielen gedacht, aber nur selten in dieser Klarheit ausgesprochen wird. 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