{"id":19448,"date":"2013-11-29T10:07:19","date_gmt":"2013-11-29T09:07:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19448"},"modified":"2019-03-18T11:57:19","modified_gmt":"2019-03-18T10:57:19","slug":"koalitionsvertrag-gedankensplitter-zum-kleingedruckten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19448","title":{"rendered":"Koalitionsvertrag \u2013 Gedankensplitter zum Kleingedruckten"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man die Fernsehinterviews mit Merkel, Gabriel und Seehofer sieht, dann k&ouml;nnte man den Eindruck gewinnen, als h&auml;nge das Schicksal der Republik an einem Mindestlohn, an der abschlagsfreien Rente mit 63, am Doppelpass oder vielleicht noch daran wie in den n&auml;chsten vier Jahren jenseits der derzeitigen Haushaltsplanung noch zus&auml;tzlich 23 Milliarden f&uuml;r &bdquo;Wohltaten&ldquo; (wie es immer so sch&ouml;n hei&szlig;t) aufgebracht werden k&ouml;nnten. &Uuml;ber die politische Grundrichtung des Koalitionsvertrags, n&auml;mlich der <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19418\">Fortsetzung des Merkel-Kurses<\/a> oder &uuml;ber das Kleingedruckte wird nur noch von einzelnen Gruppen Kritik ge&auml;u&szlig;ert. In der allgemeinen Berichterstattung geht solche Kritik aber v&ouml;llig unter. Wenn man wissen will, was eigentlich das Regierungshandeln in den kommenden Jahren bestimmen soll, dann lohnt sich der Blick gerade auch auf die verdeckten Kleinigkeiten oder auf solche Dinge, die im Vertrag gar nicht mehr angesprochen werden. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9668\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19448-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19448-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"131129_Koalitionsvertrag_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Betreuungsgeld nicht unter Finanzierungsvorbehalt<\/strong><\/p><p>So kommt zum Beispiel das Wort &bdquo;Betreuungsgeld&ldquo; &ndash; das Herzensanliegen der CSU (gegen die SPD und sogar gegen die CDU durchgesetzt) &ndash; gar nicht mehr vor. Diese mittelfristig auf &uuml;ber 1,2 Milliarden gesch&auml;tzten Kosten, werden auch nicht mehr unter den Vorbehalt weiter steigender Steuereinnahmen gestellt.<\/p><p><strong>Von einer Verbesserung der Ausbildungsf&ouml;rderung ist keine Rede mehr<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/131126_koalitionsvertrag_stand_2411_20_00.pdf\">Entwurf der Koalitionsvereinbarungen vom 24. November [PDF &ndash; 1.3 MB]<\/a> wenigstens noch von einer BAf&ouml;G-Reform die Rede war und zumindest noch eine &bdquo;substanzielle&ldquo; Erh&ouml;hung im Streit stand, kommt das Wort BAf&ouml;G oder Ausbildungsf&ouml;rderung nun erst gar nicht mehr vor. Nur noch beim &bdquo;Aufstiegsfortbildungsf&ouml;rderungsgesetz&ldquo; (AFBG) sollen die F&ouml;rderleistungen verbessert werden. F&uuml;r die Verbesserung der sozialen Lage der der gro&szlig;en Masse der Studierenden aus sozial benachteiligten Verh&auml;ltnissen ist also keine Verbesserung vorgesehen. Soviel also zur &bdquo;Chancengerechtigkeit durch Bildung&ldquo;!<\/p><p>Statt BAf&ouml;G-Erh&ouml;hung  ist jedoch der <a href=\"http:\/\/www.dgb.de\/themen\/++co++5454224c-c472-11e2-a9f1-00188b4dc422\">&bdquo;Ladenh&uuml;ter&ldquo;<\/a> der CDU, das &bdquo;Deutschlandstipendium&ldquo;, f&uuml;r derzeit 0,6 Prozent der &bdquo;hochqualifizierten&ldquo; Studierenden, sogar mit einem speziellen Unterpunkt erw&auml;hnt.<\/p><p><strong>PKW-Maut einf&uuml;hren, Luftverkehrssteuer abschaffen<\/strong><\/p><p>Da wurde das Thema &bdquo;PKW-Maut&ldquo; von der CSU zur Frage von Sein-oder-Nicht-Sein der Koalition gemacht. Aber gleichzeitig beantragte (im Vorentwurf v. 24.11.) offenbar die Unionsseite die Abschaffung der Luftverkehrssteuer, w&auml;hrend der umweltfreundlichere Schienenverkehr nach wie vor durch die EEG-Umlage belastet bleibt. <\/p><p>Man muss sich einmal vergegenw&auml;rtigen, dass die Luftverkehrssteuer (im Jahr 2011) <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/dokumente\/textarchiv\/2013\/45598613_kw26_pa_petitionen2\/\">527 Millionen an Steuern einbrachte<\/a>, w&auml;hrend die Mehreinnahmen aus der Maut f&uuml;r ausl&auml;ndische PKW vom gewiss autofreundlichen ADAC gerade mal <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/maut-faq100.html\">auf 260 Millionen Euro gesch&auml;tzt werden<\/a>.<br>\nVon der Abschaffung der Luftverkehrssteuer, die noch nicht einmal zu einem R&uuml;ckgang des Luftverkehrs <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/presse\/hib\/2012_12\/2012_589\/02.htm\">gef&uuml;hrt hatte<\/a>, ist zwar in der Endfassung nicht mehr die Rede. Das hat man sich dann doch nicht getraut. Aber f&uuml;r die Abschaffung l&auml;sst der Koalitionsvertrag T&uuml;r und Tor offen. Es hei&szlig;t jetzt: &bdquo;Bei der Einf&uuml;hrung von fiskal- oder ordnungspolitischen Ma&szlig;nahmen im Luftverkehr werden wir auf ein positives Nutzen-Kosten-Verh&auml;ltnis achten.&ldquo; Die Luftverkehrslobby darf sich die H&auml;nde reiben.<\/p><p><strong>Die Hotelier-Steuerentlastung bleibt<\/strong><\/p><p>Da hat die SPD zur Bundestagswahl angek&uuml;ndigt, sie werde das Klientel-Geschenk der FDP, n&auml;mlich die <a href=\"http:\/\/www.bitkom.org\/de\/themen\/75591_77224.aspx\">&bdquo;Hotel-Steuer&ldquo; zur&uuml;cknehmen<\/a>. Der Bundestagspr&auml;sident Lammert sprach davon, dass die Mehrwertsteuersenkung f&uuml;r &Uuml;bernachtungen in Hotels <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/ruege-fuer-regierung-lammert-kritisiert-schwarz-gelbes-steuerpaket-a-669120.html\">Mindereinnahmen von rund einer Milliarde<\/a> zur Folge h&auml;tten. <\/p><p>H&auml;tte man dieses Kuckucksei der FDP aus dem Koalitionsvertrag geworfen, h&auml;tte man daf&uuml;r eine ordentliche Zahl von Ganztagsschulen finanzieren k&ouml;nnen.  <\/p><p><strong>Nichts Konkretes zu Ganztagsschulen<\/strong><\/p><p>Apropos Ganztagsschule: Die SPD wollte (so der Vorentwurf vom 24.11) mit einem Ganztagsschulprogramm f&ouml;rdern, das &bdquo;langfristig jedem Kind und Jugendlichen, unabh&auml;ngig vom Wohnort&hellip;einen Ganztagsplatz&ldquo; angeboten werden kann. Im Koalitionsvertrag hei&szlig;t es nur noch v&ouml;llig substanzlos: Wir wollen &bdquo;die Mittel f&uuml;r Bildung im Zusammenwirken von Bund und L&auml;ndern nochmals erh&ouml;hen. Ausbau und Qualit&auml;t von Kitas und Ganztagsschulen verbessern den Bildungserfolg der Kinder.&ldquo; Sch&ouml;n, dass das wenigstens nochmals gesagt wird. <\/p><p><strong>Die &bdquo;Mindestlohnfalle&ldquo;<\/strong><\/p><p>Kommen wir zum Erfolg, den die SPD und die Gewerkschaften am meisten feiern und deswegen unbedingt die Zustimmung der SPD-Mitglieder f&uuml;r zwingend halten, n&auml;mlich den Mindestlohn. <\/p><p>6,9 Millionen Arbeitnehmer bekommen derzeit <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-11\/mindestlohn-inflation-gewerkschaften\">weniger als 8,50 Euro (Brutto)<\/a> in der Stunde &ndash; immerhin 2,7 Millionen davon sind Vollzeitbesch&auml;ftigte. Ein Drittel der Niedrigl&ouml;hner findet sich <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/karriere\/berufsleben\/gehaelter-11-prozent-bekommen-nicht-einmal-mindestlohn-a-846573.html\">bei tarifgebundenen Arbeitgebern<\/a>. Hochgerechnet auf eine 40-Stundenwoche ergibt sich etwa ein Bruttomonatslohn von maximal 1.450 Euro. Das liegt an der <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/28607_38240.htm\">Pf&auml;ndungsgrenze<\/a> und bei der Normalarbeitszeit von 38 Stunden gerade mal auf der H&ouml;he der Grundsicherung. Schon jetzt sind viele Arbeitnehmer, die davon eine Familie zu ern&auml;hren haben, &bdquo;Aufstocker&ldquo;. Und schon gar nicht reichen 8,50 Euro zu einer Rente, die zum <a href=\"http:\/\/www.portal-sozialpolitik.de\/home\/mindestlohn-fuer-arbeit-und-rente\">Leben reicht<\/a>. <\/p><p>Selbst f&uuml;r diejenigen, f&uuml;r die ein solcher Mindestlohn 2015 zum gesetzlichen Anspruch w&uuml;rde, wird noch ein Jahr ins Land ziehen und bis dahin h&auml;tte dieser Lohn &ndash; inflationsbedingt &ndash; nicht mehr eine Kaufkraft von 8,50 Euro. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent (so das EZB-Ziel) w&auml;re es nach heutiger Kaufkraft noch ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-11\/mindestlohn-inflation-gewerkschaften\">Mindestlohn von 7,85 Euro<\/a>.  <\/p><p>Von der Korrespondenz zwischen der Steigerung der Produktivit&auml;t und der Lohnh&ouml;he wollen wir gar nicht erst reden, danach m&uuml;sste der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2013-11\/mindestlohn-inflation-gewerkschaften\">Mindestlohn 2017 bei 9,70 Euro liegen<\/a>.   <\/p><p>Aber noch mehr: Abweichungen von diesem gesetzlichen Mindestlohn sind noch weitere 3 Jahre &ndash; bis zum 31. Dezember 2016 &ndash; m&ouml;glich, wenn es Tarifvertr&auml;ge gibt, die unter 8.50 Euro liegen. Arbeitnehmer bei Wachdiensten, W&auml;schereien, aber vor allem die Leiharbeiter k&ouml;nnen also noch ziemlich lange warten.  Die &bdquo;uneingeschr&auml;nkte&ldquo; G&uuml;ltigkeit des Mindestlohns soll sich sogar bis zum 1. Januar 2017 &ndash; also noch drei Jahre &ndash; hinziehen. Aber selbst dann ist der Mindestlohn in dieser H&ouml;he noch keineswegs gesichert, denn die &bdquo;H&ouml;he des allgemein verbindlichen Mindestlohns&ldquo; soll dann &bdquo;zum 10. Juni 2017 mit Wirkung zum 1. Januar 2018 &ndash; von einer Kommission der Tarifpartner &uuml;berpr&uuml;ft und gegebenenfalls angepasst werden&ldquo;. Nach unten oder nach oben, das entscheidet dann eine neue Bundesregierung. Und selbstverst&auml;ndlich erwarten CDU\/CSU diese H&auml;ngepartie dann in ihrem Sinne entscheiden zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Zurecht schreibt sogar das Handelsblatt, dass sich die <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/umstrittene-lohnuntergrenze-spd-in-der-mindestlohn-falle\/9141590.html\">SPD in der &bdquo;Mindestlohnfalle&ldquo;<\/a> gefangen habe. <\/p><p>Und dieser &bdquo;Erfolg&ldquo; veranlasst also die meisten Gewerkschaftsf&uuml;hrer dazu, ihre Mitglieder, die der SPD angeh&ouml;ren, aufzufordern, beim Mitgliederentscheid dem Koalitionsvertrag zuzustimmen.  <\/p><p><strong>&bdquo;Beitragsjahre&ldquo; statt &bdquo;Versicherungszeit&ldquo; bei der Rente mit 63<\/strong><\/p><p>Na ja, und dann ist da noch die Rente mit 63. <\/p><p>Sehen wir an dieser Stelle einmal davon ab, dass fr&uuml;heren die Renten-&bdquo;Reformen&ldquo; von Rot-Gr&uuml;n mit der Senkung des Rentenniveaus auf 42 Prozent festgeschrieben wurde. F&uuml;r Sigmar Gabriel ist es der Beweis, dass der Koalitionsvertrag f&uuml;r die &bdquo;kleinen Leute&ldquo; geschrieben worden sei, weil &bdquo;langj&auml;hrig Versicherte, die durch 45 Beitragsjahre(einschlie&szlig;lich Zeiten der Arbeitslosigkeit) ihren Beitrag zur Stabilisierung der Rentenversicherung erbracht haben&ldquo;, ab dem 1. Juli 2014 mit dem vollendeten 63. Lebensjahr abschlagsfrei in Rente gehen k&ouml;nnen.<br>\nEs wird jedoch nur eine &uuml;berschaubare Zahl von Arbeitnehmern sein, die in den Genuss dieser Regelung kommen.<\/p><p>Aber selbst hier gibt es zwischen dem Antrag der SPD in der Fassung vom 24. November und der Endfassung des Koalitionsvertrags noch einen kleinen, aber bedeutenden Unterschied. In der Vorfassung war noch von 45 &bdquo;Versicherungsjahren&ldquo; die Rede. Jetzt hei&szlig;t es &bdquo;45 Beitragsjahre&ldquo;. Ein kaum merkbarer aber wichtiger Unterschied, denn damit wird die Zahl der mit dieser Regelung Beg&uuml;nstigten noch kleiner, als sie ohnehin schon war. <\/p><p>Unser Leser B.S. wies mich (wohl unter Bezugnahme auf die WAZ) darauf hin, dass dieser Begriffswechsel von &bdquo;Versicherungs-&bdquo; auf &bdquo;Beitragsjahre&ldquo; einen enormen Unterschied ausmacht: Ausbildungszeiten etwa sind zwar Versicherungs-, aber keine Beitragsjahre! Von den Kinder-Erziehungszeiten gelten nur drei Jahre als Beitragsjahre. Bisher z&auml;hlten auch Zeiten der Arbeitslosigkeit nicht. Die sollen nun<br>\nnach dem Willen der Koalition&auml;re zwar eingerechnet werden, wobei aber noch v&ouml;llig offen ist, ob nur die kurzen Zeiten im Arbeitslosengeld I gelten, f&uuml;r die ja Beitr&auml;ge an die Rentenversicherung gezahlt werden, oder auch Hartz-IV-Zeiten.<\/p><p>Au&szlig;erdem ist die Rente mit 63 bereits ab dem Jahr 2015 nicht mehr w&ouml;rtlich zu nehmen. Denn das fr&uuml;hestm&ouml;gliche Renteneintrittsalter steigt auch f&uuml;r langj&auml;hrige Beitragszahler parallel zur Rente mit 67 an. Ab Juli 2014 k&ouml;nnen sie mit 63 in Rente gehen, im Jahr darauf mit 63 und einem Monat und in den Folgejahren immer sp&auml;ter, bis 2030 f&uuml;r sie wieder die heute schon geltenden 65 Jahre der fr&uuml;hestm&ouml;gliche Ausstieg sind.<\/p><p><strong>Die Regierung schreibt und bleibt<\/strong><\/p><p>An diesen kleinen, aber wichtigen &Auml;nderungen wird deutlich, dass zwischen der SPD und den Regierungsparteien keinerlei &bdquo;Waffengleichheit&ldquo; bestand. Der Koalitionsvertrag wurde erkennbar von der politischen Leitungsebene der Ressorts und dem Kanzleramt formuliert und die Details wurden von den Mitarbeitern der Fachressorts hineingeschmuggelt. Da konnte die Verhandlungsgruppe der SPD zahlenm&auml;&szlig;ig noch so gro&szlig; sein, sie konnte in den Details von Merkel nur &uuml;ber den Tisch gezogen werden. Die SPD-Seite hat sich selbst bei den f&uuml;r sie wichtigen Themen schlicht austricksen lassen bzw. sie konnte keine fachliche Gegenwehr leisten. Wer schreibt der bleibt, hei&szlig;t es schon beim Kartenspiel.<\/p><p><strong>Selbst bei einer 80-prozentigen Mehrheit, wird die Fraktionsdisziplin festgeschrieben<\/strong><\/p><p>Auf einen Punkt im Koalitionsvertrag lohnt es sich auch noch hinzuweisen, weil er f&uuml;r alle jene, die hofften, dass bei einer 80-Prozent-Mehrheit wenigstens die Debatten innerhalb der Regierungsparteien offener sein k&ouml;nnten, eine Entt&auml;uschung sein muss. <\/p><p>Einem freien Mandat spottend (Abgeordnete sind an Auftr&auml;ge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen (Art. 38 Abs. 1 GG)) wurde im Koalitionsvertrag festgeschrieben: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Im Bundestag und in allen von ihm beschickten Gremien stimmen die Koalitionsfraktionen einheitlich ab. Das gilt auch f&uuml;r Fragen, die nicht Gegenstand der vereinbarten Politik sind. Wechselnde Mehrheiten sind ausgeschlossen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Man k&ouml;nnte also den gr&ouml;&szlig;ten Teil der 504 Abgeordneten (311 von CDU\/CSU, 193 von SPD) gleich in Urlaub schicken und nur noch ihre Fraktionsspitzen beibehalten, die dann jeweils f&uuml;r die Gesamtfraktionen entscheiden. Die Oppositionsparteien mit zusammen 127 Sitzen im Bundestag haben &ndash; im Wortsinne &ndash; ohnehin kaum noch (die Zeit um) etwas zu sagen.<\/p><p><strong>Mitgliederentscheid als Farce<\/strong><\/p><p>Angesichts dieses faktischen Demokratiedefizits ist es schon geradezu komisch, wenn gegenw&auml;rtig in den Medien geradezu <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/spd-votum-zum-koalitionsvertrag-in-der-hand-der-genossen\/9140514.html\">kampagnenhaft dagegen polemisiert wird<\/a>, dass die SPD ihre Mitglieder &uuml;ber den Koalitionsvertrag entscheiden lassen will. Ausnahmsweise gebe ich dabei einmal Angela Merkel Recht, die den Mitgliederentscheid f&uuml;r einen &bdquo;ganz normalen Vorgang&ldquo; h&auml;lt. <\/p><p>Es hat wohl noch keinen einzigen Koalitionsvertrag gegeben, &uuml;ber den nicht irgendwelche Parteigremien abgestimmt h&auml;tten. Warum sollten aber ein Parteivorstand oder gar ein Parteitag mit ein paar Dutzend oder ein paar Hundert Parteivertretern eher legitimiert sein, ein Votum abzugeben als die rund 470.000 Mitglieder einer Partei &ndash; und das noch mit einem hohen Teilnahmequorum? <\/p><p>Die SPD-Spitze hat in keiner Erkl&auml;rung vers&auml;umt, darauf hinzuweisen, wie demokratisch beispielhaft sie bei dem Mitgliederentscheid &uuml;ber den Koalitionsvertrag vorgehe.<br>\nIch habe schon darauf hingewiesen, dass ich diese &bdquo;Mitgliederbeteiligung&ldquo; f&uuml;r nichts anderes halte als ein taktisches Man&ouml;ver der Parteif&uuml;hrung, eine Analyse der Wahlniederlage und eine daraus abzuleitende personelle Erneuerung der Parteispitze und damit des politischen Kurses der SPD <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18914\">zu verhindern<\/a>. <\/p><p>Mehr innerparteiliche Demokratie setzte allerdings voraus, dass die Mitglieder der SPD frei und souver&auml;n w&auml;ren, in der Sache zu entscheiden. Das Gegenteil ist der jedoch der Fall: Die gesamte Parteif&uuml;hrung &ndash; und zwar nicht nur an der Spitze, sondern auch auf der gesamten Funktion&auml;rsebene &ndash; hat die Mitglieder nicht zu einer Abstimmung &uuml;ber die Inhalte des Koalitionsvertrages aufgerufen, sondern sie hat in guter alter Schr&ouml;der-Manier die Mitglieder sozusagen vor eine &bdquo;Vertrauensfrage&ldquo; gestellt.<\/p><p>Motto: Ihr d&uuml;rft zwar frei abstimmen, aber wehe ihr stimmt nicht mit Ja, dann bricht n&auml;mlich die gesamte Parteistruktur in sich zusammen und es bricht auch in der Bundespolitik das &bdquo;nackte Chaos&ldquo;. Das ist nicht einmal mehr eine Aufforderung zur Wahl des &bdquo;kleineren &Uuml;bels&ldquo;, das ist nur noch Erpressung. Dies umso mehr,  als die Mitglieder der SPD-Bundestagsfraktion gestern einstimmig bei zwei Enthaltungen den Koalitionsvertrag gebilligt und damit schon signalisiert haben, dass ein Mitgliedervotum f&uuml;r einen &bdquo;freien&ldquo; Abgeordneten vielleicht eine moralische Verpflichtung bedeutet, aber eben nicht bindend ist. <\/p><p>Die Tatsache, dass die Gewerkschaften nun durchg&auml;ngig den Koalitionsvertrag durchgewinkt haben und die laufende Medienkampagne zugunsten einer Gro&szlig;en Koalition machen den Mitgliederentscheid zu einer Farce. Sie dient zu nichts mehr, als dass sich die Parteif&uuml;hrung der SPD, die ja personell weitgehend identisch in der k&uuml;nftigen Regierung sitzen wird, sich gegen&uuml;ber der Parteibasis damit legitimieren kann, dass ihr politisches Handeln auf der Grundlage dieser Koalitionsvereinbarung demokratisch abgesegnet ist.<br>\nDer Koalitionsvertrag wird also, so lange die Gro&szlig;e Koalition h&auml;lt, auch die SPD in ihrer politischen Willensbildung einbinden &ndash; eine elegantere Form der Basta-Politik wie wir das von Gerhard Schr&ouml;der kannten. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.stuttmann-karikaturen.de\/karikaturarchiv_5079.html\">Klaus Stuttmann<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man die Fernsehinterviews mit Merkel, Gabriel und Seehofer sieht, dann k&ouml;nnte man den Eindruck gewinnen, als h&auml;nge das Schicksal der Republik an einem Mindestlohn, an der abschlagsfreien Rente mit 63, am Doppelpass oder vielleicht noch daran wie in den n&auml;chsten vier Jahren jenseits der derzeitigen Haushaltsplanung noch zus&auml;tzlich 23 Milliarden f&uuml;r &bdquo;Wohltaten&ldquo; (wie es<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19448\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,137,11,190],"tags":[524,1152,1316,1103,703,1576,317,301],"class_list":["post-19448","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-steuern-und-abgaben","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-bafoeg","tag-basisdemokratie","tag-betreuungsgeld","tag-ganztagsschule","tag-hoteliers","tag-maut","tag-mindestlohn","tag-rentenalter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19448","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19448"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19448\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50254,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19448\/revisions\/50254"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19448"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19448"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19448"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}