{"id":1947,"date":"2006-12-18T08:48:16","date_gmt":"2006-12-18T07:48:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1947"},"modified":"2016-01-21T10:23:33","modified_gmt":"2016-01-21T09:23:33","slug":"1947","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1947","title":{"rendered":"Die Mittelklasse in der Zone der Verwundbarkeit"},"content":{"rendered":"<p>Um die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; aus der Mittelschicht m&uuml;sse sich die SPD &bdquo;wieder st&auml;rker k&uuml;mmern&ldquo;, sagte Kurt Beck im September in einem <a href=\"?p=1738\">programmatischen Beitrag in der &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo;<\/a>. Tatsache ist, dass inzwischen auch qualifizierte Berufe vom sozialen Abstieg bedroht sind und wir auf eine Becksche &bdquo;Dreidrittelgesellschaft&ldquo; zustreben, &bdquo;in der die Armen und die Mitte, obwohl auch zwischen ihnen Welten liegen, gemeinsam zu den Geprellten z&auml;hlen. Geprellt von einem System, von dem &acute;die ganz oben` immer mehr profitieren&ldquo;, schreibt der Soziologe Ulf Kadritzke in einem Essay f&uuml;r Le Monde diplomatique vom Dezember 2006, den er uns zur Verf&uuml;gung stellt. Ob sich die Mittelklasse umgekehrt auch um die SPD &bdquo;k&uuml;mmert&ldquo;, erscheint allerdings eher zweifelhaft, denn &bdquo;in den einzelk&auml;mpferischen &Uuml;berlebenstechniken der Mittelklassen&ldquo; verbindet sich &bdquo;die verblassende Illusion der Selbstbestimmung mit einer politischer Apathie, der die abgeh&auml;ngten Mitglieder der Unterklassen noch einige kollektive Einsichten voraushaben.&ldquo; Um die Macht des Faktors Arbeit wieder zu st&auml;rken, w&auml;re es nach Meinung  Kadritzkes erfolgverversprechender den &bdquo;Bestand an Interessen neu zu bestimmen, der die Menschen in den Zonen der Exklusion und der Gef&auml;hrdung verbindet&ldquo;, statt eine Schicht gegen die andere auszuspielen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kein Platz mehr im letzten Flugzeug<\/strong><\/p><p>Die Mittelklassen in der Zone der Verwundbarkeit<\/p><p>Von Ulf Kadritzke <\/p><p>Die Begebenheit liegt fast 20 Jahre zur&uuml;ck, aber sie ist, zumal aus heutiger Sicht, erinnerungsw&uuml;rdig. Es war Montag, der 19. Oktober 1987, gerade hatte sich der gr&ouml;&szlig;te B&ouml;rsenkrachs seit 60 Jahren ereignet: &ldquo;Nach und nach str&ouml;mten Tausende von Menschen aus allen m&ouml;glichen Ecken von New York in die Wall Street. Verwirrt sahen die Polizisten, wie die Menschenmasse einfach da stand und nach oben starrte. Bis die Sache klar wurde: Alle warteten darauf, dass die ersten verzweifelten Broker sich aus den Fenstern st&uuml;rzen, keiner wollte das live event verpassen, den fr&ouml;hlichen Augenblick, da die verfluchten Yuppies endlich auf den Asphalt prallen w&uuml;rden. Nun warteten sie und warteten sie, aber nichts geschah.&rdquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<br>\nDass nichts geschah, lag auch daran, dass sich in den klimatisierten B&uuml;ros der Wall Street kein Fenster mehr &ouml;ffnen l&auml;sst. Aber warum beschr&auml;nkten sich die Menschen dort unten auf das Gaffen? Wer waren sie, die dem Fenstersturz der Broker und H&auml;ndler lediglich schadenfreudig beiwohnen wollten? Zu den Gesch&auml;digten z&auml;hlten neben den Rednecks der Handarbeiterklasse, die um ihre Pensionsfonds bangten, auch viele Angeh&ouml;rige der Middle Classes, die nunmehr Teile ihres Einkommens verspekuliert hatten.<br>\nDeutete irgendetwas darauf hin, dass sie den B&ouml;rsenkrach als Menetekel empfanden und am Ende des Goldenen kapitalistischen Zeitalters die Konturen einer polarisierten Gesellschaft erahnten? Im R&uuml;ckblick wird die Szene zum Sinnbild einer Klassengesellschaft, in der die Armen und die Mitte, obwohl auch zwischen ihnen Welten liegen, gemeinsam zu den Geprellten z&auml;hlen. Geprellt von einem System, von dem &ldquo;die ganz oben&rdquo; immer mehr profitieren: The winner takes it all.<br>\nWas haben diese Mittelklassen seitdem gelernt, in den USA wie in den noch sozialstaatlich verfassten L&auml;ndern Europas? Die Antwort f&auml;llt nicht leicht. Im Innern der Klassengesellschaft haben sich die sozialen Gewichte dramatisch verschoben. Aber nach wie vor schreibt der Alltagsverstand dem ideal gedachten B&uuml;rger die gesicherte Lebenslage, den angesehenen Beruf und eine risikoscheue Mentalit&auml;t zu. Bem&uuml;ht man die in Zeiten der Globalisierung wieder plausible Unterscheidung zwischen &ldquo;Kosmopoliten&rdquo; und &ldquo;Lokalisten&rdquo;, so h&auml;lt sich die Mehrheit der selbst ernannten Mittelklassen f&uuml;r mobile, leistungswillige und konsumfreudige Kosmopoliten. <\/p><p><strong>Fernstenliebe bringt mehr ein als N&auml;chstenliebe<\/strong><\/p><p>Mit den Unterschichten, die eine g&auml;ngige Modernisierungsrhetorik als unbewegliche, allenfalls fernsehende Lokalisten abtut, will man eher nichts zu schaffen haben. Aber auch der Zutritt zur notorisch schmalen Elite bleibt verwehrt. Hier herrschen die Besitzklassen und ihre ma&szlig;geblichen Manager, die mit der Selbstgewissheit von Sozialdarwinisten das Gesch&auml;ft der sch&ouml;pferischen Zerst&ouml;rung weltweit betreiben. Sie meiden die l&auml;stigen Regeln der steuerfinanzierten, sozialstaatlich geordneten N&auml;chstenliebe. Stattdessen suchen sie die Galadiners der Fernstenliebe auf, wo essen und trinken f&uuml;r weitab hungernde Kinder das &ouml;ffentliche Ansehen mehrt und den privaten Reichtum nach Steuern.<\/p><p>Irgendwo dazwischen wollen die bunt gescheckten Mittelklassen ihre unproletarische Daseinsform in den neuen Kapitalismus hin&uuml;berretten. Das wird schwierig, denn der Widerspruch zwischen den propagierten Leitbildern des Erfolgs und dem wirklichen Leben wird immer gr&ouml;&szlig;er. Wenn sich besser verdienende Arbeiter und qualifizierte Angestellte nicht mehr als redliche Nutznie&szlig;er des &ouml;konomischen Fortschritts empfinden, sondern als Geprellte, dann sind die pers&ouml;nlichen und politischen Folgen dieser Entwicklung neu zu bedenken.<br>\nIn ihrer Studie &uuml;ber die Middle Class der USA beschreibt Barbara Ehrenreich, wie sich die &ldquo;Angst vor dem Absturz&rdquo; in reale Erfahrung verwandelt. F&uuml;r viele wird der alte Traum vom Erfolg zur Lebensl&uuml;ge, obwohl sie die einschl&auml;gigen Regeln genauestens beachten: &ldquo;In manchen F&auml;llen handelt es sich um wahre Erfolgsmenschen auf gehobenen Posten, die gerade deshalb in Schwierigkeiten geraten sind, weil die Einsparung ihres Gehalts einen bequemen Weg zur Kostend&auml;mpfung darstellt Sie waren die Verlierer bei der klassischen Jagd nach dem immer besseren Job.&rdquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<br>\nGef&auml;hrdet sind damit zunehmend gerade diejenigen, die nach herrschender Wirtschaftslehre und Erfolgsratgebern &ldquo;alles richtig gemacht&rdquo; haben. Der ungeduldige Kapitalismus droht auch den arbeitenden Mittelklassen in den reichen L&auml;ndern [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] mit dem Gespenst der Nutzlosigkeit.<br>\nWenn den individuell leistungswilligen und politisch geduldigen B&uuml;rgern die Verdr&auml;ngung der realen Probleme immer schwerer f&auml;llt, stellt sich die Frage: Welche Umst&auml;nde k&ouml;nnten auch bei ihnen die Einsicht in die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse, ihre eigene Rolle und die M&ouml;glichkeiten der Ver&auml;nderung bef&ouml;rdern? In Westeuropa war in den Mittelklassen die Angst vor dem Absturz bis vor kurzem fast unbekannt. Die Sorge galt allenfalls dem beruflichen Stillstand oder der Abschiebung in die Fr&uuml;hrente. Dauerhaft garantiert erschien den meisten ein durch berufliche Qualifikation, betriebliche Stellung und die Sozialsysteme gesicherter Wohlstand, der die Lust am gehobenen Konsum in Gang hielt.<br>\nHeute sind vom sozialen Abstieg auch qualifizierte Berufe bedroht: der mit 50 ausgemusterte Vertriebsangestellte; der 45-j&auml;hrige Schichtleiter des insolventen BenQ-Betriebs; die junge Psychologin, die sich mit Honorarvertr&auml;gen durchschl&auml;gt und ihre Weiterbildung &uuml;ber Kredite finanziert; der 40-j&auml;hrige freischwebende Dozent, dessen Eltern die Miete zahlen und damit die staatliche Hochschule mit finanzieren; die frisch diplomierte Betriebswirtin, die qualifizierte Arbeit im dritten unterbezahlten Praktikum leistet. Nat&uuml;rlich sind nach wie vor die minder qualifizierten Menschen den Arbeitsplatzrisiken und materiellen Einbu&szlig;en am st&auml;rksten ausgesetzt. Aber die Unsicherheit kriecht in die Mittelschichten hoch. &ldquo;I may look middle class&rdquo;, sagt der 45-j&auml;hrige amerikanische Angestellte. &ldquo;But I&rsquo;m not. My boat is sinking fast.&rdquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<br>\nViele geraten aus der Zone der Integration in die der Verwundbarkeit, wie es Robert Castel nennt. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Das trifft vor allem immer mehr J&uuml;ngere beim &Uuml;bergang von der gehobenen Ausbildung in den Arbeitsmarkt. Die angestellten Mittelklassen, die ihren sozialen Aufstieg mehrheitlich dem Ausbau des Wohlfahrtsstaats und des Bildungssystems verdankten, beginnen zu erfahren, dass das verinnerlichte Leistungsprinzip und die sozialen Institutionen, die es bislang st&uuml;tzen, nicht mehr zuverl&auml;ssig greifen. Die Proteste der franz&ouml;sischen Studenten gegen den prek&auml;ren ersten Arbeitsvertrag (CPE) entspringen nicht nur diffusen &Auml;ngsten, sondern auch der realistischen Furcht vor dauerhaften und sehr pers&ouml;nlichen Risiken.<br>\nDie politischen Folgen dieser Ver&auml;nderungen werden bislang ziemlich ratlos und eher spekulativ diskutiert. In den Feuilletons herrschen neue Spielarten der alten Diagnosen vor: Nat&uuml;rlich gebe es neue Unsicherheiten, aber sie f&uuml;hrten eher dazu, dass die Betroffenen sich versch&auml;rft nach unten abgrenzen, gegen jene, die nach ihrem Weltbild nicht zur Gruppe der Leistungstr&auml;ger geh&ouml;ren; darin zeige sich der &ldquo;Neid der Abgehetzten auf die Abgeh&auml;ngten&rdquo;. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Nur wenige Beobachter denken an die M&ouml;glichkeit, dass sich europaweit eine rebellische g&eacute;n&eacute;ration pr&eacute;caire herausbilden k&ouml;nnte, eine neue Klasse, in der &ldquo;die Burgerbrater der Fast-Food-Ketten mit den freien Grafikdesignern demonstrieren&rdquo;. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Selbst nach den Protestaktionen in Frankreich traut kaum jemand den zuk&uuml;nftigen Mittelklassen rebellische Neigungen zu, geschweige denn ein Interesse an grundlegenden Ver&auml;nderungen.<br>\nDiese Diagnose mag zutreffen und greift dennoch zu kurz. Sie fordert dazu auf, das Gel&auml;nde der entgrenzten Arbeit und die gesellschaftlichen Spaltungslinien neu zu vermessen. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Obwohl die Mittelklassen in ihrer gro&szlig;en Mehrheit lohnabh&auml;ngig sind, bleibt der reale, und erst recht der gef&uuml;hlte Abstand zu den Unterklassen gro&szlig;. Aber einige gr&uuml;ndliche Ver&auml;nderungen sind nicht mehr individuell zu bew&auml;ltigen. <\/p><ul>\n<li>F&uuml;r junge, fachlich gut ausgebildete Menschen verl&auml;ngern sich die &Uuml;bergangsstadien in die Erwerbswelt; viele Unternehmen beuten mit Praktika, Probezeiten und Honorarvertr&auml;gen junge, qualifizierte Arbeitskr&auml;fte aus.<\/li>\n<li>In die soziale Abw&auml;rtsspirale geraten viele bislang verl&auml;sslich gesch&uuml;tzte Gruppen. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Die Armut greift &ldquo;nach oben&rdquo; aus und bedroht auch qualifizierte Mitglieder der Mittelklassen. &ndash; Im System der pers&ouml;nlichen Netzwerke entscheiden die soziale Herkunft und das ererbte kulturelle Kapital weit st&auml;rker &uuml;ber den beruflichen Erfolg als die bescheinigte Qualifikation.<\/li>\n<li>Der Wechsel zwischen festem Arbeitsverh&auml;ltnis, prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsformen und tr&uuml;gerischer Scheinselbstst&auml;ndigkeit wird eher zur Regel. Wenn zwischenzeitlich etwas boomt, ist es die Arbeit auf Zeit, eben Zeitarbeit.<\/li>\n<li>Ein vermeintlicher St&uuml;tzpfeiler der mittelst&auml;ndischen Mentalit&auml;t alter Pr&auml;gung h&auml;lt schon lange nicht mehr: Das Bild des Pionier-Unternehmers, obwohl auf vielen Gr&uuml;nderseminaren zum Garagenmythos feinpoliert, kann der Mehrheit der abh&auml;ngig besch&auml;ftigten Mittelklassen keine Perspektive bieten; der Anteil der wirklich Selbst&auml;ndigen bel&auml;uft sich in allen entwickelten &Ouml;konomien auf kaum mehr als 10% der Erwerbst&auml;tigen.<\/li>\n<li>Mit der Privatisierung vormals &ouml;ffentlicher Dienste w&auml;chst in den Mittelklassen die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern. In Hochschulen und Sozialeinrichtungen, in der Medien- und Kulturszene entsteht ein neues Proletariat von hoch qualifizierten Wissensarbeitern: Honorarkr&auml;fte, &ldquo;freie&rdquo; Mitarbeiter und ganz Unbezahlte arbeiten in Institutionen, die ohne sie nicht &uuml;berleben k&ouml;nnten.<\/li>\n<li>Selbst die Sieger im &ldquo;darwiportunistischen&rdquo; Unternehmen (zumeist M&auml;nner, die sich Manager nennen d&uuml;rfen), bleiben &ldquo;Spieler ohne Stammplatzgarantie&rdquo;. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Die Karriere verlangt die rastlose Selbstvermarktung und ist ohne Stress nicht zu haben. Sie zementiert das traditionelle Geschlechterverh&auml;ltnis und macht den Versuch, Beruf und Kinder zu lieben, zum Privatabenteuer.<\/li>\n<li>Die Zukunft ist noch ungewisser. Die Kinder aus den &ldquo;neuen&rdquo; Mittelklassen erleben, dass nach dem Studium weder das dritte Praktikum noch die Gr&uuml;ndung einer Rockband mit Elternknete die Zukunft als &ldquo;Arbeitskraftunternehmer&rdquo; sichert. Stattdessen steht vielen das Schicksal als H&auml;ndler, ja Hausierer der eigenen Arbeitskraft vor Augen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Das Erfolgsprinzip entwertet Leistung und Loyalit&auml;t<\/strong><\/p><p>Gro&szlig;e Erwartungen, verlorene Illusionen; das fremdbestimmte Auf und Ab wird in der zuk&uuml;nftigen Mitte zur allgemeinen Lebenserfahrung. Die Predigt der individuellen Strebsamkeit, die allen Willigen und T&uuml;chtigen das Ende des Arbeiterschicksals versprach, t&ouml;nt immer hohler. Im Beruf wie im Leben tritt an die Stelle des Leistungsprinzips ein neu gem&uuml;nzter Begriff von Erfolg.<br>\nW&auml;hrend im Goldenen Zeitalter des Kapitalismus (1950-1975) das Lohnarbeitsverh&auml;ltnis in einen Sozialkontrakt eingebettet war, der Kompetenz und Loyalit&auml;t des qualifizierten Berufsmenschen mit stetiger Besch&auml;ftigung und Karrierechancen belohnte, pr&auml;gt nun der &ndash; oft nur scheinhaft &ndash;   berechenbare Beitrag des Einzelnen zum Erfolg des Unternehmens das Idealbild des erfolgreichen <\/p><p>Mitarbeiters. St&auml;ndig muss der &ldquo;Arbeitskraftunternehmer&rdquo; versuchen, aus den betrieblichen Eingangszonen auf die Kommandoh&ouml;hen vorzudringen, wo die errungene Macht gegen den drohenden Verlust der Stelle zu sch&uuml;tzen verspricht. Indes verwandeln die Unternehmensstrategien das Happy End des Angestelltentraums &ndash; der Einzug ins Korps der F&uuml;hrungskr&auml;fte, das &uuml;ber Gewinner und Verlierer entscheidet &ndash; zum beweglichen Ziel, weil sich die betrieblichen Koordinaten der Macht im Netzwerk der Unternehmen st&auml;ndig verschieben. &Uuml;ber Nacht kann der Gewinner zum Verlierer werden.<br>\nDie Entt&auml;uschungen, die das Berufsleben bereith&auml;lt, fasst Barbara Ehrenreich in dem Befund zusammen, dass nun auch mittlere und h&ouml;here Angestellte &ldquo;h&auml;ufig denselben m&ouml;rderischen Anforderungen ausgesetzt sind wie die Niedriglohnverdiener, die zwei Jobs annehmen m&uuml;ssen&rdquo;. Die neuen, nur noch atemlos zu bew&auml;ltigenden Vorgaben machen die Mittelklassen besonders ratlos, denen der berufliche Erfolg als st&auml;rkster Beweis f&uuml;r ein gegl&uuml;cktes Leben gilt. Nun erleben die vom &ldquo;Lustprinzip der Professionalit&auml;t&rdquo; gepr&auml;gten Angestellten, dass gerade die Aufgaben, die von der fachlichen Kompetenz und deren st&auml;ndiger Interpretation lebten, in verfeinerten Kennziffersystemen entkernt und zerschrotet werden.<br>\nDie Strategen f&uuml;r Bilanzen, Portfolio und Benchmarks, die nun das Sagen haben, wissen wenig vom geheimen Hedonismus der Mittelklassen und seinen Produktivit&auml;tsreserven. Sie glauben an die Macht der Angst, die dienende Angestellte dazu bringt, am Callcenter-Telefon stets die Mundwinkel hochzuziehen, und die Sperrsitzhalter im mittleren Management dazu, das t&auml;gliche Windhundrennen durchzustehen. F&uuml;r beide gilt es, l&auml;chelnd auf die Z&auml;hne zu bei&szlig;en: &ldquo;Come to work each day willing to be fired!&rdquo; [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<br>\nWie verarbeiten die verunsicherten Menschen in ihrem Bewusstein die Eintr&uuml;bung der privaten Aussichten und der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse? Das bisher geltende Bild einer Betriebssportgruppe von Leistungsgl&auml;ubigen wird von der g&auml;ngigen Individualisierungsthese gest&uuml;tzt: Demnach laufen heute die alten, kollektiven Interessenorganisationen, die um das Lohnarbeitsverh&auml;ltnis herum entstanden sind, ins Leere, w&auml;hrend die Chancen und Risiken des individuellen Fortkommens wachsen. Die fr&ouml;hlichen Farben dieses Bildes beginnen freilich abzustumpfen. Vor allem die Konkurrenz um die Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber sichere Positionen und &ouml;konomische Macht wird sch&auml;rfer. Wo die Mittelklassen sich im Netz aus Erfolgszwang und Versagensangst verstricken, kann ihr Denken verwirrende Z&uuml;ge annehmen.<br>\nPessimistische Diagnosen betonen, dass die von Unsicherheit betroffenen Schichten st&auml;rker als je zuvor auf die individuelle Absicherung des angeh&auml;uften kulturellen Kapitals, auf den Zugang zu den Personal Networks setzen. Das k&ouml;nnte in der &auml;ngstigenden Alltagskonkurrenz eine Mentalit&auml;t befestigen, der die alte Frage nach der sozialen Gerechtigkeit gleichg&uuml;ltig wird. Den latenten Sozialdarwinismus der bedrohten Mittelklassen l&auml;sst Ian McEwan in der fl&uuml;chtigen Begegnung seines Middle-Class-Helden mit einem Arbeiter der Londoner Stadtreinigung aufblitzen: &ldquo;Als die beiden M&auml;nner aneinander vorbeigehen, begegnen sich ihre Blicke, kurz und neutral. Einen schwindelerregenden Moment lang glaubt sich Henry mit diesem Mann verbunden, als s&auml;&szlig;e er mit ihm auf einer Wippe, die jeden ins Leben des anderen kippen lassen k&ouml;nnte.&rdquo; Aber der Mittelklassemann verdr&auml;ngt seine &Auml;ngste, indem er die alte Frage der Gerechtigkeit, beklommen zwar und mit leisem Bedauern, gleich mit beiseite schiebt: &ldquo;Die meisten Menschen neigen zu einer fatalistischen Haltung &ndash; wer zum Lebensunterhalt die Stra&szlig;e fegen muss, hat einfach Pech gehabt. Wir leben in keinem vision&auml;ren Zeitalter. Die Stra&szlig;en m&uuml;ssen ges&auml;ubert werden. Sollen sich die Pechv&ouml;gel darum k&uuml;mmern.&rdquo; [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<br>\nDas verhei&szlig;t wenig Gutes. Vieles spricht daf&uuml;r, dass die noch Bessergestellten mit dem Blick auf das, was sie verlieren k&ouml;nnten, die versch&auml;rften Regeln des kapitalistischen Erfolgsspiels zun&auml;chst besonders artig befolgen. Man zeigt sich, wie eine Studie &uuml;ber mittlere Manager darlegt, noch im betrieblichen &Uuml;berlebenskampf so lange wie m&ouml;glich von seiner &ldquo;egoistisch-distinguierenden Seite.&rdquo; [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p>Die optimistische Sichtweise k&ouml;nnte sich auf Befragungen in Deutschland st&uuml;tzen, die eine erstaunliche Beharrlichkeit der sozialstaatlichen Grundorientierung belegen. Demnach erwartet die arbeitnehmerische Mitte vom Staat nach wie vor eine soziale Bestandssicherung und verl&auml;ssliche &ouml;ffentliche Einrichtungen; unterhalb der Elite pl&auml;dieren gut 80 Prozent der Menschen f&uuml;r das sozialstaatliche Modell der Bundesrepublik. Die stabile Bindung an das Leitbild des Gemeinwohls geht freilich mit einer ratlosen Hinnahme der gesellschaftlichen Wirklichkeit einher. Das ist gef&auml;hrlich, denn eine Mentalit&auml;t, die Interessenk&auml;mpfe meidet und Gerechtigkeit als blo&szlig;e Dienstleistung empfindet, ist anf&auml;llig f&uuml;r autorit&auml;re L&ouml;sungen, wenn der alte Lieferservice ausf&auml;llt.<br>\nDie soziale Polarisierung zwischen den und innerhalb der Klassen zeigt sich in zunehmen rabiaten Verkehrsformen. Bei den Eliten und Gewinnern der Mitte wirkt das famili&auml;r vererbte kulturelle Kapital machtstabilisierend. Es sichert den Einlass in die lukrativen Zonen des Arbeitsmarkts, samt fetten Pr&auml;mien auf den Finanzm&auml;rkten der Eingeweihten und Ausgebufften. Dagegen erfahren die Aufsteiger, und zumal deren Kinder, die Wiederkehr jener Unsicherheit, die zu beenden der prosperierende Kapitalismus versprochen hatte.<br>\nDie Schockwelle, die nun auch Teile der Mittelklassen erreicht, mag aber auch wie ein reinigendes Gewitter wirken. Sie k&ouml;nnte der gro&szlig;en Illusion ein Ende bereiten, die im Goldenen Zeitalter das gesellschaftliche Bewusstsein der angestellten Mittelklassen an die Herrschaftsmentalit&auml;t der eigentlichen Managerklasse band. Deren Macht gr&uuml;ndete, wie es W. H. Auden in seiner poetischen Diagnose ausdr&uuml;ckte, in dem Wissen, &ldquo;dass sie unter den ganz Wenigen sind, \/ Den Auserlesenen, \/ Denen, wenn&rsquo;s wirklich schiefgeht, im letzten Flugzeug ein Platz \/ Sicher ist &ndash; hinaus aus der Katastrophe.&rdquo; [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>]<br>\nDerart elit&auml;re Selbstgewissheit tritt bis heute in der Arroganz zutage, mit der auserw&auml;hlte Topmanager sich &uuml;ber die Masse und das Gesetz erheben. Aber diese Haltung kann nach unten keine starken Loyalit&auml;ten mehr erzeugen. Dies ahnend, verk&uuml;nden die Ackermanns den leistungswilligen Mittelklassen: Das alte Spiel, in dem jeder mehr oder minder gewinnen, aber niemand verlieren kann, ist endg&uuml;ltig aus. Berufliche Hingabe z&auml;hlt nur noch im Ma&szlig;e ihres Beitrags zur Rendite.<br>\nWas ist zu erwarten, wenn die Menschen in der gesellschaftlichen Mitte aus dem meritokratischen Tagtraum erwachen? Wie ber&uuml;hrt die Legitimationskrise des Sozialen die Interessen und Lebensvorstellungen derer, denen es vor Tische anders erz&auml;hlt worden war? Den verwundbaren Mitgliedern der Mittelklassen bleiben, in Anlehnung an Hirschmans einleuchtende Alternative [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>], nur zwei Wege: Abwanderung (exit) oder Widerspruch (voice). Den ersten w&auml;hlt das isolierte Individuum, den zweiten das soziale Wesen, das sich mit &auml;hnlich betroffenen Besch&auml;ftigtengruppen &uuml;ber gemeinsame Interessen verbunden wei&szlig;.<br>\nDer zweite Weg erfordert wenigstens den Anflug eines Willens, die Arbeitsverh&auml;ltnisse und sich selbst zu ver&auml;ndern. Aber gerade in den Mittelklassen sind die Menschen zur individuellen Reaktion auf zwiesp&auml;ltige Lagen erzogen. Wenn Betrieb und Gesellschaft ihnen kalt ihre Entbehrlichkeit bescheinigen, trifft sie das hart und unvorbereitet. Die meisten blicken sehns&uuml;chtig nach oben und eher verschreckt nach unten. So lange wie m&ouml;glich versuchen sie, sich in der halb durchschauten Wirklichkeit einzurichten und die versch&auml;rften Positionsk&auml;mpfe durchzustehen. Sofern die erzwungene Exit-Option zum Arbeitsamt, in die Fr&uuml;hrente oder fingierte Selbstst&auml;ndigkeit f&uuml;hrt, wollen sie kein Aufsehen erregen. In der ungewohnten Zone der Verwundbarkeit verhalten sie sich wie Lottospieler, die vom besser informierten Paten noch den todsicheren Tipp erwarten.<\/p><p><strong>Der &ldquo;Arbeitskraftunternehmer&rdquo; setzt auf pers&ouml;nliche Netzwerke<\/strong><\/p><p>In dieser Lage wundert es kaum, dass viele qualifizierte Arbeitskr&auml;fte ein kollektives Handeln nach gemeinsamen, um Beruf und Arbeit zentrierte Interessen als sch&auml;dlich, unn&uuml;tz oder jedenfalls wirkungslos empfinden. In der globalen, von Entprofessionalisierung bedrohten Arbeitswelt verlieren die durch Berufsstolz und Solidarit&auml;t gepr&auml;gten Haltungen und Aktionsformen an Kraft. Weil die &ouml;konomiegetriebene Ver&auml;nderungswut die Gruppen der Betroffenen st&auml;ndig umsortiert und gegeneinander ausspielt, schwinden die Chancen solidarischen Handelns, das ein gewisses Ma&szlig; an stetigen Beziehungen voraussetzt.<br>\nDie (noch) Beg&uuml;nstigten sichern ihren Positionsvorsprung, indem sie ihren Kindern Sprachkurse und teure Studieng&auml;nge im Ausland finanzieren, in pers&ouml;nliche Netzwerke einschleusen und auf jede sich bietende Startrampe schieben. Die Bedrohten sind mit dem Rest der Bev&ouml;lkerung auf den &ouml;ffentlich verrottenden, nunmehr kostenpflichtigen Bildungssektor verwiesen. Die neuen Spielregeln des Erfolgs setzen das Leistungsprinzip schrittweise au&szlig;er Kraft, das freilich die K&ouml;pfe noch beherrscht. Das wiederum ist den Eliten nicht unwillkommen.<br>\nDer alte, typisch m&auml;nnliche Angestellte der Mitte war ein unschl&uuml;ssiger Charakter, der sich n&uuml;chtern als Arbeitnehmer empfand, aber nicht im Gegensatz zum Unternehmen, solange dies seiner Leistung vertraute. Als typischer Experte konnte er fachliche Probleme weit besser durchschauen als seine eigene Lage. Das gilt bis heute und erst recht f&uuml;r den modernen &ldquo;Arbeitskraftunternehmer&rdquo;. Nach Erziehung und innerer Motivation ist er kaum imstande, auf die neuen Zumutungen der entgrenzten Arbeit mit der bescheidenen Unbedingtheit zu reagieren, die den Schreiber Bartleby in Melvilles Geschichte sagen l&auml;sst: &ldquo;Ich m&ouml;chte lieber nicht.&rdquo; [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>]<br>\nWeil die professionellen Mittelschichten weder eine belastbare Individualit&auml;t erworben noch Solidarit&auml;t erlernt haben, lassen sie sich durch das Unternehmen mit Haut und Haaren einverleiben. Gegen die modernen Verhaltensregeln ist kaum ein &Uuml;berschuss an rebellischem Gef&uuml;hl oder gar kollektives Handeln zu erwarten. Selbst ausgefeilte Selektionsspiele des Managements ertragen deren Opfer in einer &ldquo;Haltung anmutiger Agonie&rdquo;. [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] Das individuelle Schicksal der Gef&auml;hrdung ist im Bewusstsein der betroffenen Mittelklassen kein &ouml;ffentliches Problem; die betrieblich und gesellschaftlich bedingte Erfahrung der eigenen &Ouml;konomisierung bleibt in der Regel privat, ja intim.<br>\nWer wie das Gros der Ingenieure, Betriebswirte und Informatiker schon in der fachwissenschaftlichen Ausbildung gelernt hat, dass der Markt kalt, aber angeblich gerecht bestraft, wird sich von Gleichheit und Solidarit&auml;t nicht viel erhoffen. Die &Ouml;konomisierung der sozialen Beziehungen zieht solchen Anspr&uuml;chen und Handlungsformen enge Grenzen; sie f&ouml;rdert Ideologien der Ungleichheit, nach denen die Verlierer nur bekommen, was sie ohnehin verdienen. Wo das zur Bes&auml;nftigung nicht reicht, unterbreitet unsere Spa&szlig;gesellschaft den Gef&auml;hrdeten aller Klassen und Schichten das kostenpflichtige Angebot, sich den grauen Alltag mit banalen Tr&auml;umen und Events zu verkl&auml;ren oder ertr&auml;glich zu halten.<br>\nGibt es also keinen Silberstreifen am Denkhorizont der Mittelklassen? Im Spiel mit kalten Regeln haben sie die Rolle des begreifenden Verlierers erst noch zu erlernen. Wie eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, herrscht eine politische Zwischenzeit. [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] So empfinden 83 Prozent der Bev&ouml;lkerung die soziale Gerechtigkeit als wichtigsten zu bewahrenden Wert. Wie weit die Gesellschaft sich von ihm entfernt hat, zeigen allerdings zwei weitere Befunde: 65 Prozent reagieren auf die gesellschaftlichen Ver&auml;nderungen mit Angst, und 61 Prozent stimmen der Aussage zu: &ldquo;Es gibt keine Mitte mehr, sondern nur noch ein Oben und Unten.&rdquo; Offenbar ist nicht die komplexe Realit&auml;t der modernen Klassengesellschaft im Bewusstsein der Mittelklassen verankert, sondern vorderhand nur die l&auml;hmende Angst vor ihren scheinbar unerbittlichen Folgen.<br>\nWie werden die Betroffenen auf das &ldquo;gef&uuml;hlte&rdquo; Auseinanderdriften der alten Mitte antworten, auf die nicht mehr zu verdr&auml;ngende Erkenntnis, dass ihnen im &ldquo;letzten Flugzeug&rdquo; kein Platz mehr sicher ist, wenn der unruhige Kapitalismus die gewohnten Erfolgsmuster der Strebenden und Verl&auml;sslichen ins Wanken bringt? Werden vor allem die qualifizierten J&uuml;ngeren, die in eine fremdbestimmt flexible Welt hineinwachsen, sich noch harmlos &ldquo;postmaterialistisch&rdquo; betragen? Oder vielleicht eher &ldquo;postsozial&rdquo;, indem jeder sich als Einzelk&auml;mpfer durchschl&auml;gt, als &ldquo;Unternehmer seiner selbst&rdquo;, wie es die neue Ideologie von ihm verlangt? <\/p><p>Noch bleibt die Idee einer gemeinschaftlich finanzierten T&auml;tigkeitsgesellschaft in der &ouml;ffentlichen Diskussion. Aber neue Konzepte, die dem &ldquo;fordernden&rdquo; Staat nicht nur den Besenwagen zur Entsorgung der Verlierer bereitstellen, hat noch keine soziale Partei entwickelt. N&auml;her liegt deshalb der beunruhigende Gedanke, dass die zum Aufstieg verdammten wie die vom Abstieg bedrohten Fraktionen der Mittelklassen, ob alt, ob jung, denen da oben im allt&auml;glichen Neid noch lange geduldig verbunden bleiben.<br>\nIm Gef&auml;ngnis ihrer Versagens&auml;ngste f&auml;llt es den Menschen schwer, die Regeln des kapitalistischen Kasinos &ndash; und nicht blo&szlig; das Elend der Politik oder die Gier der ganz Reichen &ndash; als Quelle ihrer drohenden Verluste und Niederlagen zu begreifen. So verbindet sich in den einzelk&auml;mpferischen &Uuml;berlebenstechniken der Mittelklassen die verblassende Illusion der Selbstbestimmung mit einer politischer Apathie, der die abgeh&auml;ngten Mitglieder der Unterklassen noch einige kollektive Einsichten voraushaben. Der Selbstaufkl&auml;rung in der Mitte der Gesellschaft ist der rachs&uuml;chtig auf herabst&uuml;rzende Banker gerichtete &ldquo;Blick nach oben&rdquo; so wenig dienlich wie der Glauben, sich zum eigenen Nutzen aus nichtmarktlichen Bindungen l&ouml;sen zu k&ouml;nnen.<br>\nWas aber sonst? &ldquo;The best thing is to organize.&rdquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] Bob Herberts und Barbara Ehrenreichs abstrakt einsichtiger Rat an die Generation des White-Collar-Blues ist nicht leicht zu befolgen, weil in den wichtigsten Bereichen der entgrenzten &Ouml;konomie die ma&szlig;losen Ertr&auml;ge der neuen Finanzeliten vom vertrauten Leistungsprinzip entkoppelt sind [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] und zugleich die Macht des Faktors Arbeit weiter schwindet. Aber anders geht es nicht.<br>\nDer doppelte Legitimationsverlust von Kapitalismus und Demokratie zwingt die noch intakten sozialen Bewegungen, den Bestand an Interessen neu zu bestimmen, der die Menschen in den Zonen der Exklusion und der Gef&auml;hrdung verbindet. Eine gemeinsame Perspektive f&uuml;r die verwundbaren Klassen er&ouml;ffnet sich erst dann, &ldquo;wenn wir aufh&ouml;ren, uns mit der Chancengleichheit innerhalb eines vorgegebenen Spiels zu befassen und stattdessen ein brandneues Spiel verlangen.&rdquo; [<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] Ein Spiel, bei dem, wie beim Fu&szlig;ball, das Geschehen im Mittelfeld nicht unwichtig ist.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Guillaume Paoli, &ldquo;Lasst euch nicht gehen. Weisheiten der Kampfkunst&rdquo;, in: Carl Hegemann (Hg.), &ldquo;Erniedrigung genie&szlig;en. Kapitalismus und Depression III&rdquo;, Berlin (Alexander) 2001, S. 75 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Barbara Ehrenreich, &ldquo;qualifiziert &amp; arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die neue Bewerbungsw&uuml;ste&rdquo;, M&uuml;nchen (Antje Kunstmann) 2006, S. 8. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Die historisch-kulturellen Unterschiede zwischen den amerikanischen (gewisse Blue-Collar-Berufe einschlie&szlig;enden), den franz&ouml;sischen (employ&eacute;es und auch cadres umfassenden) und den deutschen (zumeist angestellten) Mittelklassen bleiben hier ebenso unber&uuml;cksichtigt wie die Unterschiede zwischen privaten und &ouml;ffentlichen Besch&auml;ftigungsformen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Tim Egan, &ldquo;No Degree, and No Way Back to the Middle&rdquo;, in: &ldquo;The New York Times, May 24, 2005. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Vgl. Robert Castel, &ldquo;Das Verschwimmen der sozialen Klassen&rdquo;, in: Joachim Bischoff u. a., &ldquo;Klassen und soziale Bewegungen&rdquo;, Hamburg (VSA) 2003, S. 7-17. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Jens Jessen, &ldquo;Hauptstadt der Unterschicht&rdquo;, in: &ldquo;Die Zeit, Nr. 44, vom 26. Oktober 2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Moritz Ege, Tobias Timm, &ldquo;Das Internationale Prekariat&rdquo;, in: &ldquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 3. April 2006, S. 11.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Dazu die gl&auml;nzenden Analysen in dem Sammelband: Stephan Lessenich, Frank Nullmeier (Hg.), &ldquo;Deutschland &ndash; eine gespaltene Nation&rdquo;, Frankfurt am Main\/New York (Campus) 2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Vgl. Anne Daguerre, &ldquo;Hartz IV international&rdquo;, &ldquo;Le Monde diplomatique, Juli 2005.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Vgl. Christian Scholz, &ldquo;Spieler ohne Stammplatzgarantie. Darwiportunismus in der neuen Arbeitswelt&rdquo;, Weinheim (Wiley) 2003.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] &ldquo;Intrapreneur&rsquo;s Ten Commandments&rdquo;, Ratschlag No. 8 der amerikanischen Beratungsfirma Pinchot &amp; Company (2003).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Ian McEwan, &ldquo;Saturday&rdquo;, Z&uuml;rich 2005, S. 104 f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Karola Brede, &ldquo;Leistung aus Leidenschaft?&rdquo;, in: Arbeitsgruppe SubArO (Hg.), &ldquo;&Ouml;konomie der Subjektivit&auml;t &ndash; Subjektivit&auml;t der &Ouml;konomie&rdquo;, Berlin 2005, S. 227-251.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] W. H. Auden: &ldquo;Die Manager&rdquo; (um 1950), in: &ldquo;Gedichte &ndash; Poems&rdquo;, Wien (Europa) 1973 (deutsch von Erich Fried).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Albert O. Hirschman, &ldquo;Abwanderung und Widerspruch&rdquo;, T&uuml;bingen (Mohr) 1974.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Hermann Melville, &ldquo;Bartleby, der Schreibgehilfe. Eine Geschichte aus der Wallstreet&rdquo; (1856), Z&uuml;rich (Manesse) 2002, S. 26.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Richard Yates, &ldquo;Ein Masochist&rdquo;, in: &ldquo;Elf Arten der Einsamkeit&rdquo;, M&uuml;nchen (DVA) 2006, S. 97.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] Rita M&uuml;ller-Hilmer, &ldquo;Gesellschaft im Reformprozess&rdquo; (Friedrich-Ebert-Stiftung), Juli 2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Bob Herbert, &ldquo;The White Collar Blues&rdquo;. In: &ldquo;The New York Times vom 29. Dezember 2003. Diesen Rat haben inzwischen Barbara Ehrenreich und andere mit der Gr&uuml;ndung einer Organisation &ldquo;United Professionals&rdquo; aufgegriffen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] Sighard Neckel, &ldquo;Gewinner &ndash; Verlierer&rdquo;, in: Stephan Lessenich, Frank Nullmeier (Fu&szlig;note 8), S. 353-371.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] Hans Georg Zilian, &ldquo;Ungl&uuml;ck im Gl&uuml;ck. &Uuml;berleben in der Spa&szlig;gesellschaft&rdquo;, Graz\/Wien (Styria) 2005, S. 219.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>Ulf Kadritzke ist Professor f&uuml;r Soziologie an der Fachhochschule f&uuml;r Wirtschaft in Berlin.<\/p><p>&ldquo;Le Monde diplomatique nimmt am Zeitschriftenprojekt Documenta 12 magazines teil.<\/p><p>Le Monde diplomatique Nr. 8152 vom 15.12.2006, Seite 12-13, 626 Dokumentation, Ulf Kadritzke<\/p><p><em>&copy; Contrapress media GmbH Vervielf&auml;ltigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; aus der Mittelschicht m&uuml;sse sich die SPD &bdquo;wieder st&auml;rker k&uuml;mmern&ldquo;, sagte Kurt Beck im September in einem <a href=\"?p=1738\">programmatischen Beitrag in der &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo;<\/a>. Tatsache ist, dass inzwischen auch qualifizierte Berufe vom sozialen Abstieg bedroht sind und wir auf eine Becksche &bdquo;Dreidrittelgesellschaft&ldquo; zustreben, &bdquo;in der die Armen und die Mitte, obwohl<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1947\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,146,132],"tags":[1011,854,1221,288],"class_list":["post-1947","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-soziale-gerechtigkeit","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-beck-kurt","tag-mittelschicht","tag-perspektivlosigkeit","tag-prekaere-beschaeftigung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1947"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30397,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1947\/revisions\/30397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}