{"id":19478,"date":"2013-12-02T09:12:58","date_gmt":"2013-12-02T08:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19478"},"modified":"2015-10-13T17:39:13","modified_gmt":"2015-10-13T15:39:13","slug":"ezb-koennte-verluste-bei-anleihekaeufen-locker-schultern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19478","title":{"rendered":"EZB k\u00f6nnte Verluste bei Anleihek\u00e4ufen locker schultern"},"content":{"rendered":"<p>Das Verfassungsgericht muss demn&auml;chst eine unbequeme Entscheidung f&auml;llen. Mit seinem Urteil zur Krisenpolitik der Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) hat es dar&uuml;ber zu befinden, ob eine wesentliche Ma&szlig;nahme zur Beruhigung der Eurokrise rechtm&auml;&szlig;ig war. Die EZB hatte im vergangenen Jahr angek&uuml;ndigt, Staatsanleihen kriselnder Eurostaaten notfalls in &bdquo;unbegrenztem&ldquo; Ma&szlig;e anzukaufen &ndash; zu einer Zeit, als Italien und Spanien durch steigende Zinsen der Tod auf Raten drohte. Ein Gastbeitrag von <strong>Axel Troost<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19478#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] und <strong>Philipp Hersel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAllein die Absichtserkl&auml;rung der EZB sorgte f&uuml;r eine sofortige Entspannung auf den M&auml;rkten f&uuml;r italienische und spanische Staatsanleihen. Die EZB musste daher keine einzige Anleihe tats&auml;chlich aufkaufen. Doch was w&auml;re gewesen, wenn die EZB tats&auml;chlich Staatsanleihen angekauft h&auml;tte, die sp&auml;ter nicht zur&uuml;ckgezahlt w&uuml;rden? In diesem Fall st&uuml;nden kaum vorstellbare Verluste in dreistelliger Milliardenh&ouml;he im Raum.<\/p><p>Der normale Menschenverstand erwartet, dass hohe Verluste von einer Person oder Institution getragen werden m&uuml;ssen und dass damit schmerzhafte Einschnitte verbunden sind. Viele Menschen gehen deshalb intuitiv davon aus, dass Verluste der EZB bei den europ&auml;ischen Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern abgeladen w&uuml;rden. Viele &Ouml;konomen und Politiker best&auml;rken sie leider noch darin &ndash; zu Unrecht.<\/p><p>Aber die Intuition ist bei Zentralbanken und Geldpolitik oft ein schlechter Ratgeber. Denn erstens sind die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler gesetzlich ausdr&uuml;cklich nicht verpflichtet, Verluste von Zentralbanken auszugleichen. Und zweitens kann das Zentralbankwesen des Euroraums auch trotz immenser Verluste fortbestehen. Zentralbanken k&ouml;nnen ihre Aufgaben auch erf&uuml;llen, wenn ihr Kapital durch Verluste komplett aufgezehrt oder sogar negativ wird. Dies er&ouml;ffnet einen deutlich entspannteren Umgang mit krisenbedingten Ma&szlig;nahmen der EZB.<\/p><p><em><strong>Verluste von Zentralbanken sind nicht ungew&ouml;hnlich<\/strong><\/em><\/p><p>Verluste von Zentralbanken sind keineswegs selten. Sie resultieren meist aus der Neubewertung von Gold- und W&auml;hrungsreserven. In den 1960er und 1970er Jahren verlor der Dollar gegen&uuml;ber der D-Mark stark an Wert und die Bundesbank machte &uuml;ber viele Jahre hinweg gro&szlig;e Verluste. Diese Verluste wurden aber zu keinem Zeitpunkt aus dem Bundeshaushalt ausgeglichen. Ganz im Gegenteil: In dieser Zeit wurden sogar Milliardenl&ouml;cher im Bundeshaushalt mit Bundesbankkrediten gestopft.<\/p><p>Auch die EZB hat seit ihrer Gr&uuml;ndung mehrfach Verluste erwirtschaftet, die von ihr auf klassische Weise absorbiert wurden. Im Rahmen des laufenden Ankaufsprogramms k&ouml;nnten allerdings weit h&ouml;here Verluste entstehen, insbesondere durch den Ankauf und sp&auml;teren Ausfall spanischer und italienischer Anleihen. Die R&uuml;cklagen und das Kapital der EZB und der nationalen Zentralbanken des Euroraums w&auml;ren schnell aufgezehrt. Daraus entst&uuml;nde aber nicht automatisch ein Problem. <\/p><p><em><strong>Zentralbanken sind auch mit negativem Eigenkapital voll funktionsf&auml;hig<\/strong><\/em><\/p><p>Wenn die Verluste das Eigenkapital &uuml;bersteigen, bedeutet das f&uuml;r ein normales Unternehmen die Insolvenz, denn es w&auml;re logischerweise zahlungsunf&auml;hig. Da aber eine Zentralbank &uuml;ber das Recht verf&uuml;gt, Geld zu schaffen, ist sie &ndash; quasi per Definition &ndash; in eigener W&auml;hrung stets zahlungsf&auml;hig. Negatives Eigenkapital behindert eine Zentralbank daher zun&auml;chst einmal nicht und es gibt keine gesetzliche Notwendigkeit, die EZB oder die Bundesbank zu schlie&szlig;en, falls deren Eigenkapital negativ wird.<\/p><p>Weder die Bundesbank noch die EZB haben deswegen einen gesetzlichen Anspruch, dass Verluste durch ihre Anteilseigner bzw. Eigent&uuml;mer ausgeglichen werden. Die einzige Konsequenz dieser Verluste w&auml;re eine gro&szlig;e negative Zahl in den B&uuml;chern der Zentralbank. Ungeachtet dessen bliebe der gesetzliche Auftrag an die EZB uneingeschr&auml;nkt bestehen, n&auml;mlich die Geldpolitik in der Eurozone wahrzunehmen. <\/p><p><em><strong>Geldpolitische Steuerungsf&auml;higkeit der EZB bliebe erhalten<\/strong><\/em><\/p><p>Ganz ohne Risiken ist ein solches Vorgehen nat&uuml;rlich nicht. Denn die Vorstellung, dass man gro&szlig;e Verluste ohne dramatische Folgen einfach so in einer Zentralbankbilanz versenken k&ouml;nne, l&ouml;st tiefe Verunsicherung aus. F&uuml;r ein Geldsystem, das immer auf Vertrauen basiert, ist dies verst&auml;ndlicherweise ein Problem. Auch Inflationsrisiken m&uuml;ssten kontrollierbar bleiben. Doch die geldpolitische Steuerungsf&auml;higkeit der EZB bliebe auch bei Verlusten im dreistelligen Milliardenbereich erhalten.<\/p><p>Die Hauptgefahr bei Zentralbankverlusten besteht in einer steigenden Geldmenge. Diese bedeutet aber nicht automatisch Inflation. Die EZB hat seit Beginn der Finanz- und Eurokrise zwischenzeitlich 900 Mrd. Euro zus&auml;tzlich in Umlauf gebracht und davon 500 Mrd. Euro bereits wieder zur&uuml;ckgeholt. Diese expansive Geldpolitik der EZB &ndash; auch gerne bildhaft als &bdquo;Flutung der M&auml;rkte mit billigem Geld&ldquo; beschrieben &ndash; hat bislang keine erh&ouml;hte Inflation ausgel&ouml;st. Im Gegenteil: mit Verweis auf eine beunruhigend niedrige Inflationsrate hat die EZB gerade ihre Leitzinsen gesenkt.<\/p><p>Die EZB w&uuml;rde das Programm zum Ankauf von Staatsanleihen nur starten, wenn sich die Euro-Krise wieder dramatisch zuspitzte. In einem solchen Fall g&auml;be es sicher einen deutlichen Konjunktureinbruch, sodass f&uuml;rs Erste keine Inflationsrisiken best&uuml;nden. W&uuml;rden dann auch noch Anleihen nicht oder nur teilweise zur&uuml;ckgezahlt &ndash; nur dann k&ouml;nnten der EZB Verluste entstehen &ndash;, d&uuml;rfte die Rezession umso tiefer ausfallen. Die W&auml;hrungsunion st&uuml;nde dann vor dem Kollaps. Gerade dann lie&szlig;e sich eine Verlust&uuml;bernahme durch die EZB guten Gewissens als stabilisierende Ma&szlig;nahme begr&uuml;nden. Denn die Alternative dazu w&auml;re entweder der ungeordnete Zerfall des Euro oder aber neue, mit Steuergeldern finanzierte Rettungspakete von vielen hundert Milliarden Euro &ndash; beides w&auml;re um ein Vielfaches teurer und politisch gef&auml;hrlicher.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich n&uuml;tzt eine Stabilisierung des Euro auf Kosten der EZB nur dann etwas, wenn es endlich zu einer Kehrtwende in der Krisenbek&auml;mpfung kommt. Statt sinnloser Sparwut brauchte es eine Investitionsoffensive, statt Disziplinierung der Krisenl&auml;nder grundlegende Strukturreformen der W&auml;hrungsunion, die auch das deutsche Wirtschaftsmodell in Frage stellen.<\/p><p>Sollte die Wiederbelebung des Euro gelingen und die Konjunktur in der Eurozone nach einigen Jahren wieder richtig Fahrt aufnehmen, d&uuml;rfte zur Vermeidung von Inflationsgefahren schon eine Leitzinserh&ouml;hung ausreichen. Notfalls k&ouml;nnte die EZB auch noch Wertpapiere oder Gold aus ihren Best&auml;nden verkaufen, um dar&uuml;ber die Geldmenge zu verknappen und somit Inflationsgefahren auszuschlie&szlig;en. <\/p><p><em><strong>Die EZB steht als potenzielles Endlager f&uuml;r die Kosten der Eurokrise bereit<\/strong><\/em><\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich sollte niemand leichtfertig dreistellige Milliardenverluste f&uuml;r die EZB riskieren. Sch&auml;den in dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung sind aber in Form ausblutender &Ouml;konomien, dramatischer Arbeitslosigkeit und einer Sozialisierung von riesigen Verlusten des Finanzsektors l&auml;ngst eingetreten. Die richtige Frage ist nicht ob, sondern wie derartige Verluste m&ouml;glichst unsch&auml;dlich f&uuml;r die Menschen und den Frieden in Europa bew&auml;ltigt werden k&ouml;nnen. Wesentliche Teile dieser Sch&auml;den in der Bilanz der EZB zu versenken erscheint daher vergleichsweise moderat &ndash; verglichen mit den Folgen eines Zusammenbruches der W&auml;hrungsunion oder gar der Europ&auml;ischen Union.<\/p><p>W&auml;hrend Verluste bei Rettungskrediten direkt Steuergeld kosten, lassen sich Verluste der EZB einfach bis zum J&uuml;ngsten Tag als rote Zahl in der Zentralbank-Bilanz parken. Die Euro-Zentralbanken k&ouml;nnten sogar weiterhin Gewinne an die nationalen Finanzminister aussch&uuml;tten. Der EZB-Rat m&uuml;sste dazu nur beschlie&szlig;en, dass die Verluste aus Anleihek&auml;ufen ausschlie&szlig;lich auf die EZB als Zentralinstitut fallen, w&auml;hrend die nationalen Zentralbanken ihre Gewinne weiterhin an die Nationalstaaten aussch&uuml;tten k&ouml;nnten. Die EZB w&uuml;rde damit zum Endlager des Eurosystems und die Begehrlichkeiten der nationalen Finanzminister nach Zentralbankgewinnen blieben weitgehend unber&uuml;hrt.<\/p><p><em>Die Langfassung des Artikels k&ouml;nnen Sie auf den Seiten der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik <a href=\"http:\/\/www2.alternative-wirtschaftspolitik.de\/uploads\/m3413.pdf\">nachlesen [PDF &ndash; 510 KB]<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Zum Thema auf den NachDenkSeiten: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14817\">Jens Berger &ndash; H&auml;ufig gestellte Fragen: Muss der Steuerzahler f&uuml;r Verluste der Zentralbanken haften?<\/a><\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Dr. Axel Troost ist MdB der Linkspartei, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Mitglied im Vorstand des Instituts Solidarische Moderne (ISM). Philipp Hersel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Berlin.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verfassungsgericht muss demn&auml;chst eine unbequeme Entscheidung f&auml;llen. Mit seinem Urteil zur Krisenpolitik der Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) hat es dar&uuml;ber zu befinden, ob eine wesentliche Ma&szlig;nahme zur Beruhigung der Eurokrise rechtm&auml;&szlig;ig war. Die EZB hatte im vergangenen Jahr angek&uuml;ndigt, Staatsanleihen kriselnder Eurostaaten notfalls in &bdquo;unbegrenztem&ldquo; Ma&szlig;e anzukaufen &ndash; zu einer Zeit, als Italien und Spanien<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19478\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[186,139,135,30],"tags":[423,507,1030,365,637,506],"class_list":["post-19478","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesverfassungsgerichtverfassungsgerichtshof","category-euro-und-eurokrise","category-finanzpolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-ezb","tag-geldmenge","tag-inflation","tag-staatsanleihen","tag-troost-axel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19478"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19478\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19481,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19478\/revisions\/19481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}