{"id":19506,"date":"2013-12-03T09:52:03","date_gmt":"2013-12-03T08:52:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19506"},"modified":"2019-02-15T12:27:19","modified_gmt":"2019-02-15T11:27:19","slug":"nur-alter-wein-in-neuen-schlaeuchen-die-grosskoalitionaeren-rentenplaene-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19506","title":{"rendered":"Nur alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen &#8211; Die gro\u00dfkoalition\u00e4ren Rentenpl\u00e4ne auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<p>Auf keinem anderen Politikfeld hat die blo&szlig; noch gesch&auml;ftsf&uuml;hrend amtierende Koalitionsregierung von CDU, CSU und FDP &auml;hnlich eklatant versagt wie in der Rentenpolitik und bei der Bek&auml;mpfung von Altersarmut: Weder wurde eine sog. Zuschuss- bzw. Lebensleistungsrente f&uuml;r &bdquo;flei&szlig;ige Geringverdiener&ldquo; (Ursula von der Leyen) eingef&uuml;hrt noch die &auml;u&szlig;erst reformbed&uuml;rftige Erwerbsminderungs- oder die &bdquo;M&uuml;tterrente&ldquo; f&uuml;r vor 1992 geborene Kinder aus Gerechtigkeitsgr&uuml;nden nachgebessert.<\/p><p>Umso notwendiger w&auml;re ein renten- und sozialpolitischer Paradigmawechsel der Bundesregierung. Der vorl&auml;ufige Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD bietet daf&uuml;r allerdings keine Anhaltspunkte. Vielmehr wird das Thema &bdquo;Armut&ldquo; in dem &bdquo;Deutschlands Zukunft gestalten&ldquo; &uuml;berschriebenen Dokument geradezu stiefm&uuml;tterlich behandelt. Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, als existiere Armut zwar in der sog. Dritten Welt, nicht aber in einem reichen Land wie der Bundesrepublik. Wenn doch, so wird suggeriert, h&auml;tten sie &bdquo;Armutsmigranten&ldquo; &ndash; gemeint sind zuwandernde Bulgaren und Rum&auml;nen &ndash; importiert. (K&uuml;nftig drohende) Altersarmut soll verhindert, die bestehende aber nicht energisch bek&auml;mpft, verringert oder beseitigt werden. Von <strong>Christoph Butterwegge<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie &uuml;blich werden Globalisierung und demografischer Wandel &ndash; die zwei Gro&szlig;en Erz&auml;hlungen unserer Zeit &ndash; im Koalitionsvertrag als quasinat&uuml;rliche Begr&uuml;ndung f&uuml;r die vermeintliche Notwendigkeit herangezogen, die Lebensarbeitszeit zu verl&auml;ngern, die Regelaltersgrenze zu erh&ouml;hen und die Altersrenten zu k&uuml;rzen. Im sch&ouml;nsten Unternehmensberaterstil konstatieren CDU, CSU und SPD: &bdquo;Unser Ziel ist eine moderne und wettbewerbsf&auml;hige Gesellschaft des langen Lebens und Arbeitens.&ldquo; (S. 71) Keine der fr&uuml;heren Entscheidungen unterschiedlicher Regierungskoalitionen, die das Rentenniveau gesenkt und Altersarmut hervorgebracht haben, wird in Frage gestellt.<\/p><p><strong>Klientelpolitik, aber kein Rentenkonzept<\/strong><\/p><p>Jeder Koalitionspartner bedient seine W&auml;hlerklientel, die Union mit der &bdquo;M&uuml;tterrente&ldquo; &auml;ltere Frauen und die SPD meist gewerkschaftlich organisierte m&auml;nnliche Arbeitnehmer der Gro&szlig;betriebe. Ein geschlossenes und in sich schl&uuml;ssiges Rentenkonzept ist aber nicht zu erkennen. Wie an vielen anderen Stellen klingt der Koalitionsvertrag immer dann vage und verwaschen, wenn es um die Finanzierung der geplanten Reformma&szlig;nahmen geht.<\/p><p>CDU und CSU haben sich mit ihrem Konzept einer verbesserten &bdquo;M&uuml;tterrente&ldquo; f&uuml;r Frauen durchgesetzt, die vor dem 1. Januar 1992 Kinder geboren haben und bisher daf&uuml;r nur je einen Entgeltpunkt (statt drei Entgeltpunkte f&uuml;r ab diesem Stichtag geborene Kinder) angerechnet erhielten. Die geplante Anrechnung eines zweiten Entgeltpunktes ab 1. Juli 2014, von der haupts&auml;chlich &auml;ltere Frauen &ndash; gr&ouml;&szlig;tenteils Unionsw&auml;hlerinnen &ndash; profitieren, kostet zun&auml;chst j&auml;hrlich &uuml;ber 6,5 Mrd. Euro. Von der FAZ bis zur taz wird der Gro&szlig;en Koalition unterstellt, damit die j&uuml;ngere Generation zu benachteiligen sowie die Rentenkasse &bdquo;pl&uuml;ndern&ldquo; und den Beitragszahlern (Versicherten und Arbeitgebern) &bdquo;in die Tasche greifen&ldquo; zu wollen. In Wirklichkeit w&uuml;rde die Steuerfinanzierung von Rentenreformen gar nicht zu mehr, sondern zu weniger Verteilungsgerechtigkeit f&uuml;hren. Kritiker der Beitragsfinanzierung &uuml;bersehen n&auml;mlich, dass die Arbeitgeber &ndash; also auch Selbstst&auml;ndige mit sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten sowie indirekt Beamte und Freiberufler, die Aktion&auml;re sind, noch immer ann&auml;hernd 50 Prozent der Rentenversicherungsbeitr&auml;ge zahlen, w&auml;hrend ihr Anteil am Gesamtsteueraufkommen sehr viel geringer ist. Wer &ndash; zu Recht &ndash; bem&auml;ngelt, dass Sozialversicherungsbeitr&auml;ge degressiv wirken, also Besserverdienende weniger stark belasten als Geringverdiener, muss sich statt f&uuml;r den Einsatz von Steuermitteln f&uuml;r die Aufhebung der Beitragsbemessungsgrenze einsetzen.<\/p><p>CDU und CSU haben mit ihrer Argumentation recht: Wenn die Erziehung von Kindern als sp&auml;teren Beitragszahlern seit Konrad Adenauers umfassender Rentenreform 1957 ein St&uuml;tzpfeiler der umlagefinanzierten Sozialversicherung ist, wie auch die SPD meint, handelt es sich bei der sog. M&uuml;tterrente keineswegs um eine &bdquo;versicherungsfremde Leistung&ldquo;, die aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren w&auml;re. Dasselbe gilt wegen des f&uuml;r jeden Sozialversicherungszweig konstitutiven Solidarprinzips &uuml;brigens auch f&uuml;r die Aufstockung von Minirenten der Geringverdiener. Die gesetzliche Rentenversicherung ist nun einmal keine Privatversicherung, in der das &Auml;quivalenzprinzip, wonach jeder Pr&auml;mien- bzw. Beitragszahlung eines Versicherungsnehmers die entsprechende Leistung folgt, unbegrenzt gilt.<\/p><p>Auf Dr&auml;ngen der SPD k&ouml;nnen wird die Vertrauensschutzregelung zur Anhebung der Regelaltersgrenze erweitert: Besonders lang Versicherte (45 Beitragsjahre einschlie&szlig;lich Zeiten der Arbeitslosigkeit) k&ouml;nnen ab 1. Juli 2014 schon nach Vollendung des 63. Lebensjahres abschlagsfrei in Rente gehen. Es handelt sich dabei freilich um ein Danaergeschenk, denn das Zugangsalter, mit dem der abschlagsfreie Rentenzugang m&ouml;glich ist, steigt parellel zur Anhebung des allgemeinen gesetzlichen Renteneintrittsalters auf das vollendete 65. Lebensjahr. Dies bedeutet, dass sp&auml;testens im Jahr 2029 als Privileg f&uuml;r verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig gut gestellte Rentenanw&auml;rter mit extrem langj&auml;hriger Versicherungsbiografie gilt, was bisher f&uuml;r alle m&ouml;glich war: mit 65 eine Altersrente zu beziehen.<\/p><p><strong>Reform der Erwerbsminderungsrente und solidarische Lebensleistungsrente f&uuml;r Geringverdiener<\/strong><\/p><p>Bisher k&ouml;nnen Erwerbsgeminderte fr&uuml;hestens mit 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. F&uuml;r jeden Monat, den sie davor in den Ruhestand wechseln, wird ihnen seither die Rente um 0,3 Prozent pro Monat (maximal 10,8 Prozent) gek&uuml;rzt. Wer vor dem 60. Lebensjahr eine Erwerbsminderungsrente in Anspruch nimmt, erh&auml;lt daf&uuml;r bestimmte Zeiten gutgeschrieben. Diese Zurechnungszeit richtet sich nach dem Durchschnitt der Beitr&auml;ge, die man vorher eingezahlt hat. Es wird mithin so getan, als h&auml;tten die Betroffenen bis 60 weitergearbeitet. CDU, CSU und SPD wollen die Zurechnungszeit zum 1. Juli 2014 um zwei (von 60 auf 62) Jahre anheben, was zu einer geringf&uuml;gigen Anhebung der Erwerbsminderungsrenten, ihre Bezieher in der Regel aber kaum aus der Armut f&uuml;hren w&uuml;rde. Denn auch f&uuml;r Erwerbsgeminderte steigt die Regelaltersgrenze schrittweise vom 63. auf das 65. Lebensjahr. Um den Schutz bei Erwerbsminderung umfassend zu verbessern, m&uuml;ssten die Abschl&auml;ge gestrichen und die Zurechnungszeit entsprechend verl&auml;ngert werden.<\/p><p>Die in der Nacht vom 4. auf den 5. November 2012 im schwarz-gelben Koalitionsausschuss verabredete, aber nie realisierte &bdquo;Lebensleistungsrente&ldquo; und die am 24. November 2012 vom SPD-Parteikonvent beschlossene &bdquo;Solidarrente&ldquo; sind zur &bdquo;solidarischen Lebensleistungsrente&ldquo; vereinigt worden. Das einzig Gute an der &bdquo;solidarischen Lebensleistungsrente&ldquo;, die voraussichtlich ab 2017 erhalten soll, wer 40 Jahre lang Beitr&auml;ge in die gesetzliche Rentenversicherung gezahlt und weniger als 30 Rentenentgeltpunkte erreicht hat, ist der Name. Denn in Zeiten diskontinuierlicher Erwerbsbiografien kommen nur wenig Geringverdiener\/innen in den Genuss dieses Rentenzuschusses. Wer ihn erh&auml;lt, wird angesichts der avisierten H&ouml;he von ca. 850 Euro brutto jedoch nach offiziellen EU-Kriterien (die Armutsrisikoschwelle liegt f&uuml;r einen Alleinstehenden in Deutschland bei 980 Euro netto) weiterhin armutsgef&auml;hrdet sein. Altersarmut ist jedoch kein Lohn f&uuml;r Lebensleistung, sondern eine bedr&uuml;ckende Zeiterscheinung, die bald zum Massenph&auml;nomen wird, wenn ihr die Bundesregierung nicht konsequenter entgegenwirkt.<\/p><p>Die &bdquo;solidarische Lebensleistungsrente&ldquo; stellt eine Grundsicherung de luxe dar, errichtet eine Zwei-Klassen-Gesellschaft &auml;lterer Transferleistungsbezieher\/innen und l&ouml;st das Problem der Altersarmut insbesondere f&uuml;r Frauen, die an den Zugangsvoraussetzungen scheitern, keineswegs. Vielmehr h&auml;lt eine Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung und damit zum ersten Mal seit dem Niedergang der Weimarer Republik ein Element staatlicher F&uuml;rsorge wieder Einzug in das Sozialversicherungssystem. Damals trug dies &ndash; sicher unter anderen &ouml;konomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen als heute &ndash; zusammen mit der K&uuml;rzung von staatlichen Transferleistungen f&uuml;r Bed&uuml;rftige und der &bdquo;Aussteuerung&ldquo; von Arbeitslosen zur Zerschlagung des Sozialstaates wie der Demokratie bei.<\/p><p>Aus dem Desaster der rot-gr&uuml;nen Riester-Reform, die Banken, Versicherungskonzernen und Finanzdienstleistern hohe Profite bzw. Provisionen gebracht, die Altersvorsorge der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten jedoch nicht sicherer, sondern teurer gemacht und verkompliziert hat, ziehen CDU, CSU und SPD keine Lehren. Indem sie die private Altersvorsorge zu einer Voraussetzung des sp&auml;teren Bezugs ihrer &bdquo;solidarischen Lebensleistungsrente&ldquo; erkl&auml;ren, machen sie das &bdquo;Riestern&ldquo; f&uuml;r langj&auml;hrige Geringverdiener\/innen sogar durch die Hintert&uuml;r zu einer Pflicht und er&ouml;ffnen der Assekuranz damit ein weiteres Gesch&auml;ftsfeld. Au&szlig;erdem k&uuml;ndigt der Koalitionsvertrag an, dass die betriebliche, gleichfalls &bdquo;kapitalgedeckte&ldquo; (genauer: vom Kapitalmarkt abh&auml;ngige) Altersvorsorge gest&auml;rkt, d.h. wom&ouml;glich gar wie die Riester-Vertr&auml;ge aus Steuermitteln gef&ouml;rdert werden soll. Das erh&ouml;ht die Rendite von Gesch&auml;ftemachern, Gro&szlig;aktion&auml;ren und Million&auml;ren, nicht die Rente von Millionen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten. Besser w&auml;re es, die gesetzliche Rentenversicherung zu st&auml;rken, ihr Leistungsniveau zu stabilisieren und die sog. D&auml;mpfungs- bzw. K&uuml;rzungsfaktoren (Riester-, Nachhaltigkeits- und Nachholfaktor) aus der Rentenanpassungsformel zu entfernen.<\/p><p>Das eigentliche Kardinalproblem im Bereich der Altersrenten packt die Gro&szlig;e Koalition &uuml;berhaupt nicht an: Seit der Jahrtausendwende ist das Rentenniveau vor Steuern von 53 Prozent des entsprechenden Arbeitseinkommens auf unter 50 Prozent gesunken und f&auml;llt weiter auf 43 Prozent im Jahr 2030, wenn diesem Trend nicht entgegengetreten wird. Auch zur schrittweisen Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre, welche die SPD im Bundestagswahlkampf auszusetzen versprach, findet sich im Koalitionsvertrag kein Wort. Da weniger als ein Drittel der &Uuml;ber-59-J&auml;hrigen und nur ein Zehntel der 64-J&auml;hrigen noch sozialversicherungspflichtig besch&auml;ftigt ist, grenzt folgender Satz der Koalitionsvereinbarung an Zynismus: &bdquo;Die Erfolgsgeschichte der steigenden Beteiligung &Auml;lterer am Erwerbsleben in Folge der Rentenreformen wollen wir fortschreiben.&ldquo; (S. 10) F&uuml;r den Sozialstaat, die sog. Kleinen Leute und ihre Alterssicherung verhei&szlig;t die 3. Gro&szlig;e Koalition insgesamt also wenig Gutes.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Zuletzt hat er das Buch &bdquo;Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung&ldquo; bei Campus herausgegeben. Gerade erscheint die 5., aktualisierte Auflage seines Standardwerkes &bdquo;Krise und Zukunft des Sozialstaates&ldquo; bei Springer VS.<\/em><\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> Der Artikel wurde auf Wunsch des Autors gegen eine &uuml;berarbeitete Version ausgetauscht. Die Kommentare von Albrecht M&uuml;ller und Jens Berger, die unter der alten Version standen, sind damit hinf&auml;llig.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf keinem anderen Politikfeld hat die blo&szlig; noch gesch&auml;ftsf&uuml;hrend amtierende Koalitionsregierung von CDU, CSU und FDP &auml;hnlich eklatant versagt wie in der Rentenpolitik und bei der Bek&auml;mpfung von Altersarmut: Weder wurde eine sog. Zuschuss- bzw. 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