{"id":1952,"date":"2006-12-20T10:24:29","date_gmt":"2006-12-20T09:24:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1952"},"modified":"2016-01-19T16:46:12","modified_gmt":"2016-01-19T15:46:12","slug":"dieses-eine-leben-aufrecht-durch-dunkle-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1952","title":{"rendered":"&#8220;Dieses eine Leben \u2013 Aufrecht durch dunkle Zeiten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auf dieses fesselnde Buch von Gunter Haug &uuml;ber einen von den Nazis ermordeten Flaschnermeister bin ich von den &bdquo;Anstiftern&ldquo; in Stuttgart aufmerksam gemacht worden. Bei der Lekt&uuml;re ging mir bedr&uuml;ckend nahe, wie schrecklich viele Parallelen es zwischen der Nazibewegung und der neoliberalen Bewegung und der in ihrem Geist gepr&auml;gten Realit&auml;t von heute gibt: ungerecht, mit einer weiteren Spaltung von oben und unten, arbeitnehmer- und gewerkschaftsfeindlich, mittelm&auml;&szlig;ig in der Sache aber perfekt in der Propaganda, einflussreiche Netzwerke, zerst&ouml;rerisch, korrupt &hellip; . Die Begr&uuml;ndung f&uuml;r diese Beobachtung folgt in den n&auml;chsten Tagen.<br>\nGestern habe ich mich mit dem Autor getroffen. Wir haben uns darauf verst&auml;ndigt, gemeinsame Lesungen zu seinem Buch und zu meinem Buch &bdquo;Machtwahn&ldquo; zu machen, zun&auml;chst in der Heimat des 1942 Ermordeten, die auch meine ist. Von Gunter Haug habe ich eine kleine Skizze zu seinem Buch erbeten. Sie folgt und am Ende auch noch ein Bericht zu einer Winterreise.<\/p><p><!--more-->&bdquo;Ich h&auml;tte auch gerne einen Gro&szlig;vater gehabt!&ldquo;  Diese Feststellung seiner Frau Karin war f&uuml;r den Autor Gunter Haug nicht nur der Anstoss f&uuml;r seine Recherchen zu dem Buch &bdquo;Dieses eine Leben&ldquo;, sondern zeigt seiner Ansicht nach auch deutlich, dass die &bdquo;alten Geschichten&ldquo;, die angeblich keinen mehr interessieren, immer noch ihre Auswirkung in die Gegenwart hinein haben. Mehr noch: sie sind aktueller denn je. Haug beschreibt in seinem Buch, wie scheinbar harmlos alles begann: Der Flaschnermeister August Voll aus Nordbaden, &uuml;berzeugter Sozialdemokrat und strikter Gegner des NS-Regimes, kam 1942 im Alter von nur 36 Jahren im Wehrmachtslazarett Winnenden angeblich durch Selbstmord ums Leben. Mittlerweile steht fest: es war kein Selbstmord. Den Totenschein hatte ein Arzt unterschrieben, nach dessen Namen an der Universit&auml;t Heidelberg noch heute eine Klinikabteilung benannt wird. In Kirchardt, dem Heimatdorf des Opfers, weigerte sich der B&uuml;rgermeister, eine Buchvorstellung in  &ouml;ffentlichen R&auml;umen zuzulassen. Erst jetzt, nachdem die Umst&auml;nde des Todesfalls in einem neuen Licht erscheinen, hat sich sein Sohn getraut, den vor 64 Jahren geschriebenen Abschiedsbrief  seines Vaters zu lesen. Der Begriff von der &bdquo;traurigen Aktualit&auml;t&ldquo; hat f&uuml;r den Autor in den vergangenen Wochen eine v&ouml;llig neue Bedeutung bekommen, f&uuml;r das nur ein Fazit bleibt: &bdquo;Wehret den neuerlichen Anf&auml;ngen &ndash; die schon viel zu weit gediehen sind!&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Dieses eine Leben &ndash; Aufrecht durch dunkle Zeiten&ldquo;<br>\nErschienen im &bdquo;rotabene&ldquo; &ndash;Verlag, Rothenburg ob der Tauber<br>\nVon Gunter Haug, geboren im Jahr 1955 in Stuttgart.<br>\nDer fr&uuml;here Zeitungs-, Radio- und Fernsehredakteur lebt als freier Autor<br>\nin der Region Franken.<br>\n<a title=\"Externer Link zu http:\/\/www.gunter-haug.de\" href=\"http:\/\/www.gunter-haug.de\">www.gunter-haug.de<\/a><\/p><p><strong>Anhang:<\/strong><\/p><p><strong>Winterreise durch Deutschland 2006 \/ 2007<\/strong><\/p><p>&bdquo;Es ist mir, als reiste ich durch ein v&ouml;llig fremdes Land&ldquo;<br>\nGunter Haug, Autor des Buches &bdquo;Dieses eine Leben &ndash; Aufrecht durch dunkle Zeiten&ldquo;<\/p><p>Lesereise durch S&uuml;ddeutschland. Mehr als 40 Vortr&auml;ge aus diesem Buch, das eine Familientrag&ouml;die in der Zeit des Nationalsozialismus beschreibt, hat Haug bislang gehalten und dabei nach seiner Aussage immer wieder schockierende Erfahrungen machen m&uuml;ssen. &bdquo;Niemals h&auml;tte ich f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, wie viel Angst, Feigheit, Ignoranz und oft geradezu aggressiver Tabuisierung &uuml;ber 60 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur in Deutschland immer noch den Umgang mit dieser Zeit pr&auml;gen.&ldquo;<\/p><p>Eine Randbeobachtung bei seiner Lesung im Staatsarchiv in Ludwigsburg, in der Zentralstelle f&uuml;r die Erfassung der nationalsozialistischen Verbrechen, hat Haug schockiert: &bdquo;W&auml;hrend ich drinnen meinen Vortrag gehalten habe, da ist der Pf&ouml;rtner mit seinem Sch&auml;ferhund vor der Eingangst&uuml;r Patrouille gelaufen. F&uuml;r alle F&auml;lle eben, wie es hie&szlig;.&ldquo;<\/p><p>Bei jedem seiner Vortr&auml;ge, so der Historiker, k&auml;me er anschlie&szlig;end mit Menschen ins Gespr&auml;ch, die in ihren D&ouml;rfern immer wieder auf eine Mauer des Schweigens gesto&szlig;en sind und die auch heute noch von ihren Mitb&uuml;rgern, von Beh&ouml;rden und B&uuml;rgermeistern daran gehindert wurden, Geschichten aus der Zeit des Dritten Reiches nachzusp&uuml;ren und zu ver&ouml;ffentlichen.<\/p><p>Beispielsweise hatte sich eine Kulturschaffende in einer w&uuml;rttembergischen Gemeinde nicht getraut, die Veranstaltung mit Gunter Haug offiziell im Veranstaltungskalender ihrer Stadt zu melden, um dadurch &bdquo;Schwierigkeiten mit der Rathausspitze aus dem Weg zu gehen&ldquo;.<\/p><p>Auch ein positives Erlebnis kann Haug immerhin schildern: dass man am Zentrum f&uuml;r Psychiatrie in Winnenden, an dem Ort also, an dem auch August Voll ums Leben gekommen ist, einen Gedenkstein f&uuml;r die 400 Patienten der Anstalt errichten will, die Opfer der NS-Diktatur geworden sind. Zahlreiche Widerst&auml;nde von verschiedensten Seiten hatten dies bislang verhindert. Aufgrund der kritischen Randbemerkung im Buch &bdquo;Dieses eine Leben&ldquo;, dass es auf dem Gel&auml;nde lediglich ein Denkmal f&uuml;r den Mops des Herzogs von W&uuml;rttemberg gebe, aber keines f&uuml;r die Opfer der NS-Zeit, will man das Vorhaben engagiert angehen.<\/p><p>Au&szlig;erdem plant das Stadtarchiv Winnenden, nun die Geschichte des Reserve-Milit&auml;rlazaretts Winnenden zwischen 1939 und 1945 im Rahmen eines Forschungsprojektes zu untersuchen. Eine Einrichtung, &uuml;ber deren Insassen, Pfleger, W&auml;chter und &Auml;rzte man bislang nicht einmal in Winnenden n&auml;heres wusste. Und schon gar nicht &uuml;ber die Geschehnisse innerhalb des hermetisch abgeriegelten Gel&auml;ndes. Keinerlei Unterlagen sind hierzu in Winnenden nach Kriegsende zur&uuml;ck geblieben. Bis heute traf man hier nur auf eine einzige Mauer des Schweigens.<\/p><p>&bdquo;Gerade Lokalhistoriker bekommen regelm&auml;&szlig;ig gewaltige Probleme, wenn sie Publikationen zu diesem Thema angehen. In anwaltlichen Schrifts&auml;tzen werden ihnen rechtliche Konsequenzen in Aussicht gestellt, wenn sie konkrete Namen nennen, Stadtverwaltungen ziehen ihre F&ouml;rderzusagen f&uuml;r solche &bdquo;Heimatb&uuml;cher&ldquo; zur&uuml;ck, n&auml;chtliche Drohanrufe finden statt oder sogar, wie auch im Fall meines Buches, wird man als L&uuml;gner beschimpft, meiner Schwiegermutter wurden sogar Pr&uuml;gel angedroht, einen Tag vor dem Volkstrauertag wurde in ihre Gartenh&uuml;tte eingebrochen, am Volkstrauertag selbst lag ein anonymes Schreiben auf dem Grab des August Voll, dessen wahre Todesumst&auml;nde ich geschildert habe&ldquo;, so Haug weiter.<\/p><p>&bdquo;In Kirchardt, dem Heimatdorf des August Voll, denkt man nicht im Traum daran, Adolf Hitler die Ehrenb&uuml;rgerschaft formal abzuerkennen, obwohl ich auf diese bestehende Ehrenb&uuml;rgerschaft hingewiesen habe. In Berwangen, dessen Synagoge einst von Kirchardter Nationalsozialisten abgebrannt worden ist, will man noch nicht einmal eine Gedenktafel an der Stelle anbringen, an der die Synagoge gestanden hat.&ldquo;<\/p><p>Und schlimmer noch: anl&auml;sslich von Haugs Lesung in der Alten Synagoge in Ehrst&auml;dt berichtete eine Zuh&ouml;rerin davon, dass bei der 1200 Jahrfeier von Berwangen die Geschichte der j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung bewusst ausgeblendet wurde, und das, obwohl sie sich &uuml;ber Wochen hinweg nachdr&uuml;cklich daf&uuml;r eingesetzt hatte, auch das ehemalige j&uuml;dische Leben in ihrem Dorf zu dokumentieren.<\/p><p>In Kirchardt weigerten sich Gesch&auml;ftsleute, das Plakat f&uuml;r die Buchvorstellung aufzuh&auml;ngen, oder gar die B&uuml;cher bei sich zu verkaufen. &bdquo;Hinterher dann haben sie wiederum behauptet, sie h&auml;tten das nie gesagt. Damals wie heute: dieselben Verhaltensmuster!&ldquo;<\/p><p>In Eppingen weigerte sich der Elternbeirat der Realschule, die auch von Kirchardter Sch&uuml;lern besucht wird, eine Lesung aus Haugs Buch zu veranstalten. &bdquo;Zu brisant&ldquo;, hie&szlig; es dazu. Doch das ist noch l&auml;ngst nicht alles: &bdquo;Im Nachbarort Schwaigern scheut man sich nach wie vor, die Geschichte der Zwangsarbeiter in dieser Stadt aufzuarbeiten, obwohl ich bei meinem Vortrag ganz konkrete Hinweise auf die Existenz dieser Zwangsarbeiter gegeben habe. Anschlie&szlig;end hie&szlig; es, man wolle sich da nicht die Finger verbrennen, das sei schon immer ein heikles Thema in dieser Stadt gewesen. Inoffiziell hat man mir dann einige Geschichten &uuml;ber diese Zwangsarbeiter und ihr manchmal hartes Los erz&auml;hlt &ndash; aber in der &Ouml;ffentlichkeit selbst will sich keiner zu sehr aus dem Fenster lehnen.&ldquo;<\/p><p>Eine weitere, nie f&uuml;r m&ouml;glich gehaltene Erfahrung hat Haug bei der Universit&auml;t Heidelberg gemacht. &bdquo;Obwohl wir dem Pressesprecher der Universit&auml;t und der Leitung des Psychiatrischen Instituts unsere Erkenntnisse im Hinblick auf den Heidelberger Psychiatrieprofessor Hans W. Gruhle und dessen teilweise fragw&uuml;rdige Rolle in der NS-Zeit &uuml;bermittelt haben, ist darauf noch nicht einmal eine Reaktion erfolgt. Die Angelegenheit ist von der Universit&auml;t genauso wie von der &ouml;rtlichen Presse regelrecht totgeschwiegen worden.&ldquo; Obwohl nach dem Erscheinen von Haugs Buch auch vom Stadtarchiv in Winnenden neue Erkenntnisse &uuml;ber die wahre Einstellung von Hans W. Gruhle des angeblichen &bdquo;Verfolgten des Naziregimes&ldquo; recherchiert wurden, hat sich an der Tatsache, dass eine Station des Klinikums an der Universit&auml;t Heidelberg immer noch &bdquo;Station Gruhle&ldquo; benannt wird, nicht das geringste ge&auml;ndert. Wie aber, so fragt Haug weiter, l&auml;sst sich dies mit einer in der &bdquo;Winnender Zeitung&ldquo; vom 24.3.1943 abgedruckten Rede vereinbaren, in der Gruhle (damals Chefarzt des Reservelazaretts Winnenden) anl&auml;sslich des &bdquo;Heldengedenktages&ldquo; zitiert wird, in dem er ein altes Landsknechtslied zum besten gibt: &bdquo;Kein sch&ouml;nerer Tod ist in der Welt, als wer vom Feind erschlagen auf gr&uuml;ner Heid im freien Feld&ldquo;. Und dazu Gruhle w&ouml;rtlich weiter: &bdquo;In diesen Versen lebt die Poesie und Romantik der Landsknechte, dieser Berufssoldaten. Hier steckt bei aller Romantik echte deutsche Kraft.&ldquo; M&uuml;ssen die Namen solcher Leute wirklich noch heutzutage &uuml;ber Klinikportalen stehen?<\/p><p>&bdquo;Es ist eine paradoxe Situation: da wird in M&uuml;nchen im Rahmen eines gro&szlig;en Festaktes und im Beisein der gesamten staatlichen und kirchlichen Prominenz die neue Synagoge feierlich eingeweiht. Presse, Radio und Fernsehen berichteten ausf&uuml;hrlichst von diesem erfreulichen Ereignis. Und dies alles, w&auml;hrend sie es in Berwangen noch nicht einmal schaffen, dort eine kleine Erinnerungstafel f&uuml;r die niedergebrannte Synagoge anzubringen. Wenn es uns aber eben im Kleinen nicht gelingt, solche notwendigen Handlungen vorzunehmen, dann bleibt auch das gro&szlig;e festliche Ereignis in M&uuml;nchen leider nur Fassade. Denn unter der scheinbar ruhigen Decke br&auml;unelt es ungest&ouml;rt weiter! Das ist die bittere Erfahrung aus meiner Vortragstour. Ein Res&uuml;mee, das ich vor wenigen Wochen noch f&uuml;r v&ouml;llig unm&ouml;glich gehalten h&auml;tte. Im Johannes-Evangelium wird gesagt: &bdquo;Nur die Wahrheit macht frei&ldquo;. In der Tat kann es uns nur so gelingen, den Anf&auml;ngen zu wehren, die doch l&auml;ngst nicht mehr zu &uuml;bersehen sind!&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dieses fesselnde Buch von Gunter Haug &uuml;ber einen von den Nazis ermordeten Flaschnermeister bin ich von den &bdquo;Anstiftern&ldquo; in Stuttgart aufmerksam gemacht worden. 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