{"id":1953,"date":"2006-12-20T10:25:40","date_gmt":"2006-12-20T09:25:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1953"},"modified":"2016-01-19T16:42:31","modified_gmt":"2016-01-19T15:42:31","slug":"das-neue-grundsatzprogramm-der-spd-ein-programm-mit-beliebig-vielen-grundsatzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1953","title":{"rendered":"Das neue Grundsatzprogramm der SPD, ein Programm mit beliebig vielen Grunds\u00e4tzen."},"content":{"rendered":"<p>Der Entwurf des Grundsatzprogramms versucht die Quadratur des Kreises: Er will die Richtigkeit des Regierungskurses unter Kanzler Schr&ouml;der best&auml;tigen, er will m&ouml;glichst wenig Angriffspunkte zum Kurs der Gro&szlig;en Koalition liefern und er soll gleichzeitig Perspektiven f&uuml;r eine &bdquo;soziale Demokratie&ldquo; aufzeigen. Der am 3. Dezember von der SPD-Programmkommission verabschiedete  Entwurf bedient sich dabei der Methode Kurt Becks. Wie in den programmatischen Aussagen des neuen SPD-Vorsitzenden, l&auml;sst er bei jeder Aussage, die gemacht wird, ein oder manchmal sogar mehrere Hintert&uuml;rchen offen, um wieder entwischen zu k&ouml;nnen, sobald man sich darauf einl&auml;sst.<\/p><p><!--more--><\/p><p>Die SPD-Programmkommission hat am 3. Dezember den Entwurf eines neuen Grundsatzprogramms unter dem Titel &bdquo;Soziale Demokratie im 21. Jahrhundert&ldquo; verabschiedet. Im Herbst 2007 soll es auf einem ordentlichen Parteitag beschlossen und das Berliner Programm aus dem Jahre 1989 abl&ouml;sen.<br>\nEin Grundsatzprogramm einer Partei ist keine wissenschaftliche Analyse oder eine philosophische Abhandlung. Es soll in einfacher und markanter Sprache &ldquo;eine klare, immer wieder erneuerte Analyse der Zeit&ldquo; liefern und aufzeigen, welche Ziele eine Partei anstrebt und mit welchen politischen Schritten, sie den bestehenden Zustand im Interesse der Mehrheit der Menschen ver&auml;ndern will, wenn sie an die politische Macht kommt oder Einfluss auf die politische Macht nimmt. Das Ganze muss dann in Sprache und Zuspitzung werblich dargestellt werden &ndash;  f&uuml;r die Mitglieder einer Partei selbst und f&uuml;r eine m&ouml;glichst gro&szlig;e Zahl von Menschen, die diese Partei erreichen m&ouml;chte. Insofern, darf man an das neue Grundsatzprogramm der SPD nicht beckmesserisch herangehen.<\/p><p>Die Zustandsbeschreibung bietet auffallend viele der Schr&ouml;derschen Allgemeinpl&auml;tze, so dass man sich fragt, ob die Autoren des Programm von Schr&ouml;ders politischer Biografie abgeschrieben haben oder ob umgekehrt Uwe-Karsten Heye der Ghostwriter des fr&uuml;heren Kanzlers den Programmentwurf abgekupfert hat. Jedenfalls liest man in beiden Texten die Phrasen von der &bdquo;gewachsenen Verantwortung Deutschlands&ldquo;, von der &bdquo;Zeit umfassenden Wandels&ldquo;, von den &bdquo;konsequenten Reformen&ldquo;, davon, dass sich &bdquo;die Welt, Europa, unser eigenes Land &hellip; in schnellem Tempo&ldquo; ver&auml;ndern usw. usf. Da starrt die SPD wie das Kaninchen auf die Schlange auf die &bdquo;demografische Entwicklung&ldquo;. Fast w&ouml;rtlich findet man bei Schr&ouml;der wie im Programm die Behauptung: &bdquo;Nach dem  Zusammenbruch des Kommunismus und nach der Deutschen Einheit erleben wir den tiefsten geschichtlichen Umbruch seit der industriellen Revolution &ndash;  politisch und wirtschaftlich, sozial und kulturell.&ldquo; Was hat der Zusammenbruch des Kommunismus und die Deutsche Einheit f&uuml;r wirtschaftliche, politische oder soziale Umbr&uuml;che gebracht, wird auch im Grundsatzprogramm nicht n&auml;her erl&auml;utert. Die angeblich &bdquo;erneuerte Analyse der Zeit&ldquo; ist <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1931\">genauso flach, so leerformelhaft und ohne Bezug zur Wirklichkeit wie im Kanzlerbuch<\/a>.<\/p><p>Wie Schr&ouml;der sollte sich auch die SPD nicht wundern, wenn sie bei einer so oberfl&auml;chlichen und wenig &uuml;berzeugenden Zustandsbeschreibung, das gleiche Vermittlungsproblem f&uuml;r ihre politischen Ziele bekommt, wie das schon bei der alten Bundesregierung der Fall war.<br>\nWie sollte es gelingen, die Menschen mitzunehmen, wenn ihre Wirklichkeitswahrnehmung eine v&ouml;llig andere ist, als die, die dem Parteiprogramm zugrunde liegt?<\/p><p>Zwar spricht das Grundsatzprogramm davon, &bdquo;dass wir die Ergebnisse unserer Politik unerm&uuml;dlich &uuml;berpr&uuml;fen m&uuml;ssen&ldquo;, eine solche &Uuml;berpr&uuml;fung findet aber an keiner Stelle des 65-seitigen Textes statt, im besten Fall &ndash; so dass es nicht auff&auml;llt &ndash; unter der Hand. Statt auch nur an einer Stelle dar&uuml;ber nachzudenken, warum die SPD seit der Regierungs&uuml;bernahme von Rot-Gr&uuml;n (bis auf Rheinland-Pfalz) nur noch dramatisch verloren hat (in NRW sogar mit dem schlechtesten seit 50 Jahren), warum die SPD gerade mal noch f&uuml;nf Ministerpr&auml;sidenten stellt (darunter drei mit einer Gro&szlig;en Koalition), warum die SPD in den letzten Jahren nahezu vierzig Prozent ihrer Mitglieder verloren hat und demn&auml;chst sogar von der CDU als mitgliederst&auml;rkste Partei &uuml;berholt werden d&uuml;rfte, dass die von der SPD mitgetragene Agenda-Politik nicht nur mit ihren Versprechen an der Wirklichkeit sondern auch an der Mehrheit der W&auml;hler gescheitert ist, &uuml;ber alle diese Tatsachen findet sich im neuen Grundsatzprogramm kein einziger selbstpr&uuml;fender Satz. Die SPD verweigert also nach wie vor eine kritische Aufarbeitung ihres Niedergangs. Wie soll da ein Neuanfang m&ouml;glich werden?<\/p><p>Wer die Richtigkeit und den Erfolg der Agendapolitik in Frage stellt, wird mit  dem Vorwurf des Populismus mundtot gemacht: &bdquo;Die Populisten leugnen ver&auml;nderte Realit&auml;ten und klammern sich an &uuml;berkommene nationalstaatliche Instrumente. Sie gaukeln den Menschen vor, ein Ausstieg aus der Wirklichkeit unserer Zeit sei m&ouml;glich &ndash; verbauen ihnen aber gerade dadurch die Zukunft.&ldquo;<br>\nJeder Versuch einer R&uuml;ckgewinnung der zur WASG oder zur Linkspartei abgewanderten W&auml;hler unterbleibt. &bdquo;Wir &uuml;berlassen die Resignation anderen&ldquo;, hei&szlig;t es ziemlich &uuml;berheblich, statt besser einmal dar&uuml;ber nachzudenken, wie man die Resignierten wieder erreichen k&ouml;nnte. Wie die SPD mit einer derart schroffen Ausgrenzung nach &bdquo;links&ldquo; und damit sowohl gegen&uuml;ber vielen ihrer ehedem engagiertesten Mitglieder als auch gegen&uuml;ber denjenigen, die Opfer der Agendapolitik waren und sind, eine eigene Mehrheit zur&uuml;ckgewinnen will oder sich als &bdquo;linke Volkspartei&ldquo; etablieren will, bleibt ihr Geheimnis.<\/p><p>Das neue Grundsatzprogramm bedient sich der Methode Kurt Becks. Wie in den programmatischen Aussagen des neuen SPD-Vorsitzenden, l&auml;sst es bei jeder Aussage, die gemacht wird, ein oder manchmal sogar mehrere Hintert&uuml;rchen offen, um wieder entwischen zu k&ouml;nnen, sobald man sich darauf einl&auml;sst. Die Widerspr&uuml;che, die das Programm enth&auml;lt, ergeben sich wohl auch daraus, dass die verschiedenen Programmteile erkennbar aus ganz unterschiedlichen Federn stammen.<\/p><p>Da werden etwa einleitend in typisch Schr&ouml;derscher Manier die Zw&auml;nge der Globalisierung beschworen: &bdquo;Der Wettbewerb wird unter den Bedingungen der Globalisierung sch&auml;rfer, das Tempo der Innovationen steigt und die Vielfalt der Besch&auml;ftigungsformen nimmt zu.&ldquo; Etwas weiter scheint dann im Gegensatz dazu der &bdquo;Theoretiker&ldquo; der Partei, Thomas Meyer, zu Wort zu kommen: &bdquo;Das Zeitalter der Globalisierung ist  Ergebnis menschlichen Handelns und es kann von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern in sozialer Verantwortung gestaltet werden.&ldquo;<\/p><p>Gut gebr&uuml;llt L&ouml;we, m&ouml;chte man zurufen, doch wenn man dann danach sucht, wie und was an der Globalisierung gestaltet werden soll, dann wird die Verantwortung auf Europa verlagert: &bdquo;Die Europ&auml;ische Union ist unsere Antwort auf die Globalisierung. Freiheit und Demokratie, Wohlstand und Gerechtigkeit in Deutschland k&ouml;nnen wir im  globalen Zeitalter nur in der Gemeinschaft mit unseren europ&auml;ischen Partnern sichern. Auf europ&auml;ischer und auf internationaler Ebene b&uuml;ndeln wir die Kr&auml;fte, um den globalen M&auml;rkten Regeln f&uuml;r mehr Gerechtigkeit, f&uuml;r soziale und &ouml;kologische Standards zu setzen.&ldquo;<br>\nWas dann noch an zaghaften Aussagen folgt, kann man angesichts der gegenw&auml;rtigen wirtschaftspolitischen Ausrichtung der EU getrost als auf die lange Bank geschoben betrachten. &bdquo;Entscheidungen in internationalen Institutionen und Organisationen wie dem  Internationalen W&auml;hrungsfonds, der Weltbank und der Welthandelsorganisation m&uuml;ssen transparenter (?) werden.&ldquo; (Liegen nicht die Konsequenzen der marktradikalen Politik dieser Institutionen etwa in S&uuml;damerika offen zu Tage?)<br>\nOder: &bdquo;Die Kernarbeitsnormen der ILO  (der Internationalen Arbeitsorganisation) m&uuml;ssen bei Entscheidungen des  Internationalen W&auml;hrungsfonds, der Weltbank, der Welthandelsorganisation und der Vereinten Nationen st&auml;rker ber&uuml;cksichtigt und anerkannt werden.&ldquo; (Wer, wenn nicht der fr&uuml;here Superminister Clement, h&auml;tte denn dazu bisher die M&ouml;glichkeit gehabt?)<br>\nAn anderer Stelle: &bdquo;Das Ziel der Sozialdemokratie ist eine faire Globalisierung, die den Menschen Wohlstand und Entwicklung bringt. Dazu bedarf es fairer und wirksamer Regeln f&uuml;r die Finanz-, Rohstoff- und Warenm&auml;rkte sowie sozialer und &ouml;kologischer Standards f&uuml;r einen funktionierenden Wettbewerb. Wir brauchen bei den Vereinten Nationen einen Globalen Rat f&uuml;r Wirtschafts- und Sozialpolitik, in dem alle Regionen und auch die internationalen Handels-  und Finanzinstitutionen hochrangig vertreten sind. Wir brauchen mehr Gerechtigkeit im Welthandel.&ldquo;<br>\nJa, das brauchen wir, nur, wo findet sich in Deutschland, in Europa oder in der SPD irgend eine ernst zu nehmende politische Kraft, die diese hehren Ziele verfolgen w&uuml;rde?<\/p><p>Widerspr&uuml;chlich und unvergoren sind auch die Aussagen zum &bdquo;demografischen Wandel&ldquo;, der doch den &bdquo;sozialen Bundesstaat&ldquo; angeblich &bdquo;unter erheblichen Erneuerungsdruck&ldquo; setzt:<br>\n&bdquo;In vielen Teilen der Welt, auch in Deutschland, leben die Menschen l&auml;nger. Seit den 60er Jahren ist die Lebenserwartung bei uns um zehn Jahre gestiegen&ldquo;, hei&szlig;t es im Programm. Dass die Lebenserwartung im letzten Jahrhundert um mehr als drei&szlig;ig Jahre gestiegen ist und dass f&uuml;r die n&auml;chsten f&uuml;nfzig Jahre die Experten des Statistischen Bundesamtes eine Alterung von nur noch sechs Jahren annehmen (<a title=\"Externer Link zu http:\/\/www.linksnet.de\/drucksicht.php?id=2520\" href=\"http:\/\/www.linksnet.de\/drucksicht.php?id=2520\">Bosbach<\/a>) wird allerdings nicht erw&auml;hnt. Schlie&szlig;lich braucht man die Angst davor, dass &bdquo;mehr Menschen &hellip; im hohen Alter auf die Hilfe der Gesellschaft angewiesen&ldquo; seien und sich &bdquo;gleichzeitig &bdquo;immer weniger M&auml;nner und Frauen ihren Kinderwunsch&ldquo; erf&uuml;llten, um zu begr&uuml;nden, dass die demografische Entwicklung &bdquo;zu drastischen Ver&auml;nderungen in allen Bereichen des Alltagslebens, von der Arbeitswelt &uuml;ber die Sozialsysteme bis zur Leistungsf&auml;higkeit ganzer Regionen&ldquo; f&uuml;hre und deshalb eben &bdquo;Strukturreformen&ldquo; oder &bdquo;konsequente Reformen&ldquo; unumg&auml;nglich seien. Dass die gegenw&auml;rtigen Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme und schon gar nicht die Massenarbeitslosigkeit, von einer demografischen Entwicklung ausgel&ouml;st sind, wird schlicht ignoriert. Warum gerade die so genannten Strukturreformen oder konsequenten Reformen das von den SPD-Programmatikern an die Wand gemalte demografische Problem l&ouml;sen sollten, wird auch im Grundsatzprogramm nicht erl&auml;utert. Da soll das Sch&uuml;ren von Zukunfts&auml;ngsten die fehlenden urs&auml;chlichen Zusammenh&auml;nge &uuml;berdecken.<\/p><p>Immerhin wird selbstkritisch eingestanden: &bdquo;Die  Gr&uuml;nde f&uuml;r die anhaltend niedrige Geburtenrate in Deutschland liegen in gesellschaftlicher R&uuml;ckst&auml;ndigkeit und in politischen Vers&auml;umnissen.&ldquo; Und ganz im Gegensatz zu den Zwangsl&auml;ufigkeiten, die &bdquo;drastische Ver&auml;nderungen&ldquo; verlangten, hei&szlig;t es an anderer Stelle pl&ouml;tzlich: &bdquo;Der demografische Wandel ist gestaltbar. Eine h&ouml;here Besch&auml;ftigungsquote von Frauen, aber auch von &Auml;lteren tr&auml;gt dazu bei, dass sich die Einnahmebasis von Steuern und Sozialversicherungen verbessert. Steigender Wohlstand aufgrund eines Anstiegs der Produktivit&auml;t und des Bruttoinlandsproduktes kann einen Beitrag zur Bew&auml;ltigung der demographischen Herausforderungen f&uuml;r die sozialen Sicherungssysteme leisten.&ldquo;<br>\nIst der demografische Alarmismus, also doch nur ein Fehlalarm, der die Menschen in die Irre f&uuml;hren soll, um etwa die Rente mit 67 zu akzeptieren?<\/p><p>Den Entwurf des Grundsatzprogramms darf man nicht in Bausch und Bogen kritisieren.<br>\nAuffallend ist wie h&auml;ufig und an wie vielen Stellen die Gleichstellung der Geschlechter im Programmentwurf auftaucht. Die Frauen in der Programmkommission haben offenbar den Text gr&uuml;ndlich nach gleichstellungspolitischen Aspekten durchgeackert.<br>\nDas w&auml;re durchaus in Ordnung, wenn es nicht an einigen Stellen geradezu aufgesetzt wirkte.<br>\nUm das an einem Beispiel zu demonstrieren: Da hei&szlig;t es beim Thema Gerechtigkeit: &bdquo;Gerechte Politik garantiert gleiche Zugangsm&ouml;glichkeiten zu &ouml;ffentlichen G&uuml;tern, Chancengleichheit, faire Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung. Wenn dennoch Nachteile des einen oder anderen Geschlechtes vorhanden sind, muss der Staat seiner Verpflichtung nachkommen, die tats&auml;chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung zu f&ouml;rdern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken.&ldquo; Das h&ouml;rt sich geradezu so an als l&auml;ge das Hauptproblem in Sachen Gerechtigkeit auf den (unbestreitbar auch vorhandenen) Defiziten bei der Gleichberechtigung und nicht etwa bei der geschlechter&uuml;bergreifenden sozialen Ungerechtigkeit.<\/p><p>Die Passagen zur Entwicklungs-, zur Familien- oder Gleichstellungspolitik, vor allem das Kapitel zur Bildungspolitik (von der Vorschulerziehung bis zur Hochschule) enthalten viele richtige und zukunftsweisende Vorschl&auml;ge. Die Emphase und die Euphorie, die die SPD neuerdings (wieder) in den Fluchtpunkt Bildung als Ausweg aus der wenig zufrieden stellenden Gegenwart investiert, stehen allerdings in der Gefahr, dass sie eine &acute;Lebensl&uuml;ge` &uuml;berdecken: n&auml;mlich dass mangelnde Bildung eben nicht (nur) Ursache f&uuml;r soziale und materielle Ungerechtigkeit und mangelnder Teilhabe sind, sondern gerade umgekehrt die Folge von Armut und sozialer Ungerechtigkeit.<\/p><p>Die unzureichenden Erfolge bei der Verwirklichung von Chancengleichheit, waren schon in der Hochphase sozialdemokratischen Bildungsreformpolitik in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts im Wesentlichen der Ursache geschuldet, dass die sozial&ouml;konomischen Voraussetzungen f&uuml;r die gerechte Wahrnehmung von Bildungschancen au&szlig;er acht gelassen wurden, ja noch mehr, dass man  umgekehrt sogar hoffte, die materielle Ungleichheit &uuml;ber die Bildungspolitik kompensieren zu k&ouml;nnen.<br>\nDas Ergebnis kennen wir: Es gibt nach fast vierzig Jahren Bildungsreform kaum ein sozial selektiveres Bildungssystem als das deutsche. Und da schaffen eben nicht nur ein (sogar noch umstrittenes) &bdquo;l&auml;ngeres gemeinsames Lernen &uuml;ber die Grundschule hinaus&ldquo; oder die Ganztagsschule Abhilfe.<\/p><p>Als ein &auml;hnlicher Befreiungsschlag aus dem gescheiterten &bdquo;Umbau&ldquo; des Sozialstaates der Schr&ouml;der-&Auml;ra ist wohl auch das neue Schlagwort vom &bdquo;vorsorgenden Sozialstaat&ldquo; gedacht. In allen Passagen &uuml;ber die &bdquo;soziale Demokratie&ldquo; oder &uuml;ber den &bdquo;Sozialstaat&ldquo; ist kein Wort dar&uuml;ber zu lesen, welchen Vertrauensverlust in die sozialen Sicherungssysteme die zahllosen Rentenreformen bis zur Rente mit 67 oder die Arbeitsmarktreformen, vor allem mit Hartz IV bei den aktuell und potentiell Betroffenen ausgel&ouml;st haben.<br>\nAuch noch so markig ausgesprochene Kerns&auml;tze wie &bdquo;ohne die Sozialversicherungen ist kein leistungsf&auml;higer Sozialstaat in Deutschland denkbar&ldquo;, k&ouml;nnen nicht &uuml;berdecken, dass f&uuml;r die SPD die &bdquo;bestehenden&ldquo; &ndash; genauer m&uuml;sste man sagen,  die inzwischen von Sozialdemokraten reformierten &ndash; sozialen Sicherungssysteme nur noch f&uuml;r &bdquo;ihre existentiellen Aufgaben&ldquo; zur Verf&uuml;gung stehen sollen.<br>\nWie v&ouml;llig selbstverst&auml;ndlich ist f&uuml;r die SPD  die Rentenversicherung f&uuml;r eine k&uuml;nftige Sicherung des Lebensstandards im Alter nicht mehr ausreichend, sondern sie muss &bdquo;durch Eink&uuml;nfte aus betrieblicher Alterssicherung sowie freiwilliger, aber staatlich gef&ouml;rderter privater Vorsorge erg&auml;nzt werden.&ldquo; Von einer Revision der faktischen Rentenk&uuml;rzung durch die Rente mit 67 und damit einem weiteren Abtragen der &bdquo;tragenden S&auml;ule&ldquo; gesetzliche Rentenversicherung liest man im ganzen Text eher das Gegenteil, n&auml;mlich dass &bdquo;der demografische Wandel ein ver&auml;ndertes Bild des Alters&ldquo; brauche. Der triviale Satz, dass &bdquo;die Beitragsbezogenheit der Rente &hellip;(wenigstens) durch das Ziel der Armutsvermeidung erg&auml;nzt werden&ldquo; m&uuml;sse, hat keine Mehrheit in der Programmkommission gefunden.<br>\nIn der Rentenpolitik, wird somit der Agenda-Kurs konsequent fortgesetzt, wer keine betriebliche oder private Altersvorsorge hat oder sie sich nicht leisten kann, wird nur noch auf eine bedarfsorientierte soziale Grundsicherung hoffen k&ouml;nnen, also bed&uuml;rftig sein. Es findet an keiner einzigen Stelle eine kritische Auseinandersetzung &uuml;ber die Vor- und Nachteile von Umlagefinanzierung und Kapitaldeckungsverfahren statt. Es wird einfach unterstellt, dass die privat (und eben nicht parit&auml;tisch) finanzierte Vorsorge, der Rettungsanker w&auml;re. Und es wird selbstverst&auml;ndlich unterstellt, dass es sinnvoll sei, die mit dem gro&szlig;artigen Etikett &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; propagierte Privatvorsorge zu subventionieren. &Uuml;berall sollen Subventionen gestrichen werden, aber hier werden neue, milliardenschwere Subventionen eingef&uuml;hrt, um den Finanzdienstleistern ein milliardenschweres neues Gesch&auml;ftsfeld zu erschlie&szlig;en.<\/p><p>&Uuml;ber die momentane Massenarbeitslosigkeit fl&uuml;chtet sich die Leitidee des &bdquo;vorsorgenden Sozialstaates&ldquo; hinweg, indem in einer fernen Zukunft  Arbeitslosigkeit etwa durch &bdquo;Qualifikation&ldquo; &bdquo;bereits im Ansatz&hellip;verhindert&ldquo; werden soll. Von dieser Hoffnung in ferner Zukunft, k&ouml;nnen sich diejenigen, die heute auf den (nachsorgenden) Sozialstaat angewiesen sind, sprichw&ouml;rtlich aber auch gar nichts kaufen.<\/p><p>Das &bdquo;Leitbild&ldquo; vom vorsorgenden Sozialstaat verfolge &bdquo;drei zentrale Ziele: Emanzipation, Teilhabe und Sicherheit.&ldquo; Dieser Sozialstaat wolle die B&uuml;rger nicht &bdquo;bevormunden&ldquo;.<br>\nWollte der bisherige Sozialstaat bundesrepublikanischer Pr&auml;gung die B&uuml;rger etwas anderes als die Absicherung der Risiken vor einem Verlust an Emanzipation und Teilhabe? Wollte der Sozialstaat vor seinem &bdquo;Umbau&ldquo; wirklich bevormunden?<br>\nGing der Sozialstaat, so wie er erk&auml;mpft wurde, nicht in viel st&auml;rkerem Ma&szlig;e von einer &bdquo;Eigenverantwortlichkeit&ldquo; aus, als die Erfindung vom &bdquo;vorsorgender Sozialstaat&ldquo;. Dieser begreift sich ja als &bdquo;aktivierender&ldquo; Sozialstaat, der von seinen B&uuml;rgern eine permanente Anpassung an den &bdquo;Wandel&ldquo;, die st&auml;ndige Weiterqualifikation oder stete Bereitschaft zur Flexibilit&auml;t verlangt. Und falls dann doch jemand aus dem Arbeitsprozess verdr&auml;ngt wird, setzt dieser &bdquo;aktivierende&ldquo; Sozialstaat eben einen die schiere Existenz sichernden &ouml;konomischen Zwang zur Aus&uuml;bung auch unzumutbarer Arbeit ein und wer das dann immer noch nicht schafft, den gibt er der Bed&uuml;rftigkeit anheim. Wie weit ist dieser &bdquo;vorsorgende Sozialstaat&ldquo; entfernt etwa von einem sozialen B&uuml;rgerrecht skandinavischer Pr&auml;gung?<\/p><p>Auf die &bdquo;nachsorgend&ldquo; zu bek&auml;mpfende Massenarbeitslosigkeit der Jetztzeit gibt das Grundsatzprogramm nur wenig Antworten, und wenn, dann die Angebote der vorherrschenden &ouml;konomischen Lehre. Die wirtschaftspolitische Programmatik des Entwurfs l&auml;sst sich etwa so zusammenfassen: Wirtschaftspolitik besteht in Exportf&ouml;rderung, und deshalb in der Senkung der Lohnnebenkosten durch st&auml;rkere Steuerfinanzierung der Sozialkosten, sie sorgt sich um den Erhalt der Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit, sie setzt  industrie- und wissenschaftspolitische Priorit&auml;ten, sie st&auml;rkt industrielle Kerne und regionale Cluster und &ndash; vor allem &ndash;  wartet und hofft sie auf den Wachstumsschub durch weltweites Wachstum.<\/p><p>Nach dem alten Goethe-Vers &bdquo;wer Vieles bringt, wird manchem etwas bringen&ldquo; wird zwar fabuliert:  &bdquo;Aus Erfahrung wissen wir, dass Marktwirtschaften aus sich selbst heraus konjunkturelle Krisen nur langsam &uuml;berwinden. Deshalb muss die Finanz- und Geldpolitik in Deutschland und Europa dabei helfen, die Konjunktur zu festigen und ein stetiges, kr&auml;ftiges Wachstum zu f&ouml;rdern.&ldquo; Ja, die Autoren des Programms m&ouml;chten sogar die &bdquo;makro&ouml;konomische Koordinierung&ldquo; st&auml;rken (allerdings vor allem auf europ&auml;ischer Ebene), doch nach einer makro&ouml;konomisch ausgerichteten Wirtschaftspolitik, geschweige denn nach einer aktiven Konjunkturpolitik (die diesen Namen verdiente) sucht man vergebens. Da hei&szlig;t es nur &bdquo;Sozialdemokratische Wirtschaftspolitik klammert sich nicht an die Erhaltung von Strukturen, die den ver&auml;nderten Bedingungen nicht mehr gerecht werden&ldquo; und diese Wirtschaftspolitik kulminiert in dem uralten Satz aus dem Godesberger Programm vom Jahre 1959: &bdquo;So viel Markt wie m&ouml;glich, so viel politische Regulierung wie n&ouml;tig.&ldquo;<\/p><p>S&auml;tze wie die folgenden h&ouml;ren sich gut an: &bdquo;Eine hohe Binnennachfrage ist die Voraussetzung f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung. Wir setzen uns f&uuml;r Lohnsteigerungen ein, die sich an der Produktivit&auml;t orientieren. Im unteren Einkommensbereich brauchen wir Mindestl&ouml;hne.&ldquo; Aber kaum irgendwo findet man eine substanzielle Aussage, wie man dar&uuml;ber hinaus die Hauptursache f&uuml;r das mangelnde Wachstum, n&auml;mlich die schwache Binnennachfrage angehen k&ouml;nnte.<\/p><p>Man k&ouml;nnte Zeile f&uuml;r Zeile dieses Grundsatzprogramms durchdeklinieren, jeder findet irgendeinen Satz an dem er sich festhalten kann. Die Linke in der SPD, wie die Netzwerker oder der Seeheimer Kreis, die Regierungsmitglieder genauso wie die Jusos. Alle k&ouml;nnen sie zufrieden sein, alles ist gut. Die Regierungsmitglieder k&ouml;nnen weiter machen, was sie f&uuml;r n&ouml;tig halten, die Frauen d&uuml;rfen sich &uuml;ber ihre gleichstellungspolitischen Formulierungen freuen und Andrea Nahles, dar&uuml;ber dass den Investmentfonds nicht &ndash; wie das Steinbr&uuml;ck wollte &ndash; auch noch eine positive Rolle f&uuml;r die wirtschaftliche Dynamik zugeschrieben wurde.<\/p><p>&Uuml;ber das neue Grundsatzprogramm sind alle sind froh, jeder in der SPD, wo er auch stehen mag, kann seine Versatzst&uuml;cke aus dem Programm f&uuml;r seine Sonntagsreden holen. Das Programm wurde in der Presse fast einhellig gelobt. Selbst die Wadenbei&szlig;er von CDU und CSU konnten nicht ihre Bei&szlig;erchen zeigen und sogar Westerwelle sieht Ann&auml;herungen der SPD zur FDP.<br>\nEs ist eben ein Grundsatzprogramm mit beliebig vielen Grunds&auml;tzen, aber eine sozialdemokratische Linie ist nicht erkennbar &ndash; &bdquo;soziale Demokratie&ldquo; als Bauchladen der f&uuml;r jeden etwas bietet. Was die SPD au&szlig;er Vertr&ouml;stungen in die Zukunft politisch anpacken will, welche Projekte sie sich vornimmt, dar&uuml;ber erf&auml;hrt man in diesem Grundsatzprogramm viel zu wenig. Die SPD wird mit diesem Programm noch weniger greifbar sein, von dem Programmentwurf ging nicht der geringste Ansto&szlig; f&uuml;r eine &ouml;ffentliche Debatte aus. Er ist schlicht uninteressant &ndash; kein Wunder, dass die SPD in den Umfragen immer weiter absackt.<\/p><p>Quelle: <a title=\"Grundsatzprogramm der SPD \/ PDF \/ 668 KB\" href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/061220_Grundsatzprogramm.pdf\">Grundsatzprogramm der SPD [PDF &ndash; 668 KB]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Entwurf des Grundsatzprogramms versucht die Quadratur des Kreises: Er will die Richtigkeit des Regierungskurses unter Kanzler Schr&ouml;der best&auml;tigen, er will m&ouml;glichst wenig Angriffspunkte zum Kurs der Gro&szlig;en Koalition liefern und er soll gleichzeitig Perspektiven f&uuml;r eine &bdquo;soziale Demokratie&ldquo; aufzeigen. Der am 3. 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