{"id":19618,"date":"2013-12-10T15:17:03","date_gmt":"2013-12-10T14:17:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19618"},"modified":"2015-10-14T10:14:41","modified_gmt":"2015-10-14T08:14:41","slug":"nicht-wundern-handeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19618","title":{"rendered":"Nicht wundern &#8211; handeln!"},"content":{"rendered":"<p>Ob Libor, Edelmetallpreise oder Devisenkurse &ndash; die Skandale um tats&auml;chliche oder vorgebliche Manipulationen von Finanz-Referenzwerten h&auml;ufen sich. Am letzten Mittwoch verdonnerte die EU-Kommission sechs Gro&szlig;banken wegen der Manipulation von Zinss&auml;tzen zu einer Kartellbu&szlig;e von 1,7 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank war mit 725 Millionen Euro dabei. Dass solche Skandale immer wieder publik werden, ist schlimm genug. Erstaunlich ist jedoch die in den Medien regelm&auml;&szlig;ig artikulierte Verwunderung &uuml;ber die Ausw&uuml;chse eines l&auml;ngst aus dem Ruder gelaufenen Finanzsystems. Von <strong>G&uuml;nther Wierichs<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19618#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDiese Verwunderung ist v&ouml;llig fehl am Platze, denn seit dem gro&szlig;en Lehmann-Knall vor gut f&uuml;nf Jahren hat sich hinsichtlich einer dringend notwendigen Z&auml;hmung oder Eind&auml;mmung des spekulationsgetriebenen Agierens der Finanzmarktakteure nichts Grundlegendes ge&auml;ndert. Es sind vor allem zwei Faktoren, die dieses Agieren nach wie vor kennzeichnen.<\/p><ol>\n<li><strong>Hohe Volumen, verbunden mit ungeheuerer Marktmacht<\/strong><br>\nAn den internationalen Finanzm&auml;rkten werden nahezu unvorstellbare Summen gehandelt. Beispiel Devisen: Hier gehen weltweit tagt&auml;glich etwa 5.300 Milliarden US-Dollar &uuml;ber den virtuellen Tisch. Dies sind, bezogen auf 24 Stunden, mehr als 61 Millionen Dollar in jeder Sekunde. (An den internationalen Devisenm&auml;rkten wird aufgrund der unterschiedlichen Zeitzonen &ldquo;rund um die Uhr&rdquo; gehandelt; darauf sind Devisenh&auml;ndler sogar richtig stolz.) Wenn es den H&auml;ndlern also gelingt, einen Kurs minimal, zum Beispiel in der vierten Nachkommastelle, auch nur f&uuml;r eine Sekunde zu ihrem Gunsten zu manipulieren, winkt ein Profit in f&uuml;nfstelliger H&ouml;he. Hinzu kommt die Marktmacht der big player: Allein die vier gr&ouml;&szlig;ten unter ihnen &ndash; Deutsche Bank, Citibank, Barclays und UBS &ndash; vereinigen mehr als die H&auml;lfte des Gesamtvolumens auf sich. Immense Transaktionsgr&ouml;&szlig;en und Marktmacht gehen so Hand in Hand mit einer nach wie vor signifikant ausgepr&auml;gten Renditefixierung der Branchenvertreter. (Man tr&auml;gt die legend&auml;re 25-Prozent-Vorgabe des seinerzeitigen Chefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann, aus dem Jahr 2005 irgendwie immer noch im Herzen.)<\/li>\n<li><strong>Fehlende Kontrollen an den entscheidenden Stellen<\/strong><br>\nEs ist schon makaber. Da beklagen sich die Vertreter der Finanzbranche regelm&auml;&szlig;ig &uuml;ber &ldquo;mehr Regulierung&rdquo; oder &ldquo;restriktive neue Vorschriften&rdquo;, gleichzeitig wird durch die j&uuml;ngsten Skandale jedoch mehr als deutlich, dass die H&auml;ndler der Kreditinstitute genau dort, wo ein Mindestma&szlig; an Kontrolle und Plausibilit&auml;tsspr&uuml;fung dringend erforderlich w&auml;re, v&ouml;llig frei schalten und walten k&ouml;nnen. Kommen wir wieder auf das Beispiel Devisen zur&uuml;ck: T&auml;glich wird in London um 16 Uhr ein so genanntes W&auml;hrungsfixing vorgenommen. Dabei werden die Kurse mehrerer W&auml;hrungspaare, zum Beispiel Euro &ndash; Dollar oder Euro &ndash; Yen, in Form einer Art Blitzlicht ermittelt: Es werden alle Transaktionen erfasst, die zwischen 15 Uhr 59 und 30 Sekunden bis 16 Uhr und 30 Sekunden &uuml;ber das Fixing-Handelssystem abgewickelt werden. Die innerhalb dieser Minute berechneten Kurse sind dann Grundlage f&uuml;r viele W&auml;hrungsumrechnungen, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Wertermittlung von ausl&auml;ndischen Aktien oder Anleihen eines Investmentfonds. Da Devisenh&auml;ndler die jeweilige Marklage an einem Tag aufgrund der bis zum Zeitpunkt des Fixings bereits vorliegenden Auftr&auml;ge recht gut absch&auml;tzen k&ouml;nnen und somit ahnen, wohin sich der Kurs entwickeln wird, k&ouml;nnen sie rechzeitig Transaktionen auf eigene Rechnung vornehmen und so einen sch&ouml;nen Profit herausschlagen. Zeichnet sich beispielsweise ab, dass der Euro gegen&uuml;ber einer bestimmten W&auml;hrung beim Fixing aufgrund einer hohen Zahl vom Euro-Verkaufsauftr&auml;gen an Wert verlieren wird, verkauft der H&auml;ndler eine eigene Euro-Position zum zurvor h&ouml;heren Kurs, um den erhaltenen Gegenwert nach dem Fixing wieder in einen gr&ouml;&szlig;eren Eurobetrag umzutauschen. (Die Fremdw&auml;hrung ist ja nach dem Fixing &ldquo;wertvoller&rdquo; geworden, daher erh&auml;lt er beim R&uuml;cktausch mehr Euro, als er zuvor investiert hat.) Das Sahneh&auml;ubchen hierbei ist dann eine Manipulation des Kurses rund um das Fixing &ndash; durch Absprachen der H&auml;ndler untereinander k&ouml;nnen die Transaktionen so gesteuert werden, dass eine gew&uuml;nschte Kursrichtung f&uuml;r eine bestimmte W&auml;hrung eingeschlagen wird. Solche Gewinnmitnahmen aufgrund vorgezogener Transaktionen auf eigene Rechnung und Kursmanipulationen sind in allen Fixingsystemen m&ouml;glich, also nicht nur bei Devisen, sondern zum Beispiel auch im Zusammenhang mit Gold- oder Silberpreisen. Im Gegensatz zum j&uuml;ngst aufgedeckten Zinsmanipulationsskandal wird hier noch ermittelt. Bereits jetzt wird jedoch deutlich, wie anf&auml;llig die ohne Kontrollmechanismen laufenden Preisfeststellungssysteme f&uuml;r illegales Handeln sind.\n<p>Geradezu aberwitzig wird die Sache bei den Zinsfeststellungssystemen. Beispiel Libor bzw. Euribor: Hierbei handelt es sich um so genannte Referenzzinss&auml;tze, die als Grundlage f&uuml;r unz&auml;hlige Finanzprodukte fungieren, darunter auch ganz allt&auml;gliche wie  Baudarlehen oder Konto&uuml;berziehungskredite (&ldquo;Dispo&rdquo;). Allein der in London ermittelte Libor vereinigt ein Gesch&auml;ftsvolumen von etwa 500.000 Milliarden US-Dollar auf sich. Ermittelt wird der Libor aufgrund von Meldungen einer Handvoll Gesch&auml;ftsbanken. Diese informieren eine zentrale Stelle telefonisch dar&uuml;ber, zu welchem Zinssatz sie einer anderen Bank einen Kredit gew&auml;hren w&uuml;rden. Wohlgemerkt: W&uuml;rden! Es geht n&auml;mlich nicht um reale Transaktionen, die auch wirklich stattfinden bzw. stattgefunden haben (immerhin liegen solche realen Transaktionen beim Devisenfixing noch vor), sondern quasi um Absichtserkl&auml;rungen. Absichten zu &auml;u&szlig;ern, so wissen wir alle, ist billig; man muss die Absicht, die man kundgetan hat,  ja nicht wirklich verfolgen. Absichtserkl&auml;rungen, an denen Gesch&auml;ftsvolumina in Billionenh&ouml;he h&auml;ngen, sind da schon eine andere Nummer. Besonders erschreckend ist hierbei, dass auch beim Zinsfixing jegliche Kontrolle fehlt. Anders kann man sich den jetzt aufgedeckten Skandal nicht erkl&auml;ren.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Die F&auml;lle, in denen Banken mit satten Strafzahlungen belegt werden, h&auml;ufen sich. Die von der EU-Kommission verh&auml;ngten 1,7 Milliarden Euro nehmen sich, gemessen an der Rekordstrafe von umgerechnet knapp 10 Milliarden Euro, zu der k&uuml;rzlich die amerikanische Gro&szlig;bank JP Morgan wegen ihrer dubiosen Immobilienkredite zur Kasse gebeten wurde, fast bescheiden aus. Solche Strafzahlungen sind f&uuml;r die betroffenen Banken gewiss schmerzlich. Angesichts des weiterhin enormen Gewinnpotenzials tun die Geldbu&szlig;en ihnen jedoch nicht wirklich weh. Schlimmer ist da schon der Imageschaden. Aber was n&uuml;tzt das alles; es bedarf h&auml;rterer Ma&szlig;nahmen. Allgemein werden jetzt nat&uuml;rlich sch&auml;rfere Kontrollen im Zusammenhang mit Zins- und Kusfeststellungssystemen gefordert. Sch&ouml;n und gut, aber was ist mit Ma&szlig;nahmen, die nicht nur ein Herumdoktern am bestehenden System darstellen, sondern zu einem wirklichen Systemwechsel f&uuml;hren? Solche Ma&szlig;nahmen gibt es. Sie werden bereits seit langem diskutiert und reichen von einer Finanztransaktionssteuer &uuml;ber ein Verbot  bestimmter Derivate, ein Unterbinden von Eigenhandelst&auml;tigkeiten der Banken bis hin zur Abtrennung des spekulativen Investmentbanking vom regul&auml;ren Bankgesch&auml;ft. Aber zur Umsetzung solcher Ma&szlig;nahmen fehlte unseren Politikern bislang der Mut. Die Macht der Finanzlobby ist immer noch zu gro&szlig;. Konsequente Ma&szlig;nahmen sind jedoch notwendiger denn je. Denn dies ist das Gebot der Stunde: <strong>Nicht wundern &ndash; handeln!<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] G&uuml;nter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum f&uuml;r schulpraktische Lehrerausbildung in D&uuml;sseldorf und ist Autor mehrerer Lehrb&uuml;cher, eines Bank- und B&ouml;rsenlexikons sowie zahlreicher Aufs&auml;tze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen. Ende August 2013 erschien im Westend-Verlag sein Buch: &bdquo;Das kritische Finanzlexikon&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob Libor, Edelmetallpreise oder Devisenkurse &ndash; die Skandale um tats&auml;chliche oder vorgebliche Manipulationen von Finanz-Referenzwerten h&auml;ufen sich. 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