{"id":19629,"date":"2013-12-11T09:30:53","date_gmt":"2013-12-11T08:30:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19629"},"modified":"2024-09-25T04:46:26","modified_gmt":"2024-09-25T02:46:26","slug":"quo-vadis-bildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19629","title":{"rendered":"Quo vadis Bildung?"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahr und Tag werden uns die &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; und &bdquo;Vorrang f&uuml;r Bildung&ldquo; versprochen. Geschehen ist in all der Zeit nicht wirklich viel. Wird sich dies nun &auml;ndern &ndash; mit und dank der Gro&szlig;en Koalition? <strong>Jens Wernicke<\/strong> sprach mit <strong>Ulrich Th&ouml;ne<\/strong>, ehemaliger Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Th&ouml;ne, inzwischen liegt der Vertrag der geplanten Gro&szlig;en Koalition vor. Wie bewerten Sie diesen?<\/strong><\/p><p>Bis zu den Zeiten der Formulierung eines gemeinsamen Koalitionspapiers war es der SPD in ihren Ver&ouml;ffentlichungen wichtig, die Kernaussage von CDU\/CSU zu kritisieren, ein Gegenkonzept vorzulegen und f&uuml;r die Notwendigkeit eines Wechsels zu werben. Die CDU\/CSU sagen mit der FDP: &ldquo;Deutschland hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich so gut entwickelt wie kaum ein anderer Staat in Europa.&rdquo; Das steht jetzt als eine der ersten Aussagen im Koalitionsprogramm. Alles sei auf dem richtigen Weg und es gehe darum, diesen Weg weiterzuverfolgen und ihn auszubauen. Oder anders ausgedr&uuml;ckt: Kritik an den Grundlinien dieser Politik sind v&ouml;llig verkehrt.<br>\n&nbsp;<br>\nVor&nbsp;den Wahlen hat sich die SPD&nbsp;v&ouml;llig zu Recht und in &Uuml;bereinstimmung mit einer gro&szlig;en Mehrheit in der Bev&ouml;lkerung f&uuml;r die Korrektur der &ouml;konomisch sch&auml;dlichen&nbsp;stark ungleichen&nbsp;Verteilung von Einkommen und Verm&ouml;gen ausgesprochen. Trotz einer partei&uuml;bergreifenden Mehrheit im Bundestag f&uuml;r diese Position hat sie sich jetzt f&uuml;r die vermutlich k&uuml;nftige Regierung davon total verabschiedet. Nat&uuml;rlich hat das Folgen. Der Staat hat bei dieser Finanzpolitik kein&nbsp;Geld, um die Ausgaben f&uuml;r Bildung z.B. nennenswert zu steigern.&nbsp;<\/p><p><strong>Und was bedeutet das f&uuml;r den Bildungsbereich?&nbsp;<\/strong><\/p><p>Dieses Koalitionsprogramm geht davon&nbsp;aus,&nbsp;dass in den Jahren &ldquo;2009 und 2010 in Deutschland jeweils 9,5% des BIP f&uuml;r Bildung, Forschung und Wissenschaft ausgegeben&rdquo; (Destatis, Bildungsfinanzbericht 2012, S.16) wurde. Das Ziel des &ldquo;Bildungsgipfels&nbsp;von Dresden 2008&rdquo;, n&auml;mlich 10% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) f&uuml;r Bildung (7%) und Forschung (3%) einzusetzen sei damit erreicht. Deshalb formuliert der Koalitionsvertrag vage, dass die neue Bundesregierung &ldquo;die Mittel f&uuml;r Bildung &hellip; nochmals erh&ouml;hen&rdquo; wolle.<br>\n&nbsp;<br>\nDas aber steht in direktem Gegensatz zu dem, was die SPD, aber auch der DGB,&nbsp;auf Bundesebene&nbsp;dazu beschlossen hat.&nbsp;Ein solches Bild kann von niemandem gemalt werden,&nbsp;die oder der<\/p><ul>\n<li>die katastrophale&nbsp;Situation der Lehre an den meisten Hochschulen,<\/li>\n<li>die untragbaren Verh&auml;ltnisse bei der individuellen Ausbildungsf&ouml;rderung BAF&Ouml;G),<\/li>\n<li>die eklatanten M&auml;ngel bei der Umsetzung der letztlich bescheidenen Ziele der &ouml;ffentlichen Einrichtungen f&uuml;r Kinder und Jugendliche,<\/li>\n<li>die schlechte Bezahlung der Erzieherinnen,<\/li>\n<li>den enormen Personalmangel in Deutschlands Schulen &ndash; der Kehrseite einer ungeheuren&nbsp;Arbeitsbelastung und Arbeitshetze&nbsp;f&uuml;r Lehrerinnen und Lehrer &ndash; (Deutschland hat den&nbsp;schlechtesten Platz bei der Sch&uuml;ler-Lehrer Relation im OECD Vergleich&nbsp;&ldquo;erfolgreich verteidigt&rdquo;),<\/li>\n<li>die nach wie vor hohe Zahl von Jugendlichen ohne Ausbildung und<\/li>\n<li>den&nbsp;Wettbewerb mit Malta, um die schlechteste Versorgung von Weiterbildung in Europa <\/li>\n<\/ul><p>vor Augen hat.<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Aber die Bildungsausgaben wurden in den letzten Jahren doch massiv erh&ouml;ht. <\/strong><\/p><p>Nicht wirklich. Stattdessen&nbsp;haben die Statistiker der abgew&auml;hlten Schwarz-Gelben Regierung kurzerhand u.a. gesch&auml;tzte Ausgaben von 5,5 Mrd. &euro; der Privathaushalte f&uuml;r den Nachhilfeunterricht, 7,6 Mrd. &euro; f&uuml;r das Kindergeld und 8,7 Mrd. &euro; aus den damaligen Konjunkturprogrammen, mit denen die Wirtschaft stabilisiert wurde, den Bildungsausgaben zugeschlagen. (Bildungsfinanzbericht 2012)<br>\n&nbsp;<br>\nIn ihren &ouml;ffentlichen Beschl&uuml;ssen ist die SPD immer von den Grundlagen der international vergleichbaren OECD Statistik ausgegangen. Danach hat Deutschland 2010 5,3 % f&uuml;r Bildung ausgegeben. Allein um die Bildungsausgaben an die durchschnittlich in der OECD &uuml;blichen Ausgabequoten angleichen zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssten die Ausgaben um j&auml;hrlich ca. 20 Mrd. &euro; gesteigert werden. Dann w&auml;ren di deutschen Bildungsausgaben OECD weit durchschnittlich, allerdings ohne den Nachholbedarf ausgeglichen zu haben.<br>\n&nbsp;<br>\nIm Koalitionsvertrag wurde festgehalten:&nbsp;&ldquo;Bildung, Wissenschaft und Forschung sind ein Kernanliegen der Koalition.&rdquo; Geht man so mit einem Kernanliegen um?<br>\n&nbsp;<br>\n<strong>Was w&auml;re also stattdessen notwendig&hellip;?<\/strong><\/p><p>Die schwarz-gelbe Koalition hatte 2009 in ihren Zielen formuliert: &ldquo;Wir wollen Deutschland zur Bildungsrepublik machen, mit den besten Kindertagesst&auml;tten, den besten Schulen und Berufsschulen sowie den besten Hochschulen und Forschungseinrichtungen, d.h. die bestm&ouml;gliche Bildung f&uuml;r alle.&rdquo;<\/p><p>&ldquo;Schwarz-Rot&rdquo; zieht sich dagegen viel weiter ins Nirwana des &ldquo;Kernanliegens&rdquo; zur&uuml;ck. Die Koalition&auml;re wissen, dass der Staat f&uuml;r die dringend ben&ouml;tigen Verbesserungen Geld braucht. Aber das wollen sie ihm nicht geben. Im Vergleich zu den Bildungsausgaben von D&auml;nemark z.B. m&uuml;ssten die Bildungsausgaben in Deutschland um 77 Mrd. &euro; j&auml;hrlich gesteigert werden.<br>\n&nbsp;<br>\nSchwarz -Rot wird mit nahezu 80% den Bundestag majorisieren. Ein kr&auml;ftiges Argument k&ouml;nnte die Notwendigkeit sein, starke Mehrheiten f&uuml;r einen Aufbruch schaffen zu m&uuml;ssen &ndash; so wie in Finnland in den 70er. Aber nicht einmal das mittlerweile von fast allen als falsch angesehene Kooperationsverbot, das hei&szlig;t die finanzielle Beteiligungsm&ouml;glichkeit des Bundes an Bildungsausgaben der L&auml;nder, soll korrigiert werden. Daf&uuml;r droht im L&auml;nderfinanzausgleich eine weitere Entsolidarisierung. Gleichzeitig wird die Chance leichtfertig vertan, aus der Verpflichtung zur inklusiven Bildung einen Schritt zur Verbesserung der&nbsp;Bildungseinrichtungen zu machen und den Kinder und Jugendlichen sowie den beteiligten P&auml;dagoginnen und P&auml;dagogen drohen weitere unzumutbare Verschlechterungen.<br>\n&nbsp;<br>\nSo wird Deutschland&nbsp;die Abh&auml;ngigkeit des Bildungserfolgs der Kinder&nbsp;vom Geldbeutel der Eltern&nbsp;festigen und ausbauen. Was wir aber brauchen, ist das genaue Gegenteil. Und das ist unm&ouml;glich zu erreichen ohne eine massive Erh&ouml;hung der Mittel. <\/p><p><strong>Sie empfehlen den &uuml;ber den Vertrag abstimmenden Sozialdemokraten also &hellip; was?<\/strong><\/p><p>Ich bin kein Mitglied der SPD. Ich werbe daf&uuml;r, den Koalitionsvertrag aufmerksam und genau zu lesen und sich dann ein eigenes Urteil zu bilden.<\/p><p><em>Die Positionen des Interviewpartners geben nicht zwingend die Positionen der NachDenkSeiten-Redaktion wieder. Sehr wohl aber sollen sie eines: &hellip;zum Nachdenken anregen.<\/em><\/p><p><strong>Ulrich Th&ouml;ne<\/strong>, geboren 1951 in Paderborn. Nach erfolgreichem Abschluss einer Berufsausbildung zum Bankkaufmannsgehilfen studierte er Wirtschafts- und Sozialwissenschaft sowie P&auml;dagogik an der Uni M&uuml;nster. 1999 &uuml;bernahm er den Vorsitz der GEW Berlin, 2002 wurde er als Vorsitzender der GEW Berlin best&auml;tigt. 2005 w&auml;hlten ihn die Delegierten des 25. Gewerkschaftstages der GEW in Erfurt zum Vorsitzenden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahr und Tag werden uns die &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; und &bdquo;Vorrang f&uuml;r Bildung&ldquo; versprochen. Geschehen ist in all der Zeit nicht wirklich viel. 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