{"id":19646,"date":"2013-12-12T16:13:25","date_gmt":"2013-12-12T15:13:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19646"},"modified":"2020-02-20T10:24:01","modified_gmt":"2020-02-20T09:24:01","slug":"wie-diw-praesident-fratzscher-den-deutschen-exportueberschuss-liquidieren-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19646","title":{"rendered":"Wie DIW-Pr\u00e4sident Fratzscher den deutschen Export\u00fcberschuss liquidieren will"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt hat <em>Marcel Fratzscher<\/em> &ndash; nach l&auml;ngerer Abwartezeit  &ndash; seine pers&ouml;nliche Meinung zum Problem der deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse publiziert. Diese seien ein Problem <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.431933.de\/13-47-6.pdf\">f&uuml;r Deutschland aber nicht f&uuml;r die Welt [PDF &ndash; 88.9 KB]<\/a>. Es ist h&ouml;chst aufschlussreich, diese Variante der Problembehandlung des neuen DIW-Pr&auml;sidenten kurz n&auml;her zu zeigen.<br>\nZun&auml;chst verwahrt sich <em>Fratzscher<\/em> gegen den Vorwurf, dass die deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse &bdquo;eine Mitschuld&ldquo; an der europ&auml;ischen Krise haben. &bdquo;Dieser Vorwurf ist falsch.&rdquo; &ldquo;Die hohe Sparquote und die Export&uuml;bersch&uuml;sse haben Deutschlands Wohlstand verschlechtert, nicht verbessert.&rdquo; Wodurch ist dann die europ&auml;ische Finanzkrise eskaliert? Hier gelangt Fratzscher bereits &ldquo;auf d&uuml;nnes Eis&rdquo;, denn er ignoriert die Meinung vieler anderer Makro&ouml;konomen, um die deutsche Interessenlage im Export &ldquo;aus der Schusslinie&rdquo; zu nehmen. Von <strong>Karl Mai<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSein wichtigstes Argument hierf&uuml;r lautet: &ldquo;Handel ist kein Nullsummenspiel, bei dem Deutschlands Exporte zu Lasten anderer gehen.&ldquo; Mit dem scheinbar logischen Schluss &bdquo;Handel ist kein Nullsummenspiel&ldquo; wird hierbei verschleiert, dass es sich beim Export- und Leistungsbilanz&uuml;berschuss nicht nur um <em>einfachen<\/em> Handel, sondern um ein komplexes gravierendes Ungleichgewicht in der Wirtschaft handelt, das unter der Tarnkappe &bdquo;Handel&ldquo; daherkommt und zugleich eine  ganz spezifische Ursachen- und Wirkungskomponente einschlie&szlig;t:  die Ungleichgewichte auch der <em>Kapital<\/em>bilanzen, die ein Bestandteil der Leistungsbilanzen sind.<\/p><p>Dem eigentlichen Handels&uuml;berschuss eines Staates steht sein eigenes  Importdefizit gleicher H&ouml;he  gegen&uuml;ber &ndash; und nur diese beiden Seiten der Medaille gleichen sich &bdquo;zu Null&ldquo; aus, sofern man sie je Staat gesondert bemisst.  Hier hat Fratzscher nat&uuml;rlich Recht.  Aber es geht im Kern nicht hierum, sondern um den komplexen Au&szlig;enwirtschaftssaldo eines Staates. Bei Fratzscher  wird hier im Grunde von den Importdefiziten in einem gegebenen Staat abgelenkt, die bei den laufenden Export&uuml;bersch&uuml;ssen gegen&uuml;ber mehreren anderen Staaten entstehen &ndash; die sich dann nicht gesondert &bdquo;zu Null&ldquo; ausgleichen k&ouml;nnen, weil dazu noch die jeweiligen Kapitalbilanzdifferenzen hinzukommen. <em>Es ist eigentlich mit zwei verschiedenen Ma&szlig;st&auml;ben auf zwei Ebenen zu messen. <\/em><\/p><p>Vom Standpunkt eines &bdquo;nationalen Kapitals&ldquo; werden gerade durch solche Ungleichgewichte auf beiden Seiten <em>hohe Gewinne<\/em> realisiert &ndash; beim Export&uuml;berschuss im Verkauf (auch gegen Bankkredite mit hohen Zinsen); beim Importdefizit gleichfalls durch  Senkung des gesamten Binnenbedarfs (infolge der abgesenkten Lohnquote) sowie der zwangsl&auml;ufigen Ableitung der damit &bdquo;eingesparten&ldquo; Finanzierungsmittel indirekt in den eigenen Kapitalexport.  <\/p><p>Dagegen bei <em>Marcel Fratzscher<\/em>: &bdquo;Ein Abbau der hohen Export&uuml;bersch&uuml;sse Deutschlands ist deshalb notwendig. Dies sollten wir nicht durch Schw&auml;chung der Wettbewerbsf&auml;higkeit und Reduzierung der Exporte erreichen, sondern durch bessere Rahmenbedingungen und mehr Anreize f&uuml;r Investitionen &ndash; eine zentrale Aufgabe der neuen Bundesregierung&ldquo;.  Sollen diese &bdquo;mehr Anreize f&uuml;r Investitionen&ldquo; vom <em>Staat<\/em> trotz Fortsetzung der harten fiskalischen Sparpolitik mobilisiert werden? W&uuml;rde man sich damit nicht  jener Finanzierungsmittel geradezu berauben, die man investieren will?<\/p><p>Diese <em>besseren Rahmenbedingungen<\/em> werden leider durch <em>Fratzscher<\/em> nicht konkretisiert; aber man kann voraussetzen, dass er hierunter die Fortsetzung, Verbreiterung und sogar Versch&auml;rfung der <em>neoliberal<\/em> intendierten, angebotsorientierten Lohnkostensenkungspolitik in der Bundesrepublik versteht. Diese hat jedoch bisher durch <em>die Duldung und F&ouml;rderung einer Politik zur Senkung der Lohnquote<\/em> am BIP  stets  signifikant die Leistungsbilanz<em>&uuml;bersch&uuml;sse<\/em> Deutschlands erh&ouml;ht und keineswegs gesenkt.<\/p><p>Leider bemerkt <em>Fratzscher<\/em> nicht, dass er mit seinem Vorschlag  zu &bdquo;besseren Rahmenbedingungen&ldquo;  auch k&uuml;nftig &bdquo;den Bock zum G&auml;rtner&ldquo; macht, sofern man der Wirtschaftspolitik der Bundesregierung eine Rolle als &bdquo;G&auml;rtner&ldquo; zubilligen will.<\/p><p>&Uuml;berraschend &ldquo;systemkritisch&rdquo; (?)  wirkt daher folgender Satz von Fratzscher: &bdquo;Die hohe Sparquote und Export&uuml;bersch&uuml;sse haben also Deutschlands Wohlstand verschlechtert, nicht verbessert&ldquo;, und er begr&uuml;ndet dies mit &bdquo;&uuml;ber 400 Milliarden Euro&ldquo; seit 1999 erzielten hohen <em>Verlusten<\/em> Deutschlands in seinen Export&uuml;berschussl&auml;ndern. Hier schimmert die oft verdr&auml;ngte Realit&auml;t der zwischenstaatlichen Finanzbeziehungen und deren Bankenfinanzierung durch, ohne die wirklich Verantwortlichen zu benennen. Jedoch ist dieser &bdquo;Verlust&ldquo;  der Preis f&uuml;r die gleichzeitigen <em>immensen<\/em> Gewinne der Kapitalbesitzer, die Deutschland insgesamt aus den Ungleichgewichten gezogen hat, wobei dieser Verlust bisher auch vom Staatshauhalt und letztlich vom Steuerzahler zu tragen ist.<\/p><p>Das <em>IMK<\/em> hat unl&auml;ngst durch Modellrechnungen nachgewiesen, dass die einseitige Angebotspolitik, die durch die &ldquo;Reformen&rdquo; initiiert wurde, im letzten Jahrzehnt sich &auml;u&szlig;erst nachteilig ausgewirkt hat. &ldquo;Aber auch in Deutschland wurden durch diesen einseitigen Policy Mix&rdquo; (der die Nachfragepolitik vernachl&auml;ssigte) &ldquo;Wachstum und Besch&auml;ftigung verschenkt und eine massive Umverteilung zu Gunsten der Besserverdienenden und Verm&ouml;genden betrieben.&rdquo; (<a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_87_2013.pdf\">IMK-Report 87, Nov. 2013, S. 19 [PDF &ndash; 1.8 MB]<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt hat <em>Marcel Fratzscher<\/em> &ndash; nach l&auml;ngerer Abwartezeit &ndash; seine pers&ouml;nliche Meinung zum Problem der deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse publiziert. Diese seien ein Problem <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.431933.de\/13-47-6.pdf\">f&uuml;r Deutschland aber nicht f&uuml;r die Welt [PDF &ndash; 88.9 KB]<\/a>. Es ist h&ouml;chst aufschlussreich, diese Variante der Problembehandlung des neuen DIW-Pr&auml;sidenten kurz n&auml;her zu zeigen.<br \/> Zun&auml;chst verwahrt sich <em>Fratzscher<\/em> gegen den<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19646\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,157,30],"tags":[290,519,380,499,319],"class_list":["post-19646","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-diw","tag-export","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19646","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19646"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19646\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58653,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19646\/revisions\/58653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19646"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19646"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19646"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}