{"id":19650,"date":"2013-12-13T09:48:34","date_gmt":"2013-12-13T08:48:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19650"},"modified":"2015-10-14T10:26:54","modified_gmt":"2015-10-14T08:26:54","slug":"die-debatte-um-die-rente-mit-63-wieder-einmal-ein-musterbeispiel-von-meinungsmache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19650","title":{"rendered":"Die Debatte um die Rente mit 63 \u2013 wieder einmal ein Musterbeispiel von Meinungsmache"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/rente-mit-63-eine-fruehverrentungswelle-schwappt-heran-12708518.html\">&bdquo;Eine Fr&uuml;hverrentungswelle schwappt heran&ldquo;<\/a>, so macht  die wirtschaftsliberale FAZ auf und die angeblich sozial-liberale Frankfurter Rundschau titelt <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/rente-im-koalitionsvertrag-fruehe-rente-benachteiligt-frauen,1472780,25599496.html\">&bdquo;Fr&uuml;he Rente benachteiligt Frauen&ldquo;<\/a>. Die Vork&auml;mpfer der Rente mit 67 machen mit massiver propagandistischer Unterst&uuml;tzung des Bundessozialministeriums und der Deutschen Rentenversicherung gegen die im Koalitionsvertrag zwischen CDU\/CSU und SPD vereinbarte Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren mobil. Keiner redet mehr &uuml;ber die Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente, die mit den Rentenreformen insgesamt und zus&auml;tzlich mit der Rente mit 67 politisch ausgel&ouml;st wurde. Dass 2011 gerade einmal 12,5 Prozent der 63-J&auml;hrigen tats&auml;chlich noch vollzeitbesch&auml;ftigt waren, dar&uuml;ber spricht niemand. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5904\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19650-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131213_Rente_mit_63_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131213_Rente_mit_63_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131213_Rente_mit_63_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131213_Rente_mit_63_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19650-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/131213_Rente_mit_63_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"131213_Rente_mit_63_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass mit dem Koalitionsvertrag die mit den Rentenreformen verbundene Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente vor allem mit der Senkung des Rentenniveaus auf 42 Prozent und der Rente mit 67 festgeschrieben wurde, darf aus Sicht der Tugendw&auml;chter der neoliberalen &bdquo;Reformpolitik&ldquo; nicht ins allgemeine &ouml;ffentliche Bewusstsein vordringen. Um von dieser &bdquo;Schuld&ldquo; gegen&uuml;ber s&auml;mtlichen Rentnern abzulenken, hat die SPD im Koalitionsvertrag (auf Dr&auml;ngen der Gewerkschaften) darauf gepocht, dass die &bdquo;kleinen Leute&ldquo; (Sigmar Gabriel) ab dem 1. Juli 2014 nach 45 &bdquo;Beitragsjahren&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19448\">wohlgemerkt nicht &bdquo;Versicherungszeit&ldquo;<\/a>) im Alter von 63 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen k&ouml;nnen sollten. <\/p><p>(Das Detail, dass das mit dem Alter von 63 Jahren nicht ganz so w&ouml;rtlich zu nehmen ist, weil diese vorzeitige Verrentung parallel zur Einf&uuml;hrung der Rente mit 67 auf die heute (noch) geltenden 65 Jahre als fr&uuml;hestm&ouml;glicher Ausstieg ansteigen wird, lassen wir an dieser Stelle einmal au&szlig;en vor.)<\/p><p>Doch f&uuml;r alle Hardliner der neoliberalen Agenda-&bdquo;Reformen&ldquo;, ging selbst diese &bdquo;Aufweichung&ldquo; zu weit, sie wollen bedingungslos an der Rente mit 67 festhalten und sogar noch dar&uuml;ber hinaus, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung koppeln.<br>\n(Siehe z.B. die <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Chance2020-das-marktwirtschaftliche-Reformpaket.html\">&bdquo;Chance 2020&ldquo;<\/a> der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), wohl wissend, dass damit faktisch durch die monatlichen Abschl&auml;ge nur eine weitere Rentenk&uuml;rzung verbunden ist.)<\/p><p>Es war also vorhersehbar, dass diese mit verfl&uuml;chtigender Tinte geschriebene &bdquo;Handschrift&ldquo; der SPD im Koalitionsvertrag aus dem Lager der neoliberalen Propagandaagenturen mit allen Mitteln bek&auml;mpft werden w&uuml;rde. <\/p><p>Eine Anfrage des Gr&uuml;nen-Abgeordneten Markus Kurth an die Bundesregierung bot nun dazu die passende Munition. Nach Angaben des Arbeitsministeriums w&auml;ren im Jahr 2011 rund 92.000 M&auml;nner, also jeder zweite m&auml;nnliche Neurentner zwischen 63 und 65 Jahren (!) (einschlie&szlig;lich aller Zeiten der Arbeitslosigkeit) in den Genuss einer solchen abschlagsfreien Rente gekommen. Und weil diese &bdquo;schwappende Fr&uuml;hverrentungswelle&ldquo; noch nicht Drohkulisse genug ist, musste noch ein Gerechtigkeitsargument her: Die Deutsche Rentenversicherung (die eigentlich die Interessenvertretung der Rentenversicherten sein m&uuml;sste), musste statistisch die bestehende Ungerechtigkeit belegen, dass von der bestehenden Ausnahmeregelung von der Rente mit 67 zu 86 Prozent ausschlie&szlig;lich die M&auml;nner profitierten, die ohnehin eine (im Schnitt bei allerdings nur bei 1465 Euro liegende) h&ouml;here Rente als die Frauen bez&ouml;gen. <\/p><p>Da hatte man dann wieder das moralische Argument der Benachteiligung von Frauen, mit dem die generelle Verschlechterung (f&uuml;r Mann und Frau) zum argumentativen Hebel genutzt werden konnte, dass es jedenfalls auch den M&auml;nnern nicht besser gehen darf. <\/p><p>Auf die Idee, wie man die schlechteren Bedingungen f&uuml;r die geringeren Rentenanwartschaften der Frauen verbessern k&ouml;nnte, kommt nat&uuml;rlich niemand. Nein, geschlechterneutral soll es allen schlechter gehen. Es ist ja nicht das erste Mal, dass der Ge<em>&ldquo;schlechter&ldquo;<\/em>-Kampf  als propagandistischer Hebel zu einer <em>&bdquo;Schlechter&ldquo;<\/em>-Stellung aller, statt zu einer allgemeinen Verbesserung genutzt wird. <\/p><p>Wie sehr dieses Propagandaman&ouml;ver an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht, l&auml;sst sich an der Tatsache erkennen, dass seit der Einf&uuml;hrung der Rente mit 67 im Jahre 2007  immer noch nur 12,5 Prozent der 63-J&auml;hrigen und gerade mal 9,9 Prozent der 64-J&auml;hrigen (M&auml;nner und Frauen) Vollzeitbesch&auml;ftigt sind. (Das sind zwar die Zahlen aus 2011, aber auch das Arbeitsministerium bezieht sich mit seinen Zahlenangaben &uuml;ber die angeblich beg&uuml;nstigten Neurentner auf dieses Jahr. Siehe oben.)  <\/p><p>F&uuml;r alle Zweifler hier das Schaubild: <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/131213_abbIV105-1.gif\" alt=\"Sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung im rentennahen Alter 2000 - 2011\" title=\"Sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung im rentennahen Alter 2000 - 2011\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/tl_files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbIV105.pdf\">Sozialpolitik aktuell [PDF &ndash; 115 KB]<\/a><\/p><p>Wenn also nur noch jeder achte Erwerbst&auml;tige mit 63 Jahren derzeit voll besch&auml;ftigt ist und es mit 64 Jahren 90 Prozent sind, die nicht mehr vollzeitbesch&auml;ftigt sind, dann l&auml;sst sich an dieser Tatsache, die ganze Absurdit&auml;t, ja der Zynismus der aktuellen Debatte ausmachen. <\/p><p>Zynisch deshalb, weil v&ouml;llig au&szlig;er acht gelassen wird, dass ohne eine abschlagfreie Rente mit 63 (wohlgemerkt nach 45 Versicherungsjahren) schon heute Renteneinbu&szlig;en (z.B. aufgrund von weniger Rentenpunkten wegen Teilzeitarbeit) oder Rentenabschl&auml;ge (z.B. 3,6% pro Jahr wegen Fr&uuml;hverrentung) in Kauf genommen werden m&uuml;ssen &ndash;  und das bei einer Durchschnittsrente f&uuml;r M&auml;nner bei nur 1465 Euro und bei einem Eckrentner der 45 Jahre durchschnittliche Beitr&auml;ge eingezahlt hat mit einer Rente von  schmalen 1250 Euro. <\/p><p>Diese f&uuml;r jeden Arbeitnehmer keineswegs erfreulichen Zahlen werden selbstverst&auml;ndlich nicht so gern genannt. Sie w&uuml;rden n&auml;mlich konkret machen, was die derzeitigen Abz&uuml;ge f&uuml;r den einzelnen Rentner bedeuten. Daf&uuml;r werfen diejenigen in den Zeitungsredaktionen, die sich gar nicht vorstellen k&ouml;nnen, wie man mit einer Rente von 1250 Euro leben kann, lieber mit den 3,5 bis 4,5 Milliarden Euro-Betr&auml;gen um sich, die angeblich die abschlagfreie Rente mit 63 Jahren kosten k&ouml;nnte. <\/p><p>Diesen Mehraufwand m&uuml;ssten im &Uuml;brigen ausschlie&szlig;lich die Beitragszahler in die Rentenversicherung aufbringen, also zum ganz &uuml;berwiegenden Teil nicht diejenigen, die jetzt das Maul &uuml;ber diese &bdquo;Verg&uuml;nstigung&ldquo; aufrei&szlig;en. Sie tun so, als m&uuml;ssten die Steuerzahler daf&uuml;r gerade stehen. <\/p><p>Dass allerdings sowohl die Formulierungen im Koalitionsvertrag und schon gar die j&uuml;ngste Debatte um die Aufweichung der Rente mit 67 hinter die geltende Gesetzeslage zur&uuml;ck fallen, ist schon ganz der allgemeinen Gehirnw&auml;sche zum Opfer gefallen:<br>\nIm Sechsten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VI) ist die Verpflichtung festgelegt worden, wonach &bdquo;die Bundesregierung den gesetzgebenden K&ouml;rperschaften vom Jahre 2010 an alle vier Jahre &uuml;ber die Entwicklung der Besch&auml;ftigung &auml;lterer Arbeitnehmer zu berichten und eine Einsch&auml;tzung dar&uuml;ber abzugeben [hat], ob die Anhebung der Regelaltersgrenze unter Ber&uuml;cksichtigung der Entwicklung der Arbeitsmarktlage sowie der wirtschaftlichen und sozialen Situation &auml;lterer Arbeitnehmer weiterhin vertretbar erscheint und die getroffenen gesetzlichen Regelungen bestehen bleiben k&ouml;nnen&ldquo; (&sect; 154 Absatz 4 SGB VI)<\/p><p>So wie die oben dargestellte Entwicklung tats&auml;chlich aussieht, sind noch nicht einmal die Voraussetzungen f&uuml;r die Umsetzung der Rente mit 67 erf&uuml;llt. <\/p><p>Bei der aktuellen Kritik an der abschlagsfreien Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren handelt es sich somit um nichts anderes, als um ein Musterbeispiel neoliberaler Meinungsmache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/rente-mit-63-eine-fruehverrentungswelle-schwappt-heran-12708518.html\">&bdquo;Eine Fr&uuml;hverrentungswelle schwappt heran&ldquo;<\/a>, so macht die wirtschaftsliberale FAZ auf und die angeblich sozial-liberale Frankfurter Rundschau titelt <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/rente-im-koalitionsvertrag-fruehe-rente-benachteiligt-frauen,1472780,25599496.html\">&bdquo;Fr&uuml;he Rente benachteiligt Frauen&ldquo;<\/a>. Die Vork&auml;mpfer der Rente mit 67 machen mit massiver propagandistischer Unterst&uuml;tzung des Bundessozialministeriums und der Deutschen Rentenversicherung gegen die im Koalitionsvertrag zwischen CDU\/CSU und SPD vereinbarte Rente mit 63 nach 45 Versicherungsjahren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19650\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,107,12,39],"tags":[745,1542,248,301],"class_list":["post-19650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-manipulation-des-monats","category-rente","tag-erwerbstaetige","tag-faz","tag-frankfurter-rundschau","tag-rentenalter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19650"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19650\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19669,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19650\/revisions\/19669"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}