{"id":19661,"date":"2013-12-14T17:20:03","date_gmt":"2013-12-14T16:20:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19661"},"modified":"2015-10-14T10:52:16","modified_gmt":"2015-10-14T08:52:16","slug":"zum-mitgliederentscheid-die-resignation-wird-zunehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19661","title":{"rendered":"Zum Mitgliederentscheid \u2013 Die Resignation wird zunehmen"},"content":{"rendered":"<p>Das Ergebnis der Mitgliederbefragung ist so, wie es die Parteif&uuml;hrung der SPD erwartet und sich ausgerechnet hat. Knapp 76 Prozent der 370.000 abstimmenden Mitglieder haben dem Koalitionsvertrag zugestimmt, rd. 24 Prozent haben ihn abgelehnt. Mit diesem Ergebnis k&ouml;nnen die Parteispitze und die SPD-Mitglieder im Kabinett jegliche Kritik an der Regierungspolitik in den kommenden Jahren abwehren, schlie&szlig;lich hat ja eine gro&szlig;e Mehrheit der Parteimitglieder dem Koalitionsvertrag zugestimmt. Die SPD wird stolz auf ihre Regierungsbeteiligung sein und sie wird &ndash; wie schon in der rot-gr&uuml;nen Regierung und danach in der Gro&szlig;en Koalition &ndash; die Politik der Kanzlerin Merkel diszipliniert mittragen.<br>\nDer Mitgliederentscheid ist kein Aufbruch zu mehr Demokratie, sondern er wird vor allem in der Arbeitnehmerschaft die politischen Ohnmachtsgef&uuml;hle noch steigern und zu noch mehr Resignation f&uuml;hren.  Von <strong>Wolfgang Lieb <\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWir haben auf den NachDenkSeiten mehrfach <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19448\">dargestellt<\/a>, dass die Art dieser &bdquo;Mitgliederbeteiligung&ldquo; vor allem ein taktisches Man&ouml;ver der Parteif&uuml;hrung war, eine Analyse des zweitschlechtesten Wahlergebnisses und ggf. eine daraus abzuleitende personelle Erneuerung der Parteispitze und damit des politischen Kurses <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18914\">zu verhindern<\/a>.  <\/p><p>Unter dem Motto Willy Brandts &bdquo;Mehr Demokratie wagen&ldquo;, das f&uuml;r viele SPD-Mitglieder einen hohen Sympathiewert besitzt, haben die Parteif&uuml;hrung und die (&uuml;ber den Parteikonvent eingebundenen) Parteifunktion&auml;re mit Unterst&uuml;tzung der allermeisten Medien geradezu eine Kampagne f&uuml;r eine Zustimmung zur Koalitionsvereinbarung zwischen CDU\/CSU und SPD organisiert. <\/p><p>Es ist durchaus legitim, dass diejenigen, die einen Vertrag ausgehandelt haben, f&uuml;r das erzielte Verhandlungsergebnis werben, aber zu &bdquo;Demokratie wagen&ldquo; h&auml;tte ein faire Information &uuml;ber Pro und Kontra und eine offene Debatte geh&ouml;rt. S&auml;mtliche &bdquo;Mitgliederbriefe&ldquo; oder auch die Durchf&uuml;hrung der Regionalkonferenzen waren jedoch darauf angelegt, um eine Zustimmung zu werben. Die gesamte Parteif&uuml;hrung &ndash; und zwar nicht nur an der Spitze, sondern auch auf allen Funktion&auml;rsebenen &ndash; hat die Mitglieder nicht zu einer Abstimmung &uuml;ber die Inhalte des Koalitionsvertrages aufgerufen, sondern sie hat in guter alter Schr&ouml;der-Manier die Mitglieder sozusagen vor eine &bdquo;Vertrauensfrage&ldquo; gestellt. <\/p><p>Die Kritiker einer Gro&szlig;en Koalition oder an den Inhalten der Koalitionsvereinbarungen kamen in der innerparteilichen Kommunikationsstruktur kaum zu Wort und auf den Konferenzen vor Ort wurden kontroverse Debatten &bdquo;von unten&ldquo; schon durch die Vorgabe des Verfahrens geradezu systematisch verhindert. So durften z.B. keine Diskussionsbeitr&auml;ge abgegeben, sondern nur Fragen gestellt werden, die Wortmeldungen der Anwesenden wurden auf zwei oder drei Minuten begrenzt, w&auml;hrend die Parteif&uuml;hrung oder Mitglieder der Verhandlungsdelegationen beliebig lange ihre Positionen darstellen und verteidigen konnten.<br>\nTeilweise mussten die Wortmeldungen inhaltlich vorher benannt werden und so konnten die Verhandlungsleitungen die Reihenfolge der Redner oder auch die anzusprechenden Themen beliebig bestimmen. So konnte die Debatte im Wesentlichen auf die angeblichen sozialdemokratischen Erfolge bei den Koalitionsverhandlungen, also den Mindestlohn, die abschlagsfreie Rente mit 63 oder die Mietpreisbremse eingeschr&auml;nkt werden. Der Koalitionsvertrag insgesamt oder die anderen im SPD-&bdquo;Regierungsprogramm&ldquo; auf einem Parteitag beschlossenen Ziele konnten gar nicht erst angesprochen oder kritisiert werden.<br>\nUnd schon gar nicht konnte die Frage diskutiert werden, warum die SPD bei der letzten Wahl so schlecht abgeschnitten hat. <\/p><p>Die Parteif&uuml;hrung und die f&uuml;hrenden regionalen Funktion&auml;re und Mandatstr&auml;ger haben die Parteimitglieder eher erpresst, als dass sie eine freie Entscheidung zugelassen h&auml;tten. Hinter den meisten Einlassungen des F&uuml;hrungspersonals stand mehr oder weniger offen ausgesprochen die Drohung: Wehe ihr stimmt nicht zu, dann desavouiert ihr eure gesamte F&uuml;hrungsmannschaft, dann st&uuml;rzt die Partei in ein Chaos und die Sozialdemokratie verliert jegliches Ansehen und jeden Einfluss. <\/p><p>Mitentscheidend f&uuml;r den Ausgang des Mitgliedervotums war auch, die Empfehlung nahezu aller Gewerkschaftsf&uuml;hrungen dem Koalitionsvertrag zuzustimmen. Ich habe nach der Entscheidung der SPD, einen Mitgliederentscheid durchzuf&uuml;hren, auch mit vielen Gewerkschaftern und mit Vertrauensleuten in Betrieben gesprochen. Da gab es durchweg eine geh&ouml;rige Skepsis nicht nur gegen eine Gro&szlig;e Koalition als solche sondern auch gegen&uuml;ber dem Koalitionsvertrag. Dennoch wollten die allermeisten meiner Gespr&auml;chspartner, die gleichzeitig SPD-Mitglieder waren, f&uuml;r die Vereinbarungen stimmen.<\/p><p>Die Verankerung des Mindestlohns hat f&uuml;r die aktiven Gewerkschafter eine hohe symbolische Bedeutung. Man h&auml;tte nun schlie&szlig;lich seit nahezu 10 Jahren daf&uuml;r &bdquo;gek&auml;mpft&ldquo;, war der Tenor.  Die schlichte R&uuml;ckfrage, dass 8,50 Euro vor 10 Jahren heute und schon gar im Jahre 2015 schon l&auml;ngst nicht mehr die gleiche Kaufkraft ausmachten, wurde mit dem resignativen Eingest&auml;ndnis hingenommen, dass die Gewerkschaften ohne die Politik, selbst diesen durch die Geldentwertung abgeschmolzenen Betrag eben nie h&auml;tte durchsetzen k&ouml;nnen. &Auml;hnlich pessimistisch waren auch die Einsch&auml;tzungen, dass die Gewerkschaften ohne die Politik gegen die ausufernde Leiharbeit ank&auml;mpfen k&ouml;nnten. Selbst die v&ouml;llig unzureichende Regelung im Koalitionsvertrag mit einer H&ouml;chst&uuml;berlassungsdauer von 18 Monaten galt f&uuml;r die Gewerkschafter als ein hinnehmbarer Anfang. An eine R&uuml;ckkehr zu einer armutsfesten gesetzlichen Rente oder ein Aussetzen der Rente mit 67 glaubten meine Gespr&auml;chspartner &ndash; obwohl sie das Thema Rente be&auml;ngstigt &ndash; alle nicht mehr. Insoweit war f&uuml;r sie auch das Minimalergebnis einer abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ein kleiner Lichtblick.<\/p><p>(Die Gewerkschaftsfunktion&auml;re mussten dabei nat&uuml;rlich einr&auml;umen, dass sie dabei vor allem von den gewerkschaftlich noch einigerma&szlig;en gut organisierten Stammbelegschaften gedr&auml;ngt werden. Denn gerade diese Gruppe der Arbeitnehmer d&uuml;rfte von dieser Regelung profitieren.)<\/p><p>Mit einem gewissen Erschrecken wurde mir bei diesen Gespr&auml;chen deutlich unter welchem Druck Arbeitnehmer in den Betrieben von Seiten der Arbeitgeber stehen. Die Drohung des Verlustes von Arbeitspl&auml;tzen und die permanente Erfahrung der Ohnmacht gegen&uuml;ber den Betriebsf&uuml;hrungen hat Mut und Kampfbereitschaft erlahmen lassen. Streiks f&uuml;r Mindestl&ouml;hne oder f&uuml;r die Einschr&auml;nkung der Leiharbeit oder gar ein politischer Streik f&uuml;r eine bessere gesetzliche Altersvorsorge erscheinen als von vorneherein nicht mehr organisierbar und dar&uuml;ber hinaus zum Scheitern verurteilt. Auch in der Linkspartei wird keine politische Kraft gesehen, die auf absehbare Zeit die n&ouml;tige politische Begleitung zur Durchsetzung von solchen Forderung bieten k&ouml;nnte. <\/p><p>Aus meinen Gespr&auml;chen habe ich mitgenommen, dass meine Kritik am Koalitionsvertrag in der Sache durchaus geteilt wurde und dass man im Grundsatz nat&uuml;rlich f&uuml;r eine viel weitergehende Durchsetzung von Arbeitnehmerinteressen und &ndash;rechten ist, dass sich aber die Arbeitnehmer mit ihren Gewerkschaften als viel zu schwach einsch&auml;tzen, hier alleine Durchbr&uuml;che erzielen zu k&ouml;nnen. Deshalb setzen sie ihre letzte Hoffnung auf die Politik und lassen sich von den angeblichen &bdquo;Erfolgen&ldquo; der SPD bei den Koalitionsverhandlungen beeindrucken. Der Koalitionsvertrag gilt angesichts der aussichtslos eingesch&auml;tzten Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse als der letzte Strohhalm.<\/p><p>Diese resignative Haltung der Gewerkschafter an der Basis entspricht wohl der allgemeinen Stimmungslage innerhalb der Arbeitnehmerschaft. Es ist geradezu tragisch, dass sie auf die Politik keine gr&ouml;&szlig;eren Hoffnungen mehr setzen, als das was in den Koalitionsvereinbarungen erreicht worden ist. Und mit der nun kommenden Gro&szlig;en Koalition werden vermutlich selbst diese Hoffnungsschimmer noch dunkler werden. <\/p><p>Und hier noch zur Dokumentation die Erfolgsmeldung von Sigmar Gabriel und Andrea Nahles:<\/p><blockquote><p>369.680 Mitglieder unserer SPD haben heute gemeinsam Demokratiegeschichte geschrieben. Zum ersten Mal hat eine Partei in Deutschland einen ausgehandelten Koalitionsvertrag und damit die Entscheidung &uuml;ber die Bildung einer Bundesregierung ihren Mitgliedern zur Abstimmung vorlegt. Jedes SPD-Mitglied hatte eine Stimme und damit die gleiche Verantwortung.<\/p>\n<p>77,86 Prozent haben ihre Abstimmungsunterlagen zur&uuml;ckgesandt. Das entspricht nahezu einer Wahlbeteiligung in H&ouml;he der Bundestagswahl vom 22. September diesen Jahres. Tausende Genossinnen und Genossen haben auf den Regionalkonferenzen oder vor Ort &uuml;ber den Koalitionsvertrag mitdiskutiert. Und dar&uuml;ber hinaus sind im Rahmen des Mitgliedervotums &uuml;ber 5.000 neue Mitglieder unserer Partei beigetreten. Wir haben mit diesem Mitgliederentscheid gemeinsam neue Ma&szlig;st&auml;be gesetzt. Und wir haben damit gezeigt: Die Volksparteien haben eine Zukunft, wenn Mitglieder nicht nur Beitragszahler, sondern auch Mitentscheiderinnen und Mitentscheider sind. Bei uns sind sie das!<\/p>\n<p>75,96 Prozent der Mitglieder haben dem Koalitionsvertrag zugestimmt, 23,95 konnten dies nicht. F&uuml;r beide Haltungen gibt es nachvollziehbare Argumente, die jeweils zu respektieren sind. Dieses Mitgliedervotum hat deshalb auch keine Verlierer, gewonnen hat unsere SPD, weil es uns auch gelungen ist, mehr innerparteiliche Demokratie zu wagen. Die meisten von uns sind nicht zuletzt auch deswegen in die SPD eingetreten, weil wir eben kein Wahl-Verein sind, sondern eine diskussionsfreudige Mitgliederpartei. Das wollen wir auch bleiben. Und so weiter Ma&szlig;st&auml;be f&uuml;r Mitgliederbeteiligung setzen. Darum brauchen wir jede und jeden von Euch f&uuml;r den Weg, der jetzt vor uns liegt. Bringt Euch also weiter so intensiv ein, wie wir das gerade in den letzten Wochen erlebt haben.<\/p>\n<p>Mit dem positiven Mitgliedervotum vom heutigen Tage werden wir in der kommenden Woche mit der Union eine Bundesregierung bilden. Es bleibt dabei: Wir machen nicht Politik, weil wir regieren wollen, sondern wir wollen regieren, um bessere Politik f&uuml;r so viele wie m&ouml;glich zu machen. Wir haben den Menschen in unserem Koalitionsvertrag eine konkrete Verbesserung ihrer pers&ouml;nlichen Lebenssituation versprochen: einen fl&auml;chendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, die abschlagsfreie Rente ab 63 mit 45 Beitragsjahren, die Mietpreisbremse und vieles mehr. Diese Zusagen werden wir jetzt Schritt f&uuml;r Schritt auf den Weg bringen.<\/p>\n<p>Dabei ist klar: Auch in der Bundesregierung beh&auml;lt die SPD als Volks- und Mitgliederpartei ihre eigenst&auml;ndige und wichtige Rolle. Wir werden die Regierungspolitik eng mit der Partei r&uuml;ckkoppeln und diskutieren. Es wird keine Politik von oben, sondern eine Politik auf Augenh&ouml;he geben. Wir wollen als SPD auch k&uuml;nftig wichtige Zukunftsdiskussionen f&uuml;hren, wie die Fortentwicklung unseres Programms, die weitere &Ouml;ffnung der Partei sowie die St&auml;rkung der Beteiligungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Euch als die wichtigsten Botschafter unserer Politik. Daf&uuml;r brauchen wir Engagement, Ideen und Kritik von jeder und jedem einzelnen von Euch. Nur so bleibt die SPD stark und attraktiv.<\/p>\n<p>F&uuml;r alles, was Du in den letzten Monaten und Jahren an Zeit und Engagement f&uuml;r unsere gemeinsamen Anliegen eingebracht und getan hast, m&ouml;chten wir Dir herzlich danken. Dir und Deiner Familie w&uuml;nschen wir jetzt eine ruhige Weihnachtszeit und erholsame Feiertage. Lasst uns alle Kraft sch&ouml;pfen f&uuml;r die Zeit, die vor uns liegt, sie wird mindestens genauso spannend.<\/p>\n<p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e<\/p>\n<p>Sigmar Gabriel<br>\nAndrea Nahles<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ergebnis der Mitgliederbefragung ist so, wie es die Parteif&uuml;hrung der SPD erwartet und sich ausgerechnet hat. Knapp 76 Prozent der 370.000 abstimmenden Mitglieder haben dem Koalitionsvertrag zugestimmt, rd. 24 Prozent haben ihn abgelehnt. 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