{"id":197,"date":"2005-06-22T12:56:30","date_gmt":"2005-06-22T11:56:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=197"},"modified":"2020-02-20T10:54:41","modified_gmt":"2020-02-20T09:54:41","slug":"ostdeutschland-im-focus-der-bundestagswahl-2005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=197","title":{"rendered":"Ostdeutschland im Focus der Bundestagswahl 2005"},"content":{"rendered":"<p>Von Karl Mai, Stand: 21.6.05<br>\n<!--more--><br>\nDer Wahlkampf zum Bundestag im Herbst 2005 ist in der Anlaufphase &ndash; alle Parteien polieren ihre aktuellen Wahlprogramme auf. Welche Rolle kommt im W&auml;hlerentscheid dem regionalen &bdquo;Unterentwicklungsproblem Ostdeutschland&ldquo; zu? Immerhin verk&ouml;rpern die Ostdeutschen (mit Berlin) einen Anteil von ca. 20 % der W&auml;hlerschaft, so dass ihr Einfluss auf den Ausgang der Wahlen wiederum f&uuml;r alle Parteien in Ostdeutschland &ndash; wie schon zu fr&uuml;heren Bundestagswahlen &ndash; betr&auml;chtlich sein wird. Diese Parteien sind daher gut beraten, ihre Position zur Perspektive Ostdeutschlands zu kl&auml;ren und vorzutragen, um die kritische W&auml;hlergunst der Ostdeutschen zu gewinnen. <\/p><p><strong>Zur Lagebeurteilung<\/strong><\/p><p>Ein Ausblick auf die Chancen ostdeutscher Entwicklungswege ist daher gerade jetzt von besonderer Bedeutung. Die Lagebeurteilung ist nicht gerade rosig, wenn das Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle seine j&uuml;ngste Untersuchung zu Ostdeutschland tituliert &bdquo;Origin&auml;re Wirtschaftskraft der neuen L&auml;ndern noch schw&auml;cher als bislang angenommen&ldquo; und dazu feststellt: &bdquo;Das auf eigener Wirtschaftskraft (also nicht auf Transferleistungen) basierende BIP je Einwohner liegt bei den derzeitigen Bev&ouml;lkerungszahlen selbst in den wirtschaftsst&auml;rksten Regionen Ostdeutschlands bei nur etwa 55 % des westdeutschen Durchschnittswertes.&ldquo;<br>\nDie drohende Einschr&auml;nkung von Transferleistungen, wie sie im Solidarpakt II angelegt ist und obendrein auch aus der EU-Finanzierungskrise resultieren kann, w&uuml;rde dementsprechend mit sp&uuml;rbaren Einschr&auml;nkungen in der ostdeutschen BIP-Leistung einhergehen, solange und weil die hohe Transferabh&auml;ngigkeit fortbesteht. <\/p><p>Dies besonders vor dem Hintergrund der massiven Versuche, die &ouml;ffentliche breite Meinungsbildung gegen eine weitere Schlie&szlig;ung der Ost-West-Schere in der wirtschaftlichen Leistungsf&auml;higkeit und in den Lebensverh&auml;ltnissen u. a. auch &uuml;ber die hierf&uuml;r erforderlichen finanziellen Transfers zu mobilisieren. So schreibt Horst Siebert in seinem neuesten Buch <strong>&bdquo;Jenseits des sozialen Marktes&ldquo;<\/strong>, das als wirtschafspolitischer Kompass neoliberaler Kreise fungiert: &bdquo;Die Nachfrage nach Transfers w&uuml;rde sich ebenfalls abschw&auml;chen, wenn die Ostdeutschen nicht den v&ouml;llig irrealen Anspruch h&auml;tten, hundertprozentig das Westniveau erreichen zu m&uuml;ssen, und die Tatsache akzeptieren w&uuml;rden, dass sich nicht &uuml;berall in der Bundesrepublik die gleichen Lebensverh&auml;ltnisse durchsetzen lassen und nicht jede Ortschaft des Landes das gleiche Pro-Kopf-Einkommen haben kann.&ldquo; (S. 383) <\/p><p>Leider hat hier Siebert vermieden zu zeigen, wer derartige explizit formulierte Anspr&uuml;che angeblich im Namen &bdquo;der Ostdeutschen&ldquo; in den letzten Jahren deklariert haben soll. Von Wolfgang Thierse wissen wir, dass er im Oktober 2001 folgenden realistischen Standpunkt vertreten hat: &bdquo;Anzustreben ist aber ein Niveau von <strong>mindestens 80 Prozent<\/strong> des westdeutschen Bruttoinlandprodukts pro Einwohner in den n&auml;chsten 10-15 Jahren, also eine Ann&auml;herungs- und Aufholtendenz, nicht ein Gleichstand.&ldquo; Ein Erreichen dieses Niveaus w&uuml;rde dann bedeuten, dass die ostdeutsche Region in die jetzige untere Streubreite westdeutscher L&auml;nder um deren Durchschnittszahl im BIP je Einwohner gelangt. <\/p><p>Die zitierte krasse Unterstellung eines &bdquo;v&ouml;llig irrealen Anspruchs&ldquo; wurde nicht nur von Siebert dazu missbraucht, die westdeutsche Stimmung gegen die ostdeutschen Hoffnungen auf eine aktive Struktur- und Entwicklungspolitik des Staates mittels Transfers zu mobilisieren. Waren doch die ostdeutschen Erwartungen an die rein marktwirtschaftlichen Chancen f&uuml;r den Angleichungserfolg Ost-West seit Jahren anhaltend entt&auml;uscht worden, weil kein weiterer Fortschritt hierin erreicht wurde und sich auch die Schr&ouml;dersche &bdquo;Chefsache Ost&ldquo; im Kern als Flop erwies. <\/p><p><strong>Hinweise aus der Politikberatung durch Wirtschaftsexperten<\/strong><\/p><p>Im letzten Jahresgutachten 2004\/2005 hatte der Sachverst&auml;ndigenrat (SVR) bereits der Bundesregierung einen modifizierten Ma&szlig;stab f&uuml;r die zuk&uuml;nftige Entwicklung vorgegeben: <\/p><p>&bdquo;Die wirtschaftspolitische Aufgabe besteht demnach (weiterhin) darin, die &ouml;konomischen Nachteile der neuen Bundesl&auml;nder durch die unterschiedliche Entwicklung der beiden Gebietsst&auml;nde in der Zeit vor der Vereinigung auszugleichen und Bedingungen f&uuml;r eine sich selbst tragende wirtschaftliche Entwicklung zu schaffen. Dagegen sollte die Wirtschaftspolitik nicht danach streben, einheitliche oder auch nur gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse in ganz Deutschland herstellen zu wollen. Dies ist auch kein Verfassungsgebot.&ldquo; (J.G. Ziff. 614, Hervorhebung von mir &ndash; K. M.)<br>\nDas Grundgesetz fordert zwar ausdr&uuml;cklich von der f&ouml;deralen Finanzausgleichspolitik, &bdquo;dass die Einheitlichkeit der Lebensverh&auml;ltnisse im Bundesgebiet gewahrt wird&ldquo; (GG Artikel 106, Abs. 3, Pkt. 2), aber dies kann der SVR unwidersprochen ignorieren. <\/p><p>Es ist bemerkenswert, dass es angeblich nur um einen Ausgleich f&uuml;r &bdquo;die unterschiedliche Entwicklung der beiden Gebietsst&auml;nde in der Zeit <strong>vor<\/strong> der Vereinigung&ldquo; geht, w&auml;hrend die tiefe De-Industrialisierung durch die Treuhand-&Auml;ra (1991-1994) ignoriert wird, gleichzeitig aber suggeriert werden soll, dass das fr&uuml;her erreichte DDR-Niveau vor 1989 immer noch als aktuelle Ursache f&uuml;r den Ost-West-R&uuml;ckstand gelte. Diese apologetische Sichtweise des SVR wird erg&auml;nzt durch die folgende Feststellung: &bdquo;Dagegen sollte die Wirtschaftspolitik nicht danach streben, einheitliche oder auch nur gleichwertige Lebensverh&auml;ltnisse in ganz Deutschland herstellen zu wollen. Dies ist auch kein Verfassungsgebot.&ldquo;(!) <\/p><p>Damit ist im aktuellen SVR- Jahresgutachten definitiv die Aussage gegen einen weiteren Ost-West-Angleichungsprozess als <strong>Politikempfehlung<\/strong> an die Bundesregierung vorgetragen. Unbek&uuml;mmert argumentiert der SVR gegen die oben zitierte w&ouml;rtliche Bestimmung des GG Artikel 106, Abs. 3, Pkt. 2. Zwar zitiert der SVR in diesem letzten Jahresgutachten dann auch den pr&auml;zisen Entscheid des Bundesverfassungsgerichts vom 24.10.2002, wonach ein Eingreifen der Bundesregierung erst geboten ist, &bdquo;wenn sich die Lebensverh&auml;ltnisse in den L&auml;ndern der Bundesrepublik in erheblicher, das bundesdeutsche Sozialgef&uuml;ge beeintr&auml;chtigender Weise auseinander entwickelt haben oder sich eine derartige Entwicklung konkret abzeichnet.&ldquo; (S. 637) Dies w&uuml;rde sich erst l&auml;ngerfristig voll im politischen Bewusstsein niederschlagen, und vorerst sieht der SVR keinen wirklichen Handlungsbedarf. Dabei bleibt allerdings offen, wie sich sp&auml;ter der eingetretene gr&ouml;&szlig;ere R&uuml;ckstand unter neoliberalen Rahmenbedingungen &uuml;berhaupt vermindern k&ouml;nnte. <\/p><p>Der Verzicht auf eine weitere Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse wird auch von Deutsche Bank Research &bdquo;begr&uuml;ndet&ldquo;: Die vorgelegte Studie vom 10. 11.2004 vermeldet: &bdquo;Das langfristige Wachstumspotenzial der &ouml;stlichen Bundesl&auml;nder liegt aufgrund demografischer Faktoren sp&uuml;rbar unter demjenigen der westlichen Bundesl&auml;nder.&ldquo; Dies schlie&szlig;t einen k&uuml;nftig weiteren Angleichungsprozess in der BIP-Leistung je Kopf nat&uuml;rlich aus. Und: &bdquo; Der Lebensstandard wird zwar weiterhin zunehmen, aber der Abstand zum Westen d&uuml;rfte anwachsen.&ldquo; (S. 1) <\/p><p>Und: &bdquo;Die divergierenden Entwicklungen des Wachstumspotenzials f&uuml;hren in unserem Basisszenarium, das konstante Erwerbspersonenquoten f&uuml;r die Bundesl&auml;nder unterstellt, dazu, dass das BIP pro Kopf in Ostdeutschland <strong>bis 2020<\/strong> von derzeit 64,5 % auf 60 % des Westniveaus sinkt (unter der Annahme gleicher Wachstumsbeitr&auml;ge von Kapital und technischem Fortschritt in Ost und West). &hellip;&ldquo; &bdquo; Damit w&uuml;rde Ostdeutschland <strong>bis 2050<\/strong> wieder auf das Niveau von Mitte der 90er Jahre zur&uuml;ckfallen.&ldquo; (S. 44) <\/p><p>Statt weiterer z&uuml;giger Angleichung wird ein schwerer R&uuml;ckschlag in der wirtschaftlichen Ost-West-Konvergenz prophezeit, dem aus Sicht der Autoren nichts entgegen gesetzt werden kann. Nachdem so die &bdquo;wissenschaftliche Politikberatung&ldquo; den Boden f&uuml;r den Verzicht auf eine weiter Angleichung der Leistungsf&auml;higkeit und der Lebensverh&auml;ltnisse zwischen Ost und West explizit deklariert hat, kommt der vorgebliche &bdquo;irreale Anspruch&ldquo; (Siebert) der Ostdeutschen als generell abwegig heraus. <strong>Nat&uuml;rlich best&uuml;nde dann auch keine Notwendigkeit, in einem Wahlprogramm f&uuml;r 2005 von diesen ausgewiesenen Politikberatern abzur&uuml;cken und eine optimistische &Auml;nderung der volkswirtschaftlichen Ost-West-Diskrepanzen der Entwicklung anzugehen.<\/strong><\/p><p><strong>Eine Zukunftsfrage f&uuml;r Ostdeutschland<\/strong><\/p><p>Es ergibt sich somit die grunds&auml;tzliche Frage, ob und wie bei weiter erschwerten Binnenmarktzugangs- und Wettbewerbsbedingungen Ost, bei schrumpfender Wohnbev&ouml;lkerung und schrumpfender realer Massenkaufkraft, bei Fortgang der hohen Unterbesch&auml;ftigung Ost und der dramatischen Folgen der &ouml;ffentlichen &bdquo;Sparma&szlig;nahmen&ldquo; eine Wende zu h&ouml;herem regionalem Wachstum Ost erreicht werden k&ouml;nnte, um den Angleichungsprozess wieder sp&uuml;rbar voranzubringen. Die zitierte Politikberatung hat sich von dieser Fragestellung befreit. <\/p><p>Eine Erweiterung des ostdeutschen Binnenmarktes durch verbrauchswirksame regionale Mehreinkommen ist nicht in Sicht, da weder die Lohnentwicklung noch die Sozialeinkommen k&uuml;nftig auf einen hinreichenden oder garantierten Inflationsausgleich und auf &bdquo;sozialgerechte&ldquo; Teilhabe am erreichbaren Produktivit&auml;tsfortschritt ausgerichtet sein d&uuml;rften. Die ostdeutschen Landesregierungen stehen in einem destruktiven Wettbewerb um den radikalen Abbau von Tausenden ihrer Besch&auml;ftigten. Auch die wenigen ostdeutschen Gro&szlig;unternehmen fahren fort, ihren Renditeerfolg aus Zahlen des Personalabbaus abzuleiten. Im staatsabh&auml;ngigen Sektor der Regionalwirtschaft tritt die rigorose &bdquo;Sparpolitik&ldquo; hinzu, die insbesondere auf ostdeutscher Landesebene ihren Schlagschatten wirft durch Verringerung von &ouml;ffentlichen Auftr&auml;gen an die privaten Unternehmen. <\/p><p>Die neoliberalen Rezepte wie z. B. generelle Fixierung des Lohnanstiegs unter die Inflations- und Produktivit&auml;tsrate, Ausweitung des Niedriglohnbereiches, Senkung der Stundenl&ouml;hne bei Aufl&ouml;sung der Tarifbindungen (&bdquo;Flexibilisierung&ldquo;), Abbau der Sonderzahlungen (Weihnachts- und Urlaubsgeld), Druck auf die Verl&auml;ngerung der Wochenarbeitszeit sowie Senkung der direkten Steuern und Sozialabgaben rieseln aus allen Medien auf die B&uuml;rger herab.<br>\nF&uuml;r die ostdeutschen Bundesl&auml;nder wird angeraten, die faktische Lohndifferenz zu Westdeutschland im Interesse der h&ouml;heren Wettbewerbsf&auml;higkeit zu akzeptieren. Dies ging bis zur extremen Forderung von Prof. Hans-Werner Sinn, dem &bdquo;Rammbock&ldquo; der Neoliberalen, auch die ALG-II- Zahlungen noch weiter um ca. ein Drittel (gegen&uuml;ber dem derzeitigen Stand) zu reduzieren. <\/p><p>Zu den z&auml;hlebigen Vorschl&auml;gen f&uuml;r eine Belebung der ostdeutschen Investitionslandschaft z&auml;hlt zweifellos das Fixieren der Lohndifferenz Ost zu West, was sich l&auml;ngst zum absoluten Schwerpunkt &bdquo;Niedrigl&ouml;hne Ost&ldquo; gemausert hat. Obgleich bislang die Lohndrift nicht zu einem durchgreifenden Erfolg f&uuml;r die externe Investitionsneigung in den neuen Bundesl&auml;ndern gef&uuml;hrt hat, wird unverdrossen die ideologisch motivierte Lohnkostensenkung trotzdem verfochten. Jede weitere Aufwertung des Euro gegen&uuml;ber dem USA-Dollar soll durch verst&auml;rkte Lohndr&uuml;ckerei ausgeglichen werden. <\/p><p>Die Kehrseite der Friktion des Binnenmarktes bilden die hohen und wieder steigenden deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse sowie die rapide zunehmenden j&auml;hrliche Netto-Geldverm&ouml;gen der Gro&szlig;kapitalbesitzer, die auf den globalen Markt flie&szlig;en. Die Expansion des deutschen Finanzkapitals steht im Mittelpunkt der faktischen Interessen der bisherigen Bundesregierung, selbst wenn dies offiziell verh&uuml;llt wird. Dementsprechend gab es keinen nationalen Impuls daf&uuml;r, die Kapital&uuml;bersch&uuml;sse st&auml;rker in die ostdeutsche Wertsch&ouml;pfung zu lenken und die Ost-West-Angleichungsdifferenz forciert zu vermindern. <\/p><p>Die Nutzung ostdeutscher Potenziale wird derzeit vorrangig als &bdquo;Innovationsoffensive&ldquo; der Bundesregierung angepriesen. Nach der Dezimierung der ostdeutschen F-&amp; E-Basis in der Treuhand-&Auml;ra wurde zuletzt im universit&auml;ren und staatlichen Bereich angestrebt, eine leistungsf&auml;higere F-&amp; E-Struktur wieder aufzubauen und mit der privaten KMU-Industriebasis zu vernetzen. Jedoch die F-&amp; E-Kapazit&auml;ten in den KMU-Unternehmen selbst sind in Ostdeutschland zahlenm&auml;&szlig;ig immer noch zu schwach und sogar wieder r&uuml;ckl&auml;ufig, die eingesetzten Mittel je Mitarbeiter im F- &amp; E-Bereich sind hier halb so hoch wie in Westdeutschland und der finanzielle Unternehmensaufwand im F-&amp; E-Bereich erreicht gerade ca. drei Prozent des vergleichbaren westlichen. Die Leistungsf&auml;higkeit der ostdeutschen F-&amp; E-Landschaft liegt daher insgesamt absehbar weit unter der westdeutschen, die sich zudem &uuml;berwiegend in den Gro&szlig;unternehmen und Konzernzentralen konzentriert. <\/p><p>W&auml;hrend westdeutsche Kapital&uuml;bersch&uuml;sse ins Ausland abflie&szlig;en, besteht in der ostdeutschen Unterentwicklungsregion ein r&uuml;ckl&auml;ufiges Niveau der regional externen privaten Ausr&uuml;stungsinvestitionen; w&auml;hrend ostdeutsche Arbeitskr&auml;fte nach Westdeutschland abwandern und dort das BIP-Wachstum erh&ouml;hen, wird in Ostdeutschland ein Abbau sozialversicherungspflichtiger Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse und eine ansteigende Arbeitslosigkeit mit hohen Ausf&auml;llen an Wertsch&ouml;pfung &bdquo;marktgerecht&ldquo; zugelassen. Die ostdeutsche Kapitalproduktivit&auml;t ist im Industriebereich r&uuml;ckl&auml;ufig. Im Ergebnis ist ein weiteres Auseinanderklaffen der Entwicklungsschere abzusehen, selbst wenn es zu einer leichten Zunahme des absoluten Ost-BIP je Kopf weiterhin kommt. <\/p><p>Die politisch formulierte Wegweisung zur &bdquo;Entfesselung&ldquo; von endogenen Potenzialen Ost wird in fundamentaler Weise durch die verordnete Fiskalpolitik zur &ouml;ffentlichen Haushaltssanierung konterkariert. Die negative &bdquo;Multiplikatorwirkung&ldquo; der sinkenden &ouml;ffentlichen Bauinvestitionen der ostdeutschen Gebietsk&ouml;rperschaften infolge ihrer &bdquo;Konsolidierungen&ldquo; auf der Haushaltsebene ist ein gravierender Faktor, dessen regionalwirtschaftliche Wirkung noch weiter zunehmen wird. Der hierdurch implizierte Verlust an Wachtumspotenzial kumuliert sich in der Periode der R&uuml;ckf&uuml;hrung und des Abbaus der Staatsverschuldung in enorme Dimensionen. Statt weiterem Ausbau der &ouml;ffentlichen Infrastruktur ist mit zunehmendem R&uuml;ckbau derselben in den abwanderungsbetroffenen Wohngebieten Ost zu rechnen, der die zu geringen Finanzmittel im Infrastrukturbereich zus&auml;tzlich binden wird. <\/p><p>Das wird insgesamt zu ambivalenten Auswirkungen f&uuml;hren und dazu beitragen, die bev&ouml;lkerungsm&auml;&szlig;ige &bdquo;Entleerung&ldquo; der wirtschaftlichen Ver&ouml;dungszonen zu beschleunigen. Ist erst einmal eine Subregion an den Rand der Ver&ouml;dung gedr&uuml;ckt, kann eine graduelle Versch&auml;rfung der Lage sehr schnell in eine neue Qualit&auml;t der Depravatation umschlagen: Schulen, &ouml;ffentliche Dienstleistungen, Verkehrsanbindungen und Versorgungsbetriebe verk&uuml;mmern oder ziehen sich zur&uuml;ck, die Kosten von Wasser- und Abwasserbereitung, M&uuml;llabfuhr usw. steigen bedr&uuml;ckend. Die Altenbetreuung wird zunehmend schwieriger. Das Absinken der Lebensqualit&auml;t besiegelt das Schicksal l&auml;ndlicher Ver&ouml;dungszonen, weil und insofern auch der Tourismus keinen Ausgleich bieten kann. <\/p><p>Die vorgesehene Konzentration der Wirtschaftsf&ouml;rderung auf &bdquo;Kernzonen&ldquo; wird zunehmend durch den fortgesetzten demographischen R&uuml;ckgang der ostdeutschen Wohnbev&ouml;lkerung vermindert oder verhindert. Es ist durch nichts bewiesen, dass sich starke wirtschaftliche Agglomerationen in einer umgebenden Gro&szlig;region mit sich permanent &bdquo;verd&uuml;nnender&ldquo; Wohnbev&ouml;lkerung &uuml;berhaupt bilden k&ouml;nnten. <\/p><p>Ber&uuml;cksichtigt man die zu erwartende Absenkung der investiven Transferzahlungen ab 2008 (Regression der Mittel im Solidarpakt II, Korb 1) und die zu erwartenden Einbu&szlig;en aus den EU-F&ouml;rdert&ouml;pfen f&uuml;r Ostdeutschland, dann zeigt sich der &uuml;berh&ouml;hte Optimismus f&uuml;r eine &bdquo;Entfesselung&ldquo; endogener regionaler Wachstumspotenziale unverf&auml;lscht. Vorliegende Experten-Projektionen zur k&uuml;nftigen Entwicklung der Haushaltseinnahmen z. B. in Mecklenburg-Vorpommern erfordern zwingend bis zum Jahre 2020 hohe weitere Personalreduzierungen und effektive Verminderungen bei &ouml;ffentlichen Investitionen. (Siehe: &bdquo;IWH-Benchmarkstudie&ldquo; vom 31.1.2005) <\/p><p><strong>Zum ostdeutschen Entwicklungsweg<\/strong><\/p><p>Die eigentliche Kernfrage ist, ob die ostdeutsche Unterentwicklungsregion relativ (zu Westdeutschland) im BIP-Wachstum l&auml;ngerfristig mithalten oder sogar aufholen k&ouml;nnte.<br>\nF&uuml;r einen echten Aufholprozess (&beta;-Konvergenz) w&auml;re eine langj&auml;hrig &uuml;berfl&uuml;gelnde Wachstumsrate Ost gegen&uuml;ber West die zwingende Voraussetzung. Dies ist nach den obigen Gegebenheiten nicht zu erwarten. Selbst ein blo&szlig;es relatives &bdquo;Mithalten&ldquo; ist nicht allein konjunkturell determiniert, sondern regionalwirtschaftlich weitgehend fraglich bzw. unbegr&uuml;ndet, wenn man die strukturellen und fiskalischen und demographischen Faktoren der Region wichtet. Die Innovationsoffensive Ost allein wird bestenfalls ein noch schnelleres Auseinanderklaffen der Ost- zu den West-BIP-Leistungen zeitweilig begrenzen k&ouml;nnen. <\/p><p>Damit ist selbst bei Eintritt einer g&uuml;nstigeren Binnenkonjunkturlage der westdeutsche Fortschritt im BIP-Wachstum relativ kaum zu erreichen, geschweige etwa lang anhaltend zu &uuml;berfl&uuml;geln. Es stellt sich dann ein Entwicklungspfad ein, der bez&uuml;glich der absoluten BIP-Leistung je Kopf der Wohnbev&ouml;lkerung generell unterhalb des westdeutschen verl&auml;uft. Der politisch lange beschworene Konvergenzprozess Ost-West ist damit objektiv unm&ouml;glich, und die aktuelle Politik vollzieht ihre Wende in der Deutungshoheit mit der Feststellung, &bdquo;dass es immer Entwicklungsunterschiede in Deutschland gab&ldquo; &ndash; die Kernfrage ist aber, wie gro&szlig; diese Kluft als gesellschaftlich tolerabel gelten kann. Hierzu gibt es keinen Konsens in der deutschen Politik. <\/p><p>Die marktwirtschaftliche Forcierung des Wachstums der ostdeutschen Region steht und f&auml;llt mit der deutlichen Erh&ouml;hung der privaten Investitionsneigung vor allem externer Investoren in die Wertsch&ouml;pfung, mit Schwerpunkt Exportwirtschaft Ost. Es gilt hierbei, das aktuelle Engagement in den externen Ausr&uuml;stungsinvestitionen mindestens zu verdreifachen. Findet sich dieser L&ouml;sungsansatz nicht durch enge Kooperation von Wirtschaft und Strukturpolitik, k&ouml;nnen die hohen Transfers West-Ost sp&auml;ter nicht durch regionale Finanzierungsquellen abgel&ouml;st werden &ndash; Ostdeutschland bleibt fernerhin &bdquo;am Tropf&ldquo;. <\/p><p>Ist damit Ostdeutschlands Schicksal als &bdquo;Mezzogiorno&ldquo; einer weiteren Retardierung durch die globalen Marktkr&auml;fte zu verhindern? Diese Wahrscheinlichkeit ist nach Expertenmeinung eher gering. Jedoch liegen die mittelfristigen und langzeitlichen Projektionen vieler Experten zumeist r&uuml;ckblickend falsch. Welche generellen wirtschaftspolitischen Konsequenzen erwachsen hieraus f&uuml;r die kommende Periode bis zum Jahre 2020? Die Wirtschaftsforscher sind sich einig: es gibt keinen &bdquo;K&ouml;nigsweg&ldquo; aus dem ostdeutschen Dilemma. <\/p><p>Das verbleibende Ziel bis 2008\/2010 kann nur noch darin bestehen, den k&uuml;nftigen ostdeutschen Wachstumsverlauf m&ouml;glichst dicht an den westdeutschen heranzuf&uuml;hren sowie die Abwanderung von Humanpotenzial vom ostdeutschen Arbeitsmarkt zu drosseln und die akute Haushaltsmisere der ostdeutschen L&auml;nder zu verringern. H&ouml;here Ziele lassen die derzeitigen Rahmenbedingungen kaum zu. Die investiven staatlichen Transfers West-Ost m&uuml;ssen f&uuml;r diesen Zeitraum stabilisiert werden, einschlie&szlig;lich des f&ouml;deralen Finanzausgleichs. Die regionale Strukturpolitik der L&auml;nder wird ein Maximum leisten m&uuml;ssen, um durch externe und interne private Investitionen auch im Wertsch&ouml;pfungsbereich die letzten Chancen zu mobilisieren. Hierf&uuml;r gibt es aber weder neuartige noch geheime &bdquo;Rezepte&ldquo;, die nicht schon l&auml;ngst genutzt sind &ndash; jedoch mit unzureichendem Erfolg. <\/p><p>In der Zeit nach dem Jahre 2008\/2010 treten massiv negative Faktoren auf, wie z. B. zunehmend r&uuml;ckl&auml;ufige Haushaltseinnahmen der ostdeutschen L&auml;nder und Gemeinden, sprunghafte Nachwuchsengp&auml;sse auf dem Arbeitsmarkt bei jungem Fachpersonal, dramatische Folgen der &bdquo;demografischen Falle Ost&ldquo; bei der &Uuml;beralterung, sich kumulierende Effekte beim R&uuml;ckgang der Massenkaufkraft infolge Verschiebungen in der Altersstruktur, dramatische subregionale Ver&ouml;dungsprozesse in breitem Ausma&szlig;e. <\/p><p>Die Politiker und ihre Experten sind entweder nicht willens oder v&ouml;llig ratlos, diese negativen Auswirkungen bzw. Perspektiven abzuwenden. Daher bleibt den B&uuml;rgern der ostdeutschen Unterentwicklungsregion gar keine andere Wahl als den politischen Kampf gegen das innerdeutsche Zur&uuml;ckbleiben aus wirtschaftlichen &Uuml;berlebensgr&uuml;nden weiter zu f&uuml;hren und die Politiker in diese nationale Pflicht gemeinsamer Verantwortung einzubinden. Dies w&auml;re jetzt die besondere nationale Aufgabe f&uuml;r Wahlprogramme derjenigen Parteien, die auf einem maximalen Zuspruch aus der ostdeutschen W&auml;hlerschaft angewiesen sind und die ein tragisches &ouml;konomisches uns soziales Auseinanderdriften innerhalb Deutschlands verhindern wollen. <\/p><p>Das Ziel kann jedoch nicht in einer rapiden neoliberalen Umwandlung der ostdeutschen Regionalwirtschaft in eine durchg&auml;ngige Niedriglohnzone mit Billigjobs ohne arbeitsrechtlichen Mindestschutz, in eine &bdquo;Spielwiese&ldquo; marktradikaler Akteure und Hasardeure, in ein Ghetto verarmter Empf&auml;nger von sozialen Transferleistungen und galoppierender Differenzierung der Einkommen bestehen. Der Prozess der fiskalischen Verarmung muss ebenso aufgehalten werden wie die Ver&ouml;dung und der Exodus subregionaler Humanpotenziale. Dieses nationale Ziel sollte der Ma&szlig;stab f&uuml;r die jetzt anstehenden Wahlprogramme der Parteien bilden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Karl Mai, Stand: 21.6.05<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[132,190,30],"tags":[574,319,575,1653,455],"class_list":["post-197","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wahlen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-iwh","tag-lohnentwicklung","tag-ostdeutschland","tag-solidarpakt","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=197"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58684,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197\/revisions\/58684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=197"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=197"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=197"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}