{"id":1973,"date":"2007-01-02T08:06:29","date_gmt":"2007-01-02T07:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1973"},"modified":"2016-01-19T11:53:43","modified_gmt":"2016-01-19T10:53:43","slug":"der-reformgetriebene-aufschwung-ein-kollektiver-wahn-undoder-eine-dreiste-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1973","title":{"rendered":"Der reformgetriebene Aufschwung? Ein kollektiver Wahn und\/oder eine dreiste Strategie."},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur der Bundespr&auml;sident in seiner Weihnachtansprache, jetzt auch Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache haben die <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Content\/DE\/Podcast\/2006-12-31-neujahr\/links\/2006-12-31-text,property=publicationFile.pdf\">Fortsetzung der Reformen angemahnt [16 KB]<\/a>. Zur Begr&uuml;ndung dieser Forderung wird eine Verbindung hergestellt zwischen den Reformen und dem verbesserten Wirtschaftswachstum, auch Aufschwung genannt. Wir kennen diesen Versuch. Dabei wird in der Regel die St&auml;rke der wirtschaftlichen Erholung &uuml;ber die Ma&szlig;en verkl&auml;rt. Der Zusammenhang zwischen Reformen und Aufschwung wird nicht erkl&auml;rt und begr&uuml;ndet, sondern einfach behauptet. So z. B. im Absatz 12 der Merkel-Rede. Die strategisch angelegte Indoktrination mit den Botschaften &bdquo;die Reformen wirken, die Reformen brauchen Zeit, wir brauchen Geduld&ldquo; geht offenbar munter weiter. Das Ziel ist klar. Der Akteure wollen weitere Strukturreformen zulasten der Sozialstaatlichkeit und der Arbeitnehmerschaft durchsetzen. Dass die wirtschaftliche Belebung ganz andere Hintergr&uuml;nde hat, st&ouml;rt solange nicht, wie die mediale Kraft f&uuml;r das beabsichtigte Brainwashing ausreicht. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nWie immer bei solchen Gelegenheiten hilft der &bdquo;Spiegel&ldquo;. Dort wird zum Beispiel in der Nummer 1\/2007 auf Seite 21 folgende abenteuerliche Geschichte erz&auml;hlt: Angesichts der Warnungen Kurt Becks, den B&uuml;rgern weitere Ver&auml;nderungen\/Reformen zuzumuten, f&uuml;hlten sich &bdquo;viele Beobachter&ldquo; (Wer denn wohl? Die Redakteure selbst mit ihrer die Realit&auml;t verzerrenden Brille!) an die rot-gr&uuml;ne Regierung erinnert, die wegen des Aufschwungs von 1999\/2000 die Reformarbeit eingestellt habe. Daraufhin sei die Konjunktur abgest&uuml;rzt. &bdquo;Die Arbeitslosenzahlen explodierten, die &ouml;ffentliche Verschuldung stieg, die SPD-Basis rebellierte. Die eilig in Gang gebrachten Hartz-Reformen kamen dann viel zu sp&auml;t, um kurzfristig etwas ausrichten zu k&ouml;nnen.&ldquo;<br>\nSo viel krauses Zeug k&ouml;nnen bei uns Journalisten schreiben. Das f&auml;llt nicht weiter auf, weil von der Staatsspitze, den Wirtschaftsverb&auml;nden und vielen Professoren &Auml;hnliches erz&auml;hlt wird. &ndash; Der damalige kleine Boom ist nicht wegen des Ausbleibens von Reformen eingebrochen. Der Wechsel von Lafontaine zu Eichel im Fr&uuml;hjahr 1999 war schon gepr&auml;gt von Reformen der dann g&auml;ngig werdenden Art &ndash; der Subvention von Minijobs zum Beispiel. Und die weitere Zeit war gepr&auml;gt von &bdquo;Sparkommissar&ldquo; Eichel und davon, dass der Sachverst&auml;ndigenrat im November 2000 bei &uuml;ber 4 Millionen Arbeitslosen behauptete, die Konjunktur laufe rund. Und damit die Sparpolitik ermunterte, statt auf eine Belebung der Binnennachfrage zu dr&auml;ngen, an der es auch damals fehlte.<\/p><p>Aber die Fakten spielen keine Rolle. Wie auch heute nicht. Heute sind zur erkennbaren Strategie der Modernisierer zwei Dinge anzumerken:<\/p><p><strong>Erstens<\/strong>, der Aufschwung ist weder ausreichend massiv noch verl&auml;sslich &ndash; so gerne ich das auch anders sehen w&uuml;rde. Ein Wachstum um 2% herum und das f&uuml;r nur ein oder zwei Jahre &ndash; mit einer solch l&auml;cherlich geringen wirtschaftlichen Belebung bekommen wir die Arbeitslosigkeit nicht weg. Siehe dazu auch <a href=\"?p=1940\">ein fr&uuml;herer Beitrag<\/a>.<\/p><p><strong>Zweitens<\/strong> hat die wirtschaftliche Belebung ganz andere Ursachen, als mit dem Hinweis auf Reformen zu insinuieren versucht wird: der Export floriert, es werden auch aus diesen Gr&uuml;nden neue Investitionen f&auml;llig, die gro&szlig;e Koalition hat einige Entscheidungen getroffen, die Binnennachfrage st&auml;rkten &ndash; Abschreibungserleichterungen, steuerliche Abzugsf&auml;higkeit von Handwerkerrechnungen, Androhung der Mehrwertsteuererh&ouml;hung, die zu vorgezogenen K&auml;ufen f&uuml;hrte. Das waren einige makro&ouml;konomisch positiv wirkende Entscheidungen. Mit Reformen hat das nichts zu tun.<\/p><p>Zu beiden Themenkomplexen verweise ich auf einen lesenswerten Beitrag von <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de:80\/herdentrieb\/?p=103\">Robert von Heusinger<\/a> und von <a href=\"http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2006\/20.12.2006\/Konjunkturfuer%20Arbeitsplaetze.pdf\">Heiner Flassbeck [PDF &ndash; 52 KB]<\/a>.<\/p><p>Im Zusammenhang mit der Weihnachtansprache des Bundespr&auml;sidenten (und der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin) machte uns einer unserer Leser auf eine interessante strategische Variante der herrschenden Botschaften aufmerksam: die immer wiederkehrende Behauptung, jeder k&ouml;nne es schaffen, wenn er nur leisten wolle, jeder sei seines Gl&uuml;ckes Schmied. Ich zitiere den Kern der E-Mail unseres Lesers aus Indonesien:<\/p><blockquote><p>Ich lebe zur Zeit in einen Land das auch sehr unter neoliberalen, besser dem faschistischen Weltwirtschaftmodell Amerikas leidet, wohlgemerkt, die Menschen leiden, schlechte Bezahlung, wenig Arbeit u.u.u.u. Doch gestern habe ich beinahe geweint, ich habe vor ein paar Tagen die Weihnachtsansprache unseres Pr&auml;sidenten Herrn K&ouml;hler gelesen, und war gestern auf einer Feier anl&auml;sslich Neujahr, in Bali, Indonesien. Hier in einem Land, das im Verh&auml;ltnis zu Deutschland sehr arm ist, riefen der Provinzgouverneur und Vertreter aller Religionen zu Liebe, Harmonie und Frieden und Solidarit&auml;t auf, in unsere Heimat zu Kampf, Herausforderung, nach dem Motto, jeder ist selbst des Gl&uuml;ckes Schmied, wenn einer auf der Strecke bleibt, selbst schuld&ldquo;. Dies hat mich sehr betroffen gemacht.<br>\nWir haben hier ein gl&uuml;ckliches Weihnachtsfest mit unseren Nachbarn gefeiert, die &uuml;berwiegend Muslime sind und Hindus und an Buddha glauben, ich w&uuml;nschte, in D g&auml;be es diese Achtung und Akzeptanz von anders Gl&auml;ubigen und Denkenden wie hier. Die Demokratie hier ist jung, Korruption ist gro&szlig;, aber jeder hier wei&szlig; es.  Dieses Land macht Hoffnung, dass Demokratie, Solidarit&auml;t und Mitmenschlichkeit noch eine Chance haben. Ich hoffe dieses Land wird es besser machen als mein Heimatland, auf das ich mal stolz war, das ich immer noch sehr liebe, und Sie k&ouml;nnen sich gar nicht vorstellen wie ich leide, wenn ich in Ihren Seiten lese, wie eine Gruppe von Lobbyisten, Politikern und Ideologen es systematisch zerst&ouml;ren.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur der Bundespr&auml;sident in seiner Weihnachtansprache, jetzt auch Bundeskanzlerin Merkel in ihrer Neujahrsansprache haben die <a href=\"http:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/Content\/DE\/Podcast\/2006-12-31-neujahr\/links\/2006-12-31-text,property=publicationFile.pdf\">Fortsetzung der Reformen angemahnt [16 KB]<\/a>. Zur Begr&uuml;ndung dieser Forderung wird eine Verbindung hergestellt zwischen den Reformen und dem verbesserten Wirtschaftswachstum, auch Aufschwung genannt. Wir kennen diesen Versuch. 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