{"id":19739,"date":"2013-12-20T11:56:12","date_gmt":"2013-12-20T10:56:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739"},"modified":"2015-10-14T11:21:07","modified_gmt":"2015-10-14T09:21:07","slug":"guter-oligarch-boeser-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739","title":{"rendered":"Guter Oligarch, b\u00f6ser Putin"},"content":{"rendered":"<p>Die komplette deutsche Medienlandschaft fordert seit ewiger Zeit gebetsm&uuml;hlenartig eine Begnadigung f&uuml;r den in Russland inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowski. Nun ist es so weit. Russlands Pr&auml;sident Putin hat Chodorkowski begnadigt, der heute Morgen nach zehn Jahren Haft das Gef&auml;ngnis verlassen durfte. Eigentlich sollte man meinen, dass Putin f&uuml;r diesen Gnadenakt hierzulande ausnahmsweise einmal positive Schlagzeilen bekommt, schlie&szlig;lich hat er ja die &bdquo;Forderungen&ldquo; der westlichen Medien erf&uuml;llt. Doch weit gefehlt. Putin bleibt der B&ouml;sewicht und die Begnadigung wird gar als ultimativer Beweis daf&uuml;r dargestellt. Chodorkowski hingegen wird einmal mehr als Opfer politischer Willk&uuml;r dargestellt, das zu Unrecht im Gef&auml;ngnis sitzt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWer sich ein wenig mit dem Fall Chodorkowski\/Jukos besch&auml;ftigt hat, konnte gestern Abend seinen Ohren nicht trauen, als der Nachrichtensprecher des ZDF-Heute-Journals in sonorem Ton sagte, Chodorkowski sei von den Beh&ouml;rden aufgrund des &bdquo;beliebig dehnbaren Begriffs der Steuerhinterziehung&ldquo; inhaftiert wurden. Die Ansicht, dass der Begriff Steuerhinterziehung beliebig dehnbar sei, vertreten die Herren Hoene&szlig;, Zumwinkel und diverse Schweizer Banker sicherlich auch. Mit dem Fall Chodorkowski hat dies jedoch relativ wenig zu tun. Die hohe Haftstrafe verb&uuml;&szlig;t der Oligarch nicht wegen Steuerhinterziehung, sondern wegen gewerbsm&auml;&szlig;igen Betrugs, Unterschlagung und Geldw&auml;sche &ndash; der Tatbestand der Steuerhinterziehung war &bdquo;lediglich&ldquo; eine Folge der anderen Tatbest&auml;nde, da Chodorkowski und sein Partner Platon Lebedew f&uuml;r das ergaunerte und unterschlagene Geld naturgem&auml;&szlig; auch keine Steuern bezahlten. Auch Al Capone kam letzten Endes deshalb hinter Gitter, weil er die Eink&uuml;nfte seiner kriminellen T&auml;tigkeiten nicht versteuert hat.<\/p><p>Glaubt man den deutschen Medien hat sich Chodorkowski haupts&auml;chlich dadurch schuldig gemacht, Oppositionspolitik zu betreiben und Putins Gegner zu unterst&uuml;tzen. Doch das ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Michail Chodorkowski geh&ouml;rt zu jenen Oligarchen &ndash; pr&auml;ziser: R&auml;uberbaronen -, die sich in der Transformationsphase nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit unlauteren und illegalen Methoden bei der Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe ein sagenhaftes Verm&ouml;gen ergaunerten. Chodorkowski gr&uuml;ndete daf&uuml;r 1989 die &bdquo;Bank Menatep&ldquo;, deren Hauptaufgabe die Privatisierung gro&szlig;er Staatsunternehmen war. Im Westen w&uuml;rde man dies wohl als &bdquo;Investmentbanking&ldquo; bezeichnen. <\/p><p>Menatep riss sich im Rahmen der Privatisierung die Filetst&uuml;cke der russischen &Ouml;lindustrie selbst unter den Nagel. So konnte Chodorkowski mit dem eher bescheidenen Einsatz von 42 Mio. US$ das Unternehmen Jukos zusammenschmieden, dessen gesch&auml;tzter Wert 42 Mrd. US$ &ndash; also das Tausendfache &ndash; betrug. Dass er dabei zahlreiche Gesetze gebrochen hat, bestreitet auch heute niemand ernsthaft. Damals interessierte dies in Russland jedoch niemanden. Chodorkowski schmierte den Jelzin-Clan mit Millionen und daf&uuml;r lie&szlig; ihn die korrupte Staatsf&uuml;hrung gew&auml;hren. Im Westen wurde dies freilich ein wenig anders dargestellt. Hier wurden die Schmiergelder als politische Spenden interpretiert und Jelzins Patronage der R&auml;uberbarone wurde als wichtiger Schritt gesehen, Russlands Wirtschaft wieder konkurrenzf&auml;hig zu machen.<\/p><p>Eigentlich ging es dem Westen jedoch um etwas ganz Anderes. Chodorkowski war vor allem deshalb der Vorzeigeoligarch, weil er Russlands &Ouml;lindustrie &bdquo;den internationalen M&auml;rkten &ouml;ffnen&ldquo; wollte. Das hei&szlig;t nichts anderes, als dass Chodorkowski die Filetst&uuml;cke von Jukos und anderen &Ouml;lfirmen an amerikanische Multis wie ExxonMobile und Chevron verscherbeln wollte. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung waren die &Uuml;bernahmeverhandlungen mit diesen beiden Konzernen bereits im vollen Gange. Nur zur Erinnerung: Als Chodorkowski verhaftet wurde, schreiben wir das Jahr 2003. Gerade eben versucht eine von den USA gef&uuml;hrte &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; sich die &Ouml;lquellen des Iraks mit milit&auml;rischer Gewalt einzuverleiben. Gegen das rohstoffreiche Russland ist jedoch selbst der Irak ein Zwerg. Chodorkowski war &bdquo;unser Mann in Moskau&ldquo;, der uns die Rohstoffreicht&uuml;mer des Landes auf dem silbernen Tablett pr&auml;sentiert hat. Der Umstand, dass Chodorkowski nebenbei auch noch &bdquo;liberale&ldquo; Parteien wie Jabloko (eine Art russischer FDP) unterst&uuml;tzt hat, spielt da nur eine Nebenrolle.<\/p><p>Putins gr&ouml;&szlig;tes Verdienst ist es wohl, dem Ausverkauf Russlands einen Riegel vorgeschoben zu haben. Dass die Verhaftung Chodorkowskis politisch motiviert war, ist vollkommen korrekt. Dabei ging es jedoch weniger um dessen oppositionelle Arbeit, sondern vielmehr um Chodorkowskis Plan, westlichen Unternehmen den Zugriff auf Russlands Ressourcen zu erm&ouml;glichen. Heute sind die Einnahmen aus dem Gas- und &Ouml;lexport der mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Einnahmenposten der russischen Volkswirtschaft. Ohne diese Einnahmen w&auml;re das Land wom&ouml;glich kollabiert und zum Armenhaus Eurasiens geworden. Aus Sicht des russischen Volkes war Putins Vorgehen gegen Chodorkowski und Co. richtig &ndash; aus Sicht der westlichen Unternehmen und der Finanzm&auml;rkte war es falsch. Doch warum nehmen die deutschen Medien in dieser Frage geschlossen eine derart &bdquo;marktkonforme&ldquo; Position ein?<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich haftet dem Fall Chodorkowski auch ein Hauch politischer Willk&uuml;r an. Es besteht kein Zweifel daran, dass Chodorkowski Verbrechen begangen hat und zu Recht hinter Gittern sitzt. Auch das Strafma&szlig; ist keinesfalls &uuml;berzogen. Wer anderer Meinung ist, kann sich ja gerne mal bei den USA beschweren, die den Betr&uuml;ger Bernie Madoff wegen &auml;hnlicher Verbrechen zu stolzen 150 Jahren Haft verurteilt haben.<\/p><p>W&uuml;rde man einen &auml;hnlichen Ma&szlig;stab an alle Oligarchen anlegen, w&uuml;rden die Villenviertel von Sotchi wohl schnell leer stehen, da die ehemaligen Besitzer nun in sibirischen Arbeitslagern untergebracht sind. Es lie&szlig;e sich vortrefflich dar&uuml;ber debattieren, warum Putin den Rest der R&auml;uberbarone verschont hat. Dies macht Chodorkowski jedoch kein Jota &bdquo;unschuldiger&ldquo;. <\/p><p>Und was f&uuml;r Chodorkowski gilt, gilt auch f&uuml;r andere &bdquo;Vorzeigeoligarchen&ldquo;. So wurde der in diesem Jahr verstorbene Oligarch Boris Beresowski beispielsweise nicht nur in Russland, sondern auch in der Schweiz und Brasilien mit einen Haftbefehl gesucht. Gegen ihn wurde auch wegen Auftrag zum Mord eines Journalisten ermittelt, der ein kritisches Buch &uuml;ber ihn ver&ouml;ffentlicht hatte. In den westlichen Medien wurde Beresowski jedoch nie als Krimineller dargestellt, er war stets der &bdquo;Putin-Kritiker&ldquo;, einer von &bdquo;den Guten&ldquo;. Zu diesem erlesenen Klub z&auml;hlt auch Julia Timoschenko, die in der Ukraine wegen Amtsmissbrauchs, Veruntreuung und Steuerhinterziehung verurteilt wurde. Auch hier gibt es kaum Zweifel an der Korrektheit des Urteils, es gilt jedoch den westlichen Medien als ausgemacht, dass Timoschenko eine &bdquo;politische Gefangene&ldquo; sei. Klar, Timoschenko geh&ouml;rt ja auch zu den guten Oligarchen, die wirtschaftsliberal und prowestlich eingestellt sind und gerne dabei mithelfen w&uuml;rden, dass westliche Unternehmen und Banken an der Auspl&uuml;nderung der ehemaligen Sowjetrepubliken beteiligt werden. Was interessieren denn schon die Gesetze von L&auml;ndern wie der Ukraine und Russland, wenn es um &bdquo;unsere&ldquo; Profite geht. Das ganze Spiel ist eigentlich leicht zu durchschauen. Wollen oder k&ouml;nnen unsere Medien nicht hinter die Kulissen schauen und ihre marktkonforme Brille absetzen?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/369837138a3047858575bea056d3232b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die komplette deutsche Medienlandschaft fordert seit ewiger Zeit gebetsm&uuml;hlenartig eine Begnadigung f&uuml;r den in Russland inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowski. Nun ist es so weit. Russlands Pr&auml;sident Putin hat Chodorkowski begnadigt, der heute Morgen nach zehn Jahren Haft das Gef&auml;ngnis verlassen durfte. Eigentlich sollte man meinen, dass Putin f&uuml;r diesen Gnadenakt hierzulande ausnahmsweise einmal positive Schlagzeilen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19739\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[20,127,41,28],"tags":[964,1337,915,259],"class_list":["post-19739","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-landerberichte","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-medienanalyse","category-privatisierung","tag-chodorkowski-michail","tag-oligarchen","tag-putin-wladimir","tag-russland"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19739","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19739"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19739\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19742,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19739\/revisions\/19742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19739"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19739"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19739"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}