{"id":1975,"date":"2007-01-02T08:36:36","date_gmt":"2007-01-02T07:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1975"},"modified":"2016-01-19T11:49:53","modified_gmt":"2016-01-19T10:49:53","slug":"was-ist-mit-franz-walter-los-uber-helmut-schmidts-regierungszeit-prasentiert-er-ein-sammelsurium-von-klischees","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1975","title":{"rendered":"Was ist mit Franz Walter los? \u00dcber Helmut Schmidts Regierungszeit pr\u00e4sentiert er ein Sammelsurium von Klischees."},"content":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her war ich skeptisch gegen&uuml;ber dem Parteienforscher Franz Walter. Dann fand ich seinen Versuch beachtlich, sich vom g&auml;ngigen Denken freizuschwimmen. Jetzt schreibt er wieder Texte, bei denen man sich nur wundern kann. Am 31.12.2006 in SpiegelOnline <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,456933,00.html\">&uuml;ber Helmut Schmidt, den &bdquo;deutschen Krisen-Kanzler&ldquo;, wie Walter meint<\/a>. Das ist ein Text voller Klischees und voller unrichtiger und schr&auml;ger Behauptungen. Franz Walter hat offenbar den Mut verloren, wenigstens etwas gegen den gro&szlig;en Strom des g&auml;ngigen Denkens zu schwimmen. Schade. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nHier einige Fragezeichen zum Text von Franz Walter:<\/p><ol>\n<li>Walter stellt sowohl den Beginn als auch das Ende der &Auml;ra Schmidt falsch dar. Er schreibt: &bdquo;Das Land rief nach ihm, als es den gro&szlig;en Krisenmanager herbeiw&uuml;nschte; es wandte sich von ihm ab, als die Krisensymptome sich verdoppelten und verdreifachten.&ldquo;<br>\nDas Land hat nicht nach Helmut Schmidt gerufen. Es gab keine Wahl. Er ist von der Mehrheit der damaligen Koalition zum Bundeskanzler gew&auml;hlt geworden, als Willy Brandt aus Anlass der Aff&auml;re dies DDR-Spions Guillaume zur&uuml;ckgetreten war. Dem war ein Dauerfeuer gegen Willy Brandt vorausgegangen, an dem die Gegner der SPD aber auch Herbert Wehner und auch Helmut Schmidt beteiligt waren. Dieser Teil der Geschichte ist in all den vielen Biografien zu Willy Brandt (und Helmut Schmidt) bisher allenfalls oberfl&auml;chlich aufgearbeitet. Die Rolle Herbert Wehners und Helmut Schmidts in der Rechts-links- Auseinandersetzung innerhalb der SPD und bei der medialen Zerm&uuml;rbung von Willy Brandt in der Zeit zwischen 1968 und dem R&uuml;cktritt Willy Brandts im Jahr 1974 ist bis heute nicht gekl&auml;rt und nicht richtig beschrieben. In den einschl&auml;gigen historischen Werken h&auml;ufen sich die Klischees. So gesehen ist es kein gro&szlig;es Wunder, dass sie sich auch in diesem Text von Franz Walter niederschlagen.<\/li>\n<li>Das Land habe sich von Schmidt abgewandt, als die Krisensymptome sich verdoppelten und verdreifachten, schreibt Walter. Das entspricht in keiner Weise den damaligen Abl&auml;ufen. Zum ersten ist Helmut Schmidt als Bundeskanzler zum Beispiel mit den &Ouml;lpreiskrisen wie schon zuvor Willy Brandt erstaunlich gut fertig geworden. So hat zum Beispiel das Zukunftsinvestitionsprogramm der Regierung Schmidt zur Belebung der Konjunktur und &Uuml;berwindung der Folgen der &Ouml;lpreisexplosionen die Arbeitslosigkeit Ende der siebziger Jahre wieder abzubauen vermocht. Dieses und auch andere Programme wurden von den damaligen Wirtschaftsforschungsinstituten, &uuml;brigens auch vom Ifo-Institut und DIW, ausdr&uuml;cklich gelobt. Sie haben die Fortsetzung dieser Programme auch in den achtziger Jahren empfohlen. Daraus wurde aber nichts richtiges, weil Helmut Schmidt unter Druck seines FDP-Partners, vor allem von Graf Lambsdorff, geraten war und diesem Druck immer wieder nachgegeben hat, statt seine wirtschaftspolitische und gesellschaftspolitische Linie durchzuhalten. Schmidt hat sich in eine Gegnerschaft mit den Arbeitnehmern und Gewerkschaften treiben lassen. Und ist immer mehr den Vorstellungen von Lambsdorff, Tietmeyer, der Bundesbank und anderen Konservativen gefolgt.<\/li>\n<li>Dennoch muss man Helmut Schmidt auch f&uuml;r diese Phase gegen Franz Walter in Schutz nehmen: ihm, Helmut Schmidt und der Schmidt-&Auml;ra das Elend von heute anzuh&auml;ngen &ndash; Massenarbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, Unterfinanzierung der Hochschulen, Renten- und Gesundheitsreform &ndash; das ist wahrlich zu viel des Schlechten. Da &uuml;bernimmt Franz Walter ohne jegliches Hinterfragen die heutigen, in der Tat g&auml;ngigen Klischees. Diese Denkschulen bringen es ja sogar fertig, die verkorkste deutsche Vereinigung und ihre hohen Lasten f&uuml;r die &ouml;ffentlichen Haushalte und die sozialen Sicherungssysteme den siebziger Jahren anzuh&auml;ngen. Indem Franz Walter dem folgt, belegt er auch, wie oberfl&auml;chlich diese Art von politischer Wissenschaft inzwischen geworden  ist.<\/li>\n<li>Franz Walter ordnet auch den Begriff &bdquo;Politikverdrossenheit&ldquo; den &bdquo;d&uuml;steren Schmidt- Jahren&ldquo; zu. Der arme Helmut Schmidt! Nach meiner ziemlich sicheren Erinnerungen kam dieser Begriff erst sehr viel sp&auml;ter, n&auml;mlich Ende der Achtziger, in Mode und wurde 1992 Wort des Jahres. Hier verstellt Walter offenbar eine Verkl&auml;rung der Kohl-&Auml;ra eine n&uuml;chterne Bestandsaufnahme.<\/li>\n<li>Wenn ein Parteienforscher die Rolle der FDP in dieser Phase nicht einmal erw&auml;hnt, dann verdient er eigentlich diese Fachbezeichnung nicht mehr. Im Fr&uuml;hjahr 1980 war, wie schon einige male zuvor, einmal mehr und deutlich erkennbar, dass die FDP einen Koalitionswechsel erw&auml;gt und plant. Hans Dietrich Genscher hat den Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 dazu genutzt, das Ende der Entspannungspolitik &ndash; &uuml;brigens im Gleichklang mit Franz Josef Strau&szlig; &ndash; auszurufen. Im April 1980 berichtete der &bdquo;Stern&ldquo; von Gespr&auml;chen zwischen Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher, dem Parteivorsitzenden der FDP. Erst als die FDP in Nordrhein-Westfalen nach einem von der SPD bewusst friedenspolitisch gef&uuml;hrten Wahlkampf mit 4,999% der Stimmen aus dem Landtag flog, kam sie wieder  zur Vernunft. Helmut Schmidts Redenschreiber Breitenstein, ein FDP-Mitglied mit Pr&auml;senzberechtigung im FDP-Pr&auml;sidium, kam am Dienstag morgen nach der NRW-Wahl in die Lagebesprechung des Bundeskanzleramtes und verk&uuml;ndete s&uuml;ffisant und mit der ihm eigenen gekonnten Ironie, das FDP-Pr&auml;sidium habe &bdquo;gestern Abend beschlossen, wieder f&uuml;r die Entspannungspolitik zu sein.&ldquo;<br>\nZwischen Mai 1980 und der Bundestagswahl im Herbst 1980 funktionierte die Koalitionsarbeit wieder. So war das immer, wenn die SPD der FDP gezeigt hatte, was eine Harke ist.<br>\nUnd dann hat Helmut Schmidt pers&ouml;nlich den gr&ouml;&szlig;ten strategischen Fehler gemacht, den man &uuml;berhaupt bei bundesrepublikanischen Wahlen und unserem Wahlsystem machen kann: er warb darum, mit der Zweitstimme FDP zu w&auml;hlen. Das brachte die FDP auf 10,6%. Und das war der entscheidende Sargnagel f&uuml;r die Kanzlerschaft Schmidt &ndash; von Helmut Schmidt h&ouml;chstpers&ouml;nlich eingeschlagen. (Irgendwann hat &uuml;brigens Helmut Schmidt diesen Fehler selbst eingestanden. Leider erinnerte er sich im weiteren Verlauf dann immer weniger daran und macht sein eigenen politischen Niedergang an seiner Partei im Allgemeinen sowie an Willy Brandt und der SPD-Linken im Besonderen fest. Das sind die g&auml;ngigen Versionen, die danach gestreut wurden, um vom &bdquo;Dolchsto&szlig;&ldquo; der FDP &ndash; speziell von Genscher und Lambsdorff &ndash;  gegen den nach wie vor popul&auml;ren Kanzler Schmidt abzulenken. Von einem Parteienforscher w&uuml;rde ich erwarten, dass er sich ein bisschen genauer mit den historischen Abl&auml;ufen besch&auml;ftigt h&auml;tte, statt einer gesch&uuml;rten politischen Kampagne aufzusitzen und nachzuplappern.<\/li>\n<li>Helmut Schmidt war in der Phase zwischen etwa 1978 und 1982 alles andere als ein best&auml;ndiger Krisenmanager. Er war hin und her gerissen. Konzeptionell und politisch. Schmidt hat in dieser Phase zum Beispiel ausgesprochen schlechte Personalentscheidungen getroffen und auch sonst vieles falsch gemacht. Zum Beispiel hat er den unter Journalisten enorm einflussreichen, geschickt operierenden Klaus B&ouml;lling, sicherlich nicht gerade ein Feind sondern immerhin Mitglied der SPD, als Sprecher der Bundesregierung ersetzt durch Kurt Becker, einen fast schon extrem konservativen einzuordnenden ehemaligen Redakteur der &bdquo;Zeit&ldquo;, jedenfalls jemand, der erkennbar die Partei des Bundeskanzlers verachtete. In jeder morgendlichen Lagebesprechung des Bundeskanzleramtes konnte man das beobachten. So hat dann der Sprecher der Bundesregierung das ohnehin spannungsgeladene Verh&auml;ltnis des Bundeskanzlers zu seiner Partei permanent versch&auml;rft. Wenn man wie ich des &Ouml;fteren mit Bonner Journalisten redete, dann konnte man genau ermessen, wann und wie und was der Sprecher der Bundesregierung gerade gegen die Partei des Bundeskanzlers in Hintergrundgespr&auml;chen &bdquo;durchgesteckt&ldquo; hat.<br>\nEine &auml;hnlich falsche Personalentscheidung gab es mit dem Abgang Manfred Sch&uuml;lers als Chef des Bundeskanzleramtes und die &Uuml;bergabe dieses wichtigen Amtes an Manfred Lahnstein nach der Wahl 1980. Ein Krisen-Kanzler, den Franz Walter klischeehaft in Helmut Schmidt sieht, h&auml;tte wissen m&uuml;ssen, dass man in dieser kritischen Zeit im Bundeskanzleramt einen Chef des Amtes braucht, der seine volle Kraft in dieses Amt investiert. Und nicht schon von den k&uuml;nftigen Jobs in der Wirtschaft tr&auml;umt.<\/li>\n<li>In Franz Walters Text fehlt das auch g&auml;ngige Klischee nicht, die meisten Regierungschefs au&szlig;er Schmidt (und Erhard) seien passionierte Au&szlig;enpolitiker gewesen und h&auml;tten von Wirtschaft und Finanzen nichts verstanden. Das gilt nicht einmal f&uuml;r Adenauer. Ich habe f&uuml;r Brandt und f&uuml;r Schmidt gearbeitet und ich kann Statistiken lesen. Die Statistiken zeigen, dass die Wirtschaft in der Kanzlerschaft Willy Brandts ausgesprochen exzellente Ergebnisse zeitigte: das h&ouml;chste Wachstum seit dem, die h&ouml;chsten Zuw&auml;chse f&uuml;r die Arbeitnehmerschaft, gleichzeitig sozialpolitische Fortschritte und der Beginn des Umweltschutzes, riesige Investitionen in die &ouml;ffentliche Infrastruktur, f&uuml;r Bildungspolitik, Universit&auml;ten, Kl&auml;ranlagen und so weiter. Der Bodensee war zum Beispiel Ende der sechziger Jahre &ouml;kologisch am Kippen. Dass er heute gerettet ist, verdankt er auch den neuen Impulsen der beginnenden siebziger Jahre.<br>\nWilly Brandt und seine Regierung haben nach der &Ouml;lpreiskrise vom Oktober 1973 das erste Energiesparprogramm installiert. F&uuml;r Franz Walter hat das alles offenbar nichts mit Wirtschaft und Finanzen zu tun, dabei h&auml;tte er nur ein paar Statistiken anschauen m&uuml;ssen.<\/li>\n<li>Auch der Umweltschutz geh&ouml;rt zur Innenpolitik. Man muss zu Ehren von Helmut Schmidt sagen, dass er einige der in der Zeit Willy Brandts begonnenen &ouml;kologischen Ver&auml;nderungen und Entscheidungen mitgetragen und weitergef&uuml;hrt hat. Aber keinesfalls mit Dynamik und begleitet von andauernden politischen Attacken auf die Umweltsch&uuml;tzer und &Ouml;kologen. &Uuml;ber Schmidts Zeit als Regierungschef und  Politiker zu schreiben, ohne auch nur zu erw&auml;hnen, dass Helmut Schmidt der eigentliche &bdquo;Gr&uuml;nder&ldquo; der gr&uuml;nen Partei ist, das ist schon beachtlich. Dass er die Mehrheitsf&auml;higkeit seiner eigenen Partei damit wesentlich beschnitten hat, ist bis heute von Bedeutung.<\/li>\n<li>Franz Walter analysiert auch nicht ausreichend, dass in der Zeit Helmut Schmidts als Bundeskanzler die programmatische Auszehrung der SPD begonnen hat. Weil dieser Bundeskanzler die inhaltliche Arbeit von Parteimitgliedern insgesamt f&uuml;r unn&uuml;tz hielt. Auch darunter leidet die SPD bis heute. Es fehlt ihr fachlich kompetenter Nachwuchs. Dieser ist in fr&uuml;heren Zeiten &uuml;ber die politischen Auseinandersetzungen in den Ortsvereinen und Unterbezirken herangewachsen und fachlich kompetente Menschen, die politisch etwas bewegen wollten, sind zur SPD gesto&szlig;en.<br>\nIndem vom Regierungschef und von der Fraktionsspitze immer wieder verk&uuml;ndet wurde, wie kontraproduktiv diese &bdquo;Parteiarbeit&ldquo; ist, sank die Motivation, dort inhaltlich zu arbeiten und aus diesen Gr&uuml;nden der SPD beizutreten. Entsprechend sieht die SPD heute aus.<\/li>\n<li>Nat&uuml;rlich kommt bei Franz Walter auch nicht vor, dass Helmut Schmidt schon seine erste Wahl 1976 glorios verloren h&auml;tte, wenn er nicht den Parteivorsitzenden Willy Brandt an seiner Seite gehabt h&auml;tte. Willy Brandt hat eine andere W&auml;hlergruppe angesprochen. Ohne diesen Teil der W&auml;hlerschaft, h&auml;tte der vergleichsweise unbekannte Helmut Kohl 1976 nicht nur die beachtlichen 48,6%, sondern die absolute Mehrheit f&uuml;r die Union erreicht. Helmut Schmidt wird das wegen seines Widerwillens gegen Willy Brandt nie und nimmer zugestehen. Aber Franz Walter h&auml;tte es sehen k&ouml;nnen, ja sogar m&uuml;ssen.<\/li>\n<\/ol><p>Das waren einige Anmerkungen. <\/p><p>Mein Fazit: So ein kluger Mensch wie Franz Walter sollte sich eigentlich zu schade sein, weiterhin solche oberfl&auml;chlichen Texte abzuliefern. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her war ich skeptisch gegen&uuml;ber dem Parteienforscher Franz Walter. Dann fand ich seinen Versuch beachtlich, sich vom g&auml;ngigen Denken freizuschwimmen. Jetzt schreibt er wieder Texte, bei denen man sich nur wundern kann. Am 31.12.2006 in SpiegelOnline <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,456933,00.html\">&uuml;ber Helmut Schmidt, den &bdquo;deutschen Krisen-Kanzler&ldquo;, wie Walter meint<\/a>. 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