{"id":19796,"date":"2014-01-02T12:02:56","date_gmt":"2014-01-02T11:02:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19796"},"modified":"2015-10-14T11:35:27","modified_gmt":"2015-10-14T09:35:27","slug":"blue-card-desaster-warum-meiden-fachkraefte-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19796","title":{"rendered":"Blue-Card-Desaster \u2013 warum meiden Fachkr\u00e4fte Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p>Frank-J&uuml;rgen Weise, seines Zeichens Chef der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, zeigte sich zu Beginn des neuen Jahres <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/BA-Chef-Weise-Nur-7000-Zuwanderer-mit-Blue-Card-2073163.html\">zerknirscht<\/a>. Die Blue Card, mit der Fachkr&auml;fte aus Nicht-EU-L&auml;ndern nach Deutschland gelockt werden sollen, hat sich als grandioser Flop erwiesen. Nur rund 3.000 Menschen kamen in den letzten anderthalb Jahren mit der Blue Card ins Land. Um aus der Blue Card doch noch ein Erfolgsmodell zu machen, hat sich BA-Chef Weise nun jedoch einen &bdquo;phantastischen&ldquo; Plan ausgedacht. Bislang darf die Blue Card nur dann erteilt werden, wenn Bewerber in sogenannten &bdquo;Mangelberufen&ldquo; nachweisen k&ouml;nnen, dass sie hierzulande mindestens 37.128 Euro verdienen. Dieser Mindestsatz soll nun nach dem Wunsch von Weise gesenkt werden. Die &bdquo;Logik&ldquo; dahinter: Wenn wir f&uuml;r 37.128 Euro keine Fachkr&auml;fte anwerben k&ouml;nnen, dann sollte es mit viel weniger Geld doch ganz sicher klappen. Dies ist freilich Unsinn &ndash; wie viele andere Argumente in der Debatte um den Zuzug qualifizierter Arbeitskr&auml;fte auch. Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3658\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19796-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=19796-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"140106_Fachkraeftemangel_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nach gesetzlicher Definition geh&ouml;ren Mathematiker, &Auml;rzte, IT-Fachkr&auml;fte, Naturwissenschaftler und Ingenieure in Deutschland zu den Mangelberufen. Ob es tats&auml;chlich in diesen Berufsfeldern einen fl&auml;chendeckenden Mangel an geeigneten Bewerbern gibt und woran dies liegt, w&auml;re eine interessante Frage. Aber selbst wenn wir f&uuml;r einen Moment mal annehmen, dass es einen solchen Mangel gibt, so muss nat&uuml;rlich die Frage gestattet sein, wie man konkret ausl&auml;ndischen Fachkr&auml;ften einen Job in Deutschland schmackhaft machen kann. Ein Faktor von vielen ist sicherlich das zu erwartende Gehalt. Nach Berechnungen des DIW verdient ein junger Klinikarzt beispielsweise gerade einmal <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/karriere\/gehaelter-wo-aerzte-am-besten-verdienen-1.546327\">10,80 Euro pro Stunde<\/a>.  Auf 37.128 Euro im Jahr d&uuml;rften Berufsanf&auml;nger in diesem &bdquo;Mangelberuf&ldquo; somit nur in Ausnahmef&auml;llen kommen. Hat Frank-J&uuml;rgen Weise nun etwa doch Recht? Str&ouml;men die &Auml;rzte in Scharen nach Deutschland, wenn die Mindestverdienstgrenze f&uuml;r die Blue Card auf ein Niveau gesenkt wird, das dem Renditestreben privater Krankenhausbetreiber entspricht? Nein, denn schon heute ist es f&uuml;r Klinikbetreiber ohne Probleme m&ouml;glich, &Auml;rzte aus Nicht-EU-L&auml;ndern als sogenannte <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15098\">&bdquo;Gast&auml;rzte&ldquo;<\/a> ins Land zu holen. Die damit verbundene Aufenthalts- und Berufsaus&uuml;bungserlaubnis steht der Blue Card dabei kaum nach. <\/p><p><strong>Wer keine guten Geh&auml;lter zahlt, kriegt auch keine guten Mitarbeiter<\/strong><\/p><p>Warum sollte ein junger Arzt aus einem Nicht-EU-Land auch nach Deutschland kommen? Sicher nicht aus finanziellen Gr&uuml;nden. Wer als junger Arzt die M&ouml;glichkeit hat, und vor allem die n&ouml;tige Qualifikation vorweisen kann, geht lieber in ein Land, in dem seine F&auml;higkeiten besser honoriert werden. Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r deutsche &Auml;rzte. Die Zahl der &Auml;rzte, die in einem Jahr das Land verlassen ist daher seit langem konstant gr&ouml;&szlig;er, als die Zahl der &Auml;rzte, die ins Land kommen. Am beliebtesten sind dabei die Schweiz, wo Assistenz&auml;rzte im Schnitt auf 3.910 bis 6.220 Euro Monatsgehalt kommen, Gro&szlig;britannien, wo Klinik&auml;rzte meist rund doppelt so hohe Bez&uuml;ge wie hierzulande haben, und die USA, wo Assistenz&auml;rzte rund das Vierfache verdienen und Krankenhaus-Fach&auml;rzte auf ein Durchschnittsgehalt von mehr als 175.000 US$ pro Jahr kommen. <\/p><p>Und was f&uuml;r &Auml;rzte gilt, gilt unisono auch f&uuml;r andere vermeintliche &bdquo;Mangelberufe&ldquo;. An der simplen Wahrheit, dass Deutschland aufgrund des niedrigen Lohnniveaus f&uuml;r ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte unattraktiv ist, &auml;ndert die Herabsetzung des Mindestgehaltes f&uuml;r die Erteilung einer Blue Card kein Jota. Wenn freie Stellen bei l&auml;cherlich geringen Gehaltsangeboten nicht besetzt werden k&ouml;nnen, m&uuml;ssten stattdessen die Geh&auml;lter steigen, um den &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; zu beheben. Dann sprechen wir aber &uuml;ber Geh&auml;lter, die deutlich &uuml;ber dem heutigen Blue-Card-Mindestgehalt liegen. Um dies zu begreifen, reicht es, sich die grundlegende Logik der Marktwirtschaft ins Ged&auml;chtnis zu rufen &ndash; wenn ein Nachfrager zu seinen Preisvorstellungen von allen Anbietern nur die nackte Schulter gezeigt bekommt, kann er daf&uuml;r nicht die Anbieter verantwortlich machen, sondern sollte sich lieber einmal dar&uuml;ber Gedanken machen, ob seine Preisvorstellungen realistisch sind. Doch dieser Gedanke ist im ansonsten so marktkonformen Deutschland nicht sonderlich popul&auml;r.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es auch einen &bdquo;echten&ldquo; Fachkr&auml;ftemangel, in bestimmten sehr hoch qualifizierten Fachbereichen. Diesen Mangel gab es immer und es wird ihn immer geben. Doch hier sprechen wir, um im medizinischen Bereich zu bleiben, dann nicht mehr &uuml;ber Assistenz&auml;rzte, sondern besonders qualifizierte Fach&auml;rzte, die f&uuml;r das Blue-Card-Mindestgehalt nicht einmal aufstehen w&uuml;rden. Wo Geld eine eher untergeordnete Rolle spielt, kommen jedoch andere Faktoren ins Spiel, die auch bei ausl&auml;ndischen Fachkr&auml;ften mit niedrigeren Gehaltsvorstellungen eine gewichtige Rolle spielen.<\/p><p><strong>Marko und die fehlende Willkommenskultur<\/strong><\/p><p>Um dies zu verdeutlichen, m&ouml;chte ich kurz die Geschichte eines serbischen IT-Spezialisten erz&auml;hlen, den ich w&auml;hrend meiner Studienzeit kennengelernt habe. Als ich Marko kennenlernte, geh&ouml;rte er zu den serbischen Studenten, die aufgrund des Jugoslawien-Kriegs eine befristete Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekommen hatten. Nach Abschluss seines Studiums kehrte er nach Serbien zur&uuml;ck, arbeitete dort in der Telekommunikationsbranche und gr&uuml;ndete eine Familie. Als Deutschland im Jahre 2000 zum ersten Mal im damals sogenannten <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/dossier-migration\/57439\/die-deutsche-green-card\">&bdquo;Green-Card-Verfahren&ldquo;<\/a> IT-Experten anwerben wollte, geh&ouml;rte auch Marko zu den Interessenten. Anstatt nach Deutschland zog es ihn jedoch nach Gro&szlig;britannien. Warum?<\/p><p>W&auml;hrend ausl&auml;ndische Fachkr&auml;fte in Deutschland wie Bittsteller behandelt werden, verstehen es die Briten, begehrte Bewerber wirklich zu umwerben. Die deutschen Beh&ouml;rden behandelten Marko wie ein Bettler, der von ihnen etwas haben wollte, was sie eigentlich nicht herausgeben wollten. Seine Frau und seine Kinder h&auml;tten erst sp&auml;ter nachkommen d&uuml;rfen &ndash; ohne Garantie auf eine Arbeitserlaubnis und ohne Garantie auf ein dauerhaftes Bleiberecht. Die britischen Beh&ouml;rden halfen hingegen nicht nur beim ganzen &bdquo;Papierkram&ldquo;, sondern k&uuml;mmerten sich nebenbei auch um einen Job f&uuml;r seine Frau und Pl&auml;tze in einem &bdquo;Sprachkindergarten&ldquo; f&uuml;r seinen Nachwuchs. Neben einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung erhielt Markos Familie auch die M&ouml;glichkeit, nach f&uuml;nf Jahren den britischen Pass zu bekommen. Geld spielte bei der ganzen Sache eine untergeordnete Rolle &ndash; sowohl das deutsche als auch das britische Jobangebot waren ordentlich dotiert. Heute ist Marko Brite und hat ein IT-Unternehmen gegr&uuml;ndet, das zwanzig Menschen besch&auml;ftigt. Dieses Unternehmen k&ouml;nnte auch in Deutschland stehen &ndash; leider fehlt dazu jedoch hierzulande die &bdquo;Willkommenskultur&ldquo;, sich als Einwanderungsland zu verstehen, das um Einwanderer wirbt und sie nicht als eigentlich unerw&uuml;nschte Bittsteller versteht.<\/p><p><strong>Es geht auch anders<\/strong><\/p><p>Neben Gro&szlig;britannien geh&ouml;ren auch die USA, Australien und Kanada zu den erfolgreichen Einwanderungsl&auml;ndern. Und dies liegt nicht &bdquo;nur&ldquo; an den Geh&auml;ltern und der weit verbreiteten englischen Sprache &ndash; auch die skandinavischen L&auml;nder, deren Sprache kaum ein Ausl&auml;nder beherrscht, sind mittlerweile vorbildliche Einwanderungsl&auml;nder. W&auml;hrend selbst hoch qualifizierte Einwanderer in Deutschland stets nur als &bdquo;Gast&ldquo; angesehen werden, bem&uuml;hen andere Staaten sich redlich, f&uuml;r diese Menschen ein neues Zuhause zu werden. Dazu geh&ouml;ren nicht nur eine &bdquo;echte&ldquo; und vor allem unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, sondern auch die M&ouml;glichkeit, nach &uuml;berschaubarer Zeit und ohne gro&szlig;en Aufwand die Staatsb&uuml;rgerschaft des neuen Landes anzunehmen. <\/p><p>Deutschland versteht sich selbst als Mittelpunkt der Welt, der eine magische Anziehungskraft auf jedermann aus&uuml;bt. Doch dieses Selbstbildnis hat mit der Realit&auml;t schon lange nichts mehr zu tun. Solange wir uns nicht klipp und klar als Einwanderungsland definieren und aktiv um Einwanderer werben, m&uuml;ssen wir uns nicht dar&uuml;ber wundern, dass hoch- und normalqualifizierte Menschen einen weiten Bogen um Deutschland machen. Und dies hat nicht &bdquo;nur&ldquo; etwas mit den vergleichsweise geringen Geh&auml;ltern zu tun.<\/p><p>All dies ist Herrn Weise von der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit sicher bekannt. Daher muss man auch unterstellen, dass es Weise keineswegs um &bdquo;Fachkr&auml;fte&ldquo; geht. Im Fachkr&auml;ftebereich spielen die Geh&auml;lter, mit denen Weise jongliert, (s.o.) keine Rolle. Eine Absenkung des Mindestgehalts f&uuml;r Blue-Card-Bewerber f&uuml;hrt vielmehr dazu, dass Nicht-EU-Ausl&auml;nder als preiswerte Konkurrenz zu deutschen Arbeitnehmern in Berufen auf den Plan treten sollen, die eben keine &bdquo;Mangelberufe&ldquo; sind und in denen es h&ouml;chstens einen hausgemachten Mangel gibt, da die Gehaltsvorstellungen der Arbeitgeber unrealistisch niedrig sind. Wer mittels Zuwanderung das deutsche Lohngef&uuml;ge unter Druck setzen will, darf sich jedoch auch nicht wundern, wenn Einwanderer nicht als Bereicherung sondern als Bedrohung gesehen werden. So wird man keine &bdquo;Willkommenskultur&ldquo; aufbauen k&ouml;nnen &ndash; eher im Gegenteil.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/6984ce5d6c634c58a0917652bac1e331\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank-J&uuml;rgen Weise, seines Zeichens Chef der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, zeigte sich zu Beginn des neuen Jahres <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/BA-Chef-Weise-Nur-7000-Zuwanderer-mit-Blue-Card-2073163.html\">zerknirscht<\/a>. Die Blue Card, mit der Fachkr&auml;fte aus Nicht-EU-L&auml;ndern nach Deutschland gelockt werden sollen, hat sich als grandioser Flop erwiesen. Nur rund 3.000 Menschen kamen in den letzten anderthalb Jahren mit der Blue Card ins Land. 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