{"id":1980,"date":"2007-01-04T11:06:28","date_gmt":"2007-01-04T10:06:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1980"},"modified":"2016-01-19T11:46:11","modified_gmt":"2016-01-19T10:46:11","slug":"60-jahre-spiegel-vom-aufklarungsauftrag-zum-ideologischen-kampforgan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1980","title":{"rendered":"60 Jahre \u201eSpiegel\u201c: Vom Aufkl\u00e4rungsauftrag zum ideologischen Kampforgan."},"content":{"rendered":"<p>Tun Sie etwas f&uuml;r ihre kritische Meinungsbildung. Verzichten Sie so lange auf den Spiegel, bis er wieder der Spiegel ist. In einem Monat NachDenkSeiten finden Sie mehr aufkl&auml;rende Impulse als in 10 Spiegel-Ausgaben.<br>\n<!--more--><\/p><p>&bdquo;Der Spiegel&ldquo; wurde vor 60 Jahren auf der Basis einer Lizenz der Briten gegr&uuml;ndet. Das Blatt sollte und wollte ein St&uuml;ck demokratische Aufkl&auml;rungsarbeit im Nachkriegsdeutschland leisten. Trotz berechtigter (sp&auml;terer) Kritik an der Rolle ehemaliger Nazis unter den damaligen journalistischen Machern bleibt zu w&uuml;rdigen, dass der &bdquo;Spiegel&ldquo; vor allem in der restaurativen Adenauer-Strau&szlig;-&Auml;ra immer wieder mit investigativen Beitr&auml;ge Skandale aufgedeckt hat. Heute allerdings f&auml;llt er (und sein elektronisches Organ SpiegelOnline) als kritisches Organ in der Innen-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik weitgehend aus, im Gegenteil: &bdquo;Der Spiegel&ldquo; ist neben Bild-Zeitung und FAZ, Focus und inzwischen auch dem Stern und einer Vielzahl anderer Medien zu einem konsequenten Kampfblatt der neoliberalen und von der Wirtschaft gepr&auml;gten Ideologie geworden &ndash; ausgestattet mit allen Finessen der subtilen Manipulation und raffinierten Indoktrination. Dass so viele Menschen dennoch und immer noch glauben, der &bdquo;Spiegel&ldquo; sei ein kritisches oder gar linkes Medium, ist erstaunlich. <\/p><p>&bdquo;Der Spiegel&ldquo; war nie ein wirklich linkes Blatt. Aber er war in fr&uuml;heren Zeiten eine Institution, die keinen Respekt vor Autorit&auml;ten kannte, den Mief der 60er und 70er Jahre ausl&uuml;ftete und sich mit konservativen oder revanchistischen Politikern anlegte. Zum Beispiel: Der Spiegel hat mitgeholfen, die Doktrinen aus den Zeiten des kalten Krieges aufzubrechen und damit der Entspannungs- und Ostpolitik der Regierung Brandt den Weg erleichtert; der Spiegel hat mit seinen Recherchen etwa &uuml;ber die dunklen Machenschaften des Franz Joseph Strau&szlig; oder die Flick-Aff&auml;re Beachtliches zur Aufdeckung von Korruption beigetragen.<br>\nWie sehr sich der Spiegel heutzutage von damals unterscheidet, habe ich an einem konkreten Fall miterlebt: Schon in den siebziger Jahren gab es in Deutschland eine Debatte um Demographie und das angeblich sterbende Volk, damals hat sich der Spiegel noch nicht f&uuml;r eine pronatale Bev&ouml;lkerungspolitik hergegeben; damals druckte das Blatt noch mehrseitige Essays etwa auch von mir &uuml;ber das v&ouml;lkische Denken in dieser Debatte. Heute werden wir mit Spiegel-Titeln und Geschichten wie &bdquo;Der letzte Deutsche&ldquo; oder &bdquo;Raum ohne Volk&ldquo; bel&auml;stigt. &bdquo;Der letzte Deutsche&ldquo; zierte das Titelblatt zu einer Geschichte &uuml;ber eine Modellrechnung, nach deren mittlerer Variante in Deutschland im Jahr 2050 75 Millionen Menschen leben sollten &ndash; die letzten Deutschen sozusagen.<br>\n&bdquo;Der Spiegel&ldquo; ist heute fest eingebaut in die interessengeleitete Kampagne zum Thema Demographie. Er vertritt dabei ohne Hemmungen die Behauptungen von der demografischen &Uuml;berlastung der Sozialsysteme und ziemlich unverbl&uuml;mt die Interessen der Versicherungswirtschaft und der interessierten Banken. Symptomatisch: Einer der Lobbyisten der Finanzwirtschaft, der ehemalige CDU-Abteilungsleiter Meinhard Miegel, ist regelm&auml;&szlig;iger Interviewpartner und Zitatgeber des Blattes und wird dabei selbstverst&auml;ndlich nicht in seiner Lobbyfunktion, sondern als unabh&auml;ngiger Experte vorgestellt.<\/p><p>Wie sehr sich das Blatt dem Stil der Bild-Zeitung angen&auml;hert hat, kann man an einigen Titeln der letzten Zeit festmachen:<\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die Deutschen m&uuml;ssen das T&ouml;ten lernen. Wie Afghanistan zum Ernstfall wird.&ldquo; (20.11.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Angriff aus Fern-Ost. Weltkrieg um Wohlstand.&ldquo; (11.9.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Ansturm der Armen. Die neue V&ouml;lkerwanderung.&ldquo; (26.6.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Der neue kalte Krieg. Kampf um die Rohstoffe.&ldquo; (27.3.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Jeder f&uuml;r sich. Wie der Kindermangel eine Gesellschaft von Egoisten schafft.&ldquo; (6.3.2006)<\/li>\n<li>&bdquo;Ein Gespenst kehrt zur&uuml;ck. Die neue Macht der Linken&ldquo; (mit Foto von Karl Marx) (22.8.2005)<\/li>\n<li>&bdquo;Die veruntreute Zukunft. Wie der Staat Milliarden verschwendet und sich immer weiter verschuldet &ndash; mit 1834 &euro; pro Sekunde.&ldquo; (27.6.2005)<\/li>\n<\/ul><p>(Im Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; hatte ich schon neun &auml;hnliche Titel abgebildet.)<\/p><p>Diese und viele andere Titel strotzen nur so von &Uuml;bertreibung und Angstmache. Sie bauen auf dumpfen und reaktion&auml;ren Vorurteilen auf und verst&auml;rken sie. Was in Worten nicht wiederzugeben ist: die visuelle Gestaltung ist zum Teil erschreckend; martialische Gestalten zieren zum Beispiel die Titel zum kalten Krieg und zum Angriff aus Fern-Ost. Aus meiner pers&ouml;nlichen Sicht haben manche dieser Bilder schon die denunziatorische Qualit&auml;t mancher St&uuml;rmer-Karikaturen. Wer meint, dies sei &uuml;bertrieben, sollte sich bitte diese Titelseiten anschauen.<\/p><p>Der Spiegel macht heute mobil gegen die Schwachen &ndash; gegen die Arbeitslosen, Arbeitnehmer und sozial Schwache. Er ist ein Blatt der Gutverdiener, wozu ohne Zweifel ein Gro&szlig;teil vor allem seiner Redakteure der Generation nach dem Spiegel-Herausgeber Augstein geh&ouml;rt. Auch der fr&uuml;here Chefredakteur des Spiegel G&uuml;nter Gaus hat sicher gut verdient. Aber er hat sich &ndash; zum Beispiel &ndash; bis zum Schluss seines Lebens den Luxus geleistet, sich den Kopf &uuml;ber die Sorgen der sozial Schw&auml;cheren zu zerbrechen und jedenfalls nicht gegen sie mobil zu machen. Der Spiegel tut das heute ziemlich schamlos. Heute macht sich das Blatt lustig &uuml;ber die so genannten &bdquo;Gutmenschen&ldquo;. Insofern ist es ein getreuer Abklatsch unserer abgehobenen herrschenden Elite: Getrieben vom zeitgeistigen Egoismus, obwohl sich seine Angestellten aus dem sicheren Port Unabh&auml;ngigkeit und Gro&szlig;z&uuml;gigkeit eigentlich leisten k&ouml;nnten.<\/p><p>Der Spiegel hat sich voll in die Kampagne gegen den Sozialstaat, wie er sich in unserem Land entwickelt hat, einbauen lassen und wirbt seit Jahren f&uuml;r (&bdquo;Struktur&ldquo;-)Reformen. Dabei gehen der Chefredakteur Aust und seine leitenden Redakteure jede journalistische Freiheit in der Redaktion geradezu mit F&uuml;&szlig;en tretend vor. Mehr und mehr wurde so der Spiegel von einem Unterst&uuml;tzer demokratischer Willensbildung zu einem ideologischen Kampfblatt der neoliberalen Reformitis. So wird zur Zeit im Spiegel und bei SpiegelOnline mit Penetranz verk&uuml;ndet, erstens wir h&auml;tten einen Aufschwung und zweitens dieser sei den &bdquo;Reformen&ldquo; zu verdanken und drittens wehe, wir reformieren nicht weiter. Siehe dazu das Interview mit Horst K&ouml;hler im Blatt und die in den letzten Tagen wiederkehrenden Erfolgsmeldungen zur Wirtschaft. So meldete SpiegelOnline zum Beispiel am 2. Januar: &bdquo;Kleines deutsches Wirtschaftswunder. 39 Millionen Erwerbst&auml;tige &ndash; und 2007 kommen Zehntausende Jobs dazu.&ldquo; Im Einf&uuml;hrungstext ist dann von einer Umfrage der Bild-Zeitung unter verschiedenen Wirtschaftszweigen die Rede, die ergeben habe, es w&uuml;rden im Jahr 2007 83.000 neue Arbeitspl&auml;tze entstehen. Das sieht toll aus. SpiegelOnline hat leider vers&auml;umt auszurechnen, wie viel Prozent die 83.000 an der Zahl der Erwerbspersonen ausmachen: gerade mal 0,21%, also knapp &uuml;ber ein Promille. Gemessen am Erwerbspotential von &uuml;ber 50 Millionen noch weniger. &ndash; Dies ist ein harmloses aber typisches Beispiel f&uuml;r den Niedergang des Spiegel als informierendem Organ. Dabei br&auml;uchten wir heute kritische Medien mehr denn je.<\/p><p>Sie sollten, falls Sie noch Spiegelleser sind, den im Spiegel auch heute noch vorhandenen wachen Journalisten ein Geburtstagsgeschenk machen: den Spiegel so lange meiden, wie er nur noch die Bild-Zeitung der Besserverdienenden und der abgehobenen politischen Elite (und derjenigen, die meinen dazuzugeh&ouml;ren) darstellt. Hinter dem Schreibtisch des Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust h&auml;ngt eine riesige Statistik &uuml;ber die Auflagen der einzelnen Spiegel-Nummern.<br>\nAusts journalistisches Weltbild endet an der verkauften Auflage. Nur eine Absage durch die Leser k&ouml;nnte ihn vielleicht veranlassen, &uuml;ber die Linie seines Blattes nachzudenken und sich an den kritischen und aufkl&auml;renden Auftrag eines &bdquo;Nachrichtenmagazins&ldquo; zu erinnern.<br>\nMachen Sie bitte auch andere Spiegel-Leser darauf aufmerksam.<\/p><p>&Uuml;brigens: Es sind eine Reihe von Artikeln zum 60. des Spiegel erschienen. Besonders am&uuml;sant zu lesen: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2006\/12\/30\/a0317.1\/textdruck\" title=\"Externer Link zu www.taz.de\/pt\/2006\/12\/30\/a0317.1\/textdruck\">Tom Schimmeck in der taz vom 31.12.2006.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tun Sie etwas f&uuml;r ihre kritische Meinungsbildung. Verzichten Sie so lange auf den Spiegel, bis er wieder der Spiegel ist. 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