{"id":19811,"date":"2014-01-03T10:13:28","date_gmt":"2014-01-03T09:13:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19811"},"modified":"2024-09-27T05:32:48","modified_gmt":"2024-09-27T03:32:48","slug":"guenter-wallraff-lug-und-trug-statt-treu-und-glauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19811","title":{"rendered":"G\u00fcnter Wallraff: \u201eLug und Trug statt Treu und Glauben\u201c"},"content":{"rendered":"<p>G&uuml;nter Wallraff erhebt erneut schwere Vorw&uuml;rfe gegen Amazon. Der Online-Versandriese beute Menschen in Kooperation mit den Arbeitsagenturen &uuml;ber die Ersch&ouml;pfungsgrenzen hinaus aus. Arbeitslose seien gezwungen, in den Werkhallen bis zu 15 Kilometer am Tag zu laufen. Im System aus &Uuml;berwachung und Dauerdruck komme es immer wieder zu Herzattacken und Kreislaufzusammenbr&uuml;chen. Es gab F&auml;lle, wo Diabetikern sogar verboten worden sei, Injektionen und Traubenzucker mit an den Arbeitsplatz zu nehmen. In diesem Licht gewinnt der Tod eines 50-J&auml;hrigen bei Amazon in Koblenz an Brisanz.<br>\nDas Interview [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19811#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] mit <strong>G&uuml;nter Wallraff<\/strong> f&uuml;hrte <strong>Christoph Hardt<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Wallraff, im M&auml;rz k&uuml;ndigten Sie an, ihre B&uuml;cher nicht mehr &uuml;ber den Online-Versandh&auml;ndler Amazon verkaufen zu wollen. Dort f&uuml;hrt man ihre B&uuml;cher nach wie vor, wie kann das sein?<\/strong><\/p><p>Ich habe meinen Verlag abverlangt, Amazon nicht mehr zu beliefern &ndash; auch wenn das Umsatzeinbu&szlig;en an die 15 Prozent bedeutet, Tendenz steigend. Der Boykott schlie&szlig;t auch E-Books &uuml;ber das System von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amazon_Kindle\">Kindle<\/a> mit ein. Allerdings unterl&auml;uft Amazon meinen Boykott, denn Amazon wirbt damit, alle B&uuml;cher liefern zu k&ouml;nnen. Also besorgt Amazon sich meine B&uuml;cher bei Zwischenbuchh&auml;ndlern. Wenigstens k&ouml;nnen sie da nicht die Rabatte rausschinden, die sie sonst den Verlagen abverlangen. Nach wie vor suche ich nach einem  juristischen Hebel, um auch das zu verhindern.<\/p><p><strong>Was st&ouml;rt Sie so an Amazon?<\/strong><\/p><p>Jeder, der im Verlagswesen oder Buchhandel t&auml;tig ist, wei&szlig;: Amazon ist eine zerst&ouml;rerische Kraft der Monopolisierung, die &ndash; sollte sich diese Konzept durchsetzen &ndash; letztlich zum Schaden von uns allen sein wird. Und danach sieht es leider momentan aus. Besonders Buchhandlungen und Verlage sind die Leidtragenden. Bis zu 60 Prozent Rabatt vom Ladenpreis werden den Verlagen von Amazon abverlangt. Das ist ruin&ouml;s. Hinzu kommen R&uuml;ckgaberecht, kostenlose Lieferung und was wei&szlig; ich noch alles&hellip; da sind die kleineren Verlage schnell unter ihrem Herstellungspreis. Erste kleinere Verlage boykottieren Amazon deshalb. Auch darf man nicht vergessen, dass der Konzern in Deutschland &ndash; obwohl wir nach den USA das Land mit den meisten Bestellungen sind &ndash; kaum Steuern bezahlt.<\/p><p><strong>F&uuml;hlen Sie sich hierzulande allein im Kampf gegen Amazon?<\/strong><\/p><p>Keineswegs. Ich bin mit weiteren Autoren im Gespr&auml;ch, die sich meinem Boykott anschlie&szlig;en wollen. Immer mehr Menschen begreifen, was f&uuml;r eine gezielte Vernichtung des Buchhandels und letztlich auch der Verlage Amazon vorantreibt. Aktuell s&auml;gt der Konzern &uuml;ber Br&uuml;ssel an der Buchpreisbindung. Bisher sind gl&uuml;cklicherweise vor allem Frankreich, &Ouml;sterreich und Deutschland noch standhaft. Sollte hier aber eine Lockerung eintreten, steht uns eine Verarmung der kulturellen Vielfalt bevor &ndash; und dann k&ouml;nnte Amazon letztlich auch unser Leseverhalten beeinflussen.<\/p><p><strong>Ist das nicht &uuml;bertrieben?<\/strong><\/p><p>Ich bef&uuml;rchte, ich untertreibe eher: Wer einen Kindle-Reader hat, sitzt in der Falle, ist an Amazon gebunden. Und &uuml;ber Kindle-Ger&auml;te analysieren sie per Algorithmen das Leseverhalten der Nutzer im gro&szlig;en Stil: Was wird gelesen, was markiert. NSA l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en, die arbeiten ja &auml;hnlich. In den USA ist das bereits sehr effektiv. Dort finden die Ergebnisse aus dieser Kindle-&Uuml;berwachung bereits Ber&uuml;cksichtigung, erste Autoren richten ihre Geschichten nach dem aus, was gef&auml;llig ist. So z&uuml;chtet man ein auf vordergr&uuml;ndige Bestsellerbed&uuml;rfnisse getrimmtes Leseverhalten heran. Huxley&rsquo;s Brave New World ist da l&auml;ngst keine Fiktion mehr.<\/p><p><strong>Wer ist letztlich in der Verantwortung daf&uuml;r?<\/strong><\/p><p>Wir k&ouml;nnen nicht f&uuml;r alles und jedes unsere ohnehin schon &uuml;berforderten Politiker in die Pflicht nehmen. Auch wir als Verbraucher sind hier gefordert und haben sogar die Hauptverantwortung. Es ist momentan der Trend, sich m&ouml;glichst schnell das billigste Produkt liefern zu lassen. Konsumsucht und sofortige Bed&uuml;rfnisbefriedigung. Egal auf wessen Kosten. Es zahlen aber immer welche drauf. Wenn dann Produkte auch noch zur&uuml;ckgeschickt werden&hellip; <\/p><p><strong>Dieses Recht hat der Kunde nat&uuml;rlich&hellip;<\/strong><\/p><p>Im Kleidungsbereich betrifft das mittlerweile fast jedes zweite Produkt. Es gibt da etwa sogenannte &bdquo;Zalando-Parties&ldquo;, wo man Sachen gegenseitig vorf&uuml;hrt, drei Paar Schuhe, f&uuml;nf Pullies &ndash; und alles, was nicht gef&auml;llt, wieder zur&uuml;ck ins Paket und ab. Das ist eine irrsinnige Umweltbelastung. Jetzt will Amazon auch noch einen eigenen Paketdienst aufmachen &ndash; als ob wir nicht schon zu viele h&auml;tten. Die ganze Drohnen-Kiste halte ich f&uuml;r einen riesigen Werbestuss. Das mag irgendwann f&uuml;r einige Gro&szlig;abnehmer kommen, f&uuml;r Normalverbraucher in engen St&auml;dten ist das unrealistisch.<\/p><p><strong>Auf ihrem Tisch stapeln sich derzeit ja so viele Zuschriften wie beim Weihnachtsmann&hellip;<\/strong><\/p><p>Mir schreiben kleine H&auml;ndler, die bei Amazon ausrangiert wurden, weil sie es nicht noch g&uuml;nstiger produzieren konnten. Nur das Allerbilligste z&auml;hlt. Wer sich dann verweigert, ist au&szlig;en vor. Der Konzern reicht die Rabatte also einfach an die Hersteller durch &ndash; und wir selbst sind langfristig die Leidtragenden, wenn das Fachgesch&auml;ft an der Ecke, die kleine Buchhandlung, der pers&ouml;nliche Kontakt dabei verloren gehen. Wenn ich dann h&ouml;re, was der Amazon-Deutschlandchef Ralf Kleber herumn&ouml;lt&hellip;<\/p><p><strong>Der sich neuerdings gerne in Interviews in Szene setzt&hellip;<\/strong><\/p><p>&hellip;bei einem sagte er sinngem&auml;&szlig; auf weinerliche Art: ver.di w&uuml;rde den armen Kindern in Deutschland ja das Weihnachtsfest verderben mit ihren Streik-Androhungen und Streiks. Das ist schon dreist. So weit sind die schon, dass die das Monopol f&uuml;r Weihnachtsfreuden beanspruchen. <\/p><p><strong>Wie geht es dabei den &bdquo;Weihnachtswichteln&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Ich kriege zunehmend Zuschriften von Menschen, die von den Arbeitsagenturen zur Arbeit bei Amazon verpflichtet wurden, obwohl sie k&ouml;rperlich gar nicht daf&uuml;r geeignet sind. Als &bdquo;Picker&ldquo; ist man dort kilometerweit unterwegs. <\/p><p><strong>&bdquo;Picker&ldquo;?<\/strong><\/p><p>So nennt man bei Amazon die Kr&auml;fte, die zu Fu&szlig; durch die gigantischen Hallen laufen m&uuml;ssen, Regalkilometer f&uuml;r Regalkilometer. Dabei haben sie Handscanner, um damit die Ware zu identifizieren, und dann im schnellstm&ouml;glichen Tempo auf die Reise zu schicken. Dabei werden sie noch st&auml;ndig kontrolliert. Wer da mal einige Minuten irgendwo steht, ein Schw&auml;tzchen h&auml;lt, wird bereits herbeizitiert und zur Rede gestellt.<\/p><p><strong>Woher soll das Amazon denn wissen?<\/strong><\/p><p>Es gibt Kameras, aber die Kontrolle l&auml;uft &uuml;ber die Scanner. Auch r&uuml;ckwirkend: Wieviel haben einzelne Arbeiter am Tag geschafft? Wieviel Fehler waren dabei? Diese Mischung aus absoluter Arbeitsanspannung, Tempo, Hektik und Kontrolle l&auml;sst regelm&auml;&szlig;ig Menschen zusammenbrechen. <\/p><p><strong>Wie &auml;u&szlig;ert sich das im Arbeitsalltag?<\/strong><\/p><p>Es f&auml;ngt an mit Kreislaufzusammenbr&uuml;chen. Dass bei Amazon der Notarzt vorf&auml;hrt, ist keine Seltenheit. Auf den Krankenstationen deutscher Standorte liegen bis zu drei Personen gleichzeitig: Herzattacken und Kreislaufzusammenbr&uuml;che oder Verdacht auf Schlaganfall. Solche F&auml;lle sind mir bekannt. Alles durch den Stress und die k&ouml;rperliche &Uuml;berforderung. Jemand, der kilometerweit unterwegs ist, muss das auch normalerweise vorher trainiert haben.<\/p><p><strong>Wie weit l&auml;uft man denn f&uuml;r Amazon als &bdquo;Picker&ldquo; am Tag?<\/strong><\/p><p>Etwa 15 Kilometer. Das kann auch mal weniger sein, mal bis 20 Kilometer. Dabei bleibt es aber nicht: Bei den Riesen-Entfernungen innerhalb der Betriebe sind oft 10 Minuten vergangen, bevor man im Pausenraum ist. Dort steht man dann f&uuml;r den Kaffee h&auml;ufig noch einmal Schlange. Das sind Unzumutbarkeiten, vor denen die Argen die Augen verschlie&szlig;en. Gleichzeitig dr&uuml;cken sie aber jedem, der sich das nicht zumuten mag, eine Sperre rein. Ein erpresserisches Konzept. F&uuml;r die Menschen ist das wie Arbeitslager &ndash; oder Zwangsarbeit. Entweder arbeitslos oder Ausbeutung. Soeben hat sich mir ein Mitarbeiter anvertraut, der von der Arge dorthin verpflichtet wurde, der in 6 Wochen 15 Kilo abgenommen hat &ndash; und er war nicht gerade &uuml;bergewichtig. Auch er erlebte bei der Arbeit einen Zusammenbruch.<\/p><p><strong>Besteht bei dieser Arbeit ein Gesundheitsrisiko?<\/strong><\/p><p>Mir liegen F&auml;lle vor, wo Diabetiker nicht mal ihren Traubenzucker oder Spritzbesteck mit an den Arbeitsplatz nehmen durften. Ein Diabetiker ist dann kollabiert. Angeblich ist das daraufhin mit einer Sondererlaubnis ge&auml;ndert worden &ndash; ich hoffe es zumindest. <\/p><p><strong>Handelt es sich hier nicht um bedauernswerte Einzelf&auml;lle?<\/strong><\/p><p>Bei Amazon in Koblenz ist dieses Jahr ein 50-J&auml;hriger gestorben. Amazon sagt, dass sei nicht w&auml;hrend der Arbeit sondern vor Schichtantritt passiert. Ich wei&szlig; aber, dass die Person die Tage zuvor schon sehr &uuml;berfordert war mit der Arbeit. Es wird versucht abzuwiegeln und solche Vorf&auml;lle vor der &Ouml;ffentlichkeit abzuschirmen. Im Werk ist der Fall aber bekannt, da ist nichts mehr zu leugnen. Nur stellt Amazon es nun so dar, als h&auml;tte das alles nichts mit der Arbeit zu tun, der Mann habe sowieso gekr&auml;nkelt. Besch&auml;mend, dass die Argen mit solchen Unternehmen zusammenarbeiten.<br>\nSelbst eine Zeitarbeitsfirma hat die &bdquo;unmenschliche&ldquo; Behandlung von Leiharbeitern bei Amazon kritisiert und wegen &bdquo;sittenwidriger Vertr&auml;ge&ldquo; abgelehnt, Arbeiter dorthin zu vermitteln. Diese w&uuml;rden zu &bdquo;Umtauschware&ldquo; degradiert und zu Wanderarbeitern gemacht.<\/p><p><strong>Wie stellt Amazon die Arbeitsbedingungen denn gegen&uuml;ber den Argen dar? So nach dem Motto: &bdquo;Nur ein bisschen Scannen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Die Argen k&uuml;mmern sich nicht darum, unter welchen unzumutbaren und ausbeuterischen Bedingungen die Vermittelten malochen m&uuml;ssen. &Uuml;ber die H&auml;lfte aller Kosten geht bei den Argen &uuml;brigens f&uuml;r die Selbstverwaltung drauf. Geld, das den Bed&uuml;rftigen also nicht zugute kommt. F&uuml;r die Oberen gibt es Boni, wenn die Budgets f&uuml;r Sozialleistungen nicht &uuml;berschritten werden. Da kommt Amazon gerade recht. Hier hat sich ein System etabliert, wo Menschen bedenkenlos solchen Moloch-Unternehmen ausgeliefert werden, um sie aus der Statistik raus zu haben.<\/p><p><strong>Aber es geht ja darum, Menschen in Arbeit zu bringen?<\/strong><\/p><p>Ja, und viele, die dort anfangen, zittern und bangen, vielleicht doch fest &uuml;bernommen zu werden. Der perfide Trick ist es, dies bis zuletzt offen zu lassen. Letztlich haben die so Vermittelten aber von vornherein schon verloren: Fast alle werden sie nur f&uuml;r das Saisongesch&auml;ft verpflichtet und danach zur&uuml;ck in die Arbeitslosigkeit geworfen. Etwa 80 Prozent des Gesch&auml;fts l&auml;uft bei Amazon bekanntlich w&auml;hrend der Weihnachtszeit. Darum muss man hier von Saisonarbeitern sprechen. <\/p><p><strong>Wie sieht das konkret aus?<\/strong><\/p><p>Derzeit erreichen mich Hiflerufe aus Rheinberg. Dort wurde von einer Minute auf die andere verk&uuml;ndet: Die Fr&uuml;hschicht muss nun eine Stunde fr&uuml;her kommen, die Sp&auml;tschicht eine Stunde l&auml;nger bleiben. Da kommen Menschen aus dem Ruhrgebiet, wo ab einer gewissen Uhrzeit keine &ouml;ffentlichen Verkehrsmittel mehr fahren, die Menschen also vor den Amazon-Toren h&auml;tten &uuml;bernachten m&uuml;ssen. Da mussten welche nachts mehr als zwei Stunden zu Fu&szlig; nach Hause gehen. Vom Konzern hie&szlig; es nur: Macht halt Fahrgemeinschaften. Die meisten haben aber gar kein Auto. Ich habe einigen dort nun aus eigener Tasche ein Auto finanziert, damit sie die Arbeit dort durchhalten und weiter machen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Wenn sie einen Wunschzettel h&auml;tten f&uuml;r das neue Jahr, was st&uuml;nde da drauf?<\/strong><\/p><p>Mindestl&ouml;hne, sind zumindest das Allermindeste. Aber noch st&auml;rker: Entschleunigung. Arbeitszeitverdichtung, wie sie bei Amazon herrscht, zieht eine Kaskade der Ausbeutung nach sich. Ich habe in den letzten Monaten wieder viel in der Paketbranche recherchiert &ndash; einem Tentakel dieses Kraken Amazon. Dies sind die letzten in dieser Kette. Da sind viele heute noch mit 14 Stunden pro Tag unterwegs, verdienen unterm Strich zwischen 2 und 4 Euro pro Stunde. Prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse, bei denen die Menschenw&uuml;rde auf der Strecke bleibt. Viele Hilferufe, die mich erreichen, kommen aus dieser Branche.<\/p><p><strong>Trauen Sie Merkels Groko und dem gro&szlig; angek&uuml;ndigten Mindestlohn-Versprechen?<\/strong><\/p><p>Ich habe eine gewisse Hoffnung in Sigmar Gabriel, halte ihn f&uuml;r glaubw&uuml;rdiger als seine Vorg&auml;nger, vor allem als diesen &bdquo;Basta-Kanzler der Bosse&ldquo;, Gerhard Schr&ouml;der, der sich &ndash; man muss es leider so sagen &ndash; von der Wirtschaft, wie etwa Gazprom, hat kaufen lassen. Da hat Gabriel ein anderes Format, ein soziales Gewissen. Er steht nun mit Vielem im Wort, woran er sich messen lassen muss.<\/p><p><strong>Und au&szlig;er Recherchen in der Paketbranche&hellip;?<\/strong><\/p><p>Ich habe ein B&uuml;ro gegr&uuml;ndet, &bdquo;Workwatch&ldquo;, das bei Hilferufen ber&auml;t und auch publizistisch t&auml;tig ist. Anders sind diese grausamsten Schilderungen, die mich t&auml;glich erreichen, kaum noch abzuarbeiten. Das nimmt in letzter Zeit &Uuml;berhand. Im n&auml;chsten Jahr wird ein Buch unter meiner Herausgeberschaft erscheinen, wo derzeit einige junge Journalisten, die von mir Stipendien bekommen haben und jetzt undercover unterwegs sind, in verschiedensten Bereichen der Arbeitswelt ermitteln. Der Arbeitstitel: &bdquo;Lastentr&auml;ger &ndash; Arbeit im freien Fall.&ldquo; Auch ein Manager ist unter den Autoren.<\/p><p><strong>Whistleblower von oben?<\/strong><\/p><p>Ja, das geschieht, wenn aus Leitenden Leidende werden &ndash; oder wenn sie das Elend, das sie mit angerichtet haben, nicht mehr verantworten wollen. Dann leiden sie ebenso unter diesem Druck, bis hin zu Nervenzusammenbr&uuml;chen, erkennen sich irgendwann nicht wieder. Zuletzt etwa der Sicherheitschef eines gro&szlig;en Flugzeug-Herstellers, ein im ganzen Land hochangesehener Experte, der dagegen aufbegehrte, Arbeitssicherheit nur physisch, nicht aber unter Ber&uuml;cksichtigung psychischer Unzumutbarkeiten zu definieren, und der durch neue Chefs und Mobbing, das er reklamierte, an den Rande des Selbstmords getrieben wurde.<\/p><p><strong>Denken Sie nicht auch in manchen Momenten, vielleicht kann die Welt nicht mehr mit der Feder hingebogen werden? Vielleicht muss eine gro&szlig;e Welle kommen&hellip;?<\/strong><\/p><p>Ich bin jemand, der schon immer f&uuml;r den evolution&auml;ren Weg war. Weil: Die zerst&ouml;rerischen Kr&auml;fte gibt es zuhauf. Eine Gegenzerst&ouml;rung dagegen zu setzen, macht es nicht besser. Als Berufsskeptiker und Zweckoptimist sage ich: In Zeiten, wo erstarrte Ordnungen aufbrechen &ndash; und da befinden wir uns mittendrin &ndash; k&ouml;nnen kleinste Anst&ouml;&szlig;e das gro&szlig;e Ganze beeinflussen. Alles, was dann wahrhaftig, ernsthaft betrieben wird, hat Wirkung. Und ich sehe einen zunehmenden Bewusstseinswandel, gerade bei jungen Menschen hin zu einer anderen Form des umweltverantwortlichen, humanen Wirtschaftens. <\/p><p><strong>W&auml;re es nicht der bessere evolution&auml;re Weg, das Geld abzuschaffen, wenn wir uns selbst nicht so schnell &auml;ndern k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Es schafft sich doch gerade selbst ab. Die schleichende Geldentwertung ist in vollem Gange. So wie Springer sich durch den Verkauf seiner Regionalzeitungsgruppen momentan selbst enteignet. Die Ersparnisse kleiner Sparer schmelzen dahin, ganz klar. Bei mir war jemand aus dem Wirtschaftsministerium, ich kann keine Namen nennen, aber sehr hochrangig. Auch jemand aus einem Dax-Vorstand. Wie da intern &uuml;ber die Krise geredet wird&hellip; Der Tenor ist: Der n&auml;chste Crash ist vorprogrammiert. Ob in einem halben Jahr oder in drei. Er kommt. Und er wird eine gr&ouml;&szlig;ere Lawine ausl&ouml;sen als beim letzten Mal. Es kann sein, dass das ganze System dann kollabiert. Man beherrscht es l&auml;ngst nicht mehr. Wenn ich h&ouml;re, dass &uuml;ber 80 Prozent aller Aktien innerhalb von Sekundenbruchteilen gekauft und verkauft werden &ndash; da ist etwas total entgleist, und das wird ein Riesen-Desaster geben. Ich hoffe, ich behalte Unrecht.<\/p><p><strong>Jetzt soll doch die Banken-Regulierung kommen?<\/strong><\/p><p>Ich f&uuml;rchte, unsere Regierungen sind einfach nicht stark genug, dass noch zu regulieren. Banken, Kartelle und internationale Kapitalinteressen bestimmen, dirigieren und regieren doch l&auml;ngst und die von uns demokratisch gew&auml;hlten Regierungen sind dazu verdammt, nur noch reagieren zu k&ouml;nnen. Es war doch bei der letzten Krise schon kurz davor, dass alles zu den Banken und Sparkassen str&ouml;mte, um das Geld abzuheben. Damals kam dieses Versprechen von Merkel und Steinbr&uuml;ck, die Einlagen seien sicher. Nat&uuml;rlich h&auml;tten sie das niemals halten k&ouml;nnen, aber es hat die Lage beruhigt. Beim n&auml;chsten Mal wird das eine Dimension gr&ouml;&szlig;er. Nicht umsonst nannte Warren Buffet Hedge-Fonds die Massenvernichtungswaffen unserer Zeit &ndash; was ihn nicht davon abhielt, ein Drittel seines Verm&ouml;gens zu verspekulieren. Da ist nur noch Zocken und Gewinngier angesagt. Lug und Trug statt Treu und Glauben.<\/p><p><strong>Also kommt der gro&szlig;e Knall erst noch?<\/strong><\/p><p>Hatten meinesgleichen und ich vor zwanzig Jahren solche Thesen vertreten, hie&szlig; es schnell &bdquo;Verschw&ouml;rer&ldquo; oder &bdquo;Apokalyptiker&ldquo;. Heute reden so die Kl&uuml;geren unter den B&ouml;rsenfachleuten und selbst konservative Wirtschaftswissenchaftler. Auch der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, einer der &bdquo;klugen&ldquo; K&ouml;pfe in unserem Land, der fr&uuml;her so etwas als sozialistische Simplifizierungen abgetan h&auml;tte, bringt das inzwischen in seinem Buch &bdquo;Gier&ldquo; als Res&uuml;mee auf den Punkt: &bdquo;Die Gewinne werden privatisiert und die Verluste vergesellschaftet.&ldquo;<\/p><p><strong>Wann gibt es denn Mal ein neues Buch von Ihnen als Autor?<\/strong><\/p><p>Ich bereite jetzt erstmal filmisch ein Format &bdquo;Team-Wallraff&ldquo; vor. Die ersten von mir Beratenen sind da bereits verdeckt im Einsatz.<\/p><p><strong>Ist es denn f&uuml;r jemanden wie Sie nicht brisant, sich f&uuml;r das Format &bdquo;Team-Wallraff&ldquo; mit RTL einzulassen?<\/strong><\/p><p>Es ist sicherlich eine Gratwanderung. Irgendwann bin ich auf die Privaten zugegangen, weil ich die eigentlichen Adressaten, vor allem junge Menschen, die in solchen ausbeuterischen Arbeitsverh&auml;ltnissen drin stecken, &uuml;ber die &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender kaum mehr erreiche. Ich will ihnen sagen: Ihr sollt euch nicht alles gefallen lassen. Die guten Einschaltquoten freuen mich nat&uuml;rlich. Andererseits finde ich bei RTL auch Menschenverachtendes. Normalerweise sehe ich solche Sendungen nicht, f&uuml;hle mich aber gerade jetzt auch gefordert, so etwas zu beobachten und zu reklamieren. Vor ein paar Tagen Mario Barth zum Beispiel: Ich war entsetzt, wie er einen partnersuchenden, sch&uuml;chternen jungen Mann mit einer attraktiven potentiellen Partnerin konfrontierte, der er aus dem Nebenraum primitivste sexuelle Anz&uuml;glichkeiten soufflierte. Gleichzeitig wurde der junge Mann noch mit eingeblendeten Comicfiguren verglichen und so f&uuml;r sein &Auml;u&szlig;eres zus&auml;tzlich verh&ouml;hnt. Ich kann so etwas nicht verhindern, aber ich lasse mir nicht nehmen, das anzuprangern.<\/p><p><em>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Das Interview wurde im Dezember 2013 gef&uuml;hrt.<\/em><\/p><p><em>G&uuml;nter Wallraffs letztes Buch &bdquo;Aus der Sch&ouml;nen neuen Welt &ndash; Expeditionen ins Landesinnere&ldquo; ist inzwischen in einer erweiterten Neuauflage erschienen (384 Seiten, KiWi-Verlag, 9.99 als Taschenbuch)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G&uuml;nter Wallraff erhebt erneut schwere Vorw&uuml;rfe gegen Amazon. 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