{"id":19831,"date":"2014-01-06T09:36:16","date_gmt":"2014-01-06T08:36:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831"},"modified":"2019-07-05T10:54:01","modified_gmt":"2019-07-05T08:54:01","slug":"die-tiefe-kluft-zwischen-regierungsamtlichem-optimismus-und-der-wahrnehmung-der-wirklichkeit-durch-die-griechische-bevoelkerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831","title":{"rendered":"Die tiefe Kluft zwischen regierungsamtlichem Optimismus und der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch die griechische Bev\u00f6lkerung"},"content":{"rendered":"<p>In einem aktuellen Lagebericht beschreibt Niels Kadritzke die tiefe Kluft zwischen dem offiziellen Optimismus der Regierung Samaras\/Venizelos und der Wahrnehmung der Realit&auml;t an der Basis der Gesellschaft. Nichts von dem, was die Regierung den B&uuml;rgern erz&auml;hlt und ank&uuml;ndigt beseitigt auch nur die kleinste ihrer Alltagssorgen. Regierungschef Antonis Samaras hat die Kunst, sich selbst in die Tasche zu l&uuml;gen, fast zur Vollkommenheit entwickelt. Weder hat sich die Arbeitslosigkeit verringert, noch ist der Trend zur Langzeitarbeitslosigkeit gebrochen. Immer mehr Griechinnen und Griechen sind von materieller Entbehrung betroffen. L&ouml;hne werden nicht oder nicht regelm&auml;&szlig;ig ausbezahlt, unbezahlte Arbeit verbreitet sich. Die industrielle Produktion ist in den letzten 12 Monaten stetig und zuletzt sogar beschleunigt zur&uuml;ckgegangen. Die auch in deutschen Medien verbreiteten Erfolgsgeschichten (Prim&auml;r&uuml;berschuss im Staatshaushalt, Tourismus-Boom, sinkende Mietpreise) stellen sich bei n&auml;herer Betrachtung als Scheinerfolge heraus.<br>\nVon <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZu Beginn des Neuen Jahrs ist in Griechenland alles beim Alten. Die t&auml;glichen Sorgen halten die Leute auf Trab. Und wenn die Politiker im Fernsehen ihre optimistischen Neujahrsbotschaften absetzen, h&ouml;rte kaum einer hin. Viele Griechen haben einen der  Tage zwischen Weihnachten und Silvester in einer langen Schlange verbracht &ndash; entweder auf dem Finanzamt oder in einer Bank. In der Bank, um auf den letzten Dr&uuml;cker die Kfz-Versicherung f&uuml;r 2014 zu  &uuml;berweisen. Auf dem Finanzamt, um entweder  die Kfz-Steuer f&uuml;r 2014 zu zahlen oder das Nummernschild ihres Autos abzugeben, weil sie Steuer und Versicherung nicht mehr zahlen k&ouml;nnen. Die Zahl der Abmeldungen am Ende des Jahres 2013 hat die Grenze von 100 000 l&auml;ngst &uuml;berschritten.  Seit Beginn der Krise 2009 wurden etwa eine Million Fahrzeuge stillgelegt (mit dem Nebeneffekt, dass  der Export von Gebrauchtwagen einer der wenigen bl&uuml;henden Wirtschaftszweige geworden ist).<\/p><p>Im Fr&uuml;hst&uuml;cksfernsehen aller Privatkan&auml;le sind die Schlangen am zweiten Tag des neuen Jahres immer noch das gro&szlig;e Thema. Die Sch&uuml;sse auf die Residenz des deutschen Botschafters in Athen wurden nur in den abendlichen Hauptnachrichten abgehandelt (dazu mehr am Ende dieses ersten Teils). In allen Sendungen sind B&uuml;rokraten aus dem Finanzministerium eingeladen oder zugeschaltet, die auf peinliche Fragen nur blamable Antworten haben. Zwar wurde die Frist f&uuml;r die Kfz-Zahlungen ins neue Jahr verl&auml;ngert, aber am Morgen des 2. Januar mussten die Finanz&auml;mter ihre zahlungswilligen Kunden wieder nach Hause schicken, weil das elektronische Datensystem &bdquo;taxis&ldquo; zusammengebrochen war. Der Sprecher des Finanzministeriums erkl&auml;rt dem Publikum, man k&ouml;nne aber seine Steuer heute auch bei einer Bank einzahlen. Der Sprecher wird gefragt, ob Kfz-Halter vor einem Strafmandat gesch&uuml;tzt sind, wenn sie ihre Versicherung f&uuml;r 2014 nur per Bankbeleg nachweisen k&ouml;nnen. Er wei&szlig; es nicht, daf&uuml;r ist nicht das Finanzministerium zust&auml;ndig. Der Moderator beendet die spontane Emp&ouml;rung im Studio mit dem Satz: &bdquo;&Uuml;brigens hat diese Regierung gestern die Pr&auml;sidentschaft der Europ&auml;ischen Union &uuml;bernommen.&ldquo; Alle lachen. Werbepause: demagogisch angepriesene Schn&auml;ppchen f&uuml;r die Massen, High-Tech-Alarmanlagen f&uuml;r die besseren Viertel. <\/p><p>Griechenland am Ende des f&uuml;nften Krisenjahrs: Eine zutiefst verst&ouml;rte Gesellschaft, deren materielle Reserven bis in die Mittelschichten rapide abschmelzen, und die durch eine doppelte Perspektivlosigkeit demoralisiert ist. Zum einen ist eine &ouml;konomische Erholung nicht in Sicht, zum anderen hat die herrschende politische Klasse kein Krisenkonzept und wird nur noch vom Autopiloten eines z&auml;hen Selbsterhaltungstriebs gesteuert.<\/p><p>Die Kluft zwischen dieser politischen Klasse und einer demoralisierten Bev&ouml;lkerung veranschaulicht ein Stimmungsbild, das Pantelis Boukal&aacute;s in der konservativen Zeitung Kathimerini vom 10. Dezember gezeichnet hat. Ich gebe diesen Kommentar deshalb wieder, weil er fast alle Elemente benennt, die zum Jahreswechsel 2013\/2014 die griechische Misere ausmachen. <\/p><p>Boukal&aacute;s bezieht sich auf die sehr knappe Mehrheit, mit der das griechische Parlament den Staatshaushalt f&uuml;r 2014 verabschiedet hat: ein Zahlenwerk,  das noch auf etlichen hypothetischen Annahmen beruht und im Fr&uuml;hjahr wahrscheinlich durch einen Nachtragshaushalt erg&auml;nzt und korrigiert werden muss.<\/p><p><em>&bdquo;Die griechische &Ouml;ffentlichkeit hat f&uuml;r den Staatshaushalt 2014 etwa genau so viel Interesse gezeigt wie das Parlament, die ihn vor zwei Tagen verabschiedet haben. Selbst die H&auml;upter der gro&szlig;en Parteien begn&uuml;gten sich mit der Wiederholung dessen, was sie schon vor Wochen anl&auml;sslich des Misstrauensvotums der Syriza gegen die Zwei-Parteien-Regierung (aus ND und Pasok, NK) ge&auml;u&szlig;ert hatten. Denn selbst ihnen ist klar, dass auch die feurigsten Reden keinen Einfluss auf die Zahl der Ja- und Nein-Stimmen im Parlament haben, genau so wenig wie auf die Umfrageergebnisse.<\/em> <\/p><p><em>Die Regierung kann keineswegs davon ausgehen, dass alle Abgeordnete, die f&uuml;r das Gesetz gestimmt haben, die damit beschlossenen &ouml;konomische und soziale Inhalte tats&auml;chlich bef&uuml;rworten &ndash; zumal das Ja bei vielen h&ouml;chst verdrossen ausgefallen ist. Und schon gar nicht sollten sich die Regierenden einreden, dass ihr die Bev&ouml;lkerung das Szenario einer erfolgreichen Krisenpolitik mit Happyend, das sie so unerm&uuml;dlich herbei redet, auch wirklich abnimmt. Samaras und Stournaras m&ouml;gen noch so lyrisch von einem Prim&auml;r&uuml;berschuss schw&auml;rmen und den Armen f&uuml;r n&auml;chstes Jahr mehr Geld versprechen, doch der kleine Mann auf der Stra&szlig;e f&uuml;hlt sich nach wie vor als hilfloses Objekt in einem d&uuml;steren Drama.<\/em><\/p><p><em>Und das ist kein oberfl&auml;chliches Gef&uuml;hl, das von au&szlig;en angeheizt wird. Der kleine Mann interessiert sich nur f&uuml;r die &Ouml;konomie des t&auml;glichen Lebens, nicht f&uuml;r die wunderbaren Perspektiven der Makro&ouml;konomie. Die Normalb&uuml;rger haben absolut berechtigte Zweifel daran, dass das Utopia, das die Regierung am Horizont erschaut, f&uuml;r sie in absehbarer Zeit irgendwie erreichbar sein k&ouml;nnte. Sie vergleichen den optimistischen Haushaltsplan mit der Arithmetik ihrer tagt&auml;glichen Frustrationen, mit der qu&auml;lenden Frage, ob sie ihre Rechnungen bezahlen k&ouml;nnen und ob ihr Geld f&uuml;rs t&auml;gliche Leben ausreicht.<\/em><\/p><p><em>Im &ouml;ffentlichen Gesundheitswesen erleben die Normalb&uuml;rger mehr denn je die destruktiven Folgen, die ihnen die sogenannten Reformen beschert haben. Sie sehen, wie ihre Kinder durchfroren aus der Schule kommen, weil kein Geld f&uuml;r die Zentralheizung da ist. Und sie m&uuml;ssen zu ihrer Besch&auml;mung lesen, dass Mitmenschen sterben, weil sie t&ouml;dliche Gase aus selbstgebauten Heiz&ouml;fen eingeatmet haben. Obwohl wir Dezember haben und die K&auml;lte im Anmarsch ist, k&ouml;nnen sich viele Leute kein Heiz&ouml;l mehr leisten.<\/em><\/p><p><em>Die Normalb&uuml;rger wissen, dass sie ihre Verwandten und Freunde nicht mehr anpumpen k&ouml;nnen, weil auch deren Geldreserven zu Ende gehen. Sie haben Schulden, die ihnen immer h&auml;rter zusetzen (egal ob die Troika das einsieht oder nicht). Und jetzt sehen sie auch noch die Gefahr, dass man ihnen ihre Wohnung wegnimmt, die sie stets als ihr letztes sicheres Refugium betrachtet haben.&ldquo;<\/em><\/p><p>Boukal&aacute;s kommt zu dem Schluss, dass nichts von dem, was die Regierung den B&uuml;rgern erz&auml;hlt und ank&uuml;ndigt auch nur die kleinste ihrer Alltagssorgen beseitigt. <\/p><p><strong>Die Kluft zwischen Realit&auml;t und der Wahrnehmung der Regierung<\/strong><\/p><p>Das Thema dieses Kommentars ist die Kluft zwischen der Realit&auml;t und der Wahrnehmung eines Regierungschefs, dessen parlamentarische Mehrheit inzwischen auf eine einzige Stimme geschrumpft ist und dem die neuesten Meinungsumfragen drei Hiobsbotschaften bescheren: <\/p><ul>\n<li>Zum ersten, dass seine konservative Partei Nea Dimokratia deutlich hinter die linke Oppositionspartei Syriza zur&uuml;ck gefallen ist; <\/li>\n<li>zum zweiten, dass sein Koalitionspartner Pasok ums pure &Uuml;berleben k&auml;mpft; <\/li>\n<li>zum dritten, dass die Zweiparteien-Koalition bei Wahlen bestenfalls ein Drittel der Stimmen bekommen w&uuml;rde. <\/li>\n<\/ul><p>Wohlgemerkt: Wir reden von einem Land, dem fast alle kundigen &Ouml;konomen &ndash;  im Spektrum von der <em>Financial Times<\/em> bis <a href=\"http:\/\/www2.alternative-wirtschaftspolitik.de\/uploads\/m3013.pdf\">Rudolf Hickel [PDF &ndash; 56 KB]<\/a> &ndash; bescheinigen, dass es immer noch als akuter Notfall auf der &ouml;konomischen Intensivstation der Eurozone liegt. Und dessen Gesamtverschuldung trotz der dramatischen Sparprogramme noch immer bei 176 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steht, w&auml;hrend die Wirtschaft (also das BIP) seit Beginn der Krise um &uuml;ber 25 Prozent eingebrochen ist.<\/p><p>Regierungschef Antonis Samaras wurde auf diesen Seiten schon mehrfach als politischer Phantast beschrieben, der die Kunst, sich selbst in die Tasche zu l&uuml;gen, fast zur Vollkommenheit entwickelt hat. Eine weitere Probe dieser F&auml;higkeit lieferte Samaras nach dem letzten EU-Gipfel in Br&uuml;ssel, als er am 21. Dezember vor der europ&auml;ischen Presse erkl&auml;rte, sein Land sei &bdquo;am Ende des Weges angekommen&ldquo;. Damit meinte er keineswegs die Sackgasse, in der sich Griechenland tats&auml;chlich befindet. Samaras wollte vielmehr suggerieren, sein Land habe die &ouml;konomische Depression &uuml;berwunden und werde 2014 auf den &bdquo;Pfad des Wachstum&ldquo; zur&uuml;ckfinden (w&auml;hrend f&uuml;r 2013 noch mit einem R&uuml;ckgang des BIP um 4 Prozent zu rechnen ist). <\/p><p>Denselben Ton schlug Samaras in seiner Botschaft zum Jahreswechsel an: &bdquo;Wir haben das Schwierigste hinter uns,&hellip; Wir haben das Schlimmste verhindert&hellip; Wir haben dem Teufelskreis der Depression ein Ende gesetzt&ldquo;, versuchte er dem Volk einzureden. Deshalb werde man im Lauf des neuen Jahres ein normales und souver&auml;nes Land werden, das seinen Kreditbedarf wieder &bdquo;&uuml;ber die M&auml;rkte&ldquo; decke, sodass man keine neuen Sparprogramme (mit der Troika) aushandeln m&uuml;sse. <\/p><p>Was Samaras nicht dazu sagt: Wenn im Sommer 2014 die letzten Tranchen des Troika-Programms ausgezahlt sind, ist das Land f&uuml;r seinen Kreditbedarf auf einen Finanzmarkt verwiesen, auf dem der griechische Staat f&uuml;r seine Bonds noch immer zwei bis drei Mal so hohe Zinsen zahlen m&uuml;sste wie f&uuml;r die (aus)laufenden Kredite von EU und IWF. <\/p><p>Und noch etwas vergisst Samaras zu erw&auml;hnen: Dem j&uuml;ngsten OECD-Bericht zufolge, m&uuml;sste das Land, um bis 2020 seine erkl&auml;rten Schuldenabbauziele zu erreichen, von 2014 bis 2020 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4,8 Prozent erzielen. Das aber halten die OECD-Experten &ndash; unter Verweis auf das unberechenbare internationale Umfeld und das durch die Krise geschw&auml;chte Wachstumspotential des Landes &ndash; f&uuml;r &bdquo;sehr unwahrscheinlich&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/eco\/surveys\/GRC_Overview_Eng_2013.pdf\">OECD Survey Greece vom November 2013 [PDF &ndash; 325 KB]<\/a>)<\/p><p>Dennoch lautet die Frohe Botschaft von Samaras: &bdquo;Griechenland steht nicht mehr mit dem R&uuml;cken zur Wand&ldquo;. Eine harte, kalte Wand im R&uuml;cken ist aber genau das Gef&uuml;hl, das die meisten Griechen haben, die ihrem Regierungschef die optimistische Konjunkturprognose nicht abnehmen. Damit geht es ihnen genau so wie den Griechenland-Experten der OECD, die auch f&uuml;r 2014 noch eine Rezession (von &ndash; 0,4 Prozent) erwarten (Tabelle 1 des erw&auml;hnten Survey).<\/p><p><strong>Die Fakten<\/strong><\/p><p>Um den Zustand der griechischen Wirtschaft und Gesellschaft mit dem Trugbild zu vergleichen, seien hier einige fundamentale Daten angef&uuml;hrt:<\/p><ol>\n<li>Die aktuellste <strong>Arbeitslosenquote<\/strong> &ndash; f&uuml;r den Monat September &ndash; liegt bei 27.4 Prozent und ist damit erneut leicht gestiegen. Noch beunruhigender ist, dass die Quote f&uuml;r das gesamte dritte Quartal (Juli bis September), das immerhin die touristische Hochsaison umfasst, nicht unter 27 Prozent gesunken ist. F&uuml;r das zweite Quartal 2013 hat das griechische Statistikamt ELSTAT zwei weitere Kategorien von &bdquo;Quasi-Arbeitslosigkeit&ldquo; erfasst: Die Unterbesch&auml;ftigten, die nur Teilzeitarbeit finden, obwohl sie voll arbeiten wollen; und die &bdquo;Entmutigten&ldquo;, die schon gar nicht mehr nach Arbeit suchen. Nach den ELSTAT-Zahlen hat sich die Anzahl in beiden Kategorien gegen&uuml;ber dem Vorjahr fast verdoppelt: bei den Unterbesch&auml;ftigten auf 4, 3 Prozent und bei den &bdquo;Entmutigten&ldquo; auf 1,9 Prozent der erwerbsf&auml;higen Bev&ouml;lkerung (<a href=\"http:\/\/www.macropolis.gr\/?i=portal.en.economy.721&amp;itemId=721\">Daten aus dem englischsprachigen Blog Macropolis vom 24. Dezember 2013<\/a>). Rechnet man diese beiden Kategorien in die Arbeitslosenquote hinein, kommt man auf den Rekordwert von 33  Prozent. Die Arbeitslosenquote h&auml;tte sich damit seit Beginn der Krise, also seit dem dritten Quartal 2009 (9,3 Prozent Arbeitslose), mehr als verdreifacht, bezogen auf den Tiefstand vom Mai 2008 (6,6 Prozent Arbeitslose) sogar glatt verf&uuml;nffacht. <\/li>\n<li>Von den heute 1,376 Millionen Arbeitslosen sind 71 Prozent, also fast eine Million Menschen Langzeitarbeitslose, die ab dem 1. Januar 2014 (unter bestimmten Voraussetzungen) eine &Uuml;berlebenshilfe von 200 Euro pro Monat beziehen k&ouml;nnen. Der Trend zur <strong>Langzeitarbeitslosigkeit<\/strong> wird in den n&auml;chsten Jahren weiter ansteigen. Das hei&szlig;t: Immer mehr griechische Familien werden keinerlei Einkommen aus Arbeit oder Arbeitslosengeld haben, und zudem auch keine Krankenversicherung mehr. Giorgos Patoulis, Pr&auml;sident der Athener Medizinervereinigung, sch&auml;tzt die Zahl der Nichtversicherten inzwischen auf zwei Millionen (Kathimerini vom 2. Januar 2014).<\/li>\n<li>All dies bedeutet, dass die schrecklichen Zahlen, die der &bdquo;Einkommensbericht&ldquo; der griechischen Statistik-Beh&ouml;rde ELSTAT f&uuml;r das Jahr 2012 pr&auml;sentiert (englische Kurzfassung: <a href=\"http:\/\/www.statistics.gr\/portal\/page\/portal\/ESYE\/BUCKET\/A0802\/PressReleases\/A0802_SFA10_DT_AN_00_2012_01_F_EN.pdf\">Statistics on Income and Living Conditions 2012 [PDF &ndash; 152 KB]<\/a>), f&uuml;r 2013 noch schrecklicher ausfallen werden. Bereits 2012 lebten 19,5 Prozent der Bev&ouml;lkerung unter Bedingungen &bdquo;<strong>materieller Entbehrung<\/strong>&ldquo; (was nicht mit Armut zu verwechseln ist) &ndash; weitaus mehr als in den Krisenl&auml;ndern Spanien (5,8 Prozent) und Portugal (8,6 Prozent). Einige Indikatoren zu dieser &bdquo;material depravation&ldquo;:\n<ul>\n<li>40 Prozent aller Griechen hatten Probleme, ihre laufenden Kredite abzuzahlen;<\/li>\n<li>30 Prozent konnten ihre dringendsten Rechnungen (Strom, Gas, Wasser) nicht rechtzeitig begleichen;<\/li>\n<li>26,7  Prozent der Bev&ouml;lkerung konnten ihre Wohnung nicht angemessen heizen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Prozentzahlen lagen f&uuml;r die &ldquo;Armutsbev&ouml;lkerung&rdquo; (Ende 2012 waren &ldquo;einkommensarm&rdquo; im statistischen Sinne 23,1 Prozent der griechischen Bev&ouml;lkerung) noch deutlich h&ouml;her: 51 Prozent konnten ihre Rechnungen nicht p&uuml;nktlich zahlen, 47,6 Prozent bekamen im Winter ihre Wohnung nicht warm.<br>\nAlle zitierten Prozentzahlen liegen im Jahr 2013 mit Sicherheit nochmals deutlich h&ouml;her und werden auch 2014 weiter steigen. Dieser Anstieg zeigt vor allem, dass die Krise sich immer tiefer auch in die Mittelschichten hinein frisst.<\/p>\n<p>Hier ist allerdings eine einschr&auml;nkende Anmerkung n&ouml;tig: Die offiziellen Arbeitslosenzahlen geben die reale Besch&auml;ftigung nicht unbedingt wieder, weil von einer relativ hohen Dunkelziffer informeller Besch&auml;ftigung auszugehen ist. Das gilt &uuml;brigens auch f&uuml;r die Tourismus-Branche (und die Gastronomie), die im Krisenjahr 2013 der einzige relevante Wachstumssektor war. Das Ph&auml;nomen der Schwarzarbeit schl&auml;gt sich jedoch in einer weiteren d&uuml;steren Zahl nieder: 27 Prozent aller Leute, die irgendeinen Job aus&uuml;ben, arbeiten unversichert, erwerben also keinerlei Anspr&uuml;che auf Arbeitslosengeld, Krankenversorgung (jenseits von Erste-Hilfe-Leistungen) und Ruhestandsbez&uuml;ge.<\/p><\/li>\n<li>Die Zahl der Besch&auml;ftigten, die nicht regelm&auml;&szlig;ig oder nicht voll bezahlt werden, steigt weiter rapide an. Wer in Griechenland noch Arbeit hat,  bezieht keineswegs automatisch ein regelm&auml;&szlig;iges Einkommen. Nach einer empirischen Studie des Arbeitsforschungsinstituts der Gewerkschaften (INE) zahlt nur jede zweite griechische Firma die L&ouml;hne und Geh&auml;lter regul&auml;r und p&uuml;nktlich aus. F&uuml;r mehr als eine Million Besch&auml;ftigte (von rund 3,5 Millionen) verz&ouml;gert sich die Auszahlung um mindestens einen, viel h&auml;ufiger aber um zwei bis drei Monate.<\/li>\n<li>Auch andere &bdquo;unorthodoxe&ldquo; Entlohnungsmethoden breiten sich weiter aus. Etwa wenn Besch&auml;ftigte im Handelssektor in &bdquo;Warenform&ldquo; abgefunden werden (ein Ph&auml;nomen, das an die Verh&auml;ltnisse in der Transformationsperiode der Ex-Sowjetunion erinnert). So zahlt eine nordgriechische Supermarktkette ihr Verkaufspersonal zum Teil mit Kaufgutscheinen f&uuml;r den eigenen Laden aus. Seit Herbst 2012 nimmt auch die Zahl derer zu, die vom Arbeitgeber f&uuml;r einen Achtstundentag nur vier oder 5 Arbeitsstunden bezahlt bekommen. In den meisten F&auml;llen wehren sich die Betroffenen nicht gegen diese &Uuml;bervorteilung, weil sie keinerlei Aussicht auf eine andere Besch&auml;ftigung haben (weitere Details der INE-Studie in Kathimerini vom 1. Dezember 2013). Sehr anschaulich wird diese Erscheinungsform der Krise in einer vorweihnachtlichen Reportage von Marili Marghomenou dargestellt (Kathimerini vom 22. Dezember), wenn eine Verk&auml;uferin ihre Situation so beschreibt:<br>\n<blockquote><p>\n<em>&bdquo;Im Griechenland der Krise musst du zu sch&auml;tzen lernen, was du hast, und schwer aufpassen, dass du das nicht verlierst. Bei der Arbeit kannst du zum Chef nicht mehr Nein sagen. Du arbeitest zw&ouml;lf Stunden. Du bist zwar Verk&auml;uferin, aber du machst alles, zum Beispiel Warenlieferungen herumschleppen. Und doch, wenn du dich dann mal mit einem arbeitslosen Freund zu einem Kaffee triffst, dann denkst du nur: Mir geht&rsquo;s doch gut.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>In dieser kleinen Szene ist das ganze Elend des heutigen Griechenland eingefangen, einschlie&szlig;lich eines individuellen Fatalismus, der sich ab einem bestimmten Grad allgemeiner Verelendung fast automatisch ausbreitet.<\/p><\/li>\n<li>Die INE-Forscher gehen davon aus, dass in jedem zweiten Fall die Firma in der Tat nicht regul&auml;r zahlen kann, weil sie nicht liquide ist. Das verweist auf ein grunds&auml;tzliches Problem der &bdquo;Real&ouml;konomie&ldquo;: Auch gesunde und zukunftsf&auml;hige Unternehmen haben kaum Aussichten auf einen Bankkredit. Selbst unternehmerfreundliche Wirtschaftszeitungen konstatieren verbittert, dass die griechischen Banken mit Milliardenhilfen aus den Rettungsfonds von EU und IWF &bdquo;saniert&ldquo; wurden, aber deshalb keineswegs bereit sind, die Realwirtschaft mit Krediten zu unterst&uuml;tzen. Insbesondere die kleineren und mittelgro&szlig;en Unternehmen (und das sind 90 Prozent der griechischen Betriebe), erhalten keinen Kredit, weil sie nicht die von den Banken geforderten Sicherheiten bieten k&ouml;nnen. Mehr &uuml;ber dieses spezielle Bankenproblem lernt man aus der vorz&uuml;glichen Analyse des &Ouml;konomen und Griechenland-Experten Jens Bastian, der die letzten Jahre f&uuml;r die Task Force der EU-Kommission in Athen gearbeitet hat (<a href=\"http:\/\/www.macropolis.gr\/?i=portal.en.the-agora.454\">englische Fassung<\/a>).<\/li>\n<li>Die industrielle Produktion ist in den letzten 12 Monaten stetig und zuletzt sogar beschleunigt zur&uuml;ckgegangen. Nach Angaben des Statistischen Amtes (ELSTAT) fiel der Produktionsindex der griechischen Industrie im Oktober 2013 gegen&uuml;ber dem Vormonat um 8,4 Prozent; der Index f&uuml;r die Auftragseing&auml;nge, der die Zukunftsaussichten abbildet, ist sogar um 17,5 Prozent eingebrochen. Gegen&uuml;ber Oktober 2012 fiel der industrielle Umsatz um 5,2 Prozent, w&auml;hrend er im Zeitraum Oktober 2011 bis Oktober 2012 noch um 3.9 Prozent gestiegen war (ELSTAT-Pressemitteilung vom 10. Dezember; Macropolis vom 20. Dezember). Solche Zahlen machen deutlich, dass &bdquo;der industrielle Sektor nach wie vor Rezessionssignale f&uuml;r die griechische Wirtschaft aussendet&ldquo; (so Macropolis vom 20. Dezember).<\/li>\n<li>Solche Signale sind wenig geeignet, Investitionen aus dem Ausland anzulocken. Da sogenannte &bdquo;strategischen&ldquo; Investitionen auch nicht &uuml;ber das Privatisierungsprogramm generiert werden (aus Gr&uuml;nden, die ich auf den <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17985\">Nachdenkseiten vom 16. Juli 2013<\/a> dargelegt habe), ist es umso verbl&uuml;ffender, dass in den Haushaltspl&auml;nen der letzten Jahre &ndash; inklusive des vorl&auml;ufigen Budgets f&uuml;r 2014 &ndash; ausgerechnet die Mittel f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen gek&uuml;rzt wurden. Die Einsparung dieser Gelder mit dem Ziel, einen &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt zu erzielen, ist ein klassisches Exempel f&uuml;r die Absurdit&auml;ten der griechischen &bdquo;Sparpolitik&ldquo;.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Erfolgsgeschichten?<\/strong><\/p><p>Die Liste von Indikatoren, die den verkrampften Optimismus der Samaras-Regierung L&uuml;gen strafen, lie&szlig;e sich noch weiter verl&auml;ngern. Kommen wir stattdessen zu der ber&uuml;hmten Frage: &bdquo;Wo bleibt das Positive?&ldquo; Gibt es aus Griechenland wirklich keine Erfolge zu melden?<br>\nUntersuchen wir die drei Punkte, die am h&auml;ufigsten als Beleg oder f&uuml;r die griechische &bdquo;success story&ldquo; angef&uuml;hrt werden.<\/p><ul>\n<li>den &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt (ohne Zinsendienst) als Zeichen f&uuml;r die &Uuml;berwindung der Schuldenkrise;<\/li>\n<li>die positive Entwicklungen im Tourismus-Sektor als Signal f&uuml;r neues Wirtschaftswachstum;<\/li>\n<li>die Verbilligung der Mietpreise als Indiz f&uuml;r die viel beschworene &bdquo;Deflation&ldquo;, die Einkommensverluste abfedern soll.<\/li>\n<\/ul><ol>\n<li><strong>Success Story Nr. 1: Der Prim&auml;r&uuml;berschuss<\/strong>\n<p>Dass 2013 erstmals seit Mitte der 1990er-Jahre ein Plus im Prim&auml;rhaushalt (der die Kreditzins-Zahlungen ausklammert) erzielt werden kann, steht au&szlig;er Zweifel. Zweifelhaft ist allerdings die H&ouml;he dieses &Uuml;berschusses, die erst im n&auml;chsten Fr&uuml;hjahr feststehen wird. Klar ist aber auch, dass die in Athen erhofften Zahlen durch &bdquo;kreative Buchf&uuml;hrung&ldquo; gesch&ouml;nt werden k&ouml;nnen. In dieser Hinsicht gibt es eine Differenz zwischen den Prognosen des griechischen Finanzministeriums und den Kalkulationen der Troika. In den griechischen Kalkulationen sind zum Beispiel die zu begleichenden &bdquo;Au&szlig;enst&auml;nde&ldquo; (in Form nicht ausgezahlter Geh&auml;lter und unbezahlter Rechnungen der Privatindustrie) nicht ber&uuml;cksichtigt, die im Jahr 2013 schon bis November 3,15 Mrd. Euro ausmachen. Gravierender ist, dass die Troika drei Parameter unterschiedlich bewertet: Die Defizite in den Sozialkassen (v.a. aufgrund der &bdquo;Beitragsvermeidung&ldquo; vieler Unternehmen), die Konjunkturprognosen, auf denen die gesch&auml;tzten Steuereinnahmen basieren, und die Erfolgsquote beim Eintreiben von Steuerschulden.<\/p>\n<p>Vor allem aber ist durchaus umstritten, was ein &bdquo;Prim&auml;r&uuml;berschuss&ldquo; &uuml;berhaupt f&uuml;r die wirtschaftliche Entwicklung bedeutet. Die meisten &Ouml;konomen &ndash; und auch der griechische Industriellenverband &ndash; sind &uuml;bereinstimmend der Meinung, dass diese Gr&ouml;&szlig;e ein Fetisch ist, insofern er f&uuml;r die Wachstumsperspektiven &uuml;berhaupt nichts bedeutet. Der schon zitierte Griechenland-Experte Jens Bastian betont in seinem Ausblick auf das Jahr 2014, auch ein Prim&auml;r&uuml;berschuss 2013 &auml;ndere nichts daran, dass &bdquo;die akkumulierte Staatsschuld weiterhin auf der Volkswirtschaft lastet und die Aussichten auf eine konjunkturelle Erholung beeintr&auml;chtigt&ldquo;. <\/p>\n<p>Laut Bastian k&ouml;nnen Prim&auml;r&uuml;bersch&uuml;sse nur dann etwas bewirken, wenn sie dauerhaft erzielt werden, und zwar &bdquo;m&ouml;glichst mit wachsendem Volumen&ldquo; und begleitet von &bdquo;sinkenden Zinszahlungen f&uuml;r die akkumulierte Staatsschuld&ldquo;. Die entscheidende Gr&ouml;&szlig;e sei also das Wirtschaftswachstum; wenn das zu schwach ausfalle, m&uuml;sse ein noch gr&ouml;&szlig;erer &Uuml;berschuss erzielt werden. Ein solches Szenario sei im Fall Griechenland aber mit hohen &bdquo;sozialen Kosten und politischen Risiken&ldquo; verbunden, weil die Gesellschaft schon 2013 am Rand ihrer Belastbarkeit angelangt ist (<a href=\"http:\/\/www.macropolis.gr\/?i=portal.en.the-agora.896\">der englische Text ist publiziert bei Macropolis<\/a>).<\/p>\n<p>Damit verweist Bastian auf den neuralgischen Punkt der von Samaras und Stournaras verk&uuml;ndeten &bdquo;success story&ldquo;. Die meisten griechischen B&uuml;rger haben Ende 2013 das Gef&uuml;hl, dass der staatliche Prim&auml;r&uuml;berschuss auf der drastischen Absenkung ihres Lebensstandards beruht, ohne die versprochene Gegenleistung zu bringen, n&auml;mlich die Voraussetzungen f&uuml;r neues Wachstum zu produzieren. Und vor allem haben sie nicht vergessen, was ihnen die Politiker &ndash; voran Finanzminister Stournaras &ndash; seit Fr&uuml;hjahr 2012 st&auml;ndig erz&auml;hlt haben: Wenn einen &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt erzielen, werden die Gl&auml;ubiger der Troika endlich die erforderliche Schuldenentlastung bewilligen &ndash; vielleicht sogar in Form eines zweiten Schuldenschnitts (haircut).<\/p>\n<p>Jens Bastian h&auml;lt eine realistische Debatte &uuml;ber dieses Thema f&uuml;r unvermeidlich: &bdquo;Was Griechenland 2014 wirklich braucht, ist eine Vereinbarung &uuml;ber die Modalit&auml;ten einer Schuldenentlastung. Dies ist der &sbquo;Elefant im Wohnzimmer&lsquo;, den bislang niemand &ndash; mit Ausnahme des IWF &ndash; offiziell zur Kenntnis nehmen will.&ldquo; F&uuml;r Bastian lautet die entscheidende Frage: &bdquo;K&ouml;nnen die europ&auml;ischen Institutionen und Griechenlands bilaterale Partner eine solche Schuldenerleichterung gew&auml;hren, um die Schuldenlast langfristig tragbar (sustainable) zu machen, wie es einmal vereinbart war?&ldquo; Die Antwort auf diese f&uuml;r Griechenland alles entscheidende Frage, k&ouml;nne nur formuliert werden, wenn Deutschland daf&uuml;r &bdquo;Papier und Feder&ldquo; zur Verf&uuml;gung stelle.<\/p>\n<p><strong>Entt&auml;uschung &uuml;ber die SPD<\/strong><\/p>\n<p>Das ist bekanntlich bislang noch nicht geschehen &ndash; zur gro&szlig;en Entt&auml;uschung der griechischen Regierung und der griechischen B&uuml;rger, die ihre ganze Hoffnung auf die eigentlich vereinbarte Entlastung gesetzt haben, sei es in Form von reduzierten Zinsraten und verl&auml;ngerten Zahlungsfristen, sei es in Form eines &bdquo;haircut&ldquo; bei den griechischen Staatspapieren in &bdquo;offizieller&ldquo; Hand (&bdquo;official sector involvement&ldquo; oder OSI genannt). In Athen konnte man sogar nachvollziehen, dass dieses Thema vor den deutschen Bundestagswahlen als Tabu behandelt wurde. Doch nach den Wahlen war die Hoffnung wieder aufgekeimt und sogar angewachsen, seitdem sich eine Gro&szlig;e Koalition abzeichnete. <\/p>\n<p>Doch sp&auml;testens mit der Lekt&uuml;re des Koalitionsvertrags folgte die gro&szlig;e &bdquo;Entt&auml;uschung &uuml;ber die SPD&ldquo;. Unter diesem Titel stellte Jiannis Kotoulou im Wirtschaftsteil der Kathimerini vom 1. Dezember ern&uuml;chtert fest, dass die beiden gro&szlig;en deutschen Parteien &bdquo;die europ&auml;ische Perspektive auf den M&uuml;ll geworfen haben&ldquo;: keinerlei Entwicklungsprogramm f&uuml;r den EU-S&uuml;den, kein Wort &uuml;ber Eurobonds, also keine Idee, die den deutschen Steuerzahler h&auml;tte aufschrecken k&ouml;nnen. Einen so engstirnigen Wirtschaftsnationalismus konnte man von Merkel erwarten, meint Kotoulou, nicht aber von den  Sozialdemokraten. Und wenn die Griechen jetzt aus Berlin h&ouml;ren, das Thema k&ouml;nne auf keinen Fall vor den Europawahlen auf den Tisch kommen, fragt sich Kotoulou mit Schrecken, wie &bdquo;germanozentrisch&ldquo; diese Gro&szlig;e Koalition sich verhalten wird, wenn die Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament aufzeigen sollten, dass die nationalistischen und Anti-EU-Kr&auml;fte in ganz Europa noch deutlich st&auml;rker geworden sind.<\/p>\n<p><strong>Schuldenschnitt als letzte Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p>In einem weiteren Kommentar der Kathimerini (vom 13. Dezember) erkl&auml;rt Nikos Xydakis, warum eine massive Schuldenentlastung oder gar ein Schuldenschnitt (in Form eines OSI) f&uuml;r Griechenland eine existentielle Frage darstellt: &bdquo;In den n&auml;chsten vier Jahren werden die (griechischen) Bonds, die bei der Europ&auml;ischen Zentralbank und anderen nationalen Zentralbanken liegen, aus der griechischen Wirtschaft 30 Milliarden Euro absaugen. W&uuml;rde dieses Geld im Land bleiben &ndash; indem man die R&uuml;ckzahlung dieser Schulden tempor&auml;r aussetzt -, k&ouml;nnte man es f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen und Entwicklungsprojekte ausgeben.&ldquo; Nur so, argumentiert Xydakis, sei die Rezession zu stoppen und das Anwachsen der Arbeitslosigkeit aufzuhalten. Zugleich h&auml;tte der Staat mehr Spielraum f&uuml;r Ma&szlig;nahmen, um die schw&auml;cheren Mitglieder der Gesellschaft zu sch&uuml;tzen und die Unternehmen steuerlich zu entlasten.<\/p><\/li>\n<li><strong>Success Story Nr. 2: Der Tourismus-Boom<\/strong>\n<p>Als &bdquo;success story&ldquo; l&auml;sst sich auch die Entwicklung des Tourismus darstellen. Die Erfolgszahlen f&uuml;r die Saison 2013 sind tats&auml;chlich imposant ausgefallen: Die Ankunft von 17 Millionen ausl&auml;ndische Touristen schon bis Ende Oktober lassen f&uuml;r das gesamte Jahr einen neuen Rekord von 17, 7 Millionen erwarten (ein Zuwachs gegen&uuml;ber 2012 von mehr als 15 Prozent). Diese Griechenland-Urlauber haben Einnahmen generiert, die 12 Milliarden Euro &uuml;bersteigen, wenn man die Kreuzfahrt-Touristen hinzurechnet (die nicht als &bdquo;Einreisende&ldquo; registriert werden). Die vorl&auml;ufigen Zahlen stammen von der griechischen Zentralbank und vom Verband der griechischen Touristikunternehmen SETE (nach Kathimerini vom 25. Dezember 2013). SETE prognostiziert f&uuml;r die Saison 2014 einen weiteren Zuwachs auf 18,5 Millionen Touristen und Einnahmen von mehr als 13 Milliarden Euro. <\/p>\n<p>Solche Zahlen repr&auml;sentieren jedoch nur die halbe Wahrheit. Sie betreffen lediglich die ausl&auml;ndischen G&auml;ste. Von denen buchen die meisten ihren Urlaub auf touristisch hoch entwickelten Inseln wie Rhodos, Kos, Kreta und Korfu. Diese Touristik-Enklaven verzeichnen f&uuml;r 2013 sehr hohe Zuwachsraten von 20 Prozent und dar&uuml;ber. Weniger erfreulich sieht es f&uuml;r die Regionen aus, die traditionell auf einheimische Urlauber angewiesen sind. Sie mussten auch in diesem touristischen &bdquo;Rekordjahr&ldquo; deutliche Einbr&uuml;che verzeichnen, denn die Zahl der Griechen, die sich noch einen Urlaub leisten k&ouml;nnen, ist dramatisch zur&uuml;ckgegangen (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=17942\">mehr Details in meinem Bericht vom 11. Juli 2013<\/a>). Wenn griechische Familien noch Ferien machten, dann im Dorf der Oma oder im Ferienhaus von Freunden und nicht im Hotel. Wegen der knappen Familienbudgets sind auch die gastronomischen Ausgaben im Urlaub dramatisch zur&uuml;ckgegangen. Das bekamen fast alle vom Tourismus lebende Tavernen und Restaurants zu sp&uuml;ren. Vor allem aber das Personal.<\/p>\n<p>Bei den Arbeitslosenzahlen (siehe oben Pkt. 3) wurde bereits darauf hingewiesen, dass der touristische &bdquo;Boom&ldquo; auf dem Arbeitsmarkt kaum Spuren hinterlassen hat. Das liegt vor allem an der &bdquo;grauen Besch&auml;ftigung&ldquo;, die in fast allen Saisonbetrieben dominiert. Dabei sehen viele jugendliche Erwerbslose nur in solchen Jobs die Chance, ein minimales Geldeinkommen zu erwerben (das sie bei meist freier Kost und Logis f&uuml;r den Rest des Jahres zur&uuml;cklegen k&ouml;nnen). Aber auch Familienv&auml;ter werden in der Branche mit Hungerl&ouml;hnen abgespeist. Der Verband des Hotelgewerbes (POX) hatte f&uuml;r 2013 einen regul&auml;ren Tariflohn durchgesetzt, der um 15 Prozent niedriger lag als 2012 und dem fest angestellten Personal zwischen 750 und 820 Euro netto einbrachte. Jetzt wurde eine neue Vereinbarung abgeschlossen, die das Lohnniveau f&uuml;r die Saison 2014 einfriert und f&uuml;r 2015 einen Zuwachs von 1 (in Worten: einem) Prozent vorsieht (nach: Efimerida ton Syntakton vom 31. Dezember 2013).<\/p>\n<p>Nebenbei: Da dieser Branchentarifvertrag nicht nur vom Tourismus-, sondern auch vom Arbeitsministerium als &bdquo;wegweisend&ldquo; gefeiert wurde, kann man sich leicht vorstellen, was der von der Regierung beschworene &bdquo;Wirtschaftsaufschwung&ldquo; f&uuml;r die Lohnabh&auml;ngigen im privaten Sektor bringen wird.<\/p>\n<p>F&uuml;r den Arbeitsmarkt insgesamt ist eine andere Klausel allerdings noch folgenreicher: Der Tarifvertrag sieht vor, dass die Hotelunternehmen in der touristischen Hochsaison (Juli\/August) bei einer Bettenauslastung von &uuml;ber 75 Prozent die t&auml;gliche Arbeitszeit auf zehn Stunden ausdehnen k&ouml;nnen. Wobei die Angestellten die &Uuml;berstunden durch Freizeit oder Kurzarbeit in den schw&auml;cheren Auslastungsmonaten kompensieren &bdquo;d&uuml;rfen&ldquo;. Diese Regelung zeigt, dass die Unternehmerseite alles tut, um den Besch&auml;ftigungseffekt, den die Regierung dem Tourismus-Boom zuschreibt, m&ouml;glichst gering zu halten. Unter solchen Bedingungen ist die wichtigste &bdquo;Exportindustrie&ldquo; Griechenlands nicht geeignet, die hohe Arbeitslosenquote entscheidend &ndash; und sei es auch nur saisonal &ndash; zu dr&uuml;cken.<\/p><\/li>\n<li><strong>Success Story Nr. 3: sinkende Mietpreise<\/strong>\n<p>Ein Kostenfaktor des t&auml;glichen Lebens ist deutlich billiger geworden: die Wohnungs- wie auch die Gewerbemieten. Viele Familien zahlen heute weniger Miete als vor der Krise, weil sie eine kleinere oder billigere Wohnung bezogen haben, oder weil die Kinder ins elterliche Gratis-Nest zur&uuml;ckgekehrt sind. Aber auch wer nicht zum Umzug bereit ist, kann die Miete in der Regel betr&auml;chtlich dr&uuml;cken, weil das famili&auml;re &bdquo;Zusammenr&uuml;cken&ldquo; Wohnraum frei macht, was die Marktpreise senkt. Noch st&auml;rker ist dieser Effekt bei den Gewerbemieten zu sp&uuml;ren, weil Hunderttausende Gesch&auml;fts- oder Ladeninhaber das Handtuch geworfen haben. Der gigantische Leerstand, der in jeder Stra&szlig;e Griechenlands zu besichtigen ist,  hat die Preise drastisch sinken lassen (allein in diesem Jahr um durchschnittlich 20 Prozent, seit Beginn der Krise um insgesamt 50 Prozent).<\/p>\n<p>Diese &bdquo;erfreuliche&ldquo; Entwicklung hat allerdings eine Kehrseite, die f&uuml;r viele die Freude erheblich tr&uuml;bt:  In Griechenland gibt es heute deutlich weniger Mieter als potentielle Vermieter. 77 Prozent der Bev&ouml;lkerung haben Wohneigentum (in Deutschland: 53 Prozent). Zus&auml;tzlich besitzen sehr viele Familien eine Zweit- oder  Drittimmobilie, die sie vermieten. Diese Mieteinnahmen sind f&uuml;r viele Haushalte (nicht nur der Mittelklasse) ein fester Bestandteil des Familienbudgets. Immobilien sind seit den Zeiten der inflation&auml;ren Drachme f&uuml;r die meisten Griechen eine klassische Sparanlage bzw. als ein fester Bestandteil der Altersvorsorge kalkuliert. <\/p>\n<p>Diese Rechnung geht f&uuml;r Millionen Familien heute nicht mehr auf. Das liegt nicht nur am Leerstand bzw. an den gesunkenen Mieteinnahmen, sondern mehr noch an den Immobiliensteuern, die im Lauf der Krise stetig angehoben wurden und erstmals auch die (bislang steuerfreie) &bdquo;Erstwohnung&ldquo; belasten. Das macht die Brisanz der j&uuml;ngsten Steuergesetze, die von der Regierung kurz vor Weihnachten durchs Parlament gebracht wurden. Um die Mehrheit der eigenen Koalition zu sichern, musste die Besteuerung der Immobilien zwar in mehreren Punkten sozial vertr&auml;glicher gestaltet werden, aber in einem Punkt blieb die Gesetzesvorlage unver&auml;ndert: Die Steuer f&uuml;r Immobilien basiert auf den Marktpreisen von 2007, die zumeist um mindestens 50 Prozent &uuml;ber dem aktuellen Marktpreis liegen. Allein dieser Punkt hat h&ouml;chste Emp&ouml;rung ausgel&ouml;st und die Regierung Samaras weitere Sympathien gekostet. Gerade in mittelst&auml;ndischen Kreisen, die von der Diskrepanz zwischen sinkenden Mietpreisen und steigender steuerlicher Belastung der Vermieter besonders stark betroffen sind.<\/p>\n<p>Dieses Gesetz ist einer der Gr&uuml;nde, warum die Nea Dimokratia in allen seit Anfang Dezember durchgef&uuml;hrten Umfragen deutlich hinter die linke Oppositionspartei Syriza zur&uuml;ck gefallen ist. Der demoskopische Siegeszug der Linkspartei ist der klarste Beleg f&uuml;r die Diskrepanz zwischen dem offiziellen Optimismus der Regierung Samaras\/Venizelos und der Wahrnehmung der Realit&auml;t an der Basis der Gesellschaft. <\/p>\n<p>Im zweiten Teil dieses aktuellen Berichtes werde ich diese demoskopischen Befunde interpretieren und die Ursachen f&uuml;r den merklichen Wandel der politischen Stimmung genauer untersuchen. Zu diesen Ursachen geh&ouml;rt unter anderem:<\/p>\n<ul>\n<li>Die wachsende Emp&ouml;rung &uuml;ber die systematische Ungerechtigkeit der steuerlichen Belastung, die die &bdquo;private&ldquo; Kehrseite des staatlichen Prim&auml;r&uuml;berschusses darstellt.<\/li>\n<li>Die Emp&ouml;rung &uuml;ber die Bestechungs- und Korruptionsskandale, die jetzt nach und nach aufgedeckt werden und deren Ausma&szlig;e alle b&ouml;sen Ahnungen &uuml;bertreffen (und bei denen deutsche Unternehmen und Interessen eine besondere Rolle spielen).<\/li>\n<li>Die wachsende politische Akzeptanz der Syriza, die ihre realistische Krisenanalyse schrittweise in eine &bdquo;realpolitische&ldquo; Krisenstrategie umsetzt und durch ihr klares Bekenntnis zur EU und zur Eurozone mehr und mehr W&auml;hler von ihrer Regierungsf&auml;higkeit &uuml;berzeugt.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ol><p><strong>Nachwort zu dem versuchten Attentat auf die Residenz des deutschen Botschafters<\/strong><\/p><p>Ein kleines Nachwort zur dem versuchten Attentat auf die Residenz des deutschen Botschafters. Die Kalaschnikow-Salven auf das Haus von Wolfgang Dold wurden von allen griechischen Parteien (au&szlig;er der Neonazi-Partei Chrysi Avgi) scharf und unzweideutig verurteilt. Diese Haltung entspricht den Empfindungen der gro&szlig;en Mehrheit der griechischen Bev&ouml;lkerung. Bei der Verurteilung der Aktion &uuml;berwiegt zwar das Argument, dass solche Aktionen den &bdquo;griechischen Interessen&ldquo; zuwiderlaufen, aber dar&uuml;ber hinaus ist auch eine deutliche pers&ouml;nliche Anteilnahme zu sp&uuml;ren. Das Mitgef&uuml;hl reflektiert zweifellos die Wertsch&auml;tzung, die Dold in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit, bis hin zu Kreisen genie&szlig;t, die ihre Kritik an der deutschen &bdquo;Krisenpolitik&ldquo; zuweilen mit uns&auml;glichen Klischees garnieren. Der Botschafter hat mit seiner ruhigen und h&ouml;chst sachlichen Reaktion auf das Attentat dazu beigetragen, den Eindruck zu relativieren, den die hysterischen Kommentare in der deutschen Presse zur griechischen EU-Pr&auml;sidentschaft in Athen hinterlassen haben.<\/p><p>Das zeigt sich etwa auch darin, dass der Syriza-Vorsitzende Alexis Tsipras Dold pers&ouml;nlich angerufen und sich nach seinem Befinden erkundigt hat. Auch Manolis Glezos, der allseits geachtete linke Patriot, der die deutsche Seite immer wieder an die Nazi-Besatzung und an das offene Thema der Reparationen und der nicht zur&uuml;ckgezahlten Kriegskredite erinnert, hat den Botschafter in seinem Haus besucht und ihm seine Sympathie versichert. Dold hat seit langem und von sich aus das Gespr&auml;ch mit Glezos gesucht, eine Geste, die in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit stark beachtet wurde (ich finde, wenn ein diplomatischer Vertreter Deutschlands in einer solchen Situation eine richtig gute Figur macht, soll man das durchaus und erfreut zur Kenntnis nehmen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem aktuellen Lagebericht beschreibt Niels Kadritzke die tiefe Kluft zwischen dem offiziellen Optimismus der Regierung Samaras\/Venizelos und der Wahrnehmung der Realit&auml;t an der Basis der Gesellschaft. Nichts von dem, was die Regierung den B&uuml;rgern erz&auml;hlt und ank&uuml;ndigt beseitigt auch nur die kleinste ihrer Alltagssorgen. 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