{"id":19862,"date":"2014-01-08T09:24:50","date_gmt":"2014-01-08T08:24:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19862"},"modified":"2019-10-28T16:03:30","modified_gmt":"2019-10-28T15:03:30","slug":"rezension-der-groesste-raubzug-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19862","title":{"rendered":"Rezension: \u201eDer gr\u00f6\u00dfte Raubzug der Geschichte\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel des Buches &ndash; &bdquo;<em>Der gr&ouml;&szlig;te Raubzug der Geschichte<\/em>&ldquo; &ndash; klingt eher nach einem historischen Krimi, aber die beiden Verfasser durchleuchten die heute agierende internationale Finanzwelt und wollen aufzeigen &bdquo;<em>Warum die Flei&szlig;igen immer &auml;rmer und die Reichen immer reicher werden<\/em>&ldquo;. Damit packen die als Finanzberater t&auml;tigen Autoren Matthias Weik und Marc Friedrich eine der aktuell wichtigsten politischen Fragen an. Eine Rezension von <strong>Hermann Zoller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn ihrem unterhaltsam geschriebenen Buch f&uuml;hren Weik und Friedrich Leserin und Leser in das Gebaren der weltweit agierenden Spekulanten ein. Dass die beschriebenen Folgen eher einen Wutausbruch als ein Schmunzeln auszul&ouml;sen verm&ouml;gen, b&auml;ndigen die Verfasser mit einer Prise Humor in ihrer Schreibe. Sie vermeiden aber, die Probleme zu verniedlichen, gar zu einem unterhaltsamen Krimi umzubiegen. Leser und Leserin wird es so nur erleichtert, sich in eine komplizierte Materie einzuarbeiten, gewisserma&szlig;en auf eine spannende Reise in eine Welt des Wahnsinns, der L&uuml;gen, des Betrugs, des gr&ouml;&szlig;ten Raubzugs der Geschichte zu begeben. <\/p><p>Bei allem Unterhaltungswert, das Buch zeigt auch glasklar auf, wer die Zeche bezahlt, die die Spekulanten und Betr&uuml;ger im Casino hinterlassen. Die aufgef&uuml;hrten Fakten sind derartig erschreckend folgenreich, dass man sich kaum auf die Position des am&uuml;sierten Zuschauers zur&uuml;ckziehen kann. Die Folgen treffen die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung: Ihr wird der Geldbeutel ausgeraubt und Freiheit und Demokratie beschnitten. &ndash; Das Buch liest sich wie ein Krimi, nur mit dem Unterschied, dass es Millionen von Opfern gibt und die Ganoven dennoch nicht im Gef&auml;ngnis landen.<\/p><p>F&uuml;r B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die sich bisher noch nicht so sehr tief in &bdquo;die Krise&ldquo; eingearbeitet haben, ist das ein spannendes Buch, das Hunger macht auf mehr, auf mehr Wissen dar&uuml;ber, wie die &bdquo;Kapitalverbrechen&ldquo; von wem wie begangen werden. Dass sich B&uuml;rgerin und B&uuml;rger mehr informieren sollten, das ergibt sich aus dem Fazit, das die Autoren ziehen: &bdquo;<em>Die Finanzbranche hat aus der sog. Lehman-Krise nichts, aber auch gar nichts gelernt.<\/em>&ldquo; Und sie f&uuml;gen hinzu: die Politik auch nichts. Zumindest sind viele Politiker trotz gewonnener Einsichten nicht bereit, die vorhandenen Werkzeuge einzusetzen, um die Finanzindustrie vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e zu stellen.<\/p><p>&bdquo;<em>Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unser Banken- und W&auml;hrungssystem nicht verstehen. W&uuml;rden sie es n&auml;mlich, so h&auml;tten wir eine Revolution vor morgen fr&uuml;h<\/em>&ldquo;, wird Henry Ford zitiert. Und das Buch liefert genug Hinweise daf&uuml;r, dass man eigentlich auf die Barrikaden gehen m&uuml;sste. Man w&auml;re freilich zufrieden, wenn die Politiker das Heft des Handelns in die Hand nehmen w&uuml;rden, statt sich von den Spekulanten und Zockern am Nasenring durch die Manege f&uuml;hren zu lassen. <\/p><p>Nachvollziehbar wird geschildert, wie Banken Geld &bdquo;sch&ouml;pfen&ldquo; &ndash; was die Autoren zu der Feststellung f&uuml;hrt: &bdquo;<em>Banken haben somit anscheinend das Recht zum schweren Betrug ohne Rechtsfolgen.<\/em>&ldquo; Anschaulich erf&auml;hrt der Leser, wie der Wahnsinn unseres Finanzsystems seinen Lauf genommen hat. Am 27. Oktober 1986 empfahl die damalige britische Premierministerin Margret Thatcher: &bdquo;<em>Lasst uns die Regeln wegwerfen, die den Erfolg bremsen!<\/em>&ldquo; Ausgel&ouml;st wurde damit ein weltweites Wettrennen um die Deregulierung der Finanzm&auml;rkte. Am 22. Februar 1990 beschlie&szlig;t die Regierung Kohl die Abschaffung der B&ouml;rsenumsatzsteuer. Ihre Wiederbelebung als Finanztransaktionssteuer ist bis heute nicht gelungen. Am 12. November 1999 hob US-Pr&auml;sident Clinton ein Gesetz von 1933 auf, das die Trennung von Gesch&auml;fts- und Investmentbanken beinhaltete. Von nun an mussten die Spekulanten nicht mehr mit dem eigenen Verm&ouml;gen zocken, sondern sie bekamen Zugriff auf die Guthaben der Sparer. &bdquo;<em>Der Wahnsinn nimmt von jetzt an seinen Lauf<\/em>&ldquo;, stellen die Autoren fest.<\/p><p>Chronologisch wird nachgezeichnet wie das Roulette im Casino auf Touren gebracht wird &ndash; und wie die Politik, obwohl gut informiert, wegschaute, wenn nicht gar unterst&uuml;tzte. Das gab den Spekulanten jede Freiheit. Selbst Warnungen von Insidern wie der Investmentlegende Warren Buffet wurden nicht geh&ouml;rt. In einem Brief an die Aktion&auml;re seiner Holding Berkshire Hathaway schreibt er: &bdquo;<em>Wir bem&uuml;hen uns, wachsam  gegen&uuml;ber jedem Risiko einer Megakatastrophe zu sein. Diese Haltung mag uns &uuml;bertrieben besorgt erscheinen lassen. (&hellip;) Unserer Ansicht nach sind Derivate finanzielle Massenvernichtungswaffen, und sie bergen Gefahren, die im Augenblick zwar verborgen, potenziell jedoch todbringend sind.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Als einer, der die Finanzmarktkrise in Deutschland ausgel&ouml;st hat, wird J&ouml;rg Asmussens Treiben nachgezeichnet. So hat er den Handel mit ABS (Asset Backet Securities &ndash; festverzinsliche Wertpapiere, die durch offene Forderungen gesichert sind) vorangetrieben. Laut S&uuml;ddeutscher Zeitung ist &bdquo;<em>auf ihn wohl auch jene Passage im schwarz-roten Koalitionsvertrag von 2005 zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, nach der der deutsche Finanzmarkt von &sbquo;&uuml;berfl&uuml;ssigen&rsquo; Regulierungen befreit und Produktinnovationen und neue Vertriebswege gef&ouml;rdert werden sollen<\/em>&ldquo;.<\/p><p>Wie das weltweit befreite Spekulationsunwesen funktionieren konnte, wird am Beispiel der CDOs (Collateralized Dept Obligations) geschildert, die dann durch CDS (Credit Default Swaps) &bdquo;gesichert&ldquo; werden sollten. Wie irrsinnig das Treiben der Finanzjongleure war, wird allein schon daran deutlich, dass 2007 der Nominalwert aller CDS mit 62 Billionen Dollar den Wert des Weltsozialprodukts &uuml;berstieg. Die Autoren sehen in diesem Finanzprodukt eine der Hauptursachen der globalen Krise.<\/p><p>Die Schilderungen des Buches belegen nachdr&uuml;cklich, dass die Rolle der Banken grundlegend &uuml;berdacht werden muss, denn ihr Treiben gef&auml;hrdet die wirtschaftliche und soziale Situation von Millionen von Menschen. Die Autoren k&ouml;nnen sich sogar auf den ehemaligen Finanzminister Theo Waigel berufen, von dem die Aussage &uuml;berliefert ist: &bdquo;<em>Was da auf den internationalen Finanzm&auml;rkten l&auml;uft, ist doch Betrug.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Wie die Geldmengen um den Globus gejagt werden, das schildert das Buch in anschaulicher Weise. In das Bild geh&ouml;ren auch die Summen, die die Steuerzahler in den betroffenen L&auml;ndern berappen m&uuml;ssen, nur damit die beteiligten Banken und damit eigentlich die Spekulanten gerettet werden. Dieser Skandal wird dann noch getoppt von den Abfindungen f&uuml;r die Super-Manager, die das falsche Spiel gespielt haben. Der Konzernchef von Lehman Brothers, Richard Fuld, erhielt zwischen 1998 und 2007 ungef&auml;hr 256 Millionen Dollar. Und in dem Buch wird weiter berichtet: &bdquo;<em>Rechtzeitig, bevor m&ouml;gliche Schadensersatzanspr&uuml;che gegen ihn geltend gemacht werden konnten, hat Fuld seine 13-Millionen-Dollar-Villa f&uuml;r den symbolischen Betrag von 100 Dollar an seine Ehefrau verkauft.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Die Autoren benennen eine lange Liste von Vorschl&auml;gen, um dem Irrsinn ein Ende zu setzen. Und unterstreichen diese mit einer Aussage von Heiner Gei&szlig;ler: &bdquo;<em>Wenn es der Politik nicht gelingt, endlich die &uuml;berf&auml;llige Reform der internationalen Finanzm&auml;rkte durchzusetzen, sind die westlichen Demokratien in der jetzigen Form nicht mehr zu retten.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Es gibt einige Gr&uuml;nde daf&uuml;r, nicht sonderlich optimistisch zu sein &ndash; denn die Autoren berichten: &bdquo;<em>L&auml;ngst hat die Finanzindustrie die verheerende Krise der letzten Jahre abgehakt und sucht nach neuen Expansionsm&ouml;glichkeiten. Versuche von Politikern und Aufsichtsbeh&ouml;rden, das Wachstum zu bremsen, empfinden viele Geldmanager bestenfalls als sportliche Herausforderung. Risiken in Milliardenh&ouml;he werden ausgelagert. Gesch&auml;ftsbereiche, die die Banken aufgrund der strengen Auflagen nicht mehr fortf&uuml;hren k&ouml;nnen, verkaufen sie kurzerhand an Investoren oder gehen Minderheitsbeteiligungen ein. (&hellip;) Die Profiteure dieses Wandels sind vor allem Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften. Sie geh&ouml;ren im Branchenjargon zu den sogenannten &sbquo;Schattenbanken&rsquo;.<\/em>&ldquo;<\/p><p>So informativ das Buch bezogen auf die Umtriebe der Spekulanten ist, in volkswirtschaftlichen Fragen sind die Autoren au&szlig;erordentlich oberfl&auml;chlich. Bei der Darstellung des Verhaltens von Staaten und den volkswirtschaftlichen Umgang mit Schulden haben die Autoren offenbar manches von dem vergessen, was sie &uuml;ber die internationale Finanzwelt treffend analysiert haben. Sie folgen hier eher unreflektiert dem Mainstream. So klingt auch manches &uuml;ber die Lage in S&uuml;deuropa eher nach Stammtisch. Griechenland wird an den &uuml;blichen Pranger gestellt, statt die Entwicklung des Landes und die Ursachen f&uuml;r seine Lage zu analysieren. Und dass sich die Autoren in Sachen Rente ausgerechnet auf Raffelh&uuml;schen beziehen, ist dann schon mehr als ein Sch&ouml;nheitsfehler und unterstreicht, dass das Buch analytische M&auml;ngel aufweist.<\/p><p>Andererseits arbeiten sie deutlich heraus, dass der Abstand zwischen Arm und Reich immer gr&ouml;&szlig;er wird &ndash; und benennen auch hier &Uuml;belt&auml;ter: &bdquo;<em>1996 schaffte die Regierung Kohl die Verm&ouml;genssteuer ab. Dies kostet den Staat &hellip; 4,8 Milliarden pro Jahr. Die Regierung Schr&ouml;der senkte den Unternehmens- und Spitzensteuersatz &ndash; Kostenpunkt 30 Milliarden &ndash; pro Jahr. In  den letzten 20 Jahren ist der Steuersatz f&uuml;r sehr Reiche (Jahreseinkommen &uuml;ber 1,5 Millionen Euro) von 42,1 auf 33,7 Prozent gesunken. Der Steuersatz von Superreichen (Jahreseinkommen &uuml;ber 174 Millionen Euro) ist von 43,6 auf sage und schreibe 23,7 Prozent gesunken.<\/em>&ldquo; Aufgrund der Steuerreformen um das Jahr 2000 werde dem Staat Jahr f&uuml;r Jahr 50 Milliarden Euro vorenthalten.<\/p><p>Das Fazit, das die Autoren am Ende des Buches dem Leser pr&auml;sentieren, ist niederschmetternd: &bdquo;<em>Die bisherigen Vorkommnisse zeigen, dass die Politik immer mehr ein &sbquo;Handlanger&rsquo; der Finanzwirtschaft ist und deren Interessen gnadenlos gegen die Bev&ouml;lkerung durchsetzt. (&hellip;) Weshalb wird immer noch nichts ge&auml;ndert? Ganz einfach, weil die Profiteure dieses Systems alles tun, damit sich nichts &auml;ndert. Selbst alle gro&szlig;en westlichen Demokratien sind gnadenlos verschuldet und somit von den Betreibern des privaten Finanzsystems schlicht und einfach abh&auml;ngig.<\/em>&ldquo;<\/p><p>Damit d&uuml;rfen wir uns nicht abfinden. Verstehen wir deshalb den letzten Spruch in dem Buch als Aufforderung zum Widerstand: &bdquo;<em>Ein positiv denkender Mensch weigert sich nicht, das Negative zur Kenntnis zu nehmen. Er weigert sich lediglich, sich ihm zu unterwerfen<\/em>&ldquo; &ndash; Pfarrer und Autor Norman Vincent Peale.<\/p><p>Matthias Weik und Marc Friedrich<br>\n<strong>Der gr&ouml;&szlig;te Raubzug der Geschichte &ndash; Warum die Flei&szlig;igen immer &auml;rmer und die Reichen immer reicher werden<\/strong><br>\nTectum Verlag, 382 Seiten, Paperback, 19,90 Euro<br>\nISBN 978-3-8288-2949-7<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des Buches &ndash; &bdquo;<em>Der gr&ouml;&szlig;te Raubzug der Geschichte<\/em>&ldquo; &ndash; klingt eher nach einem historischen Krimi, aber die beiden Verfasser durchleuchten die heute agierende internationale Finanzwelt und wollen aufzeigen &bdquo;<em>Warum die Flei&szlig;igen immer &auml;rmer und die Reichen immer reicher werden<\/em>&ldquo;. 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