{"id":1988,"date":"2007-01-08T07:25:25","date_gmt":"2007-01-08T06:25:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1988"},"modified":"2016-01-19T11:34:45","modified_gmt":"2016-01-19T10:34:45","slug":"dritter-arbeitsmarkt-als-test-fur-arbeitswilligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1988","title":{"rendered":"Dritter Arbeitsmarkt als Test f\u00fcr Arbeitswilligkeit"},"content":{"rendered":"<p>Von Gert G. Wagner (DIW) war in der TAZ ein Artikel mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2007\/01\/05\/a0145.1\/textdruck\">&bdquo;Verschwendung, die sich lohnt&ldquo;<\/a> erschienen. Wie die SPD-Abgeordnete Iris Gleicke pl&auml;diert auch Gert G. Wagner f&uuml;r einen so genannten Dritten Arbeitsmarkt, mit dem angeblich mehr f&uuml;r Langzeitarbeitslose getan werden k&ouml;nne. Der Beitrag ist widerspr&uuml;chlich und teilweise erschreckend. Kai Ruhsert.<br>\n<!--more--><br>\nEs folgen Kommentare zu einige Abs&auml;tzen des Artikels (letztere in kursiv).<\/p><p><em>Zwar wirbt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache f&uuml;r weitere Reformen, die wie die Rente mit 67 erst einmal mehr von den B&uuml;rger verlangen, bevor sie positiv wirken, aber Merkel hat auch ausdr&uuml;cklich mehr Chancen f&uuml;r Langzeitarbeitslose als ein wichtiges Ziel genannt.<\/em> <\/p><p>Wie soll die Rente mit 67 positiv auf den Arbeitsmarkt wirken? Gerade k&uuml;rzlich hat  das <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2006\/kb1606.pdf\">Institut f&uuml;r Arbeitsmarkt und Berufsforschung [PDF &ndash; 1 MB]<\/a> in einer Studie prognostiziert,  dass die Rente mit 67 eher zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit f&uuml;hren d&uuml;rfte, sofern nicht zwischen 1,2 bis &uuml;ber 3 Millionen zus&auml;tzliche Jobs entstehen. Aber Wagner glaubt offenbar, dass die &bdquo;Reform&ldquo; Rente mit 67 &bdquo;positiv wirkt&ldquo;.<\/p><p><em>In der gro&szlig;en Koalition ist ein Programm f&uuml;r erst einmal 100.000 Langzeitarbeitslose im Gespr&auml;ch. Unvermittelbare Langzeitarbeitslose <strong>sowie psychisch und k&ouml;rperlich Kranke<\/strong> sollen Jobs in kommunalen oder gemeinn&uuml;tzigen Einrichtungen zur Verf&uuml;gung gestellt bekommen. Vornehmlich im Hilfsbereich &ndash; ob in der K&uuml;che oder beim Rasenm&auml;hen -, denn es h&auml;tte keinen Sinn, ungelernte Kr&auml;fte zum Beispiel mit der schwierigen Aufgabe der Pflege zu betrauen.<\/em> <\/p><p>Das h&ouml;rt sich &auml;u&szlig;erst mildt&auml;tig an, wenn f&uuml;r unvermittelbare Langzeitarbeitslose und psychisch und k&ouml;rperlich Kranke &bdquo;Jobs&ldquo; zur Verf&uuml;gung gestellt werden sollen. Wenn das aber  bei &bdquo;Kranken&ldquo; mit dem &ouml;konomischen Zwang verbunden ist, deren Arbeitsf&auml;higkeit und die Arbeitswilligkeit zu &bdquo;testen&ldquo;, dann wird daraus ein zynisches Experiment.<\/p><p><em>(&hellip;) selbst Erwerbst&auml;tige, die trotz Vollzeitarbeit nur einen &ldquo;Armutslohn&rdquo; beziehen, sind im Durchschnitt mit etwa 6,5 nicht viel weniger zufrieden als normal verdienende Erwerbst&auml;tige.<\/em> <\/p><p>Na, dann &ndash; wenn die Zufriedenheit fast wie bei einem normal Verdienenden ist &ndash;  ist gegen einen &bdquo;Armutslohn&ldquo; ja gar nicht so viel einzuwenden!<\/p><p><em>(&hellip;) Insofern sollte eine klare Befristung des neu geschaffenen Dritten Arbeitsmarktes erwogen und &ouml;ffentlich diskutiert werden.<\/em> <\/p><p>Also befristet. Das steht aber im Widerspruch hierzu: <\/p><p><em>(Mit Workfare, KR) wird eben nicht nur die Arbeitswilligkeit getestet, sondern wirklich ein Job angeboten und wom&ouml;glich dauerhaft gew&auml;hrleistet. Macht man das konsequent, werden 100.000 Arbeitspl&auml;tze im Dritten Arbeitsmarkt also wahrscheinlich nicht ausreichen.<\/em> <\/p><p>Nun also &ldquo;dauerhaft gew&auml;hrleistet&rdquo;. Was denn nun? <\/p><p><em>Alle Fachleute sch&auml;tzen, dass es nicht nur 100.000 Langzeitarbeitslose gibt, die keinerlei Chance mehr auf einen normalen Job haben, sondern etwa 400.000. Vielleicht sogar noch mehr. Insofern sollte erwogen werden, ob man nicht jetzt auch damit beginnt, die Arbeitsf&auml;higkeit und -willigkeit aller Langzeitarbeitslosen durch staatliche Jobangebote zu testen.<\/em> <\/p><p>400.000 Menschen antreten zum Zwangstest auf Arbeitsf&auml;higkeit  und Arbeitswilligkeit! <\/p><p><em>Ein letztes Wort: Mit einem &ldquo;Grundeinkommen f&uuml;r alle&rdquo;, von dem immer wieder getr&auml;umt wird, sind die Probleme der derzeit Langzeitarbeitslosen nicht zu l&ouml;sen. Denn diese Gruppe hat ja nicht nur den Anschluss an die Erwerbsarbeit verloren, sie ist aufgrund unzureichender Bildung und der Gew&ouml;hnung an Perspektivlosigkeit auch kaum noch in der Lage, sich au&szlig;erhalb der Erwerbswelt sinnstiftend zu bet&auml;tigen.<\/em> <\/p><p>Die Langezeitarbeitslosen k&ouml;nnen also nur noch durch Arbeitszwang zur Sinnstiftung ihres Lebens gezwungen werden?<br>\nIch w&uuml;rde gerne wissen, wie viele qualifizierte, kreative, jederzeit zu Engagement bereite Langzeitarbeitslose unter unseren Leserinnen und Lesern sind und nicht fassen k&ouml;nnen, was da von Gert G. Wagner &uuml;ber sie geredet wird. <\/p><p><em>Eine gute Bildung und jede Menge kreativer Energie ist aber die Voraussetzung, damit ein Grundeinkommen f&uuml;r alle eine sinnvolle Perspektive sein k&ouml;nnte. Solange die nicht gegeben ist, lohnt es sich nicht, &uuml;ber die vielf&auml;ltigen Probleme eines Grundeinkommens im Detail zu diskutieren.<\/em> <\/p><p>F&uuml;r Gebildete und Kreative lohnte es sich also &uuml;ber das Grundeinkommen nachzudenken, f&uuml;r unvermittelbare Langzeitarbeitslose, psychisch und k&ouml;rperlich Kranke aber nicht, ihnen muss die Sinnstiftung f&uuml;r ihr Leben durch den Test auf ihre Arbeitsf&auml;higkeit und Arbeitswilligkeit vermittelt werden. <\/p><p>Man muss wahrscheinlich Professor sein, um diese verquaste Logik nachvollziehen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Erg&auml;nzung am 9.1.2007:<\/strong><\/p><p>Die Konsequenzen einer Ausweitung der Ein-Euro-Jobs f&uuml;r die Gesamtwirtschaft werden von Gert Wagner auf fahrl&auml;ssige Weise untersch&auml;tzt. In der Praxis gibt es keine klare Grenze zwischen T&auml;tigkeiten des ersten und des dritten Arbeitsmarkts. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Der &Uuml;bergang vom Rasenm&auml;hen &uuml;ber das Gie&szlig;en und D&uuml;ngen bis zur Neuanlage von Gr&uuml;nanlagen ist flie&szlig;end. Das Ergebnis wird eine massive Verdr&auml;ngung regul&auml;rer Besch&auml;ftigung durch Ein-Euro-Jobs sein. Gert Wagner kann dies in Berlin heute schon beobachten: <\/p><p>&ldquo;Schon jetzt sollen dort (bei den Gr&uuml;nfl&auml;chen&auml;mtern, KR) nach Angaben der Gewerkschaft ver.di einige tausend Ein-Euro-Jobber im Einsatz sein, w&auml;hrend die Zahl der Besch&auml;ftigten seit 2003 von 3070 auf 2500 Arbeiter gesunken sei. &hellip; Schon jetzt seien beispielsweise in Tempelhof-Sch&ouml;neberg nur noch 160 der 230 Stellen bei den Gr&uuml;nfl&auml;chen&auml;mtern besetzt, sagte Uwe Januszewski vom Hauptpersonalrat. Gleichzeitig w&uuml;rden dort Ein-Euro-Jobber eingesetzt. Auch in Lichtenberg seien 150 Arbeitsgelegenheiten beantragt. In Marzahn-Hellersdorf soll der Bezirk <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/archiv\/01.06.2005\/1850795.asp\">nach Verdi-Angaben <\/a>sogar 525 Ein-Euro-Jobs planen; bei 178 festangestellten Kollegen.&rdquo; <\/p><p>Eine Ausweitung des Dritten Arbeitsmarkts wird einen Dammbruch zur Folge haben. Die L&ouml;hne f&uuml;r einfache T&auml;tigkeiten werden weiter sinken, ein immer gr&ouml;&szlig;erer Teil der Bev&ouml;lkerung wird staatliche Unterst&uuml;tzung ben&ouml;tigen. Ein Teil der Handwerksbetriebe wird f&ouml;rmlich ausradiert werden. Angst und Verunsicherung werden noch st&auml;rker um sich greifen und den Konsum wie die Lebensplanung einschr&auml;nken. Die Umverteilung der Einkommen von unten nach oben erh&auml;lt einen weiteren Schub, und die Abh&auml;ngigkeit vom Export wie die Anf&auml;lligkeit f&uuml;r den Fall einer weltweiten Rezession werden noch einmal zunehmen, da der Binnenmarkt unter solchen Umst&auml;nden die Konjunktur nicht st&uuml;tzen kann. <\/p><p>Peter Bofinger hat derartige Vorschl&auml;ge angemessen kommentiert: &bdquo;Viele &Ouml;konomen denken stark in der Kategorie des Kartoffelmarktes. Sie sagen, solange Arbeitslosigkeit da ist, m&uuml;ssen die L&ouml;hne sinken. Sie verkennen halt, dass der Arbeitsmarkt kein Kartoffelmarkt ist, sondern ein gesamtwirtschaftlicher Markt. Lohnentwicklung ist eben eine entscheidende Gr&ouml;&szlig;e daf&uuml;r, wie die Nachfrage nach Arbeit ausf&auml;llt.&ldquo;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.merkur-online.de\/nachrichten\/politik\/aktuell\/art297,739586.html?fCMS=8f3a4f5dd4d4204f891f6b13517fa347\">Merkur Online<\/a> <\/p><p>Die Angebotstheoretiker dominieren die Volkswirtschaft weltweit, auch in den USA. Eine so ausgepr&auml;gte Faktenresistenz wie in Deutschland gibt es dort aber nicht. So verbreitet sich unter US-&Ouml;konomen die Auffassung, dass der Mindestlohn Nutzen f&uuml;r Niedriglohn-Besch&auml;ftigte und Unternehmen bringen kann &ndash; und das ohne negative Effekte f&uuml;r die Besch&auml;ftigung. Alan Blinder, Professor in Princeton und ehemaliger Vize-Pr&auml;sident der US-Zentralbank, hat gar sein Lehrbuch umgeschrieben. In der neuen Auflage erkl&auml;rt er, &uuml;berraschende Forschungsergebnisse z&ouml;gen &ldquo;die konventionelle &Ouml;konomen-Weisheit&rdquo; in Zweifel.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-3D0AB75D-F85C5A36\/hbs\/hs.xsl\/32014_84414.html\">Hans-B&ouml;ckler Stiftung<\/a> <\/p><p>G&auml;be es ein weltweites Ranking f&uuml;r die Qualit&auml;t der Beratung, so m&uuml;ssten immer mehr deutsche Wirtschaftsforschungsinstitute sich ganz hinten anstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Gert G. Wagner (DIW) war in der TAZ ein Artikel mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2007\/01\/05\/a0145.1\/textdruck\">&bdquo;Verschwendung, die sich lohnt&ldquo;<\/a> erschienen. Wie die SPD-Abgeordnete Iris Gleicke pl&auml;diert auch Gert G. Wagner f&uuml;r einen so genannten Dritten Arbeitsmarkt, mit dem angeblich mehr f&uuml;r Langzeitarbeitslose getan werden k&ouml;nne. 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