{"id":199,"date":"2005-06-29T13:12:17","date_gmt":"2005-06-29T12:12:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=199"},"modified":"2016-03-13T15:16:57","modified_gmt":"2016-03-13T14:16:57","slug":"deutschland-global","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=199","title":{"rendered":"Deutschland global?"},"content":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke, 2005.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. &copy; Joachim Jahnke &ndash; Deutschland global? &ndash; 2005 <\/strong><\/p><p><strong>Das Ohnmachts-M&auml;rchen deutscher Politiker zur Globalisierung <\/strong><\/p><p>Zu den &bdquo;Mogelpackungen&ldquo; deutscher Politiker im Umgang mit der Globalisierung geh&ouml;rt der Spruch von der Ohnmacht gegen&uuml;ber angeblich aufgezwungenen und unvermeidbaren globalen Entwicklungen oder einfach die Schuldzuweisung an Br&uuml;ssel, als sei Deutschland dort nicht vertreten. Beispielsweise hat Erhard Eppler davon gesprochen, da&szlig; sich die Gestaltungsm&ouml;glichkeiten f&uuml;r Politik durch die Globalisierung der M&auml;rkte dramatisch verringert h&auml;tten und Politiker gar nicht mehr das leisten k&ouml;nnten, was die B&uuml;rger von ihnen erwarten (Interview in &bdquo;Der Spiegel&rdquo; vom 8. Oktober 2004) oder derselbe jetzt wieder unter Hinweis auf Soziologen: &ldquo;Die Werkzeuge, mit denen man auf Wirtschaft und M&auml;rkte einwirken kann, sind den Nationalstaaten abhanden gekommen, &uuml;brigens mehr durch die Globalisierung als durch die EU&rdquo; (in &ldquo;Frankfurter Rundschau vom 17. Juni 2005). Oder in den Worten des Br&uuml;sseler Industriekommissars Verheugen: &bdquo;Wir m&uuml;ssen unsere Volkswirtschaften bewu&szlig;t dem Wettbewerb aussetzen. Die Verlagerung von Arbeitspl&auml;tzen in billiger produzierende L&auml;nder ist nicht mehr aufzuhalten&rdquo; (Vortrag vor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Br&uuml;ssel, im Dezember 2004). Hier schiebt jeder die Verantwortung f&uuml;r die deprimierende Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt von sich weg. Dabei soll die Ohnmachtsparole die Akzeptanz f&ouml;rdern, und tats&auml;chlich f&uuml;hlen sich die meisten B&uuml;rger ohnm&auml;chtig der angeblichen Realit&auml;t ausgeliefert. Wahr ist dagegen, da&szlig; immer noch eine ganze Menge der Globalisierungsfolgen auf eigenes Tun oder Unterlassen zur&uuml;ckgeht, und daf&uuml;r einige von sicher mehr Beispielen:<br>\nDie den globalen Druck ausl&ouml;senden Liberalisierungsschritte in der WTO, wie fr&uuml;her im GATT, f&uuml;r den Warenverkehr und die Dienstleistungen sind von den Regierungen, die sie direkt oder &uuml;ber die EU betrieben haben, voll zu verantworten, wobei die deutsche Politik wegen der Exportinteressen immer ganz vorn unter den Liberalisierern war. Das gilt auch f&uuml;r den sehr zur&uuml;ckhaltenden Gebrauch der an sich vorhandenen Abwehrinstrumente gegen unfairen Wettbewerb. Auch jetzt wird die Liberalisierung &uuml;ber die Doha-Runde in der WTO weiter vorangetrieben. Niemand kann hier Unschuld mimen.<br>\nDie st&auml;ndige und schnelle EU-Erweiterung, die nicht nur erhebliche Finanzlasten (siehe Scheitern des EU-Gipfels wegen der Verteilung der Haushaltsbelastungen) sondern nun auch Globalisierungsdruck durch Niedrigpreisimporte und Jobverlagerungen ausl&ouml;st, ist auch und gerade von Deutschland vorangetrieben worden. Dabei hat man sich urspr&uuml;nglich &ndash; neben den politischen Vorteilen &ndash; &uuml;ber starke Exporte einen eigenen Wirtschaftsboom versprochen wie schon weiland bei der Wiedervereinigung. Deutschland war bis vor kurzem auch einer der st&auml;rksten F&uuml;rsprecher f&uuml;r den T&uuml;rkeibeitritt. Mit relativ kurzen &Uuml;bergangs-Schutzregeln gegen Einwanderung von Billigarbeitskr&auml;ften hat man versucht, die B&uuml;rger zu beruhigen, als sei schon morgen wieder Hochkonjunktur am deutschen Arbeitsmarkt angesagt. Die M&ouml;glichkeit, da&szlig; Unternehmen aus den Beitrittsl&auml;ndern mit ihren billigen Arbeitskr&auml;ften und niedrigeren Steuerbelastungen in Deutschland Dienstleistungen erbringen, wurde nicht durch &Uuml;bergangs- Schutzregeln eingeschr&auml;nkt.<br>\nNiemand aus der deutschen Politik hat die Beitrittsl&auml;nder mit der deutschen Stimme in der EU rechtzeitig, und das hei&szlig;t vor dem Beitritt, davon abgehalten, in einen Niedrigsteuerwettbewerb bei den Unternehmenssteuern einzutreten. Jetzt ist eine Harmonisierung der Steuerers&auml;tze wegen des Einstimmigkeitsgebots in der EU nat&uuml;rlich unm&ouml;glich; aber das war der deutschen Politik auch vorher bekannt. <\/p><p><strong>2. &copy; Joachim Jahnke &ndash; Deutschland global? &ndash; 2005 <\/strong><\/p><p>Deutschland hat die Lohndumping f&ouml;rdernde EU-Dienstleistungsrichtlinie zun&auml;chst im Entwurf voll unterst&uuml;tzt, bis Chirac aus Angst vor dem Verfassungsreferendum die Notleine gezogen hat.<br>\nDer Stabilit&auml;tspakt der EU, der eine antizyklische Haushaltspolitik weitgehend verhindert, ist in erster Linie von Deutschland gefordert und durchgesetzt worden.<br>\nDeutschland f&ouml;rdert &uuml;ber das Steuerrecht &ndash; ohne Globalisierungszwang &ndash; steuerlich die Jobverlagerung in Niedrigkostenl&auml;nder, indem Kreditzinsen f&uuml;r derartige Investitionen bei der deutschen Steuer in Anrechnung gebracht werden k&ouml;nnen.<br>\nDeutschland hat weiterhin volle Freiheit, seine Steuern so zu fahren, da&szlig; keine Umverteilung der Verm&ouml;gen zu Ungunsten der Massenkaufkraft stattfindet und k&ouml;nnte so sehr viel f&uuml;r die Binnenkonjunktur tun.<br>\nNiemand aus der globalen Welt hat die deutsche Politik aller Farben gezwungen, st&auml;ndig zur Lohnzur&uuml;ckhaltung aufzufordern mit der Folge einer enormen Verunsicherung der deutschen Verbraucher und einer Konzentrierung der Kaufkraft bei denen, deren Sparneigung wegen des erreichten Wohlstands ohnehin hoch ist.<br>\nSelbst Hartz IV ist nicht eine unvermeidbare Folge der Globalisierung sondern allenfalls der Ebbe in den Staatsfinanzen (bei ung&uuml;nstiger demographischer Entwicklung), die eng mit der schlechten Binnenkonjuntur (siehe oben) und auch dem in nationaler Verantwortung verbliebenen Steuersystem zusammenh&auml;ngt.<br>\nDen jetzt verp&ouml;nten Hegefunds und anderen kurzfristigen Finanzoperateuren ist zun&auml;chst von der deutschen Politik der rote Teppich ausgerollt worden. Anlagen in Hedge-Funds wurden in Deutschland 2004 mit noch positivem Unterton zugelassen. Funds haben gegen&uuml;ber privaten Anlegern in Deutschland den Vorteil einger&auml;umt bekommen, da&szlig; sie Beteiligungen sehr kurzfristig halten k&ouml;nnen, ohne Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne versteuern zu m&uuml;ssen; bei privaten Anlegern gilt der Steuervorteil erst ab einer Anlagedauer von zw&ouml;lf Monaten.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Joachim Jahnke, 2005. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,37,137,30],"tags":[323,1803,233,443,601],"class_list":["post-199","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-globalisierung","category-steuern-und-abgaben","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-dienstleistungsrichtlinie","tag-jahnke-joachim","tag-marktliberalismus","tag-standortwettbewerb","tag-wto"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/199","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=199"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/199\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32062,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/199\/revisions\/32062"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=199"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=199"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=199"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}