{"id":19916,"date":"2014-01-14T09:43:22","date_gmt":"2014-01-14T08:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19916"},"modified":"2019-07-05T10:53:34","modified_gmt":"2019-07-05T08:53:34","slug":"griechenland-ein-rettungsplan-geht-hoffnungslos-daneben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19916","title":{"rendered":"Griechenland: Ein Rettungsplan geht hoffnungslos daneben"},"content":{"rendered":"<p>In einem weiteren aktuellen Lagebericht geht Niels Kadritzke auf die griechische EU-Pr&auml;sidentschaft, auf das Auseinanderdriften der griechischen Gesellschaft, auf die Reaktionen der mehr und mehr &bdquo;in Verantwortung genommenen&ldquo; Mittelschichten ein.<br>\nDie Angst um die eigene Wohnung, &bdquo;das letzte sichere Refugium&ldquo; l&ouml;ste erstmals eine parlamentarische Rebellion gegen die Troika aus. Die erh&ouml;hte Steuerbelastung treffe auf B&uuml;rger mit geschrumpftem Einkommen. Die Hausbesitzer und andere &bdquo;B&uuml;rger&ldquo; f&uuml;hlten sich verfolgt und benachteiligt gegen&uuml;ber den gro&szlig;en Steuerbetr&uuml;gern, die ungestraft davonkommen. Die Nachforderungen und Strafgelder, die bei nachgewiesenem Steuerbetrug f&auml;llig w&auml;ren, k&ouml;nnten zwar die Staatskasse erheblich entlasten, aber nur bei den Kleinen werde gepf&auml;ndet, an die Gro&szlig;en wage man sich nur schleppend heran. Selbst die Banken stemmen sich inzwischen gegen Zwangsversteigerungen, weil die K&auml;ufer allenfalls mafiose Geldw&auml;scher w&auml;ren.<br>\nKurz: Da die fiskalischen Anpassungsleistungen, die der griechischen Gesellschaft abgefordert werden, v&ouml;llig &uuml;bersteuert sind, werden selbst Steuererh&ouml;hungen, ohne die zwar eine Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Finanzen auf Dauer nicht gelingen kann, zu einem Hindernis f&uuml;r die wirtschaftliche Erholung. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die EU-Pr&auml;sidentschaft wird allgemein &uuml;bersch&auml;tzt<\/strong><\/p><p>Bevor ich meinen Bericht &uuml;ber die Lage der Nation zum Jahreswechsel fortsetze, ist eine Bemerkung zur griechischen EU-Pr&auml;sidentschaft angebracht, die am 1. Januar begonnen hat und bis zum 30. Juni 2014 dauern wird. Die Tatsache, dass diese Pr&auml;sidentschaft auf ein Land niederkommt,  das tief in der Krise steckt und nur begrenzte Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber seine eigenen Angelegenheiten aus&uuml;bt, wurde in manchen europ&auml;ischen, und speziell in gewissen deutschen Medien ironisch bis h&auml;misch kommentiert. Dies wiederum wird nat&uuml;rlich auch in den griechischen Medien vermerkt, wobei insbesondere die &bdquo;Leserumfrage&ldquo; der Zeitung mit den vier gro&szlig;en Buchstaben gro&szlig;e Emp&ouml;rung ausl&ouml;ste.<\/p><p>Ironisch ges&auml;ttigt waren freilich auch viele Reaktionen im Lande selbst, in den Medien wie auf der Stra&szlig;e, doch aus anderen Motiven: Viele Griechinnen und Griechen k&ouml;nnen sich einfach nicht vorstellen, wie ihre konfusen Minister und B&uuml;rokraten, denen sie st&auml;ndig neue und widerspr&uuml;chliche Ma&szlig;nahmen verdanken, die oft nach wenigen Wochen wegen offensichtlicher Wirkungslosigkeit zur&uuml;ckgenommen werden, wie eine solche Regierung den komplexen Anforderungen einer EU-Pr&auml;sidentschaft gerecht werden soll.<\/p><p>Solche Sorgen sind freilich genau so unangebracht wie die H&auml;me im Ausland. Die griechischen wie die nichtgriechischen Bedenkentr&auml;ger verkennen, dass die EU-Pr&auml;sidentschaft mehr symbolische als substantielle Bedeutung hat und durchaus keine Herkulesarbeit erfordert. Das pr&auml;sidierende Land muss ziemlich viele Konferenzen organisieren und dabei intensiv mit Br&uuml;ssel kommunizieren, denn die Agenda wird von der Kommission und vom Europ&auml;ischen Parlament vorgegeben. Doch keinesfalls werden von der Pr&auml;sidentschaft inhaltliche Impulse oder Vorgaben erwartet; f&uuml;r die sind ohnehin die ma&szlig;geblichen EU-M&auml;chte wie Deutschland zust&auml;ndig. Und der Krisenstaat Griechenland kann eigentlich nur Eindruck machen, indem er seine Aufgabe m&ouml;glichst unauff&auml;llig und kosteng&uuml;nstig bew&auml;ltigt. Das hat man sich in Athen auch vorgenommen: Die Pr&auml;sidentschaft soll den Etat nur mit 50 Millionen Euro belasten; das Pr&auml;sidentschaftsb&uuml;ro besteht aus 25 Leuten, von denen nur 9 neu eingestellt wurden, die &uuml;brigen werden aus dem Au&szlig;enministerium abgezogen.<\/p><p>Ein Krisenstaat kann es sich auf keinen Fall leisten, seine eigenen Probleme und &ndash; sogar berechtigten &ndash; Forderungen gro&szlig; herauszustellen. Deshalb ist auch die andere Erwartung verfehlt, die in der griechischen &Ouml;ffentlichkeit ge&auml;u&szlig;ert wird: die Pr&auml;sidentschaft als gro&szlig;e Chance, die EU-Partner zu Konzessionen zu bewegen, die sie einem Nicht-Pr&auml;sidiumsland nicht gew&auml;hren w&uuml;rden. Dieser Fehleinsch&auml;tzung unterliegt auch die linke Oppositionspartei Syriza, wenn sie Samaras vorwirft, dass er die griechische Pr&auml;sidentschaft nicht aktiv nutze, um auf eine Revision der von der Troika verordneten Sparprogramme zu dr&auml;ngen.<\/p><p>Das Gegenteil ist richtig: eine gute Pr&auml;sidentschaft ist diskret und unaufdringlich; die federf&uuml;hrende Regierung darf sich auf keinen Fall in den Vordergrund spielen. Wenn ein finanziell klammer Staat es schafft, sein pr&auml;sidiales Halbjahr ohne Blamage zu &uuml;berstehen, ist das schon eine solide Leistung. Der einzige Nutzen, der sich f&uuml;r Griechenland ergibt, ist ein begrenzter Boom f&uuml;r den Konferenz-Tourismus. Und vielleicht kann man insgeheim auch hoffen, dass sich ein paar Repr&auml;sentanten von EU-Partnerl&auml;ndern im Lande umsehen und sich fragen, ob eine Gesellschaft, die so tief in die Krise abgesackt ist, nicht doch mehr und eine andere Art Hilfe braucht als die bislang verordneten Sparprogramme. Doch eine ernsthafte Debatte &uuml;ber den Zustand des griechischen Patienten wird es vor den Europa-Wahlen nicht geben. Und zu ernsthaften Entscheidungen auf EU-Ebene d&uuml;rfte es erst kommen, wenn eine neue Kommission austariert und gew&auml;hlt wurde, und das wird vor September 2014 kaum der Fall sein. So lange wird Griechenland eine &bdquo;H&auml;ngepartie&ldquo; bleiben.<\/p><p><strong>Sch&auml;uble hat das Sagen<\/strong><\/p><p>Was f&uuml;r Griechenland &bdquo;eigentlich&ldquo; n&ouml;tig w&auml;re, hat jetzt sogar Finanzminister Stournaras zugegeben, wenn auch nur indirekt. Er enth&uuml;llte gegen&uuml;ber der Financial Times vom 9. Januar, dass er (zu einem nicht genannten Zeitpunkt) von IWF-Chefin Lagarde aufgefordert wurde, die Forderung des W&auml;hrungsfonds nach einem weiteren Schuldenschnitt f&uuml;r Griechenland zu unterst&uuml;tzen. Stournaras reagierte so: &bdquo;OK, wenn ich mich auf eure Seite stelle, w&uuml;rde das zwar Griechenland zwar helfen, aber so was ist v&ouml;llig ausgeschlossen.&ldquo; Ausgeschlossen warum? Die Antwort verr&auml;t alles: &bdquo;Sch&auml;uble hat mir gesagt: Yiannis, vergiss es. Also ist es unm&ouml;glich. Was kann ich da tun?&ldquo;<\/p><p><strong>Die Armuts- und Ungleichheitsstatistik<\/strong><\/p><p>Diese Information &uuml;ber die tats&auml;chlichen Machtverh&auml;ltnisse f&uuml;hrt uns zur&uuml;ck in die Realit&auml;t der Krisengesellschaft selbst. Dazu die neueste Meldung: Die Arbeitslosigkeit hat eine neue Rekordh&ouml;he erreicht. Mit 1,39 Millionen stieg die Quote f&uuml;r Oktober 2013 auf 27,8 Prozent. Der Chef des Arbeitsforschungsinstituts INE, Savas Robolis, geht davon aus,  dass zum Jahresende sogar die 29 Prozent-Grenze durchbrochen wurde.  Auch die Arbeitslosenrate f&uuml;r die Altersgruppe unter 25 Jahren ist erneut angestiegen und liegt jetzt bei 58 Prozent. Und der im ersten Teil dieses Berichts erw&auml;hnte R&uuml;ckgang der Industrieproduktion hat sich weiter fortgesetzt: Das Minus von 6,1 Prozent im November 2013 verl&auml;ngert diesen Trend in den f&uuml;nften Monat. <\/p><p>Was die im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831\">ersten Teil dieses Berichts<\/a> genannten Zahlen &uuml;ber die griechische Armut betrifft, so bin ich einige erg&auml;nzende Erl&auml;uterungen schuldig.<\/p><ol>\n<li>Ich habe mich bewusst nicht auf den g&auml;ngigsten Indikator konzentriert: den Prozentsatz der Bev&ouml;lkerung, der von Armut bedroht ist. Diese Gruppe wird dadurch definiert, dass ihr Einkommen (inklusive umverteilender Sozialleistungen) unterhalb der Armutsgrenze liegt. Die Armutsgrenze liegt f&uuml;r den EU-Bereich bei 60 Prozent des jeweiligen nationalen Durchschnittseinkommens (&uuml;brigens: l&auml;ge diese Grenze bei 60 Prozent des EU-Durchschnitts, w&uuml;rden die Armutsziffern in den &auml;rmeren L&auml;ndern in dramatische H&ouml;hen steigen). Der Anteil dieser Armen &bdquo;im statistischen Sinne&ldquo; lag in Griechenland Ende 2012 bei 23,1 Prozent und damit h&ouml;her als in allen anderen EU-L&auml;ndern (die folgenden Pl&auml;tze belegten Rum&auml;nien, Spanien und Bulgarien). Im Fall Griechenland ist diese Gr&ouml;&szlig;e aber nicht besonders aussagekr&auml;ftig, weil das durchschnittliche Einkommen, auf das sich das 60-Prozent-Kriterium bezieht, seit Beginn der Krise stark eingebrochen ist, und zwar um 35 bis 40 Prozent (diese immer wieder genannte Zahl kann seit Jahresanfang als &bdquo;offiziell&ldquo; gelten, da sie von Finanzminister Stournaras gegen&uuml;ber dem Europ&auml;ischen Parlament zu Protokoll gegeben wurde, siehe Kathimerini vom 7. Januar 2014). Dieser Einkommens-&bdquo;Erdrutsch&ldquo; auf breiter Front ist die Erkl&auml;rung daf&uuml;r, dass der Anteil der von Armut bedrohten Griechen seit 2008 &bdquo;nur&ldquo; um 3,4 Prozentpunkte angestiegen ist. Tats&auml;chlich sind im Lauf der Krise sehr viel mehr Griechen, gemessen an ihrem Vorkriseneinkommen, in die Armut abgest&uuml;rzt.<\/li>\n<li>Um die tats&auml;chliche Verarmung zu erfassen, ist eine andere statistische Gr&ouml;&szlig;e weit aufschlussreicher: der auf EU-Ebene von EUROSTAT ermittelte AROPE-Index (Abk&uuml;rzung f&uuml;r: at risk of poverty or exclusion). Zu dem &bdquo;von Armut und Ausgrenzung bedrohten&ldquo;  Bev&ouml;lkerungsteil geh&ouml;ren alle Menschen, die mindestens einer von drei Erfahrungen ausgesetzt sind:\n<ul>\n<li>Armutsgef&auml;hrdung, also Einkommen unterhalb der Armutsgrenze;<\/li>\n<li>Schwerwiegende materielle Entbehrungen (nach 9 Standardkriterien);<\/li>\n<li>Zugeh&ouml;rigkeit zu einem Haushalt mit &bdquo;sehr niedriger Arbeitsintensit&auml;t&ldquo;.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das erste Merkmal ist das g&auml;ngige (oben dargestellte) Armutskriterium; das zweite setzt sich zusammen aus Kriterien wie z.B. die F&auml;higkeit zum Begleichen von Schulden oder zum Heizen der Wohnung (auf die ich mich im ersten Teil dieser Analyse bezogen habe); das dritte erfasst, wie stark die Familien durch Arbeitslosigkeit bzw. Kurzarbeit betroffen sind. Die genaue Definition der Arbeitsintensit&auml;t ist ziemlich kompliziert: Sie entspricht dem Verh&auml;ltnis der geleisteten Arbeitsstunden aller Familienmitglieder zu den theoretisch m&ouml;glichen Arbeitsstunden; eine &bdquo;sehr niedrige&ldquo; Arbeitsintensit&auml;t liegt dann vor, wenn in dem betreffenden Jahr der Anteil der geleisteten Stunden weniger als 20 Prozent der theoretisch m&ouml;glichen Arbeitsstunden ausmacht.<\/p>\n<p>Beim AROPE-Index lag Griechenland schon Ende 2012 mit 34.6 Prozent an der Spitze aller &uuml;brigen Krisenl&auml;nder der Eurozone (vor Spanien und Italien mit je 33,8 und Portugal mit 27,8 Prozent), allerdings deutlich hinter den &auml;rmsten EU-Staaten Bulgarien und Rum&auml;nien (52,3 bzw. 52,2 Prozent). Noch wichtiger ist hier aber die Dynamik: Bereits von 2011 auf 2012 stieg der &bdquo;von Armut und Ausgrenzung bedrohte&ldquo; Bev&ouml;lkerungsanteil in Griechenland um 3,6 Prozentpunkte. Nach weiteren Sparma&szlig;nahmen des letzten Jahres (K&uuml;rzung der Masseneinkommen, Steuererh&ouml;hungen) ist dieser Wert noch einmal deutlich angestiegen und d&uuml;rfte Ende 2013 nahe 40 Prozent liegen. Zu Recht stellt das Arbeitsforschungsinstitut (INE) der griechischen Gewerkschaften fest, dass &bdquo;das heutige Armutsniveau sehr viel h&ouml;her liegt und die Lebensbedingungen der Haushalte erheblich ung&uuml;nstiger sind als das Bild, das die angef&uuml;hrten Statistiken wiedergeben.&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.griechenland-blog.gr\/2013\/10\/dramatischer-anstieg-der-armut-in-griechenland\/66514\/\">INE-Presserkl&auml;rung vom 25. Oktober 2013; eine deutsche Zusammenfassung des INE-Reports vom 25. Oktober 2013 bietet<\/a>)<\/p><\/li>\n<li>Dass die Armutsgrenze so stark nach unten gedr&uuml;ckt wurde, dokumentiert die Auszehrung eines breiten Einkommensspektrums, von der auch die Mittelschichten zunehmend betroffen sind. Diese Tendenz spiegelt sich auch im Anstieg des Gini-Koeffizienten, der eine wachsende Ungleichheit der Einkommen anzeigt. Nach dem INE-Report stieg dieser Koeffizient von 2010 auf 2011 von 0,335 auf 0.343. Eine steigende Tendenz zeigt im selben Zeitraum auch das Verh&auml;ltnis der Einkommen des reichsten F&uuml;nftels zum &auml;rmsten F&uuml;nftel der Bev&ouml;lkerung. Beide Koeffizienten haben seit 2011 gewiss noch deutlicher zugelegt. Das Institut der Gewerkschaften stellt auf Grund dieser Zahlen fest, dass die Krise und die Sparprogramme &bdquo;entgegen der Regierungsrhetorik auch zu einer Vertiefung der Ungleichheiten gef&uuml;hrt haben.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p><strong>Die Krise ist l&auml;ngst in der Mitte der Gesellschaft angekommen<\/strong><\/p><p>Die schrittweise Auszehrung der Mittelschichten ist ein Thema, das die griechischen Medien immer st&auml;rker besch&auml;ftigt (m&ouml;glicherweise auch weil es immer mehr Journalisten trifft?). Exemplarisch ist das vorweihnachtliche Klagelied von Nikos Xydakis  in der Kathimerini vom 20. Dezember.  Die Grundmelodie geht so: Mit dem PSI von 2012 (gemeint ist der &bdquo;haircut&ldquo; um ca. 70 Prozent bei den in privater Hand befindlichen Staatspapieren) wurde ein Gro&szlig;teil des &ouml;ffentlichen (Rentenkassen) und privaten Verm&ouml;gens aufgezehrt. Nachdem die Wirkung verpufft ist, hat die griechische Regierung 2013 beschlossen, die &ouml;ffentlichen Schulden direkt auf den Schultern der griechischen B&uuml;rger abzuladen, die durch immer h&ouml;here Steuerlasten in die Knie gezwungen werden. Xydakis nennt zwei Beispiele: Die Einnahmen aus der Besteuerung von Immobilien sollen 2014 auf 4 Milliarden Euro steigen (und zwar auf der &bdquo;betr&uuml;gerischen&ldquo; Grundlage der Immobilienpreise von 2007). Das bedeutet gegen&uuml;ber 2013 eine Steigerung um 63 Prozent, gegen&uuml;ber 2012 sogar um 800 Prozent. Zudem will der Staat von Arbeitnehmern und Rentnern neue Steuern in H&ouml;he von 11 Milliarden Euro eintreiben.  Und das alles, um den angestrebten &Uuml;berschuss im &bdquo;Prim&auml;rhaushalt&ldquo; zu realisieren.<\/p><p>F&uuml;r Xydakis bedeutet diese umfassende &bdquo;Privatisierung&ldquo; der &ouml;ffentlichen Schulden einen &ldquo;gewaltigen gesellschaftlichen Wandel&rdquo;.  Sie zerst&ouml;re den &uuml;berkommenen Glauben, dass man mit erspartem Verm&ouml;gen die Zukunft absichern k&ouml;nne, sie nehme einem Gro&szlig;teil der Bev&ouml;lkerung ihren privaten Grundbesitz weg und zerst&ouml;re jede Aussicht auf eine selbst&auml;ndige Existenz. Ein Staat, der die Gesellschaft derma&szlig;en auspl&uuml;ndert, habe sich von einer Instanz, die &bdquo;Eigentum, Arbeitspl&auml;tze und Unternehmertum garantiert&ldquo;, in einen &bdquo;Verfolger und Vernichter&ldquo; b&uuml;rgerlicher Existenzen verwandelt. <\/p><p>Xydakis beklagt insbesondere, dass es ausgerechnet die konservative Nea Dimokratia sei, die alle Zukunftsperspektiven des Landes untergrabe, indem sie bei &bdquo;verantwortungsbewussten Hausbesitzern und anderen B&uuml;rgern&ldquo; das Misstrauen gegen das politische System sch&uuml;re. Womit die ND dabei sei, sich selbst zu zerst&ouml;ren.<\/p><p>An diesem besitzb&uuml;rgerlichen Lamento ist einiges verst&auml;ndlich und berechtigt, aber eines ist grunds&auml;tzlich falsch: Xydakis sieht den privaten und den &ouml;ffentlichen Bereich als v&ouml;llig getrennte Sph&auml;ren. Damit zerrei&szlig;t er den Zusammenhang zwischen &ouml;ffentlichen Schulden und privatem Wohlstand, der die griechische Gesellschaft st&auml;rker pr&auml;gt als die meisten anderen europ&auml;ischen Gesellschaften. Zugleich best&auml;tigt er eine herrschende Sichtweise, die ma&szlig;geblich zur Krise des Landes beigetragen hat: Die Staatsschuld geh&ouml;rt zum Staat und ist daher nicht &bdquo;meine&ldquo; Schuld; ich, der private Grieche, habe mit den &ouml;ffentlichen Defiziten nichts zu tun, die Staatschuld ist immer die Schuld der anderen. <\/p><p>Dieses Gef&uuml;hl der &bdquo;Unverantwortlichkeit&ldquo; f&uuml;r den Zustand der &ouml;ffentlichen Finanzen ist &ndash; gerade im Fall des griechischen Mittelstandes &ndash; krasser Selbstbetrug, mehr noch: die gro&szlig;e Lebensl&uuml;ge. <\/p><p><strong>Verantwortung und Belastung der Mittelschichten <\/strong><\/p><p>Rekapitulieren wir das Einmaleins der griechischen Staatsverschuldung. Entscheidend f&uuml;r die chronischen Defizite in den &ouml;ffentlichen Haushalten ist seit Jahrzehnten der Abstand zwischen Einnahmen (aus Steuern und Geb&uuml;hren) und Ausgaben. Wie immer wieder betont werden muss, liegen die griechischen Staatsausgaben seit Jahren deutlich, aber keineswegs krass &uuml;ber dem Durchschnittswert der EU bzw. der Eurozone. Dagegen lag die griechische Steuerquote (Steuereinnahmen in Prozent des BIP), in den letzten zehn Jahren stets um 6 bis 8 Prozentpunkte unter dem Eurozonen-Durchschnitt. Die Staatsverschuldung ist die &uuml;ber die Jahre akkumulierte L&uuml;cke zwischen Ausgaben und Einnahmen, und eben die war im Fall Griechenland lange Zeit exorbitant gro&szlig;: Noch im Haushaltsjahr 2011 (also bereits im zweiten Sparjahr!) belief sich der Anteil der Staatsausgaben, der durch Steuereinnahmen abgedeckt wird,  auf 67,1 Prozent, im Durchschnitt der Eurozone dagegen auf 82,4 Prozent. <\/p><p>Das ist ein einsamer negativer Rekordwert. Doch Griechenland bietet noch eine zweite Besonderheit: extrem niedrig ist auch der Beitrag der direkten Steuern (v.a. Einkommens- und Unternehmenssteuer) zum gesamten Steueraufkommen. Dieser Anteil liegt mit 24,7 Prozent um 4,5 Prozentpunkte unter dem Eurozonen-Durchschnitt. Die stark unterdurchschnittliche direkte Besteuerung zeigt sich auch im Verh&auml;ltnis zur Wirtschaftskraft: das Aufkommen aus direkten Steuern betr&auml;gt in Griechenland 8,6 Prozent des BIP, gegen&uuml;ber 11.9 Prozent im Durchschnitt der Eurozone. Noch st&auml;rker f&auml;llt diese griechische Besonderheit bei der Besteuerung der privaten Einkommen (also ohne Unternehmenssteuer) ins Auge. Die entsprechende Quote (Einkommenssteuer im Verh&auml;ltnis zum BIP) liegt f&uuml;r Griechenland bei 4,7 Prozent des BIP, im Durchschnitt der Eurozone dagegen bei 8,8 Prozent (alle Zahlen entstammen der Studie, die Nicholas E. Karavitis im Juli 2013 f&uuml;r das Wirtschaftsforschungsinstitut IOBE verfasst hat, <a href=\"http:\/\/www.iobe.gr\/default_en.asp\">die englische Fassung hier<\/a>).<\/p><p>Hier haben wir den statistischen Nachweis daf&uuml;r, wie d&uuml;rftig der Beitrag der (oberen) Mittelschichten zur Finanzierung der &ouml;ffentlichen Haushalte bisher ausgefallen ist. Wenn die Besteuerung der privaten Einkommen in Griechenland nur etwa halb so hoch ausf&auml;llt wie der des Eurozonen-Durchschnitts, profitieren davon in erster Linie die Freiberufler. Die verdanken ihre niedrige reale Besteuerung aber keineswegs einem niedrigen Steuersatz, sondern der jahrzehntelang praktizierten Kunst der Steuervermeidung und  -hinterziehung, die auf diesen Seiten immer wieder angesprochen wurde (ich erinnere daran, dass Zehntausende von  &Auml;rzten, Rechtsanw&auml;lten, Notaren ect.  Seit vielen Jahren ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze deklarierten). <\/p><p>Diese skandal&ouml;se steuerliche &bdquo;Entlastung&ldquo; der Freiberufler materialisiert sich unter anderem in Hunderttausenden von Wochenend- und Ferienh&auml;usern, die Griechenland wie ein Netz &uuml;berziehen. Hier sehen wir die staatlichen Haushaltsdefizite in privaten Beton gegossen. Zudem ist ein Gro&szlig;teil dieser Immobilien doppelt illegal: finanziert aus hinterzogener Einkommenssteuer und errichtet ohne die erforderliche Baugenehmigung (selbst die staatlichen Beh&ouml;rden gehen davon aus, dass weit mehr als eine Million Bauten im Lande ganz oder in Teilen illegal sind). <\/p><p>Der &bdquo;gewachsene Wohlstand&ldquo; der Mittelschichten beruht also zu einem guten Teil darauf,  dass die meisten &bdquo;gutb&uuml;rgerlichen&ldquo; Einkommen seit Jahrzehnten nicht angemessen und korrekt besteuert wurden. In Anbetracht dieser als Gewohnheitsrecht empfundenen &bdquo;Steuerentlastung&ldquo; erscheint es nur recht und billig, wenn diese Gruppen jetzt beim Abtragen der toxischen Staatsschuld verst&auml;rkt herangezogen werden. Und wenn man sie genau da belastet, wo sie ihre steuerlichen &bdquo;Ersparnisse&ldquo; angelegt haben: bei ihrem Immobilienbesitz.<\/p><p><strong>Das verbreitete Gef&uuml;hl der relativen Benachteiligung<\/strong><\/p><p>Diese &Uuml;berlegung klingt einleuchtend ist aber etwas zu einfach. Gerechtigkeit ist niemals abstrakt und absolut. Von den Menschen wird sie sehr konkret und subjektiv empfunden, bezogen auf eine bestimmte Lebenssituation. Das Gerechtigkeitsgef&uuml;hl in einer Gesellschaft ist &uuml;berdies stets gepr&auml;gt durch den Vergleich mit &bdquo;den Anderen&ldquo;. Die subjektive Wahrnehmung von &bdquo;fair und gerecht&ldquo; spielt im Fall Griechenland schon immer ein wichtige Rolle: Das Unrechtsempfinden in Sachen Steuerbetrug ist umso geringer, je mehr Freunde, Nachbarn und Mitb&uuml;rger mitmachen. Und der kleine Steuers&uuml;nder f&uuml;hlt sich umso mehr berechtigt, sein Sch&auml;fchen ins Trockene zu bringen, wenn er sieht, wie die gro&szlig;en Steuerbetr&uuml;ger, die ganze Schafherden vor dem Fiskus verstecken, regelm&auml;&szlig;ig ungestraft davonkommen.<\/p><p>Das schlechte Gewissen, das kleinere Steuers&uuml;nder mittlerweile plagen mag, ist schnell verdr&auml;ngt, wenn sie Nachrichten wie diese lesen: Die griechische Finanzverwaltung verf&uuml;gt &uuml;ber Listen von insgesamt 24.710 griechischen Steuerb&uuml;rgern, die im Zeitraum 2009 bis 2011 auf ausl&auml;ndischen Konten gro&szlig;e Geldsummen deponiert haben, deren Herkunft sie nicht &uuml;berzeugend belegen k&ouml;nnen. Ein bedeutender Teil dieser Gelder soll zweifellos dem griechischen Fiskus verheimlicht und entzogen werden. Die Nachforderungen und Strafgelder, die bei nachgewiesenem Steuerbetrug f&auml;llig w&auml;ren, k&ouml;nnten die Staatskasse erheblich entlasten. Aber bis Ende 2013 wurden von diesen 24.710 F&auml;llen erst 44 &uuml;berpr&uuml;ft. Das sind knapp 1,8 Promille. In 12 der 44 untersuchten F&auml;lle wurden Steuervergehen nachgewiesen (das sind immerhin 27 Prozent), f&uuml;r die Nachzahlungen und Strafgeb&uuml;hren in H&ouml;he von 7,2 Millionen Euro f&auml;llig werden, von denen allerdings nur etwa 2 Millionen eingetrieben werden konnten.  Rechnet man auf dieser Basis die potentiellen Einnahmen hoch, k&ouml;nnte der Fiskus mit rund 4 Milliarden Euro rechnen (0,6 Mill. Euro x 6670 F&auml;lle). <\/p><p><strong>&bdquo;Pf&auml;ndungen bei den Kleinen, Straflosigkeit f&uuml;r die Gro&szlig;en&ldquo;. <\/strong><\/p><p>Fragt sich nur, wann? Das h&auml;ngt davon ab, wie z&uuml;gig die Steuerfahnder die F&auml;lle abarbeiten. &bdquo;Beim bisherigen Tempo werden sie 550 Jahre brauchen&ldquo; hat der Kostas Tsavalos ausgerechnet, der diesen Skandal in der Zeitung Efimerida ton Syntakton (vom 31. Dezember 2013) thematisiert hat. Zwar versichert das Finanzministerium, man sei dabei, beschleunigte Kontrollverfahren zu entwickeln, doch der kleine Steuerzahler ist zu Recht sauer. Dieser Stimmung gibt Tsavalos Ausdruck, wenn er unter dem Titel &bdquo;Pf&auml;ndungen bei den Kleinen, Straflosigkeit f&uuml;r die Gro&szlig;en&ldquo; schreibt:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Zur selben Stunde, da normale Steuerzahler mit Geist und Buchstaben des Gesetzes Bekanntschaft machen und die elektronische Pf&auml;ndung ihrer Konten erleben, weil sie ein wenig geschummelt haben oder weil sie der &ouml;ffentlichen Hand einen Bagatellbetrag schulden, kommen all die Gro&szlig;kopfeten, die unversteuerte Reicht&uuml;mer ins Ausland geschafft haben, v&ouml;llig straflos davon. Und zwar entweder, weil der politische Wille fehlt, oder weil der Staat unf&auml;hig ist, ihre F&auml;lle zu bearbeiten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Diese Unf&auml;higkeit oder Unwilligkeit, die Steuergro&szlig;s&uuml;nder zur Kasse zu bitten, kompensiert der Fiskus durch eine h&ouml;here Belastung der niedrigen und mittleren Einkommen. <\/p><p><strong>Steuerbelastung bei geschrumpftem Einkommen<\/strong><\/p><p>Dass die bisherigen Mittelschichten die erh&ouml;hte Steuerlast, und vor allem die Besteuerung ihrer Immobilien, als ungerecht empfinden, hat einen weiteren Grund: Viele von ihnen, vorweg die Freiberufler, sind mittlerweile von der &ouml;konomischen Krise tats&auml;chlich hart betroffen. Das gilt besonders f&uuml;r Architekten und Bauingenieure, die mangels Baut&auml;tigkeit kaum mehr Auftr&auml;ge haben und h&auml;ufig von ihren Verm&ouml;gensbest&auml;nden zehren, aber auch f&uuml;r &Auml;rzte, Rechtsanw&auml;lte und Notare (letztere haben am Boom bei der Transaktionen von Immobilien kr&auml;ftig mitverdient). Inzwischen sehen viele Freiberufler ihr Einkommen tats&auml;chlich auf das d&uuml;rftige Niveau absinken, das sie dem Fiskus ein Berufsleben lang vorgegaukelt haben. Jetzt aber m&uuml;ssen sie ihre geschrumpften Einkommen ab dem ersten Euro versteuern, weil ihnen die fr&uuml;heren Freibetr&auml;ge gestrichen wurden. Auch deshalb empfinden sie ihre steuerliche Belastung als unfair &ndash; und keinesfalls als &bdquo;gerechte&ldquo; Strafe f&uuml;r fr&uuml;here Steuers&uuml;nden. <\/p><p>Als v&ouml;llig unzumutbar gilt vielen Griechen insbesondere  die neue bzw. stark erh&ouml;hte Besteuerung der Immobilien, die ein tief empfundenes  Gewohnheitsrecht aus den Angeln hebt.  F&uuml;r eine Gesellschaft von Kleineigent&uuml;mern an Grund und Boden war es schlicht selbstverst&auml;ndlich, dass ihr &bdquo;Erstwohnungseigentum&ldquo; bisher steuerlich v&ouml;llig unbelastet blieb. &bdquo;Jetzt komme ich mir vor, als m&uuml;sste ich f&uuml;r mein eigenes Haus Miete zahlen&ldquo;, h&ouml;rte ich in den letzten Wochen viele Griechen sagen. Als Gipfel fiskalischer Unversch&auml;mtheit wird empfunden, dass die neue Immobiliensteuer auf Grundlage der Marktpreise von 2007 berechnet wird. Zumal die Banken ihre Grundst&uuml;cke, die sie als Sicherheit f&uuml;r ihre Kredite verpf&auml;ndet haben, nach dem aktuellen Marktpreis, also im Durchschnitt um 40 Prozent niedriger bewerten. <\/p><p><strong>Kleine Rebellion gegen die Troika: das Thema Zwangsversteigerungen<\/strong><\/p><p>Damit sind wir bei dem Thema, das die griechische Gesellschaft am Ende des letzten Jahres am meisten besch&auml;ftigt hat. Gleich nach der unpopul&auml;ren Immobiliensteuer beschloss die parlamentarische Regierungsmehrheit noch kurz vor Weihnachten ein weiteres Gesetz, mit dem die bisherige Blockade der Zwangsversteigerungen von Immobilien ab 1. Januar 2014 aufgehoben wurde. Der urspr&uuml;ngliche Gesetzentwurf sollte umsetzen, was die Troika ultimativ gefordert hatte: Wenn Immobilieneigent&uuml;mer ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen k&ouml;nnen, sollte auch die Erstwohnung (proti katikia) unter den Hammer kommen. In f&uuml;nf Jahren Krisenpolitik hat keine andere Ma&szlig;nahme die Bev&ouml;lkerung derma&szlig;en in Panik versetzt wie die Drohung mit dem Verlust der &bdquo;proti katikia&ldquo;. Immobilienexperten sch&auml;tzen, dass damit knapp 170.000 Erstwohnungen auf die Liste der Auktionsobjekte gewandert w&auml;ren. Nach einer Umfrage vom Dezember konnten von den Haushalten, die Hypothekenkredite auf ihr Wohneigentum bedienen m&uuml;ssen, nur 61 Prozent ihre Verpflichtungen einhalten. Die &uuml;brigen zahlten ihre Raten h&auml;ufig versp&auml;tet oder konnten ihren Kredit &uuml;berhaupt nicht abzahlen. Es war also eine sehr reale Angst, die vor Verabschiedung dieses Gesetzes vom dem Kommentator Pantelis Boukalas beschrieben wurde: die Angst um die eigene Wohnung, &bdquo;das letzte sichere Refugium&ldquo;.<\/p><p>Doch in diesem Fall hat sich &ndash; zum ersten Mal seit Beginn der Krise &ndash; die Angst der Betroffenen auf die Parlamentarier &uuml;bertragen. 40 bis 50 Abgeordnete beider Regierungsparteien drohten, das Gesetz scheitern zu lassen. Damit konnten sie gegen&uuml;ber dem Finanzminister durchsetzen, dass die Zwangsversteigerung einer Erstwohnung ein weiteres Jahr lang unzul&auml;ssig bleibt, wenn der Wert der Immobilie weniger als 200 000 Euro betr&auml;gt und das j&auml;hrliche Haushaltseinkommen unter 35.000 Euro liegt. Zudem begrenzt das Gesetz bei Familien mit schwachen Einkommen (von monatlich unter 1250 Euro) die Ratenzahlung f&uuml;r ihre Hypothekenkredite auf zehn Prozent ihres Gesamteinkommens; noch st&auml;rker gesch&uuml;tzt bleiben Familien, die drei Kinder haben oder &uuml;ber keinerlei Arbeitseinkommen verf&uuml;gen.<\/p><p>Ob durch diese Einschr&auml;nkungen der Verlust der Erstwohnung in neun von zehn F&auml;llen blockiert wird, wie Wirtschaftsminister Kostis Chatzidakis behauptet, sei dahin gestellt. Au&szlig;er Zweifel steht jedoch, dass &uuml;berschuldete griechische Haus- und Wohnungseigent&uuml;mer noch ein weiteres Jahr deutlich besser gegen den Rauswurf aus ihrer Behausung gesch&uuml;tzt sind als zum Beispiel ihre spanischen Schicksalsgenossen: In Spanien droht in den n&auml;chsten beiden Jahren 350.000 &uuml;berschuldeten Familien eine Zwangsversteigerung ihres Wohneigentums; bis Ende 2013 hatte es bereits 150.000 Familien getroffen (Zahlen nach FAZ vom 3. Januar 2014). <\/p><p>Der Teilerfolg dieser kleinen &bdquo;Rebellion&ldquo; von Pasok- und ND-Abgeordneten ist noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert: Er wurde gegen die Troika erzielt. Mit deren Vertretern hat die griechische Seite &uuml;ber das Thema Zwangsversteigerungen kein &bdquo;vollst&auml;ndiges Einvernehmen&ldquo; erzielen k&ouml;nnen, wie der zust&auml;ndige Minister Chatzidakis erkl&auml;rte. Die Position der Troika hatte zuvor Poul Thomsen, der Athener IWF-Repr&auml;sentant, wie folgt erl&auml;utert: Man wolle zwar die Schwachen nicht schutzlos lassen, aber die Banken m&uuml;ssten ihre Au&szlig;enst&auml;nde auch &uuml;ber Zwangsversteigerungen eintreiben k&ouml;nne. Das habe absolute Priorit&auml;t, denn die gef&auml;hrdeten Hypotheken, die knapp ein Viertel aller Immobilienkredite ausmachen, seien f&uuml;r das griechische Bankensystem &bdquo;eine potentiell ernste Bedrohung&ldquo; (so in einem Interview mit Kathimerini vom 25. November 2003). <\/p><p><strong>Die Banken und die Volksfront gegen die Troika<\/strong><\/p><p>Diese Argumentation Thomsens ist schon deshalb seltsam, weil die griechischen Banken keinerlei Interesse an der Ersteigerung von Immobilien zeigten. Im Gegenteil. Wie man in jeder Athener Wirtschaftszeitung lesen kann, wollen die griechischen Banker vor allem eines: die &Uuml;berflutung des Marktes mit zwangsversteigerten Immobilien verhindern. Wie das Wall Street Journal vom 23. Dezember berichtete, dr&auml;ngten die vier gr&ouml;&szlig;ten Banken (Ethniki, Pir&auml;us-Bank, Alpha-Bank und Eurobank) &bdquo;trotz der Einw&auml;nde der Troika&ldquo; auf &Auml;nderungen an dem urspr&uuml;nglichen Gesetzesentwurf. Es sei ein &bdquo;ungew&ouml;hnliches Weihnachtsgeschenk&ldquo; f&uuml;r diese Banken gewesen, dass die v&ouml;llige Freigabe von Zwangsversteigerungen noch einmal um ein Jahr verschoben wurde. <\/p><p>F&uuml;r die Opposition der Banken gegen die massenhafte Versteigerung von Wohneigentum hat das Wall Street Journal (WSJ) zwei einleuchtende Gr&uuml;nde angef&uuml;hrt:<\/p><ol>\n<li>Die Immobilienpreise, die in den letzten Jahren um mindestens ein Drittel gefallen sind, w&uuml;rden durch eine Versteigerungswelle noch einmal um 10 bis 15 Prozent sinken. Das w&uuml;rde auch den Wert der Immobilien dr&uuml;cken, mit denen die noch funktionierenden Kredite besichert sind. Die f&auml;llige Wertberechtigung w&uuml;rde ein Milliardenloch in die Bilanz der Banken rei&szlig;en.<\/li>\n<li>Die Banken wollen Banken bleiben. Das WJS zitiert den Vertreter einer der vier gro&szlig;en griechischen Institute mit den Worten: &bdquo;Wir haben weder Interesse noch den Wunsch noch die administrative Kapazit&auml;t, unsere Banken in Immobilienagenturen zu verwandeln.&ldquo; In der Tat sind die Gro&szlig;banken gerade dabei, ihre Immobilien-Sparten zu verkaufen, was bei der aktuellen Marktlage schwer genug ist.<\/li>\n<\/ol><p>Auch die Immobilienh&auml;ndler wollen keinen weiteren Preisverfall, weil sie bereits auf gro&szlig;en Best&auml;nden an unverk&auml;uflichen und  nicht vermietbaren Objekten sitzen: In manchen Athener Vierteln sind bei einem Leerstand von 50 Prozent die Preise um bis zu 70 Prozent gefallen; zudem gibt es im ganzen Land Zehntausende von Bauruinen. Damit stellt sich die Frage, wer unter den heutigen Umst&auml;nden am massenhaften Zwangsverkauf von Wohnungen &uuml;berhaupt interessiert sein kann. Da fallen einem nur die mafi&ouml;sen Organisationen ein, die Anlageobjekte f&uuml;r ihre illegalen Gelder suchen und sich um eine kurzfristige Rendite nicht scheren. <\/p><p>Eine wahrlich bizarre Konstellation: die Troika an de Seite der Geldw&auml;scher gegen eine griechische &bdquo;Volksfront&ldquo; aus Hypothekenschuldnern, Banken, Immobilienh&auml;ndlern, Regierung und Oppositionsparteien. Aber solche Fronten kommen eben zustande, wenn ein &bdquo;Rettungsplan&ldquo; hoffnungslos daneben geht, weil er die Folgen f&uuml;r die Konjunktur nicht bedacht oder krass untersch&auml;tzt hat und damit die Krise immer weiter versch&auml;rft. <\/p><p>Wenn die fiskalischen Anpassungsleistungen, die einer Gesellschaft abgefordert werden, derart &uuml;bersteuert sind wie im Fall Griechenland, werden auch Steuererh&ouml;hungen, ohne die eine Konsolidierung der &ouml;ffentlichen Finanzen auf Dauer nicht gelingen kann, zu einem Hindernis f&uuml;r die wirtschaftliche Erholung. Und das gilt erst recht, wenn die kleinen und mittleren Einkommen zu stark belaste werden. In einem Zeitungskommentar wurde die Rechnung aufgemacht, dass die rund 1,5  Milliarden Euro an Weihnachtsgeldern, die im privaten Sektor noch ausgezahlt wurden, ziemlich genau der Summe  entspricht, die zum Jahresende in Form von erh&ouml;hten Einkommens- und Kfz-Steuern an den Fiskus abgef&uuml;hrt wurden: &bdquo;Mit den Weihnachtszulagen konnten die Besch&auml;ftigten gerade mal ihre Steuern bezahlen.&ldquo; (Nikos Kanstandaras in Kathimerini, 3. Januar 2014).<\/p><p><strong>Demn&auml;chst folgt der 3. Teil:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Nea Dimokratia, Chrysi Avgi und die Aussicht auf Neuwahlen<\/li>\n<li>Die neue Welle von Skandalen: Rettung oder Todessto&szlig; f&uuml;r die Regierung Samaras?<\/li>\n<li>Warum die Syriza immer w&auml;hlbarer wird.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem weiteren aktuellen Lagebericht geht Niels Kadritzke auf die griechische EU-Pr&auml;sidentschaft, auf das Auseinanderdriften der griechischen Gesellschaft, auf die Reaktionen der mehr und mehr &bdquo;in Verantwortung genommenen&ldquo; Mittelschichten ein.<br \/> Die Angst um die eigene Wohnung, &bdquo;das letzte sichere Refugium&ldquo; l&ouml;ste erstmals eine parlamentarische Rebellion gegen die Troika aus. Die erh&ouml;hte Steuerbelastung treffe auf B&uuml;rger<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19916\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,173,137,132],"tags":[854,479,488,291],"class_list":["post-19916","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-griechenland","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-mittelschicht","tag-reservearmee","tag-steuererhoehungen","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19916","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19916"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19916\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53080,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19916\/revisions\/53080"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19916"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19916"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19916"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}