{"id":19933,"date":"2014-01-15T10:59:22","date_gmt":"2014-01-15T09:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19933"},"modified":"2019-03-02T17:04:26","modified_gmt":"2019-03-02T16:04:26","slug":"untaugliche-erfolgsmeldungen-zur-eurorettung-neue-krisen-vorprogrammiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19933","title":{"rendered":"Untaugliche Erfolgsmeldungen zur Eurorettung: Neue Krisen vorprogrammiert"},"content":{"rendered":"<p>Die Euro-Macher, aber auch die Regierungschefs in den Krisenl&auml;ndern, sind mit einer Reihe von Erfolgsmeldungen nach dem Ausbruch der Eurokrise vor knapp vierzehn Jahren ins neue Jahr gestartet. Mario Draghi verk&uuml;ndet im Neujahrs-SPIEGEL, die Eurokrise sei noch nicht &uuml;berwunden, aber es g&auml;be &bdquo;viele ermutigende Zeichen&ldquo;. Bundesfinanzminister Sch&auml;uble erkl&auml;rt die &bdquo;Ansteckungsgefahr&ldquo;, also den Zusammenbruch des gesamten Kartenhauses durch einen einzigen insolventen Staat im Euroraum f&uuml;r gebannt. Irland hat sich aus dem autorit&auml;ren Regime unter dem Rettungsschirm zur&uuml;ckgezogen und bereits erfolgreich bei der Platzierung von Anleihen auf den Kapitalm&auml;rkten gepunktet. Wenn es auch eher politische Gr&uuml;nde gegen&uuml;ber dem als bedrohlich wahrgenommenen Nachbarland Russland sind, Lettland ist am Neujahrstag als 18. Mitgliedsland in den Eurow&auml;hrungsraum aufgenommen worden.<br>\nGegen&uuml;ber diesen eher positiven Meldungen zur Eurorettung erschrecken die Hurrameldungen aus den (Kredit-)Nehmerl&auml;nder, die durch die oktroyierte Schrumpfpolitik brutal in die Krise katapultiert worden sind. Von <strong>Rudolf Hickel<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p>Spanien k&uuml;ndigt ein leichtes Wirtschaftswachstum als Lohn der Eurorettungspolitik an. Die Lobpreisungen der griechischen Regierung sind kaum noch zu toppen: Nach sechs Jahren Rezession wird erstmals f&uuml;r dieses Jahr ein leichtes Wirtschaftswachstum beschworen.<br>\nDie EU-Kommission zusammen mit der Troika &ndash; bekannt f&uuml;r viel zu optimistische Prognosen und die Untersch&auml;tzung der Krisenwirkungen durch die Auflagenpolitik &ndash; wagt eine konkrete Prognose des wirtschaftlichen Wachstums mit real 0,6% in diesem Jahr. Hinzu kommt der peinliche Jubel &uuml;ber einen Prim&auml;rhaushalt, bei dem die Einnahmen leicht &uuml;ber den Ausgaben liegen. <\/p><p>Dabei wird jedoch das zentrale Krisenproblem der Staatsschulden und damit die Belastung durch Zinsausgaben nicht ber&uuml;cksichtigt. Dann verk&uuml;ndet der griechische Premierminister auch noch die R&uuml;ckkehr zu den Spekulanten auf den Kapitalm&auml;rkten. Allerdings ist die Widerspr&uuml;chlichkeit kaum noch zu steigern: Den v&ouml;llig &uuml;bertriebenen Erfolgsphantasien steht die Forderung nach einer dritten Tranche einer Kredithilfe mit &uuml;ber mehr als 10 Mrd. &euro; gegen&uuml;ber.<\/p><p><strong>Euroeuphorie: Gef&auml;hrliches Ablenkungsman&ouml;ver<\/strong><\/p><p>Die Absichten dieser Jubelausbr&uuml;che sind unbestreitbar: Die bisherige Rettungspolitik wird als erfolgreich gerechtfertigt. Die &Uuml;bernahme der staatlichen Anschlussfinanzierung bei zu tilgenden Staatsschulden zusammen mit der unerbittlichen Konditionierung, in staatlichen Haushalten tiefgreifend zu k&uuml;rzen, Massensteuern zu erh&ouml;hen sowie die Privatisierung &ouml;ffentlichen Verm&ouml;gens voranzutreiben und Lohnk&uuml;rzungen durchzusetzen, erscheint im positiven Licht. Und daraus wird geschlussfolgert:<br>\nDiese Politik mit Kredithilfen gegen Schrumpfpolitik m&uuml;sse konsequent fortgesetzt werden. Begr&uuml;ndet wird ohne R&uuml;cksicht auf die Misserfolge und den hohen gesamtwirtschaftlichen Preis ein Weiterso der bisherigen Europolitik. <\/p><p>Diese Schlussfolgerung unterst&uuml;tzt auch die Gro&szlig;e Koalition in Berlin allerdings mit vers&ouml;hnlerischen T&ouml;nen gegen&uuml;ber Griechenland. Eine kritische Bewertung der bisherigen Belastungen durch das Eurorettungsdiktat sowie eine Neuausrichtung der k&uuml;nftigen Politik kommt im Koalitionsvertrag nicht vor.<\/p><p><strong>Die bittere Wahrheit: Absturz der &Ouml;konomie, Arbeitslosigkeit und massenhafte Armut<\/strong><\/p><p>Frei von politischen Macht- und Rechtfertigungsinteressen im Klima der bald wieder herzustellenden &bdquo;segensreichen&ldquo; Marktkr&auml;fte zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die als Gegenleistung f&uuml;r die Aufnahme unter den Rettungsschirm erzwungene Auflagenpolitik hat aktiv die ohnehin schwachen Wirtschaften in den Nehmerl&auml;ndern endg&uuml;ltig in die Knie gezwungen.<\/p><p>Dazu das Beispiel Griechenland: Sechs Jahre hintereinander ist die gesamtwirtschaftliche Produktion gesunken, und die Wirtschaftsstruktur hat stark gelitten. Das war ein Ergebnis der knallharten Schrumpfkur. Vom dadurch erreichten Tiefstniveau der Produktion aus kann ein ausschlie&szlig;lich &uuml;ber den Griechenlandtourismus generierter kleiner Zuwachs an Wertsch&ouml;pfung eine positive Wachstumsrate erzeugen.<\/p><p>Selbst ein kleiner absoluter Zuwachs vom tiefen Produktionsniveau aus f&uuml;hrt rein rechnerisch zu einer positiven Wachstumsrate. Diese Hoffnung auf den Wechsel von der Depression in die Phase wenigstens eines Miniwachstums geh&ouml;rt ins Arsenal der Propagandaspr&uuml;che.<\/p><p>Das Miniwachstum ist Ausdruck des tiefen Absturzes. Die Realeinkommensverluste, die sich auf 37% addieren, lassen eine lang anhaltende tiefe Krise der Binnenwirtschaft erwarten. Vor allem die Zahl der Arbeitslosen signalisiert die &ouml;konomische und soziale Wahrheit:<\/p><p>Ende letzten Jahres ist in Griechenland die Rekordarbeitslosigkeitsquote mit 28,7% erreicht worden. In Spanien betr&auml;gt die Jugendarbeitslosigkeit &uuml;ber 50%. Zu den Skandalen dieser Rettungspolitik geh&ouml;rt der Sozialabbau, der bis in die fr&uuml;heren Mittelschichten die Armut hat ansteigen lassen. Soziale Standards nach der Europ&auml;ischen Grundrechtscharta sind nicht eingehalten worden. So ist die inhumane Gesundheitsgef&auml;hrdung die Folge der Streichung etwa von Beihilfen f&uuml;r Medikamente f&uuml;r einen Krebskranken. Aber auch die &ouml;ffentlichen Haushalte sind zusammengebrochen. Weil die wirtschaftliche Produktion st&auml;rker zur&uuml;ckgegangen ist als die &ouml;ffentliche Neuverschuldung abgebaut werden konnte, sind die gesamten Staatsschulden bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt Ende letzten Jahres auf 176,2 % gestiegen. Das durch die Geldgeber vorgegebene Ziel, 2022 die Zielmarke 110% zu erreichen, ist realistischerweise nicht erreichbar. Die Wirklichkeit lehrt, die bisherige Rettungspolitik muss durch einen Auf- und Umbau der Wirtschaft in den Krisenstaaten abgel&ouml;st werden. <\/p><p><strong>Die Euro-Systemkrise an den Wurzeln anpacken<\/strong><\/p><p>Denn die grundlegende Dynamik der Eurokrise ist l&auml;ngst nicht &uuml;berwunden. Dar&uuml;ber sollte die bisher recht erfolgreiche Rettungspolitik nicht hinwegt&auml;uschen. Durch den Rettungsfonds und die klare Androhung von Gegenma&szlig;nahmen durch die Europ&auml;ische Zentralbank sind die Spekulanten aus dem Euroraum verbannt worden. Diese Ma&szlig;nahmen schaffen jedoch nur Zeitgewinn.<\/p><p>Auch ist der Euro in den wichtigsten W&auml;hrungsfunktonen recht erfolgreich: Niedrige Inflationsrate, starker Au&szlig;enwert, attraktive W&auml;hrungsanlage f&uuml;r Notenbanken, stabiler W&auml;hrungsraum ohne Devisenspekulationen.<\/p><p>Die Erfolge k&ouml;nnen jedoch im Zuge eines erneuten Ausbruchs der Systemkrise schnell gef&auml;hrdet werden. Im Kern geht es um die &Uuml;berwindung der &ouml;konomischen Systemkrise, die bereits dem Maastrichter Vertrag eingepflanzt worden ist. Die teilnehmenden Wirtschaften entwickeln sich einerseits sehr unterschiedlich. Andererseits wird die Auseinanderentwicklung durch eine dar&uuml;ber gest&uuml;lpte Einheitsw&auml;hrung mit einheitlichem Steuerungszins verst&auml;rkt. Dieser Gr&uuml;ndungsfehler muss durch eine St&auml;rkung der Wirtschaftsstruktur mit dem Schwerpunkt Exportwirtschaft in den schwachen L&auml;ndern korrigiert werden. Das Stichwort hei&szlig;t Marshallplan als klare Alternative zur aktuellen Austerit&auml;tspolitik. Dazu muss Deutschland endlich die durch niedrige Lohnst&uuml;ckkosten erreichte au&szlig;enwirtschaftliche Dominanz im Euroraum abbauen und dagegen die private und &ouml;ffentliche Binnennachfrage ausbauen. Erfolgreiche Schuldenschnitte zu Lasten der Gl&auml;ubiger von Staatsanleihen geh&ouml;ren dazu. Entlastend kann auch ein EU-Schuldentilgungsfonds genutzt werden, der mit einer Verm&ouml;gensabgabe finanziert wird. Schlie&szlig;lich muss endlich mit Eurobonds die k&uuml;nftige Schuldenpolitik vergemeinschaftet werden. Es ist schlichtweg Unsinn, dass sich die Krisenl&auml;nder mit hohen Kapitalmarktzinsen nationalstaatlich finanzieren m&uuml;ssen. Dadurch lie&szlig;e sich auch der Einsatz von Rettungsfonds zugunsten der Eurostabilisierung reduzieren. Die EZB hat mit ihrer eingel&ouml;sten, doppelten Aufgabe gezeigt, die Eurokonjunktur zu st&auml;rken und den W&auml;hrungsraum mit unkonventionellen Ma&szlig;nahmen zu stabilisieren, was erfolgreiche Verantwortung f&uuml;r das Gesamtsystem hei&szlig;t.<\/p><p>Eine schonungslose Analyse der wahren Ursachen der Eurokrise und einer daraus abgeleiteten Politik der St&auml;rkung der W&auml;hrungsunion zusammen mit dem Aufbau einer Wirtschafts- und Finanzunion sind dringend geboten. Denn die Folgen der &ouml;konomischen Systemkrise bef&ouml;rdern eine brandgef&auml;hrliche politische Krise. Vertrauen und politische Akzeptanz schwinden. Die Feindseligkeit zwischen den Geber- und Nehmerl&auml;ndern nimmt gef&auml;hrliche Ausma&szlig;e an. Nationalistische Parolen machen sich nicht nur in den rechtslastigen Parteien bemerkbar. Derzeit haben die Geberl&auml;nder nur die &bdquo;nationale Brille&ldquo;, mit der die Europrobleme reduziert werden, auf der Nase. Noch gef&auml;hrlicher wird es, wenn der Ausstieg aus dem Euro und damit ein Zur&uuml;ck zu nationalen W&auml;hrungen bzw. W&auml;hrungsverb&uuml;nden gefordert werden. Ohne umfassende Aufkl&auml;rung f&uuml;r den Euro als W&auml;hrungsbasis einer sozialen und &ouml;kologischen &Ouml;konomie droht bei den Wahlen zum Europarlament eine gef&auml;hrliche Renationalisierung.<\/p><p><em><strong>Hinweis:<\/strong> Der Kommentar erscheint am 17.1.2014 in der taz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Euro-Macher, aber auch die Regierungschefs in den Krisenl&auml;ndern, sind mit einer Reihe von Erfolgsmeldungen nach dem Ausbruch der Eurokrise vor knapp vierzehn Jahren ins neue Jahr gestartet. Mario Draghi verk&uuml;ndet im Neujahrs-SPIEGEL, die Eurokrise sei noch nicht &uuml;berwunden, aber es g&auml;be &bdquo;viele ermutigende Zeichen&ldquo;. 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