{"id":19953,"date":"2014-01-17T09:53:47","date_gmt":"2014-01-17T08:53:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953"},"modified":"2019-07-05T10:45:30","modified_gmt":"2019-07-05T08:45:30","slug":"griechenland-iii-aus-verachtung-der-politischen-klasse-wird-abscheu-ein-neubeginn-ist-noch-nicht-in-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953","title":{"rendered":"Griechenland III: Aus Verachtung der politischen Klasse wird Abscheu \u2013 Ein Neubeginn ist noch nicht in Sicht."},"content":{"rendered":"<p>Die Mehrheit der Regierungsfraktion im Parlament schmilzt, von einer stabilen Regierung kann keine Rede sein. Die regierenden Parteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok haben keine Rettungsstrategie mehr. Die neonazistische Partei Chrysi Avgi (ChA) gr&auml;bt dem konservativen Lager das Wasser ab und kann schon bei der Europawahl f&uuml;r eine b&ouml;se &Uuml;berraschung sorgen. Die Linkspartei Syriza ist im Aufwind, Neuwahlspekulationen machen die Runde. Die Ver&auml;nderung der gesellschaftlichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse verl&auml;uft allerdings noch im Zeitlupentempo. Die Jungen und vor allem die technische Intelligenz wenden sich von ihrem Land ab. Eine Welle von aktuellen Korruptionsskandalen macht deutlich wie und warum der griechische Staat zur Operationsbasis skrupelloser Parteipolitiker werden konnte. Wenn die gro&szlig;en S&uuml;nder nicht zur Rechenschaft gezogen werden, kann man von den kleinen S&uuml;ndern keinen Mentalit&auml;tswandel erwarten. In Griechenland ist deshalb das Misstrauen gegen den Staat und die soziale Umgebung allgegenw&auml;rtig.<br>\nEin Neubeginn mit dem alten Personal ist ohne eine schonungslose und konkrete Aufarbeitung der alten S&uuml;nden nicht m&ouml;glich. Die wachsende Akeptanz der Syriza als ernsthafte Alternative zur Regierung Samaras\/Venizelos ist ein stabiler Trend. Aber trotz eines Bekenntnisses des Syriza-Vorsitzende Alexis Tsipras zum Euro hat die Zustimmungsrate f&uuml;r seine Partei die 30-Prozent-Grenze noch nicht durchbrochen. Ein B&uuml;ndnispartner f&uuml;r eine neue Regierung ist aber noch nicht in Sicht. Hier der dritte Teil der aktuellen Berichterstattung &uuml;ber Griechenland von <strong>Niels Kadritzke<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Verschiebung der politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse<br>\nEin innenpolitischer Wendepunkt?<\/strong><\/p><p>Im <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19916\">zweiten Teil<\/a> meiner aktuellen Berichterstattung &uuml;ber Griechenland habe ich dargestellt, wie Parlamentsabgeordnete der Nea Dimokratia (ND) und der Pasok in der Immobilienfrage einen kleinen &bdquo;Aufstand&ldquo; gegen das Troika-Rezept gewagt haben, und dass die Regierung in einem wichtigen Punkte (der Zwangsversteigerung von Erstwohnungen) nachgegeben hat. Das zeigt eine Verschiebung der politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse an, die sich auf zwei Ebenen orten l&auml;sst. <\/p><p>Im Parlament (Vouli) ist die Mehrheit der Koalitionsfraktionen weiter abgeschmolzen, so dass sich die Regierung keine Abweichler mehr leisten kann. Das hat die Verhandlungsmacht der Abgeordneten von ND und Pasok gegen&uuml;ber ihrer eigenen Regierung verst&auml;rkt. Viel wichtiger ist die andere Ebene: Seit Dezember 2013 liegt die oppositionelle Syriza in der W&auml;hlergunst eindeutig in F&uuml;hrung. Das ist f&uuml;r die Regierung schlimm genug, noch schlimmer ist, dass sie kein Rezept hat, wie sie diesen Trend stoppen k&ouml;nnte; aber am allerschlimmsten ist, dass es ein solches Rezept nicht gibt. <\/p><p><strong>Kr&auml;fteverschiebung auf der Ebene des Parlaments &ndash; eine stabile Mehrheit ist abhandengekommen<\/strong><\/p><p>Betrachten wir zun&auml;chst die Kr&auml;fteverschiebung auf der Ebene des Parlaments. Schon bei der Abstimmung &uuml;ber die neue Immobiliensteuer (am 21. Dezember) hat die Koalition einen weiteren Abgeordneten verloren. Der ND-Veteran Vyronas Polydoras verweigerte seine Zustimmung und wurde daraufhin aus Fraktion und Partei ausgeschlossen. Der Absprung des eitlen Exzentrikers war der ND-F&uuml;hrung nicht unwillkommen: Polydoras hat der Partei mehr W&auml;hler abspenstig gemacht als gewonnen. In meinen Griechenland-Berichten auf diesen Seiten kam der Mann bislang zweimal vor: als jener Parlamentspr&auml;sident, der nach den Wahlen im Mai 2012 nur einen Tag lang amtierte, diesen aber dazu nutzte, seiner Tochter einen Posten in der Parlamentsb&uuml;rokratie zuzuschanzen (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14544\">NachDenkSeiten vom 26. September 2012<\/a>); und als der einzige ND-Politiker, der seiner Partei &ouml;ffentlich empfohlen hat, eine Koalition mit den Neonazis der Chrysi Avgi anzustreben (<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136\">NachDenkSeiten vom 4. November 2013<\/a>). <\/p><p>Als Person ist Polydoras f&uuml;r die ND-Fraktion kein Verlust, wohl aber als Nummer. Mit seinem Ausscheiden ist die Mehrheit der Regierungsparteien auf 153 Sitze geschrumpft (126 der ND und 27 der Pasok). Und bei der Pasok gibt es einen weiteren Abgeordneten (Ex- Parlamentspr&auml;sident Apostolos Kaklamanis), der mehreren wichtigen Abstimmungen ohne &uuml;berzeugende Begr&uuml;ndung ferngeblieben ist. Die absolute Mehrheit in der Vouli betr&auml;gt 151 Stimmen. Es gibt zwar noch die 17 Dimar-Abgeordneten und 13 Unabh&auml;ngige (die ihre urspr&uuml;ngliche Partei verlassen haben), die gelegentlich mit der Regierung stimmen oder Enthaltung &uuml;ben k&ouml;nnten. Doch von einer stabilen Regierung, wie sie im Juni 2012 zun&auml;chst zustande gekommen war, kann im Januar 2014 keine Rede mehr sein. <\/p><p>Die Gefahr einer weiteren Erosion der Regierungsfraktionen ist un&uuml;bersehbar. Zwar wirkt die Angst vor vorzeitigen Neuwahlen immer noch disziplinierend. Aber es gibt jetzt Dutzende Abgeordnete, vor allem bei der Pasok, die jede Aussicht auf ein weiteres Parlamentsmandat verloren haben und sich wenigstens einen &bdquo;ehrenvollen&ldquo; Abgang verschaffen wollen. Diese Volksvertreter halten sich nicht mehr an eine Parteiraison, die f&uuml;r sie nutzlos geworden ist, und folgen zunehmend ihrem Restgewissen. Oder sie orientieren sich am &bdquo;W&auml;hlerwillen&ldquo; ihrer Herkunftsregion, in der sie ihre politische Karriere auf kommunaler Ebene fortzusetzen hoffen.<\/p><p><strong>Neuwahlszenarien &ndash; Syriza im Aufwind<\/strong><\/p><p>Die Risse in der Pasok-Fraktion haben die Syriza dazu verleitet, verunsicherte Abgeordnete mehr oder weniger offen zur Fahnenflucht aufzufordern. Aber das ist keine gute Idee, denn der &Uuml;bertritt zu einer anderen Partei, f&uuml;r die man nicht ins Parlament gew&auml;hlt wurde, hat in Griechenland immer noch den Ruch des Verrats: Mit Hilfe von &Uuml;berl&auml;ufern hatte die Rechte in den fr&uuml;hen 1960er-Jahren die Regierung der Zentrumsunion unter dem damaligen Ministerpr&auml;sidenten Giorgos Papandreou (Vater von Andreas und Gro&szlig;vater von Giorgakis) gest&uuml;rzt und damit die Staatskrise herbeigef&uuml;hrt, die im Mai 1967 in die Milit&auml;rdiktatur m&uuml;ndete. Die Linke hat damals den &bdquo;Stimmenkauf&ldquo; verurteilt. Deshalb kann sie heute nicht auf &Uuml;berl&auml;ufer setzen, argumentieren viele Syriza-Anh&auml;nger. <\/p><p>Offiziell setzen Alexis Tsipras und seine Linkspartei auf vorgezogene Neuwahlen, wobei v&ouml;llig ungewiss ist, ob und wann sie diese herbeif&uuml;hren kann. Die Syriza will alle Kraft in die Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament vom 25.Mai und in die gleichzeitigen Kommunalwahlen investieren. Sollte sie deutlich st&auml;rker abschneiden als die ND, will sie offensiv auf Neuwahlen dr&auml;ngen. Aber sie kann diese nicht erzwingen, wenn die Regierung es schafft, ihre Parlamentsmehrheit zusammenzuhalten. Eine regul&auml;re Chance auf vorzeitige Neuwahlen bietet &ndash; laut der griechischen Verfassung &ndash; die Wahl eines neuen Staatspr&auml;sidenten im n&auml;chsten Jahr. Das Parlament muss im Fr&uuml;hjahr 2015 ein neues Staatsoberhaupt w&auml;hlen. Dazu bedarf es prinzipiell einer zwei-Drittel-Mehrheit, doch wenn die nicht zustande kommt, reichen im dritten Wahlgang 180 von 300 Stimmen. Kommt diese Mehrheit (von 60 Prozent der Abgeordneten) nicht zustande, schreibt die Verfassung die Aufl&ouml;sung des Parlaments und Neuwahlen vor. Dies kann die Regierung vermeiden, indem sie einen Kandidaten nominiert, der im dritten Wahlgang die n&ouml;tigen Stimmen von Dimar-Abgeordneten und einigen Unabh&auml;ngigen bekommt. <\/p><p>Wenn die Regierung diese beiden Neuwahl-Szenarien der Syriza durchkreuzen kann, wird das n&auml;chste Parlament erst zum regul&auml;ren Termin im Fr&uuml;hsommer 2016 gew&auml;hlt. Dies entspricht auch nach wie vor dem Wunsch einer Mehrheit der griechischen W&auml;hler, von denen (laut Umfragen) nur 35 bis 40 Prozent sofortige Neuwahlen fordern. Sollte es jedoch noch innerhalb des Jahres 2014 zu Neuwahlen kommen, w&uuml;rde der Sieger mit hoher Wahrscheinlichkeit Syriza hei&szlig;en. Oder umgekehrt und pr&auml;ziser formuliert: Die Regierungsparteien ND und Pasok w&uuml;rden krachend verlieren. Nach den demoskopischen Umfragen vom Dezember 2013 k&auml;men sie zusammen gerade noch auf ein Drittel der W&auml;hlerstimmen. <\/p><p><strong>Ist den Umfragen zu trauen?<\/strong><\/p><p>Wie zuverl&auml;ssig sind diese Umfragen? In Griechenland herrscht seit langem ein verbreitetes Misstrauen, dass die demoskopischen Unternehmen die Erwartungen ihrer Auftraggeber &ndash; in der Regel Medienunternehmen  &ndash;  bedienen und ihre Ergebnisse entsprechend einf&auml;rben. Diese Annahme ist &ndash; gerade in einer politischen Umbruchsituation &ndash; nicht von der Hand zu weisen, aber auch schwer zu belegen. Allerdings kann man davon auszugehen, dass zumindest die etablierten demoskopischen Institute einen Ruf zu verlieren haben, weil sie zugleich kommerzielle Marktforschung betreiben. Ein krass manipuliertes Ergebnis w&uuml;rde angesichts konkurrierender Umfragen auffallen und daher gesch&auml;ftssch&auml;digend wirken. <\/p><p>Auch bei den Umfragen der seri&ouml;seren Firmen gibt es jedoch methodische Probleme, die besonders die Prognosen f&uuml;r einen hypothetischen Wahlausgang (also die &bdquo;Sonntagsfrage&ldquo;) beeintr&auml;chtigen. Diese Voraussagen beruhen auf der komplizierten &bdquo;Hochrechnung&ldquo; der (in telefonischen Interviews gewonnenen) Pr&auml;ferenzaussage in das mutma&szlig;liche Wahlverhalten. In diese Operationen, die auch die noch unentschiedenen W&auml;hler verrechnet, gehen viele Variablen ein, darunter Erfahrungswerte und Informationen aus fr&uuml;heren W&auml;hlerumfragen. Diese Spezialistenarbeit ist aufwendig und daher teuer. Zu teuer, wie mir ein Experte erl&auml;utert hat: Die Zeitungen und TV-Stationen, die regelm&auml;&szlig;ig Umfragen in Auftrag geben, k&ouml;nnen sich inzwischen nur noch &bdquo;billige&ldquo; Umfragen leisten, deren Wahlprognosen lediglich auf groben Hochrechnungen beruhen und nicht besonders zuverl&auml;ssig sind. Dabei ergibt sich ein Opportunit&auml;ts-Spielraum, zum Beispiel bei der Einsch&auml;tzung der noch unentschlossenen W&auml;hler.<\/p><p>Ein zweites methodisches Problem hat mir ein Kollege geschildert, der W&auml;hlerinterviewer bei ihrer Arbeit beobachtet hat. Ungef&auml;hr jedes zweite Telefongespr&auml;ch endete abrupt, sobald der oder die Angerufene merkte, dass es um &bdquo;Politik&ldquo; ging. Gescheiterte Interviews gab es nat&uuml;rlich schon immer, aber in Griechenland hat sich der Prozentsatz seit Krisenbeginn dramatisch erh&ouml;ht, klagen die Demoskopen. Wenn zum Beispiel jeder zweite Interviewpartner bei der Frage nach der Parteipr&auml;ferenz den H&ouml;rer auflegt, ist die empirische Basis der Umfrage ernsthaft l&auml;diert. <\/p><p><strong>Ein klarer Vorsprung der Syriza gegen&uuml;ber der ND<\/strong><\/p><p>Angesichts dieser methodischen Vorbehalte k&ouml;nnen wir nicht v&ouml;llig sicher sein, ob das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nea Dimokratia und Syriza, das die Umfragen von Sommer 2012 bis Herbst 2013 dokumentiert haben, die W&auml;hlerstimmung realistisch wiedergaben. Unstrittig ist aber, dass die Syriza zum Jahresende 2013 endg&uuml;ltig an der ND vorbeigezogen ist. Nimmt man die Mittelwerte der Umfragen, die sieben Institute im Dezember 2013 &ndash; f&uuml;r sieben verschiedene Auftraggeber &ndash; durchgef&uuml;hrt haben, ergeben sich f&uuml;r die im Parlament vertretenen Parteien folgende hypothetischen &bdquo;Wahlergebnisse&ldquo;: <\/p><p>Die Syriza f&uuml;hrt mit 28,8 Prozent vor der ND mit 27, 8 Prozent. Drittst&auml;rkste Partei ist die neonazistische Chrysi Avgi mit 10,7 Prozent; es folgen etwa gleichauf die orthodoxen Kommunisten (KKE) mit 6,9, die Pasok mit 6,8 Prozent und die rechtspopulistischen Unabh&auml;ngigen Hellenen (Anel) mit 6,1 Prozent. Schlusslicht ist die linkssozialdemokratische Dimar (die im Juni 2013 aus der Regierung Samaras ausgeschieden ist) mit 4,2 Prozent (die Ergebnisse aller Umfragen <a href=\"http:\/\/metapolls.net\/tag\/greek-elections\/\">hier<\/a>).<\/p><p>Unter Politikern und Journalisten in Athen herrscht kein Zweifel, dass der Vorsprung der Syriza inzwischen deutlich gr&ouml;&szlig;er ist als nur ein Prozent. Das wird auch im Regierungslager nicht geleugnet. In der ND- Zentrale ging man schon im Dezember davon aus, dass die Partei um zwei bis drei Prozent hinter der Syriza zur&uuml;ck liegt. Eine Athener Zeitung &uuml;bermittelte aus der Umgebung von Samaras ein d&uuml;steres Stimmungsbild: Aus heutiger Sicht seien die Parteistrategen schon froh, wenn man bei den Europawahlen nicht mehr als drei Prozentpunkte hinter der linken Oppositionspartei zur&uuml;ck liegen w&uuml;rde.<\/p><p>Einen zus&auml;tzlichen sicheren Hinweis auf das Kr&auml;fteverh&auml;ltnis zwischen Syriza und ND liefern die j&uuml;ngsten der erw&auml;hnten Dezember-Umfragen (Kapa Research und Pulse). Bei der Frage nach dem erwarteten Wahlsieger geht eine Mehrheit inzwischen von einem Vorsprung der Syriza aus (45 bzw. 47 Prozent sehen die Syriza vorn, 38 bzw. 33 Prozent die ND). Bei dieser Frage hatte noch im November eine deutliche Mehrheit der W&auml;hler die ND in F&uuml;hrung gesehen. Dass sich dieser Trend gedreht hat, dr&uuml;ckt einen Stimmungswandel aus, der im neuen Jahr noch an Dynamik gewonnen haben d&uuml;rfte.<\/p><p><strong>Eine Regierung an Kr&uuml;cken<\/strong><\/p><p>Verst&auml;rkt hat sich auch ein weiterer Trend, der die Konservativen besonders deprimieren muss: Die ND wird zunehmend zur Partei der Rentner. In F&uuml;hrung liegt sie nur noch bei der Altersgruppe von &uuml;ber 60 bzw. 65 Jahren (je nach Umfrage), hier allerdings deutlich. Bei den W&auml;hlern unterhalb des Rentenalters dagegen hat die Syriza einen klaren Vorsprung. Das j&uuml;ngste Beispiel: In einer Pulse-Umfrage vom Dezember 2013 f&uuml;r die linke Tageszeitung Efimerida ton Syntakton (EtS) f&uuml;hrt die Syriza bei den Altersgruppen unter 60 mit rund zehn Prozentpunkten Vorsprung (25 zu 15 Prozent); dagegen liegt die ND bei den W&auml;hlern &uuml;ber 60 um 15 Punkte (33 zu 18 Prozent) vor der Syriza.<\/p><p>Das hei&szlig;t: Die Regierung geht buchst&auml;blich am Stock. Die Rentnerstimmen sind zur letzten Kr&uuml;cke der Regierung geworden. Denn von den Alten h&auml;ngt nicht nur das Schicksal der ND, sondern auch das ihres Koalitionspartners ab. Die Pasok hat nach den Umfragen nur noch unter den W&auml;hlern im Rentenalter ein zweistelliges W&auml;hlerpotential; bei den anderen Altersgruppen d&uuml;mpelt sie zwischen drei und f&uuml;nf Prozent (die entsprechenden Grafiken unter: http:\/\/www.efsyn.gr\/?p=161255). Der EtS-Kommentator Tassos Pappas wei&szlig; immerhin einen Trost, den die Regierungsparteien aus diesen Zahlen saugen k&ouml;nnen: Die Rentner sind eine stabile W&auml;hlergruppe mit stabilen &Uuml;berzeugungen. Und vor allem werden die meisten von ihnen bis zu ihrem Tod im Lande bleiben, w&auml;hrend von den j&uuml;ngeren Griechinnen und Griechen inzwischen weit mehr als die H&auml;lfte an Auswanderung denken.<\/p><p><strong>Mehr als die H&auml;lfte der  Jungen denkt daran auszuwandern &ndash; vor allem die technisch Intelligenz<\/strong><\/p><p>An dieser Stelle sei eine Information &uuml;ber die Motive der migrationswilligen Generation eingef&uuml;gt, die mehr als eine Paranthese ist. Die vorl&auml;ufigen Resultate einer Studie &uuml;ber die Migration aus den EU-Krisenstaaten, die von einer Forschergruppe des European University Institute (EUI) in Florenz erarbeitet wurde, liefern f&uuml;r den griechischen Fall interessante und zum Teil auch &uuml;berraschende Erkenntnisse (basierend auf Interviews mit 919 Emigrierten).<\/p><ul>\n<li>Fast 90 Prozent der neuen griechischen Auswanderer haben einen Universit&auml;tsabschluss;<\/li>\n<li>von diesen sind 24,5 Prozent Ingenieure, 18 Prozent Informatiker und 12 Prozent Mathematiker: die technische Intelligenz auf dem Abmarsch;<\/li>\n<li>48 Prozent sind unter 30 Jahre alt, aber noch st&auml;rker ist mit 49 Prozent die Altersgruppe von 31-45 Jahren vertreten;<\/li>\n<li>51 Prozent der Befragten waren keineswegs arbeitslos; sie hatten in Griechenland noch einen Job, dabei aber das Gef&uuml;hl, in einer beruflichen Sackgasse zu stecken; als wichtigstes Migrationsmotiv nennen sie den Wunsch, &bdquo;eine bessere Zukunft f&uuml;r sich und ihre Familien&ldquo; aufzubauen. (statistische Angaben und Zitate nach: <a href=\"http:\/\/www.ekathimerini.com\/4dcgi\/_w_articles_wsite6_1_13\/01\/2014_535235\">Kathimerini, englische Ausgabe vom 13. Januar 2014<\/a>)<\/li>\n<\/ul><p>Nat&uuml;rlich kann eine Regierung, die ihr &Uuml;berleben der konservativen Mentalit&auml;t der Alten verdankt, w&auml;hrend sie das Vertrauen der jungen &ndash; potentiell produktivsten &ndash; Generation restlos verspielt hat, nicht die Zukunft des Landes repr&auml;sentieren. Deshalb ist die zum Jahreswechsel sichtbar gewordene Trendwende &bdquo;eigentlich&ldquo; &uuml;berf&auml;llig. Ich sage &bdquo;eigentlich&ldquo;, weil das Erstaunliche an dieser Trendwende darin liegt, dass sie sich so langsam &ndash; sozusagen in Zeitlupe &ndash; vollzieht. Angesichts des beschleunigten Tempos, mit dem sich die &ouml;konomischen Krise in die gesamte Gesellschaft hinein frisst, hatten die meisten Beobachter weit radikalere Verwerfungen und Machtverschiebungen in der politischen Landschaft erwartet: Man denke nur an die tausendfachen Voraussagen einer unmittelbar bevorstehenden &bdquo;Explosion&ldquo; des politischen Systems. Stattdessen vollzog sich in Griechenland eine soziale &bdquo;Implosion&ldquo;, die bislang alle zentralen Machtstrukturen unangetastet gelassen hat. Und das, obwohl sich die sozialen Verwerfungen bereits in den Wahlergebnissen von 2012 deutlich ausgedr&uuml;ckt haben.  <\/p><p>In der Tat sind im sechsten Jahr der Krise immer noch dieselben Kr&auml;fte und Personen an der Macht, die nicht nur die Staatskarre, sondern auch das von ihnen ausgepresste sozio&ouml;konomische Reproduktionsmodell gegen die Wand gefahren haben. Die eingeschliffenen politischen Praktiken und Mechanismen haben sich mitnichten ver&auml;ndert, konstatiert der Chef des Meinungsforschungsinstituts Metron Analysis, Stratos Fanaras. Aber sie bringen nichts mehr zustande: &bdquo;Das R&auml;derwerk der Krise schafft nur noch ein Recycling von Personen und Parteien &ndash; der einzige Input in ein moribundes System, das sich unf&auml;hig zeigt, ein tragf&auml;higes und Hoffnung stiftendes Konzept f&uuml;r den Ausweg aus der Krise hervorzubringen, und das nur noch wie ein Fleischwolf funktioniert, der die Ideen, Werte und gesellschaftlichen Potentiale zermalmt.&ldquo;<\/p><p>Dass die gesellschaftliche Erosion die politischen Strukturen nur langsam und verz&ouml;gert erfasst, gilt selbst f&uuml;r das auff&auml;lligste Symptom der schleichende Systemkrise: den Aufstieg der neonazistischen Chrysi Avgi (ChA). Um 40 Prozent geschrumpfte Masseneinkommen und eine Arbeitslosigkeit von 28 Prozent h&auml;tten vermutlich in fast jedem europ&auml;ischen Land ein rechtsextremistisches Potenzial hervor gebracht, das weit gr&ouml;&szlig;er w&auml;re als die aktuellen Umfragewerte der griechischen Neonazis. <\/p><p><strong>Die Sackgasse der Nea Dimokratia und die Neonazis<\/strong><\/p><p>Gleichwohl ist der Aufstieg der Chrysi Avgi (ChA) der entscheidende Faktor, der die politische Hegemonie des konservativen Lagers untergr&auml;bt und zum Einsturz bringen wird. Alle Umfragen zeigen, dass die ND die 30-Prozent-Schranke nicht mehr durchbrechen kann, weil ihr die stramm nationalistischen W&auml;hler, die sie in den letzten 30 Jahren noch einbinden konnte, von der Chrysi Avgi weggefangen werden. Die Neonazis haben sich von ihrem demoskopischen R&uuml;ckschlag nach der Ermordung eines linken Rappers und der Verhaftung f&uuml;hrender Parteimitglieder (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19136\">NachDenkSeiten vom 4.<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19228\">12. November 2013<\/a>) erholt und liegen schon wieder 50 Prozent &uuml;ber ihrem Wahlerfolg vom Juni 2012 (6,9 Prozent). Die demoskopischen Experten gehen allerdings davon aus, dass die Umfragen das Potential der Neonazis nicht voll erfassen, weil potentielle ChA-W&auml;hler &uuml;berproportional dazu neigen, ihre Pr&auml;ferenz zu verheimlichen &ndash; etwa indem sie das Telefon auflegen. Viele Beobachter trauen den Neonazis schon heute mindestens 15 Prozent der W&auml;hlerstimmen zu, zumal sie sich daran erinnern, dass die Umfragen vor den Wahlen von 2012 das Potential der ChA massiv (um 50 bis 60 Prozent) untersch&auml;tzt haben.<\/p><p>Die letzten Monate haben gezeigt, dass das konservative Lager von der Emp&ouml;rung &uuml;ber den Fissas-Mord und dem angestrebten Verbot der ChA in keiner Weise profitieren konnte. Die 2012 an die ChA verlorenen ND-Stimmen kommen nicht nur nicht zur&uuml;ck; die Abwanderung konservativer W&auml;hler zu den Rechtsextremisten geht vielmehr ungebrochen weiter. Und das, obwohl seit dem 13. Januar insgesamt sechs Parlamentsabgeordnete der Neonazis in Untersuchungshaft sitzen. &bdquo;Ein Drittel der ChA-Fraktion im Knast, aber die Partei wird von immer mehr Griechen gew&auml;hlt&ldquo;, wundert sich ein Kommentator der website Parapolitiki und st&ouml;hnt &uuml;ber die &bdquo;unergr&uuml;ndliche Seele des emp&ouml;rten Neugriechen.&ldquo; <\/p><p><strong>Die ChA wird nicht schw&auml;cher, sondern st&auml;rker<\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich kann man &uuml;ber die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Resistenz des ChA-W&auml;hlerpotenzials derzeit nur spekulieren. Ein Teil der Erkl&auml;rung liegt sicher darin, dass sich die Rechtsradikalen mit Erfolg als Justizopfer stilisieren und bereits verk&uuml;ndet haben, dass sie gegen die &bdquo;illegale und verfassungswidrige&ldquo; Kriminalisierung ihrer Parteif&uuml;hrer den Europ&auml;ischen Gerichtshofs f&uuml;r Menschenrechte anrufen wollen (EtS, 10. Januar 2014). Auch die Anw&auml;lte, die das F&uuml;hrungspersonal der &bdquo;kriminellen Vereinigung&ldquo; verteidigen, strahlen Zuversicht aus. Die st&uuml;tzt sich unter anderem auf die Tatsache, dass viele belastende Aussagen gegen ihre Mandanten von anonymen, weil &bdquo;gesch&uuml;tzten&ldquo; Zeugen stammen, deren Glaubw&uuml;rdigkeit sie vor Gericht anzweifeln wollen (nach EtS vom 10. Januar und To Vima vom 12. Januar 2014; zu den Schwierigkeiten, die ChA-F&uuml;hrung als &bdquo;kriminelle Vereinigung&ldquo; zu verurteilen, siehe auch: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19228\">NachDenkSeiten vom 12. November<\/a>). Andererseits haben die Ermittler inzwischen bei Hausdurchsuchungen sehr viel Material gefunden, das den Verdacht paramilit&auml;rischer Aktivit&auml;ten und der Gewaltandrohung gegen Verfassungsorgane st&uuml;tzt und eine Anklage wegen &bdquo;Hochverrats&ldquo; (nach Art. 134 des griechischen Strafgesetzbuches) st&uuml;tzen w&uuml;rde (Kathimerini vom 10. und 11. Dezember 2012).<\/p><p><strong>Unsicherheit bei der Europawahl<\/strong><\/p><p>Wie immer sich das juristische Verfahren gegen die F&uuml;hrer und die Abgeordneten der Chrysi Avgi entwickelt, vor den Europawahlen im Mai wird es zu keiner Anklage kommen. Auch deshalb m&uuml;ssen sich die Griechen &ndash; und ihre europ&auml;ischen Partner &ndash; bei diesen Wahlen auf sehr unliebsame &Uuml;berraschungen gefasst machen. Die allgemein negative Stimmung gegen&uuml;ber der EU hat in Griechenland stetig zugenommen. Nach dem Euro-Barometer vom Herbst 2013 sind 86 Prozent der Griechen der Meinung, dass &bdquo;ihre Stimme in Europa nicht z&auml;hlt&ldquo;. Das l&auml;sst eine sehr niedrige Wahlbeteiligung erwarten, die den Prozentsatz der dezidiert &bdquo;antieurop&auml;ischen&ldquo; Stimmen automatisch erh&ouml;ht. Angesichts dessen w&auml;re ein Wahlerfolg der Neonazis im Bereich zwischen 15 und 20 Prozent der Stimmen keine &Uuml;berraschung. Ob die ChA &auml;hnliche Resultate auch bei den gleichzeitigen Kommunalwahlen erzielen kann, wird von der Wahlbeteiligung und von der B&uuml;ndnispolitik der &uuml;brigen Parteien und vor allem der Syriza abh&auml;ngen (dazu am Ende mehr).<\/p><p>Das zu erwartende Erstarken des ChA wird auch auf kommunaler Ebene zu Lasten der Nea Dimokratia gehen, die keine Chancen hat, in den gr&ouml;&szlig;eren St&auml;dten auch nur eines der Rath&auml;user zu erobern. Dies wird ebenfalls zur Schw&auml;chung der Samaras\/Venizelos-Koaliton beitragen &ndash; und wom&ouml;glich zur weiteren Erosion der beiden Parlamentsfraktionen. <\/p><p><strong>Warum die Regierung keine Rettungsstrategie hat<\/strong><\/p><p>Damit sind wir zur&uuml;ck bei der Frage, warum der Autorit&auml;tsverlust der Samaras-Regierung, jedenfalls aus heutiger Sicht, als unaufhaltsam und irreversibel erscheint. Der wichtigste Grund ist die im ersten Teil dieser Analyse (vom <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19831\">6. Januar<\/a>) dargestellte Diskrepanz zwischen der Realit&auml;t und Gef&uuml;hlswelt der griechischen Bev&ouml;lkerung und der m&auml;rchenhaften Darstellung einer &bdquo;success story&ldquo; seitens der Regierung. Diese Diskrepanz hat sich durch die Zw&auml;nge einer optimistischen Selbstdarstellung, die eine EU-Pr&auml;sidentschaft auferlegt, noch ausgeweitet. Auf der einen Seite haben wir eine Regierung, die den &Uuml;berschuss im Prim&auml;rhaushalt, der die Realwirtschaft eher belastet als befl&uuml;gelt, als epochale Errungenschaft verkaufen will; auf der anderen Seite eine Gesellschaft, deren Mitglieder zu 70 Prozent &uuml;berzeugt sind, dass ihnen das Schlimmste noch bevorsteht, w&auml;hrend nur ein Viertel an eine bessere Zukunft glaubt (Zahlen nach der Dezember-Umfrage von Kapa Research). Ein Ausweg aus diesem Widerspruch ist f&uuml;r die Regierung derzeit nicht sichtbar. Die optimistischen Spr&uuml;che werden den Pessimismus eher noch weiter verst&auml;rken, bis die Real&ouml;konomie einer zutiefst zweifelnden und verzweifelnden Gesellschaft eine sp&uuml;rbare Erholung beschert. Und die wird auch im Jahr 2014 ausbleiben.<\/p><p>Ein zweiter Faktor, der die Stimmung der Bev&ouml;lkerung gegen die Regierung aufbringt, ist die Welle von Skandalen, die seit Ende letzten Jahres ans Licht kommen. Nun ist es nicht so, dass die Griechen durch Enth&uuml;llungen &uuml;ber die Korruptionsanf&auml;lligkeit ihrer politischen Klasse noch gro&szlig;artig zu &uuml;berraschen w&auml;ren. Aber sowohl die Dimensionen als auch die Details der Selbstbereicherung, die in den neuen F&auml;llen sichtbar werden, f&uuml;hren den W&auml;hlern tagt&auml;glich vor Augen, von wem sie sich haben regieren lassen. Die Verachtung f&uuml;r die politische Klasse, die &uuml;ber 80 Prozent der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber Jahrzehnte an die Macht gew&auml;hlt haben, verdichtet sich zu Abscheu. Und die richtet sich voll gegen die Koalition der alten Systemparteien, denn die Hauptdarsteller der Skandale waren entweder F&uuml;hrungskr&auml;fte der ND und der Pasok, oder sie verdanken die Positionen, die sie zu illegaler Bereicherung nutzen konnten, ihrer parteipolitischen Vernetzung.<\/p><p>Um die Verachtung und zunehmende Distanz zu diesem System zu illustrieren, sei hier auf eine weitere Erkenntnis der schon vorgestellten Migrantenstudie des EUI verwiesen: Bei fr&uuml;heren Migrationswellen (und das gilt auch f&uuml;r die &bdquo;Gastarbeiter&ldquo; in der Bundesrepublik der 1960er- und 1970er-Jahre) wanderten die Griechen bevorzugt dorthin, wo schon Verwandte oder Landsleute aus derselben Gegend Fu&szlig; gefasst hatten. Heute dagegen spielen &bdquo;soziale Netzwerke keine Rolle, vielmehr finden junge Griechen ihre Arbeitspl&auml;tze ganz alleine, ohne Hilfe von Bekannten&ldquo;. Der Schritt in eine neue Umgebung und in eine neue Karriere bedeutet also auch die Befreiung aus dem Netzwerk klientelistischer Beziehungen und Abh&auml;ngigkeiten. Bezeichnend ist die Auskunft eines Neu-Auswanderers, der das &bdquo;fehlende Leistungsprinzip&ldquo; als eines seiner zentralen Motive nennt. Noch klarer formuliert es ein anderer Interviewter: &bdquo;Das heutige Griechenland ist ein Land geworden, zu dem ich nicht mehr geh&ouml;ren will.&ldquo; <\/p><p><strong>Eine Welle von Korruptionsskandalen<\/strong><\/p><p>Die Struktur eines politischen Systems, dem sich viele junge Griechen nicht mehr zugeh&ouml;rig f&uuml;hlen, enth&uuml;llt sich in den aktuellen Skandalen, die ich nun kurz skizzieren will. Wobei jeder einzelne Fall auf seine Weise illustriert, wie und warum der Staat zur Operationsbasis skrupelloser Parteipolitiker werden konnte.<\/p><ol>\n<li><strong>Der Fall Tsochatzopoulos<\/strong><br>\nDer engste Gefolgsmann des fr&uuml;heren Pasok-Pr&auml;sidenten Andreas Papandreou, Generalsektet&auml;r der Partei, Vize-Regierungschef unter Papandreou und Minister in mehreren Pasok-Regierungen (zwischen 1981 und 2004), ist bereits zwei Mal  verurteilt: Im M&auml;rz 2013 zu acht Jahren Gef&auml;ngnis wegen Geldw&auml;sche; im Oktober zu weiteren 20 Jahren wegen passiver Bestechung und Geldw&auml;sche. Das Urteil wegen Bestechlichkeit bezieht sich auf die Annahme &bdquo;illegaler Zuwendungen&ldquo; von R&uuml;stungsunternehmen, vor allem aus Deutschland und Russland, denen er in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister (1996 bis 2001) Gro&szlig;auftr&auml;ge zugeschanzt hat. Der Fall des Akis Tsochatzopouls ist aber noch keinesfalls abgeschlossen, weil im Dezember 2013 neue Fakten auf den Tisch kamen, die auf dem Gest&auml;ndnis eines ehemaligen hohen B&uuml;rokraten im Verteidigungsministerium beruhen (siehe unten: der Fall Kantas). Aufgrund der neuen Aussagen h&ouml;rt sich die Gesamtsumme der &bdquo;Zuwendungen&ldquo;, die Tsochatsopoulos eingesackt haben soll (laut Anklageschrift 160 Millionen Euro) nicht mehr v&ouml;llig &bdquo;m&auml;rchenhaft&ldquo; an. Die kriminelle Karriere von Tsochatzopoulos ist f&uuml;r die Pasok besonders peinlich und belastend, weil dieser lange Zeit als designierter Nachfolger des Parteigr&uuml;nders Andreas Papandreou galt und nach dessen schwerer Erkrankung ab 1995 amtierender Regierungschef war. Nach dem R&uuml;ckzug Papandreous unterlag er bei der Wahl des neuen Pasok-Vorsitzenden im Januar 1996 nur ganz knapp seinem Hauptrivalen, dem &bdquo;Reformer&ldquo; Kostas Simitis. W&auml;re Tsochatzopoulos damals gew&auml;hlt worden, w&auml;re Griechenland jahrelang von einem Politiker mit hoher krimineller Energie regiert worden.<\/li>\n<li><strong>Der Fall Panantoniou<\/strong><br>\nGegen Giannos Papantoniou, von 1996 bis 2001 Finanzminister in der Regierung Simitis, wird seit November 2013 wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Die Finanzpolizei entdeckte einen nicht deklarierten Betrag von rund 1,3 Millionen Euro auf einem Schweizer Konto der Ehefrau Papantonious, das auf  der ber&uuml;hmten Lagarde-Liste stand (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15882\">NachDenkSeiten vom 17. Januar 2013<\/a>). Der Ex-Minister h&auml;tte die Schweizer Gelder in seiner Verm&ouml;genserkl&auml;rung f&uuml;r 2009 und 2010 ausweisen m&uuml;ssen. Papantoniou behauptet, von dem Konto seiner Gattin nichts gewusst zu haben, bis das Geld 2010 nach Griechenland zur&uuml;ck transferiert wurde. Das Bemerkenswerte an diesem Fall ist, dass ein ehemaliger Finanzminister erstens seine pers&ouml;nlichen Finanzverh&auml;ltnisse nicht ordnungsgem&auml;&szlig; deklariert und zweitens &uuml;ber die Finanzen seiner Frau nicht informiert gewesen sein will. Dem Ehepaar droht eine Steuerstrafe und &ndash; nachzahlung in Millionenh&ouml;he. Weiteres Ungemach droht Papantoniou von neuen Erkenntnissen &uuml;ber die R&uuml;stungsskandale. Als Verteidigungsminister im Zeitraum 2001 bis 2004 soll er in die Schmiergeld&auml;ff&auml;ren verwickelt sein, die jetzt schrittweise ans Licht kommen (siehe unten: der Fall Kantas).<\/li>\n<li><strong>Der Fall Liapis<\/strong><br>\nDie Groteske eines Ex-Finanzministers, der seine pers&ouml;nlichen Finanzen nicht durchschaut haben will, sollte eigentlich nicht zu toppen sein. Weit gefehlt. Eine Woche vor Weihnachten wurde bei einer Verkehrskontrolle in Athen ein Mann erwischt, der zwar keinen F&uuml;hrerschein besa&szlig;, aber daf&uuml;r ein falsches Nummernschild an seinen 8-Zylinder-Stadtjeep montiert hatte. Das Fahrzeug war unversichert, der Mann war Michalis Liapis, von 2004 bis 2007 Verkehrsminister in der Regierung Kostas Karamanlis (und danach noch zwei Jahre Kulturminister). Um die teure Versicherung f&uuml;r sein Gef&auml;hrt zu sparen, hatte der Ex-Verkehrsminister die Nummernschild abgegeben und anschlie&szlig;end durch Nummernschilder seines Yacht-Anh&auml;ngers ersetzt. Ein klarer Fall von Betrug.<br>\nDer Betr&uuml;ger wurde wegen&bdquo;unethischen Verhaltens&ldquo; aus den Reihen der Nea Dimokratia versto&szlig;en. Dabei ist Liapis nicht irgendwer. Sein Onkel war der heute noch hoch verehrte konservative &bdquo;Ethnarch&ldquo; (nationale F&uuml;hrer) Konstantinos Karamanlis. Dem hatte der Neffe Michalis als B&uuml;roleiter zun&auml;chst im Amt des Ministerpr&auml;sidenten und sp&auml;ter in der Residenz des Staatspr&auml;sidenten gedient. Das war der Einstieg in eine sichere Karriere. Zum Verkehrsminister wurde er bef&ouml;rdert, als sein Cousin Kostas Karamanlis 2004 Regierungschef wurde &ndash; ein Fall von Vetternwirtschaft im w&ouml;rtlichen Sinne. Liapis lie&szlig; sich noch als Minister bei Reden in der Provinz als &bdquo;der Neffe des Ethnarchen&ldquo; einf&uuml;hren. Am Ende seiner Ministerkarriere geriet er in den Dunstkreis des Siemens-Skandals, weil er zu viele Gratisreisen auf Kosten des Athener Siemens-Repr&auml;sentanten Christoforakos gemacht hatte (der im M&auml;rz 2010 von einem M&uuml;nchener Gericht wegen &bdquo;Beihilfe zur Untreue&ldquo; zu einer l&auml;cherlich geringen Bew&auml;hrungsstrafe verurteilt und in die Freiheit entlassen wurde).<br>\nKein anderer Skandalfall hat den Griechen die selbstzerst&ouml;rerische Mechanik ihres politischen Systems aufgrund fehlender &bdquo;Leistungskriterien&ldquo; so deutlich gemacht wie der des &bdquo;Neffen des Ethnarchen&ldquo;. Der Ex-Verkehrsminister mit den gef&auml;lschten Nummernschildern, schrieb der Journalist Sokratis Tsichlias, &bdquo;hat den h&auml;mischen Verdacht fast aller Griechen best&auml;tigt: Auch er war nicht echt, der Mann war selber gef&auml;lscht.&ldquo; Was der Kathimerini-Kommentator nicht auspricht: Karriere machen kann eine gef&auml;lschte Nummer nur in einem falschen System.<\/li>\n<li><strong>Der Fall Tomboulouglou<\/strong><br>\nAm 24. Dezember wurde in Athen der Pr&auml;sident des staatlichen Kinderkrankenhauses &bdquo;Aglaia Kyriakou&ldquo; verhaftet. Die Polizei nahm Charis Tomboulouglou fest, als er sich eine Geldsumme von 25.000 Euro aush&auml;ndigen lie&szlig;, die er von einer Werbefirma erpresst hatte. Die Firma war mit der Ausf&uuml;hrung eines Werbeauftrags f&uuml;r die Stiftung des Krankenhauses im Verzug, und Tomboulouglou hatte ihr eine vertraglich vorgesehene Konventionalstrafe angedroht. Auf diese wollte er aber gegen eine &bdquo;Pr&auml;mie&ldquo; von 25 000 Euro verzichten &ndash; und den Werbevertrag verl&auml;ngern. Der Ertappte erkl&auml;rte, bei dem Geld handle es sich um eine &bdquo;Spende&ldquo; an das Krankenhaus, die er pers&ouml;nlich in Empfang genommen habe  (in bar und im Briefumschlag und in einer lauschigen Cafeteria).<br>\nInteressant sind in diesem relativ banalen Erpressungsfall zwei Aspekte: Der Werbeauftrag bezog sich auf eine gesundheitspolitische Aufkl&auml;rungskampagne im Wert von 190.000 Euros, finanziert aus dem nationalen Rahmenprogramm (ESPA), das die an Griechenland flie&szlig;enden EU-Gelder verteilt und verwaltet. Offensichtlich war die Kalkulation des Projektauftrags so gro&szlig;z&uuml;gig und die Kontrolle der Ausgaben so lax, dass Tomboulouglou annehmen konnte, die Firma habe Luft f&uuml;r eine Bestechungssumme von 25 000 Euro.<br>\nDer zweite Aspekt ist die exemplarisch enge Verkn&uuml;pfung von beruflicher und parteipolitischer Karriere. Tomboulouglous Aufstieg in der ND-Jugendorganisation begann 1977, ein Jahr sp&auml;ter bekam er seinen ersten Posten in der staatlich kontrollierten National Bank of Greece (Ethniki). In der Partei schaffte er es 1994 in das h&ouml;chste nationale Parteigremium, dann aber kandidierte er vergeblich f&uuml;r das B&uuml;rgermeisteramt in einem Athener Stadtteil und f&uuml;r einen Sitz im Parlament. Es war die typische Karriere eines Parteisoldaten, der es nur zum Major und nicht zum General gebracht hat. Doch das reichte, um mit Posten in staatlichen und halbstaatlichen Institutionen versorgt zu werden. Bei der Bank stieg er zum Bereichsleiter in der PR-Abteilung auf, zehn Jahre lang verdiente er ein zus&auml;tzliches Gehalt als Chef der &bdquo;Versicherungskasse der Angestellten der Versicherungsfirmen&ldquo;. 1993 wurde er erstmals in den Verwaltungsrat des Krankenhauses berufen, in dem er 2012 den Pr&auml;sidentenposten &uuml;bernahm (Details &uuml;ber die Karriere auf der Website Stilida News vom 24. Dezember 2013).<br>\nNach seiner Verhaftung hat Tomboulouglou nicht nur seinen Krankenhaus-Posten verloren, sondern auch seinen weiter praktizierten Hauptjob bei der Ethniki. Und nat&uuml;rlich wurde er aus der ND ausgeschlossen: Noch ein Musterfall &bdquo;unethischen Verhaltens&ldquo;, an dem sich zeigt, dass unethisch nur das ist, was herauskommt. Denn bevor sich Tomboulouglou erwischen lie&szlig;, hatte er als ethisch vorbildlicher Diener des Gemeinwesens posiert. Als er sich vor einem Jahr zum Kandidaten f&uuml;r den B&uuml;rgermeisterposten in einem gro&szlig;en Athener Stadtteil ernannte, rief er seinen ganz pers&ouml;nlichen &bdquo;Krieg gegen die Korruption&ldquo; aus &ndash; bekr&auml;ftigt durch das Versprechen, er werde sein B&uuml;rgermeistergehalt an die Kinderg&auml;rten und andere kommunale Einrichtungen spenden (nach: Website News 247, vom 26. Dezember 2013).<\/li>\n<li><strong>Der Fall K&aacute;ntas<\/strong><br>\nKurz nach Weihnachten hat die Staatsanwaltschaft bei der Vernehmung von einem der wichtigsten Beschuldigten in Sachen Schmiergelder f&uuml;r R&uuml;stungsprogramme einen gro&szlig;en Durchbruch erzielt. Antonis Kantas, stellvertretender Leiter und dann Direkor der Beschaffungsabteilung im Verteidigungsministerium, machte umfassende Angaben &uuml;ber fast alle Bestechnungsf&auml;lle, mit denen er w&auml;hrend seiner Amtszeit zu tun hatte. Seine Schl&uuml;sselposition f&uuml;r R&uuml;stungsk&auml;ufe im griechischen &bdquo;Pentagon&ldquo; (wie das Ministerium im Volksmund genannt wird) bekleidete Kantas von 1996 bis 2002, also nicht nur unter dem bereits verurteilten Akis Tsochatzopoulos (Fall 1), sondern auch unter dessen Nachfolger Giannos Papantoniou, dem Verteidigungsminister der Simitis-Regierung. Seine Aussagen werden deshalb zu Ermittlungen auch gegen den bislang in R&uuml;stungsgesch&auml;ften unbescholtenen Papantoniou f&uuml;hren.<br>\nKantas war schon im September 2013 vor&uuml;bergehend festgenommen worden, als man auf seinem Konto Schmiergelder von Siemens Hellas entdeckt hatte. Die neue Verhaftung erfolgte, als 13, 7 Millionen Dollar auf einer Bank in Singapur aufgesp&uuml;rt wurden, die von Offshore-Konten des R&uuml;stungsb&uuml;rokraten stammten. Das Gest&auml;ndnis von Kantas erstreckt sich auf Bestechungsgelder f&uuml;r mehr als ein Dutzend R&uuml;stungsprogramme (eine Liste, die keineswegs ersch&ouml;pfend sein muss). Auf der Liste der &bdquo;geschmierten&ldquo; Projekte stehen (nach einer Aufstellung in Ta Nea vom 28.\/29. Dezember 2013) vier deutsche R&uuml;stungssysteme (U-Boote, Leopard 2-Panzer, Luftabwehrsystem ASRAD-Stinger, Gesch&uuml;tze PZH-2000), zwei russische (Kornet Antipanzerraketen, OSA-AKM Flugabwehraketen), zwei franz&ouml;sische (Mirage 2000-S, Raketensystem Exorcet) und auch ein schwedisches (Aufkl&auml;rungsradarsystem ARTHUR). F&uuml;r detaillierte Informationen (auf deutsch) &uuml;ber die von Kantas offenbarten F&auml;lle verweise ich auf zwei Quellen: ein Bericht (mit Schwerpunkt deutsche Beteiligung) auf dem <a href=\"http:\/\/www.german-foreign-policy.com\/de\/fulltext\/58765\">blog German Foreign Policy<\/a>, und (zum Teil spekulative) Details auf dem <a href=\"http:\/\/www.griechenland-blog.gr\/2014\/01\/hintergruende-der-ruestungs-schmiergeldaffaere-in-griechenland\/86717\/\">Griechenland-blog vom 6. Januar 2014<\/a>.<br>\nAuch dieser Fall birgt mehrere aufschlussreiche Facetten. Zum ersten belastet er nicht nur die Systempartei Pasok, sondern die angeblich &bdquo;bessere&ldquo; Pasok der Regierungszeit des Reformers Simitis, der unter den Griechen bis heute als korruptionsresistenter Politiker gilt (was er pers&ouml;nlich zweifellos war). Aber auch w&auml;hrend dessen Regierungszeit versank der gesamte R&uuml;stungsbereich in der Korruption, und Versuche, diesen ausgedehnten Sumpf trocken zu legen, sind aus der &Auml;ra Simitis nicht erinnerlich. Deshalb w&auml;re es keine &Uuml;berraschung, wenn die weiteren Ermittlungen sich nicht nur auf den schon erw&auml;hnten Papantoniou (Fall 2) beziehen w&uuml;rden, sondern auch auf dessen nur wenige Monate (bis September 1996) amtierenden Vorg&auml;nger Arsenis (dessen Bruder ganz offen als Lobbyist f&uuml;r russische R&uuml;stungsg&uuml;ter t&auml;tig war).<br>\nZum zweiten lassen die Eink&uuml;nfte von Kantas auf die H&ouml;he der Schmiergelder f&uuml;r andere Beteiligte schlie&szlig;en. Wenn schon f&uuml;r einen Spitzenb&uuml;rokraten ein Erfolgshonorar in zweistelliger Millionenh&ouml;he herausspringt, d&uuml;rften h&ouml;herrangige Figuren (derzeit wird angeblich gegen siebzehn ermittelt) mehr kassiert haben als bislang angenommen, ganz zu schweigen von den professionellen Lobbyisten der internationalen R&uuml;stungsindustrie.<br>\nZum dritten d&uuml;rfte sich zeigen, dass auch hohe Milit&auml;rs an der &bdquo;Schmiergeldparty&ldquo; beteiligt waren, wie sie in der Kathimerini (vom 4. Januar 2014) genannt wird. Nach dem Bericht von Ioanna Mandrou sollen Kantas und ein ebenfalls belasteter R&uuml;stungslobbyisten namens Evstathiou zum ersten Mal &bdquo;Korruption und illegale Zahlungen bis in die h&ouml;chsten R&auml;ngen der milit&auml;rischen Hierarchie&ldquo; aufgedeckt haben. Dabei soll Evstathiou (ein pensionierter Offizier) Beweise f&uuml;r die passive Bestechung von zwei ehemaligen Generalstabschefs (des Heeres und der Marine) geliefert haben. Nach Mandrou w&uuml;rde die Schmiergeldaff&auml;re damit ganz &bdquo;neue Dimensionen&ldquo; annehmen. Diese Dimension l&auml;sst die Begehrlichkeiten der Milit&auml;rs, von denen Kantas dem Ermittlungsrichter berichtet hat, in einem anderen Licht erscheinen. Nach seinen Aussagen hat er 2002 seinem Minister Papantoniou vorgetragen, dass er die Anschaffung des deutschen Leopord-2 f&uuml;r nicht begr&uuml;ndbar und f&uuml;r eine Geldverschwendung h&auml;lt. Darauf habe ihm Papantoniou geantwortet, das werde die Heeresf&uuml;hrung nicht akzeptieren: &bdquo;F&uuml;r die Luftwaffe und die Marine haben wir was angeschafft, da k&ouml;nnen wir dem Heer nicht nein sagen.&ldquo; (zitiert nach Ta Nea 28.\/29 September).\n<p><strong>Deutsche R&uuml;stungsexportoffensive trotz Merkels Sparkurs<\/strong><\/p>\n<p>Ein vierter wichtiger Aspekt ist die internationale Dimension der Schmiergeldaff&auml;re, und nat&uuml;rlich insbesondere die Rolle deutschen Waffenlieferanten. Dass die R&uuml;stungsbranche zu den korruptesten und schmutzigsten Bereichen der Exportwirtschaft geh&ouml;rt, ist sattsam bekannt. Im Fall Griechenland kommt hinzu, dass man mittels Schmiergeldern Waffensysteme an ein Land verkauft hat, von dem alle wussten, dass es auf diesem Sektor &uuml;ber seine finanziellen Verh&auml;ltnisse lebt. Und die Verkaufsoffensive mit kriminellen Methoden ging weiter, als Griechenland schon bankrott war und von der Troika &ndash; auf Betreiben Deutschlands &ndash; auf einen unnachsichtigen Sparkurs gezwungen wurde. An dieser Stelle kann ich dieses Thema nicht vertiefen und verweise deshalb auf den oben erw&auml;hnten Report in &bdquo;German Foreign Policy&ldquo; und auf einen immer noch lesenswerten Bericht von Helena Smith im <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/world\/2012\/apr\/19\/greece-military-spending-debt-crisis\">Guardian vom 19. April 2012<\/a>. Ich weise nur darauf hin, dass der Verkauf von Waffensystemen an das hoch &uuml;berschuldete Griechenland nicht nur ein zynisches Gesch&auml;ftsgebahren der deutschen Konzerne war. Der flankierende Druck der deutschen Politik, ja selbst die Erlaubnis f&uuml;r diese Gesch&auml;fte, war zugleich ein klarer Versto&szlig; gegen die Richtlinien der Bundesregierung f&uuml;r den Export von Kriegswaffen und R&uuml;stungsg&uuml;tern. Da hei&szlig;t es n&auml;mlich, bei der Genehmigung solcher Exporte sei zu ber&uuml;cksichtigen, &bdquo;ob die nachhaltige Entwicklung des Empf&auml;ngerlandes durch unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ige R&uuml;stungsausgaben ernsthaft beeintr&auml;chtigt wird&ldquo;. Wenn es ein EU-Land gibt, in denen eine solche &bdquo;ernsthafte Beeintr&auml;chtigung&ldquo; vorliegt, so ist es Griechenland &ndash; und das nicht erst seit Beginn der Krisenjahre (diesen Hinweis verdanke ich Andreas Zumach, der dar&uuml;ber im Greenpeace-Magazin vom April 2012 geschrieben hat).<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Fall der Postsparkasse<\/strong><br>\nAuf diesen j&uuml;ngsten Fall sei hier nur kurz verwiesen, weil er sich noch im ersten Ermittlungsstadium befindet. Am 8. Januar, kurz nach der feierlichen Er&ouml;ffnung der griechischen EU-Pr&auml;sidentschaft, nahm die Finanzpolizei den prominenten Unternehmer Dimitris Kontominas (Besitzer des Fernsehsenders Alpha und der Versicherungsgesellschaft Interamerican) und zwei ehemalige Vizedirektoren der ehemals staatlichen Postsparkasse (Tachidromiko Tameio oder TT) fest. Ich beschr&auml;nke mich auf die zentralen Verdachtsmomente, wie sie die die S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 9. Januar dargestellt hat: &bdquo;Nach Angaben der Justiz geht es um Kredite aus den Jahren 2007 bis 2009 in H&ouml;he von 300 Millionen Euro, f&uuml;r die es keine ausreichenden Sicherheiten gab. Mit einer Firma von Kontominas, der Demco, hatte die Postbank ein gemeinsames Unternehmen zur Herausgabe einer Kreditkarte, der Postcard, gegr&uuml;ndet, an der beide Partner 50 Prozent hielten. Der Schaden allein aus diesem Engagement soll sich f&uuml;r die Postbank auf 110 Millionen Euro belaufen&hellip; Weitere 100 Millionen Euro musste die Bank aus Krediten an den Unternehmer Lavrentis Lavrentiadis abschreiben. &hellip;Der Mann befindet sich bereits seit Ende 2012 in Untersuchungshaft, er ist schon wegen Betrugs, Unterschlagung und Geldw&auml;sche angeklagt.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p><strong>Was zeigen uns diese F&auml;lle?<\/strong><\/p><p>Die gesellschaftliche Bedeutung all dieser F&auml;lle von Korruption, Machtmissbrauch und illegaler Selbstbereicherung auf Kosten der Allgemeinheit macht ein Kommentar von Tasoula Karaiskaki klar: &bdquo;Wenn wir diese Kasten nicht beseitigen, wenn der Staat nicht auf Rechtsprinzipien beruht, dann werden &bdquo;die kleinen S&uuml;nder&ldquo; &ndash; die eine Gef&auml;lligkeit als ihr Recht ansehen und ihr pers&ouml;nliche Wohl mit dem Allgemeinwohl gleichsetzen &ndash; ihre kleine Betr&uuml;gereien weiterhin als selbstverst&auml;ndliches Merkmal des &ouml;ffentlichen Lebens akzeptieren.&ldquo; (Kathimerini 21. Dezember 2013)<br>\nWas hier beschrieben wird, ist der schon wiederholt benannte Teufelskreis: Wenn die gro&szlig;en S&uuml;nder nicht ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden, kann man von den kleinen S&uuml;ndern keinen Mentalit&auml;tswandel erwarten. Denselben Zusammenhang sieht auch ihr Kollege Elias Maglinis: &bdquo;Das Allerschwerste beim Kampf gegen die Korruption in Griechenland ist, dass sie sich tief in das System hineingefressen hat und zum Teil der herrschenden Mentalit&auml; geworden ist, und zwar von den niedrigsten bis zu den h&ouml;chsten Ebenen von Gesellschaft und Staat.&ldquo; (Kathimerini 10. Januar 2014).<\/p><p>Maglinis gibt damit zugleich eine Antwort auf einen Einwand, der auf der Hand liegt: Korruption gibt es auch woanders, und sie greift immer weiter um sich, auch da, wo man &uuml;ber Europas s&uuml;ndigen S&uuml;den die Nase r&uuml;mpft. Sind es nicht Unternehmen wie Siemens und Rheinmetall, die in Griechenland aktive Bestechung praktizieren, w&auml;hrend die deutsche &Ouml;ffentlichkeit sich &uuml;ber &bdquo;die korrupten Griechen&ldquo; ereifert?  Der Hinweis sollte unsere un-selbstkritische Kritik in der Tat heftig relativieren, aber Maglinis besteht auf einem Unterschied: In anderen L&auml;ndern gibt es &bdquo;funktionierende Institutionen und Gesetze, vor allem aber wird der durchschnittliche B&uuml;rger in Westeuropa oder den USA nicht von dem ewigen Misstrauen gemartert wie wir Griechen.&ldquo;<\/p><p>Diese Beobachtung ist, bei allen Zweifeln am Funktionieren unseres &bdquo;westlichen&ldquo; Rechtsstaats, richtig; und in Griechenland ist dieses Misstrauen gegen den Staat und die soziale Umgebung tats&auml;chlich allgegenw&auml;rtig. Beobachter wie Maglinis, der wie einige kluge Journalisten und Intellektuelle nicht in Griechenland aufgewachsen ist, sehen in den aktuellen Skandalen und Enth&uuml;llungen aber zugleich ein Hoffnungszeichen. Wenn etwa im Fall der Postsparkasse die Misset&auml;ter zur Verantwortung gezogen werden, sieht er die Chance, dass der Staat einen Teil seiner Reputation zur&uuml;ck gewinnen kann: &bdquo;In gewisser Weise k&ouml;nnten wir sogar sagen, dass das Establishment endlich das Establishment auf die Knie zwingt. Sogar in Griechenland.&ldquo;<\/p><p><strong>Illusion eines Neubeginns mit dem alten Personal<\/strong><\/p><p>Das ist eine sympathische, aber doch sehr k&uuml;hne Vision, ich f&uuml;rchte sogar: eine Utopie. Denn sie abstrahiert von dem konkreten Topos des heutigen Griechenland, vor allem aber von seiner immer noch herrschenden politischen Klasse. Dass diese Klasse lernf&auml;hig sein k&ouml;nnte, daran hat die gro&szlig;e Mehrheit der griechischen Bev&ouml;lkerung die allergr&ouml;&szlig;ten Zweifel. Denn wie glaubw&uuml;rdig sind Politiker, die ihnen heute einreden wollen, dass sie &bdquo;das Schlimmste hinter sich und vor allem das Allerschlimmste abgewendet haben&ldquo;? (Zitat Premierminister Antonis Samaras)<\/p><p>Betrachten wir die Bem&uuml;hungen der Regierungspolitiker, die j&uuml;ngsten Skandale &ndash; im Sinne von Maglinis &ndash; als Chance und Auftakt zu einem fundamentalen Wandel zu darzustellen. Zum Beispiel lobt der Vize-Finanzminister Staikouras den gest&auml;ndigen Schmiergelds&uuml;nder Antonis Kantas daf&uuml;r, dass der dem griechischen Staat 9,5 Millionen seiner Bestechungsgelder &bdquo;freiwillig&ldquo; zur&uuml;ck erstattet hat. &bdquo;Derartiges geschieht in Griechenland zum ersten Mal&ldquo;, frohlockt der Verwalter der Steuereinnahmen.<\/p><p>Im schlimmsten Fall &ndash; wie diesem &ndash; machen sich die Politiker l&auml;cherlich, im besten Fall erinnern sie nur an ihre langen S&uuml;ndenregister, wie etwa Gesundheitsminister Georgiades: &bdquo;Die Zeiten sind vorbei, in denen wir unsere Leuten so was durchgehen lassen&ldquo;, erkl&auml;rte der Minister zum Fall des Krankenhausdirektors Tombougouglou. Was den meisten Griechen bei solchen Kommentaren fehlt, ist eine pr&auml;zise und konkrete Benennung der allbekannten Verd&auml;chtigen und die Aufarbeitung ihrer S&uuml;nden, und zwar bevor ein geheimes Konto auffliegt oder ein kleiner S&uuml;nder zu singen beginnt. Selbstkritik ist &uuml;beraus billig, wenn sie im Allgemeinen bleibt. Wie glaubw&uuml;rdig ist etwa die Kriegserkl&auml;rung an den Nepotismus aus dem Munde von Antonis Samaras, von dem alle wissen, dass er als Kulturminister der Karamanlis-Regierung das Personal des Akropolis-Museums mit seinen Landsleuten aus Messenien aufgef&uuml;llt hat (siehe <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14544\">NachDenkSeiten vom 26. September 2012<\/a>)?<\/p><p><strong>Ein Neuanfang mit der Syriza?<\/strong><\/p><p>Sind nicht diejenigen Griechen realistischer &ndash; und sind diejenigen heute eine klare Mehrheit -, die davon ausgehen, dass die Bekenntnis der politischen Klasse zu einem Neuanfang vor allem daher r&uuml;hrt, dass es aus der Staatskasse nichts mehr zu holen gibt? Und die sich deshalb fragen, warum diese Leute unbedingt an der Macht bleiben wollen: Etwa weil sie ihre katastrophalen Fehler bereuen und wieder gut machen wollen (die sie aber nicht l&uuml;ckenlos aufdecken)? Oder weil sie hoffen, dass es wieder aufw&auml;rts geht und sie die n&auml;chste Party nicht verpassen wollen?<br>\nIn solchen Zweifeln liegt der dritte Grund, warum die aktuelle Regierung bei Wahlen keine Chance h&auml;tte und warum sie auf unabsehbare Zeit keine gesellschaftliche Mehrheit mehr organisieren kann. Immer mehr Leute sagen sich: Warum nicht eine neue politische Kraft unterst&uuml;tzen, die vielleicht noch ein paar wirklichkeitsfremde Ideen hat, aber zumindest nicht korrupt ist? Und die wegen der leeren Staatskassen auch nicht so leicht in Versuchung zu bringen ist.<\/p><p>Die wachsende Akeptanz der Syriza als ernsthafte Alternative zur Regierung Samaras\/Venizelos ist ein stabiler Trend, der die Regierung und das Establishment zu Recht beunruhigt. Zumal die Opposition in einem Punkt dazu gelernt und die Realit&auml;t angenommen hat: Mit seinem klaren Bekenntnis zum Euro und mit der Benennung der Gefahren, die Griechenland von einem Grexit drohten, hat der Syriza-Vorsitzende Alexis Tsipras die Chancen auf eine neue Regierung deutlich erh&ouml;ht (Tsipras entsprechender Vortrag in Austin\/Texas ist in der <a href=\"http:\/\/www.monde-diplomatique.de\/pm\/2013\/12\/13.mondeText1.artikel,a0046.idx,10\">Le Monde diplomatique vom Dezember 2012<\/a>, sowie auf den NachdenkSeiten vom 13. Dezember 2013 <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19652#h02\">nachzulesen<\/a>.) Wie die Umfragen zeigen, ist diese klare Aussage bei den W&auml;hlern angekommen: Im November ermittelte Kapa Research, dass 69 Prozent der Befragten das Euro-Bekenntnis von Tsipras begr&uuml;&szlig;en; bei den Syriza-W&auml;hlern betrug die Zustimmung sogar 76 Prozent. Das entspricht fast exakt dem Prozentsatz derer, die heute den Verbleib Griechenlands in der Eurozone w&uuml;nschen.<\/p><p>Dass dieses Bekenntnis zum Euro innerparteilich nach wie vor umstritten ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Vorsprung, den die Syriza in der W&auml;hlerzustimmung errungen hat, ist denn auch keineswegs gesichert, zumal diese Zustimmungrate die 30-Prozent-Grenze noch nicht durchbrochen hat. Der demoskopische Vorprung von heute w&uuml;rde also auf keinen Fall ausreichen, um eine selbst&auml;ndige Regierung zu bilden. Damit stellt sich die schwierige Frage nach den politischen B&uuml;ndnispartnern. Dieses und andere Dilemmata der Syriza werde ich zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt darstellen und zu analysieren versuchen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mehrheit der Regierungsfraktion im Parlament schmilzt, von einer stabilen Regierung kann keine Rede sein. Die regierenden Parteien Nea Dimokratia (ND) und Pasok haben keine Rettungsstrategie mehr. Die neonazistische Partei Chrysi Avgi (ChA) gr&auml;bt dem konservativen Lager das Wasser ab und kann schon bei der Europawahl f&uuml;r eine b&ouml;se &Uuml;berraschung sorgen. Die Linkspartei Syriza ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19953\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,173,127,190],"tags":[1652,1272,717,1224,1230],"class_list":["post-19953","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-griechenland","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-wahlen","tag-abwanderung","tag-chrysi-avgi","tag-nea-dimokratia","tag-syriza","tag-tsipras-alexis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19953","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19953"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19953\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53078,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19953\/revisions\/53078"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19953"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19953"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19953"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}