{"id":19995,"date":"2014-01-21T09:56:50","date_gmt":"2014-01-21T08:56:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19995"},"modified":"2019-07-25T11:26:52","modified_gmt":"2019-07-25T09:26:52","slug":"rezension-dieter-wellershoff-was-die-bilder-erzaehlen-ein-rundgang-durch-mein-imaginaeres-museum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19995","title":{"rendered":"Rezension: Dieter Wellershoff, Was die Bilder erz\u00e4hlen. Ein Rundgang durch mein imagin\u00e4res Museum"},"content":{"rendered":"<p>Nur Eingeweihte wussten es: Dieter Wellershoff hat es sich im hohen Alter nicht nehmen lassen, nach Abschluss seiner neunb&auml;ndigen Werkausgabe, deren letzte drei B&auml;nde 2011 erschienen sind, noch einmal ein gro&szlig;es Buch zu schreiben. Diesmal nicht in den bisher von ihm reichlich bedienten Genres Roman, Erz&auml;hlung, Novelle oder Essay, sondern auf dem Gebiet der Malerei. Er folgt seiner Faszination f&uuml;r die Bildende Kunst, wenn er am Beispiel von &uuml;ber 230 Gem&auml;lden von fast 80 K&uuml;nstlern den Bildern aus einer Zeitspanne von der Renaissance bis zur Gegenwart eine Stimme gibt. Von <strong>Petra Frerichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDabei h&auml;lt sich der Autor kaum an die Regeln der kunstgeschichtlichen Betrachtung; vielmehr folgt er auf unkonventionelle Weise seiner Intuition, wenn er manchmal nur einen Satz sagt, der es aber in sich hat, oder eine ganze Abhandlung &uuml;ber ein Kunstwerk und seinen Sch&ouml;pfer schreibt. In jedem Fall m&ouml;chte er die Wahrnehmung f&uuml;r die Rezeption von Bildern schulen und sch&auml;rfen. Seinen Leserinnen und Lesern empfiehlt er im Vorwort:<\/p><blockquote><p>\n<em>Stellen Sie sich das Buch als ein Museum mit vielen aneinandergrenzenden R&auml;umen voller Bilder vor und schlendern Sie, Ihren Interessen und Ihrer Neugier folgend, hindurch.<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>So ist auch die Rezensentin zun&auml;chst vorgegangen. Doch bald gen&uuml;gte ihr dieses Flanieren und sukzessive Vor-Gehen nicht mehr, und sie begann, das Buch von vorne nach hinten zu lesen. Und siehe da: Erst dieser Gangart verdankt man eine Aufkl&auml;rung des Blicks und unerh&ouml;rt sympathische Lehrstunden &uuml;ber einzelne Bilder sowie die kunstgeschichtliche Entwicklung in einem Zeitraum von mehr als f&uuml;nfhundert Jahren. Angesichts der F&uuml;lle an Bildern, Erl&auml;uterungen und Imaginationen fragt man sich zum Schluss: Wie war das m&ouml;glich?! Staunend und bewundernd sollen hier nun einige Lese- und Seh-Erfahrungen aus diesem gro&szlig;en Kunstbuch mitgeteilt werden.<\/p><p>Da ist zun&auml;chst einmal die Auswahl an Malern und ihren Bildern zu erw&auml;hnen. Diese deutet &ndash; obwohl die kunstgeschichtliche Kontinuit&auml;t gewahrt ist &ndash; auch auf gewisse Vorlieben und Wertsch&auml;tzungen (etwa im Fall Adolph Menzels oder Lucian Freuds) ebenso wie auf kritische Distanzierungen (etwa von der Pop Art oder auch Gerhard Richter). Was die Bilderauswahl angeht, fiel angenehm auf, dass der Autor bei so weltber&uuml;hmten K&uuml;nstlern wie etwa van Gogh oder Beckmann auch auf weniger bekannte Werke zur&uuml;ckgegriffen hat. <\/p><p>Die Interpretationen variieren: von dem besagten &bdquo;einen Satz&ldquo; (etwa bei Magrittes <em>Zimmer des Lauschens<\/em>: &bdquo;Man kann den Apfel wachsen h&ouml;ren, bevor er explodiert&ldquo;, S. 239) &uuml;ber die knappe Skizzierung des Eindrucks bis zur kunstgeschichtlichen und biographischen Kontextualisierung; von der genauen Bildbeschreibung bis zur Erz&auml;hlung einer passenden Geschichte, erfunden aus der spontanen Wirkung des Bildes (etwa bei Leo Putz: <em>Sp&auml;therbst<\/em>). Auch einf&uuml;hlsame Portraits von Malern wie Munch, Rothko oder Lucian Freud oder essayhafte Abhandlungen wie die &uuml;ber G. Richter bilden eine Gruppe unter den Interpretationen. Durch diese Bandbreite der Betrachtungen auf die Werke und ihre Sch&ouml;pfer entsteht bei der Rezeption ein Gef&uuml;hl von Freiheit (so oder aber auch anders kann man &uuml;ber Bilder sprechen) wie zugleich der Gewinn an &auml;sthetischer Wahrnehmungssch&auml;rfe in Bild und Schrift. <\/p><p>Dass hier ein gro&szlig;er Schriftsteller mit all seiner Sprachmacht &bdquo;Blicke ins Nachbarmedium&ldquo; wirft, sorgt f&uuml;r eine &auml;sthetisch-poetische &bdquo;Verdoppelung&ldquo;, die in gew&ouml;hnlichen Kunstkatalogen nicht zu finden ist. Nicht das kunstgeschichtlich ausgebreitete Fachwissen steht hier an, sondern: die Poesie der Sprache trifft auf die der Bilder. Formulierungen wie &bdquo;Seinsmacht&ldquo; (201); &bdquo;Vorbeirasendes Farbgewitter. Verschwindende Totalit&auml;t des Augenblicks&ldquo; (199); &bdquo;monumentale Lakonie&ldquo; oder &bdquo;Selbstt&auml;uschung des Widerstands. Verr&uuml;cktheit als imagin&auml;res Verschwinden&ldquo; (218) sind Beispiele f&uuml;r die Poetisierung dieser Kunstbetrachtungen. <\/p><p>Hin und wieder geschieht die Einbeziehung des Lesers, der vom Interpreten direkt angesprochen wird; beispielsweise mit der Aufforderung, van Goghs Bild &bdquo;Les Apilles&ldquo; erst genau anzuschauen und dann die Augen zu schlie&szlig;en, um das Tosen der riesigen Flutwelle zu vernehmen, die sich sogleich sintflutartig &uuml;ber die Landschaft ergie&szlig;en wird &ndash; wo man doch &uuml;berzeugt davon war, dass es sich um die Darstellung eine Gebirgszugs handelt, der die Landschaft sch&uuml;tzend umschlie&szlig;t, und nicht um eine Art von Tsunami.<\/p><p>Im Gro&szlig;en und Ganzen erfolgt die Darstellung chronologisch. Aber es gibt auch thematisch-motivische Konfrontationen und Gruppenbildungen, mitunter sogar &uuml;ber die Epochen hinweg, wie z.B. beim Motiv des Streits unter M&auml;nnern bei M. Larionow aus dem 20. Jahrhundert und A. Pollaiuolo aus dem 15. Jahrhundert (211). <\/p><p>Schlie&szlig;lich werden Entwicklungslinien aufgezeigt, besonders eindrucksvoll die von der gegenst&auml;ndlichen zur abstrakten Malerei. An zahlreichen Beispielen lernt man, diese Stufen oder Schritte nachzuvollziehen und deren kunstgeschichtliche Bedeutung einzusch&auml;tzen. Hier ist es sehr hilfreich, dass der Schriftsteller Wellershoff zugleich auch der Kunsthistoriker ist, der einem diese Linien erkl&auml;ren kann. <\/p><p>Nicht durchg&auml;ngig, aber tendenziell werden die Interpretationen mit fortschreitender Abstraktheit der Bilder auch k&uuml;rzer, aber nicht weniger substantiell in Aussage und Deutung. Man k&ouml;nnte sagen, der Interpret folgt der Abstraktion auch im Text, indem er einen minimalistischen Stil pflegt. <\/p><p>Bleibt noch zu erw&auml;hnen, dass dem Werk von Gerhard Richter ein &auml;hnlich gro&szlig;er Platz einger&auml;umt wird wie etwa dem von Adolph Menzel. Aber das ist nur in quantitativer Hinsicht richtig beobachtet. Denn mit unbestechlich kritischem Blick l&auml;sst sich der Autor auf die Werkgeschichte Richters ein, w&uuml;rdigt hier die gro&szlig;e Wirkung von Farbe und Fl&auml;che, kommt aber nicht umhin, den Themen- und Motivverlust als eine Entwicklung hin zur postmodernen Beliebigkeit zu deuten und Richters Kunstschaffen in die N&auml;he des Designs zu r&uuml;cken. <\/p><p>Das Buch gl&auml;nzt &uuml;ber seinen schriftstellerischen Gehalt hinaus auch mit der Qualit&auml;t der farbigen Drucke und des gesamten liebevoll angefertigten, sch&ouml;nen Layouts. Hier hat der Verlag, der schlie&szlig;lich nicht auf die Kunstbuchproduktion spezialisiert ist, ganze Arbeit geleistet.    <\/p><p><strong>Dieter Wellershoff, <strong>Was die Bilder erz&auml;hlen<\/strong>. Ein Rundgang durch mein imagin&auml;res Museum<\/strong>, Kiepenheuer &amp; Witsch 2013, 368 S., 39,99 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur Eingeweihte wussten es: Dieter Wellershoff hat es sich im hohen Alter nicht nehmen lassen, nach Abschluss seiner neunb&auml;ndigen Werkausgabe, deren letzte drei B&auml;nde 2011 erschienen sind, noch einmal ein gro&szlig;es Buch zu schreiben. Diesmal nicht in den bisher von ihm reichlich bedienten Genres Roman, Erz&auml;hlung, Novelle oder Essay, sondern auf dem Gebiet der Malerei.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19995\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208],"tags":[],"class_list":["post-19995","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19995"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19995\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53676,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19995\/revisions\/53676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}