{"id":200,"date":"2005-07-04T15:12:36","date_gmt":"2005-07-04T14:12:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=200"},"modified":"2020-02-20T10:54:21","modified_gmt":"2020-02-20T09:54:21","slug":"gegen-die-neoliberale-interpretation-von-lohnerhohungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=200","title":{"rendered":"Gegen die neoliberale Interpretation von Lohnerh\u00f6hungen"},"content":{"rendered":"<p>Manche Leser der Nachdenkseiten werden &uuml;berrascht sein, in welch simpler Art die neoliberalen Herolde &bdquo;&ouml;konomischer Weisheit&ldquo; schlichte Fakten interpretieren, um eine Manipulation der B&uuml;rger zu erreichen. Von Karl Mai.<br>\n<!--more--><br>\nDie Ausgabe von &bdquo;Focus &ndash;Money&ldquo; Nr. 26\/2005 bietet unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Lohn-T&auml;uschung&ldquo; ein treffliches Beispiel hierf&uuml;r. Dessen Autor Markus Voss scheint seine eigene Darstellung f&uuml;r logisch stichhaltig zu halten &ndash; aber er kann nicht verhindern, dass seine folgenden Angaben und Deutungen kritisch hinterfragt werden. <\/p><p>Zun&auml;chst zitiere ich seine dort angef&uuml;hrte Tabelle, die aus dem Institut der deutschen Wirtschaft in K&ouml;ln stammt und daher f&uuml;r viele Leser des &bdquo;Focus &ndash; Money&ldquo; unverd&auml;chtig erscheinen muss. <\/p><blockquote><p>Was von 100 Euro Lohnerh&ouml;hung &uuml;brig bleibt Ein Familienvater, der 100 Euro mehr Lohn erh&auml;lt, erh&ouml;ht die Binnennachfrage gerade mal um 35 Euro. Den Arbeitgeber kostet die Gehaltserh&ouml;hung samt Sozialabgaben dagegen 121 Euro.&rdquo;<\/p>\n<table>\n<tr>\n<th>&nbsp;<\/th>\n<th>Verheiratet, 2 Kinder<\/th>\n<th>Single<\/th>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td><strong>Bruttolohnerh&ouml;hung<\/strong><\/td>\n<td><strong>100,0<\/strong><\/td>\n<td><strong>100,0<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>&ndash; Lohnsteuer, Kirchensteuer, Soli<\/td>\n<td>20,0<\/td>\n<td>32,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Sozialbeitr&auml;ge des Arbeitnehmers<\/td>\n<td>21,0<\/td>\n<td>21,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td><strong>=Nettlohnerh&ouml;hung<\/strong><\/td>\n<td><strong>59,1<\/strong><\/td>\n<td><strong>46,1<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>&ndash; Ersparnis<\/td>\n<td>6,4<\/td>\n<td>5,0<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>&ndash; Konsum von Importwaren<\/td>\n<td>17,4<\/td>\n<td>13,6<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td><strong>= Nachfrage nach inl&auml;ndischen Konsumg&uuml;tern<\/strong><\/td>\n<td><strong>35,2<\/strong><\/td>\n<td><strong>27,5<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<\/table>\n<p class=\"reference\">Quelle: IW K&ouml;ln &ndash; Angaben in Euro<\/p>\n<\/blockquote><p>Der suggestive Tenor dieser Tabelle besteht nun schlicht darin, das man wohl den Unternehmern kaum zumuten k&ouml;nne, 121 Euro f&uuml;r h&ouml;here Arbeitskosten oder 100 Euro f&uuml;r h&ouml;here Bruttol&ouml;hne zu zahlen, damit die Arbeitnehmer schlie&szlig;lich davon entweder 35,2 Euro oder sogar nur 27,5 Euro in der Hand behalten, um damit zus&auml;tzlich inl&auml;ndische Konsumg&uuml;ter nachzufragen. Dieser geringe Nachfrageimpuls steht also in keinem Verh&auml;ltnis zu den generell h&ouml;heren Lohn- und Arbeitskosten, die Unternehmer dann aufbringen m&uuml;ssten. Da sollte man billiger Weise auf Forderungen zur Lohnerh&ouml;hung doch bitte von vornherein verzichten &ndash; besagt die betriebswirtschaftliche Logik. <\/p><p>Dieser Logik zufolge w&auml;re also ein Weg, durch Lohnanhebungen zu einer h&ouml;heren Binnennachfrage zu gelangen, f&uuml;r die Unternehmen unzumutbar belastend. Dagegen ist in volkswirtschaftlicher Sichtweise eine produktivit&auml;tsgerechte Lohnerh&ouml;hung die gerechte Aufteilung des angestiegenen Neuwerts aus produktiver Arbeit zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die &uuml;berhaupt nicht zur Ver&auml;nderung der Verteilungsrelationen zwischen Arbeit und Kapital f&uuml;hrt. Lohnerh&ouml;hungen dieser Art und H&ouml;he sind daher nur insofern &bdquo;belastend&ldquo; f&uuml;r das Kapital, als sie verhindern, dass der gesamte Produktivit&auml;tszuwachs durch das Kapital allein angeeignet wird. Genau darauf laufen jedoch die Intentionen der Neoliberalen hinaus: k&uuml;nftig sollte der Produktivit&auml;tszuwachs allein dem Kapital geh&ouml;ren, w&auml;hrend die Arbeitnehmer sich ihre eigene Weiterbesch&auml;ftigung durch eine 20 %ige Stundenlohnsenkung erkaufen sollten.<br>\nK&ouml;nnte dann aber &uuml;berhaupt die Binnennachfrage expansiv beeinflusst werden? Der neoliberale Ratschlag hierf&uuml;r lautet: Arbeitszeit je Woche ohne Lohnausgleich auf 42 Stunden erh&ouml;hen und so bis zu 20 % der Lohnkosten je Stunde absenken. Sinkende Stundenl&ouml;hne als Impuls zur Erweiterung der Besch&auml;ftigung im Niedriglohnbereich und letztlich zur Expansion des Binnenmarktes &ndash; dies ist die Logik von Prof. Sinn (ifo-M&uuml;nchen), die hier im &bdquo;Focus &ndash;Money&ldquo; unkritisch dargeboten wird. <\/p><p>Doch nun zur&uuml;ck zu obigen Tabelle, die noch detaillierter zu kommentieren ist. <\/p><p>Erstens, die 121 Euro h&ouml;here Arbeitskosten oder 100 Euro h&ouml;here Bruttol&ouml;hne sind kein Geschenk der Unternehmer an die Arbeitnehmer, sofern und weil sie durch laufende Produktivit&auml;tserh&ouml;hung bereits im Neuwert der Produktion (Nettoprodukt) enthalten sind. Ihre Verteilung an die Arbeitnehmer verschlechtert nicht die prim&auml;re Verteilungsposition des Kapitals. Daraus folgt, dass sich auch die Lohnst&uuml;ckkosten hierdurch nicht effektiv erh&ouml;hen (weil ja die Produktivit&auml;t gestiegen ist) und die Wettbewerbsposition der Unternehmen sich nicht verschlechtert. <\/p><p>Zweitens, die lohnsteuerlichen Abz&uuml;ge und alle Sozialbeitr&auml;ge gelangen zwar nicht in die Taschen der Arbeitnehmer, aber sie verschwinden damit &uuml;berhaupt nicht aus der Binnennachfrage nach den Konsumg&uuml;tern. In Form von konsumtiven Ausgaben der &ouml;ffentlichen Kassen einschlie&szlig;lich der Sozialtransfers werden sie vielmehr ganz unmittelbar auf dem Binnenmarkt als reale Massenkaufkraft nachfragewirksam. Es ist ein Trick der Neoliberalen, die Taschen der einzelnen Arbeitnehmer mit den Taschen aller B&uuml;rger gleichzusetzen &ndash; die enormen konsumtiven Staats- und Sozialausgaben werden damit ausgeblendet. <\/p><p>Drittens, die &bdquo;Ersparnis&ldquo; wird zwar vom Ersparnishalter zun&auml;chst aus der Konsumtion herausgehalten, ist aber damit l&auml;ngst nicht als Nachfragefaktor vom Binnenmarkt verschwunden: Ersparnisse gelangen &uuml;ber das Bankensystem in den monet&auml;ren Kreislauf in Form von Kreditaktiva und bilden somit eine Finanzierungsquelle f&uuml;r Private und kreditw&uuml;rdige Unternehmen auf dem Immobilien- und G&uuml;termarkt. <\/p><p>Viertens, der &bdquo;Konsum von Importwaren&ldquo; wird hier als Art Minderung von zus&auml;tzlicher kaufkr&auml;ftiger Nachfrage auf dem Binnenmarkt suggeriert &ndash; weil der Erl&ouml;s an die Erzeuger im Ausland abflie&szlig;t und nicht direkt in die Hand deutscher Unternehmen gelangt. Dies ist aber ein typisch eindimensionaler Blickwinkel auf einen internationalen Kreislaufprozess der G&uuml;terwirtschaft! Hier wird einfach &uuml;bersehen, dass aus den Erl&ouml;sen f&uuml;r Importe die Chancen f&uuml;r zus&auml;tzliche deutsche Exporte entstehen, die so ausgleichend bezahlt werden k&ouml;nnen &ndash; Exporte, die ihrerseits die deutsche Wachstumsrate erh&ouml;hen und au&szlig;erdem die erzielbaren Lohnsteigerungen im deutschen Exportsektor realisieren. Auch der Konsum von Importwaren bildet so ein wichtiges Glied aller Kaufkraftrealisationen auf dem Binnenmarkt, an denen direkt auch der gesamte Komplex des Importhandels und dessen Logistik profitieren. <\/p><p>Folgt man der volkswirtschaftlichen Kreislauftheorie, kann von einem kaufkraftseitigen &bdquo;Verlust&ldquo; aus Lohnerh&ouml;hungen f&uuml;r die Binnenwirtschaft urs&auml;chlich und quantitativ gar keine Rede sein &ndash; alle Bruttolohnbestandteile sind letztlich im wirtschaftlichen Prozess des &bdquo;Endverbrauches&ldquo; immer voll beteiligt und damit marktseitig &ndash; gleichg&uuml;ltig &uuml;ber welche Zwischenglieder &ndash; realisiert. <\/p><p><strong>Die h&ouml;heren L&ouml;hne realisieren immer auch die h&ouml;heren Profite der Unternehmen im Kreislaufprozess des Kapitals &ndash; eine Einsicht, die eigentlich zu den makro&ouml;konomischen Elementarkenntnissen geh&ouml;rt. Wird dies neoliberal verhindert, entstehen permanente Friktionen des Binnenmarktes bei sprudelnden Export&uuml;bersch&uuml;ssen auf den Au&szlig;enm&auml;rkten sowie sinkende Reall&ouml;hne f&uuml;r die Arbeitnehmer.<br>\n<\/strong><\/p><p>Daher ist es jammervoll bei Markus Voss zu lesen, welche namhaften Wirtschaftsexperten aufgeboten werden, um jede angemessene und gerechte Lohnerh&ouml;hung im Zuge der Produktivit&auml;ts- und Profitsteigerung selbst dann noch zu verunglimpfen, wenn selbst aus der Bundesregierung heraus neuerdings davon abgeraten wird, weiteren Lohnverzicht in den Branchen mit hohen Gewinnen zu predigen. <\/p><p>Einsichtige Pragmatiker haben trotz ihrer neoliberalen Brille nunmehr durchschaut, welche negative Wirkung der jahrelange Lohnverzicht schlie&szlig;lich auf das Wirtschaftswachstum erzielte und damit genau das Gegenteil davon bewirkte, was die neoliberalen Propheten immer wieder verhei&szlig;en hatten &ndash; das Paradies des immerw&auml;hrenden Konjunkturaufschwungs f&uuml;r das Kapital. Der l&auml;sst sich auf einer permanenten Drosselung der realen L&ouml;hne einfach nicht mehr auf dem Binnenmarkt erreichen. <\/p><p><strong>Insofern ist die neoliberale Missdeutung f&uuml;r die obige Tabelle nicht nur volkswirtschaftlich v&ouml;llig abwegig, sondern mit gro&szlig;er Gewissheit einfach kontraproduktiv f&uuml;r die deutsche Wirtschaft.<\/strong>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manche Leser der Nachdenkseiten werden &uuml;berrascht sein, in welch simpler Art die neoliberalen Herolde &bdquo;&ouml;konomischer Weisheit&ldquo; schlichte Fakten interpretieren, um eine Manipulation der B&uuml;rger zu erreichen. 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