{"id":20002,"date":"2014-01-22T10:28:43","date_gmt":"2014-01-22T09:28:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002"},"modified":"2019-07-31T12:35:12","modified_gmt":"2019-07-31T10:35:12","slug":"eine-million-jobverluste-in-deutschland-zur-diskussion-ueber-die-beschaeftigungseffekte-von-mindestloehnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002","title":{"rendered":"Eine Million Jobverluste in Deutschland? Zur Diskussion \u00fcber die Besch\u00e4ftigungseffekte von Mindestl\u00f6hnen"},"content":{"rendered":"<p>Die Entscheidung von Union und SPD, einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro brutto je Stunde einzuf&uuml;hren, rief die erwarteten Reaktionen hervor.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Bereits im Vorfeld hatte &bdquo;Star-&Ouml;konom&ldquo; (&bdquo;Focus&ldquo;) Hans-Werner Sinn, Pr&auml;sident des Ifo-Instituts, vor den verheerenden Folgen gewarnt: &bdquo;Ein fl&auml;chendeckender gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro w&uuml;rde nach unseren Sch&auml;tzungen gut eine Million Arbeitspl&auml;tze vernichten&ldquo; (zit. nach <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/bundestagswahl-2013\/top-oekonom-fordert-bildungsinitiative-ifo-chef-sinn-warnt-vor-mindestlohn-vernichtet-eine-million-arbeitsplaetze_aid_1160394.html\">Focus-Online &ndash; Ifo-Chef Sinn warnt vor Mindestlohn: &bdquo;Vernichtet eine Million Arbeitspl&auml;tze&ldquo;<\/a>). Unterst&uuml;tzung erhielt er von einem zweiten &bdquo;Star-&Ouml;konomen&ldquo; (&bdquo;Focus-Money&ldquo;), n&auml;mlich Thomas Straubhaar, dem Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Dieser beklagte nicht nur &bdquo;die Besch&auml;ftigung zerst&ouml;renden Wirkungen von Mindestl&ouml;hnen&ldquo;, sondern auch die fehlende Einsicht in die negativen Folgen auf Seiten der Politiker und ihrer W&auml;hler:  &bdquo;[&hellip;] offensichtlich sind weder die politischen Entscheidungstr&auml;ger noch deren W&auml;hler(innen) willens, sich die klugen &ouml;konomischen Argumente zu Eigen zu machen&ldquo; (Straubhaar 2013).[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Ein Gastartikel von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuch die auf den 1. Januar 2015 verschobene Einf&uuml;hrung des Mindestlohns und die Ausnahmeregelungen bis 2017 (alle Tarifvertr&auml;ge mit Stundenentgelten unter 8,50 Euro gelten bis zum 31. Dezember 2016 weiter; ebenso sind Branchenmindestl&ouml;hne von unter 8,50 Euro bis Ende 2016 wirksam) haben die Gem&uuml;ter nicht beruhigt. So schimpft etwa die <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article122374110\/Beim-Mindestlohn-geht-es-um-Schadensbegrenzung.html\">Tageszeitung &bdquo;Die Welt&ldquo;<\/a>: &bdquo;Die November-Zahlen zeigen: Der Arbeitsmarkt befindet sich in einer gl&auml;nzenden Verfassung. Doch nun kommt der Mindestlohn &ndash; und kaum ein Experte hat Zweifel, dass er das Job-Wunder in Gefahr bringt&ldquo;.<\/p><p>Einmal ganz abgesehen von der sch&ouml;nf&auml;rberischen Beschreibung des deutschen Arbeitsmarktes: Die Behauptung der &bdquo;Welt&ldquo;, dass sich praktisch alle Experten &uuml;ber die Risiken eines Mindestlohns f&uuml;r die Besch&auml;ftigung einig seien, zeigt nur, dass die Zeitung offenkundig die relevante Literatur zum Thema nicht kennt. In Abschnitt 1 wird kurz der empirische Forschungsstand zu den Besch&auml;ftigungswirkungen von Mindestl&ouml;hnen vorgestellt, der die These der &bdquo;Welt&ldquo; klar widerlegt. Der Schwerpunkt des vorliegenden Beitrags soll aber auf den theoretischen Grundlagen der Mindestlohn-Kritik liegen. Dazu wird in Abschnitt 2 zun&auml;chst die neoklassische Position zum Mindestlohn dargelegt und im folgenden Punkt 3 einer kritischen Betrachtung unterzogen. Abschnitt 4 versucht anschlie&szlig;end zu kl&auml;ren, welche Besch&auml;ftigungseffekte tats&auml;chlich von Mindestl&ouml;hnen ausgehen. Abschnitt 5 beendet mit einem Res&uuml;mee und einem Ausblick die Analyse.<\/p><ol>\n<li><strong>Empirische Untersuchungen zum Mindestlohn<\/strong>\n<p>In seinem neuesten Jahresgutachten 2013\/2014 stellt der Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zu den Besch&auml;ftigungswirkungen von Mindestl&ouml;hnen fest: &bdquo;Insgesamt weist die Mehrheit der international durchgef&uuml;hrten Studien dennoch auf <strong>negative Besch&auml;ftigungseffekte<\/strong> (Hervorhebung im Original, G.G.) von Mindestl&ouml;hnen hin, insbesondere die meisten jener Studien, die methodisch als verl&auml;sslicher angesehen werden k&ouml;nnen (Neumark und Wascher, 2006)&ldquo; (JG 2013, S. 270).<\/p>\n<p>Dieser Auffassung wird von Peter Bofinger, einem Mitglied des Rates, in einem Minderheitsvotum zu Recht vehement widersprochen (S. 289ff). Interessant ist aber auch die Tatsache, dass die Mehrheit des Rates als Beleg f&uuml;r ihre These einen Forschungs&uuml;berblick von Neumark\/Wascher (2006, 2007) anf&uuml;hrt, der mehrere wichtige Studien, die erst nach 2007 erschienen, nicht ber&uuml;cksichtigt (darunter Dube et al. 2010 und Allegretto et al. 2011). Zudem m&uuml;ssen berechtigte Zweifel an der Objektivit&auml;t der beiden Autoren Neumark und Wascher angemeldet werden, etwa wenn sie von den 52 einbezogenen Untersuchungen auf Basis von US-Daten 19 als &bdquo;besonders glaubw&uuml;rdig&ldquo; einstufen, von denen f&uuml;nf ihre eigenen Studien sind (Schmitt 2013, S. 6).<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich herrschte zwar bis Anfang der 1990er Jahre auch in den USA unter Volkswirten weitgehender Konsens, dass eine Einf&uuml;hrung oder Erh&ouml;hung von Mindestl&ouml;hnen zu erheblichen Jobverlusten im Niedriglohnsektor f&uuml;hren w&uuml;rde. Nachdem aber eine ganze Reihe empirischer Untersuchungen zu den Auswirkungen gesetzlicher Mindestlohnerh&ouml;hungen &ndash; sogar von neoklassisch orientierten Autoren &ndash; keine negativen Besch&auml;ftigungseffekte feststellen konnte, begann unter US-&Ouml;konomen ein Umdenken. Eine zunehmende Zahl an US-amerikanischen Volkswirten bezweifelt mittlerweile, dass ein erh&ouml;hter Mindestlohn Jobs im Niedriglohnsektor kostet, so dass die Mehrheitsverh&auml;ltnisse sogar unter US-&Ouml;konomen bei weitem nicht mehr so klar sind wie noch vor zwanzig Jahren (Dullien et al. 2009, S. 206).<\/p>\n<p>Der allm&auml;hliche Sinneswandel wurde eingeleitet durch eine einflussreiche Studie  der Princeton-&Ouml;konomen David Card und Alan B. Krueger (1994). Sie verglichen die Besch&auml;ftigungsentwicklung in Fast-Food-Restaurants im US-Bundesstaat New Jersey, in dem im Jahr 1992 der gesetzliche Mindestlohn erh&ouml;ht wurde, mit der im Nachbarstaat Pennsylvania, in dem es keine solche Mindestlohnanhebung gab, und fanden &bdquo;keinen Hinweis, dass der Anstieg des Mindestlohns die Besch&auml;ftigung verringerte&ldquo; (Card\/Krueger 1994, S. 772; &Uuml;bersetzung G.G.). Die Card\/Krueger-Studie l&ouml;ste intensive theoretische und empirische Debatten &uuml;ber die Auswirkungen von Mindestl&ouml;hnen aus, die hier nat&uuml;rlich nicht nachgezeichnet werden k&ouml;nnen. Interessant ist aber, dass es inzwischen &ndash; nicht nur in den USA &ndash; neben einer Reihe von Untersuchungen, die weiterhin die neoklassische Position st&uuml;tzen, dass eine Erh&ouml;hung des Mindestlohns zu negativen Besch&auml;ftigungseffekten f&uuml;hrt (darunter Currie\/Fallich 1996; Chapple 1997; Burkhauser et al. 2000; Machin\/Wilson 2004), eine Vielzahl empirischer Studien mit ganz anderen Ergebnissen gibt: Sie zeigen, dass von Mindestl&ouml;hnen bzw. Mindestlohnerh&ouml;hungen keine signifikanten negativen Besch&auml;ftigungseffekte ausgehen; einige Untersuchungen weisen sogar positive Auswirkungen auf die Besch&auml;ftigung nach (z. B. Benhayoun 1994; Card\/Krueger 1995, 1998 und 2000; Dolado et al. 1996 und 2000; Lang\/Kahn 1998; Stewart 2004; Dickens\/Draca 2005; Draca et al. 2006; OECD 2006; Dube et al. 2010; Allegretto et al. 2011 und 2013; Hirsch et al. 2011; Addison et al. 2012; Bosch\/Weinkopf 2012; Manning 2012; Department for Business, Innovation and Skills 2013).<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich konnten die Vertreter der Neoklassik diese Ergebnisse nicht einfach ignorieren. So wurde von einigen ein Spezialfall wiederbelebt, den Stigler (1946) vor langer Zeit analysiert hatte, n&auml;mlich das sog. &bdquo;Monopson&ldquo;, ein Nachfragemonopol, mit dem man einen Weg gefunden zu haben glaubte, im Rahmen eines neoklassischen Modells eine steigende Besch&auml;ftigung nach einer gesetzlichen Mindestlohnanhebung zu begr&uuml;nden (Dullien et al. 2009, S. 206).[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Sehr &uuml;berzeugend ist das nicht, da das Monopson-Ph&auml;nomen kaum gen&uuml;gend Relevanz besitzen d&uuml;rfte, um daraus allgemeine makro&ouml;konomische Schlussfolgerungen ziehen und das empirische Versagen des neoklassischen Standardmodells erkl&auml;ren zu k&ouml;nnen. Der R&uuml;ckzug auf den Monopsoneffekt zeigt aber, wie sehr die Vertreter des neoklassischen Ansatzes durch die neueren empirischen Ergebnisse zum Mindestlohn in die Defensive geraten sind.<\/p><\/li>\n<li><strong>Mindestl&ouml;hne in der neoklassischen Theorie<\/strong>\n<p>In der neoklassischen Theorie haben Mindestl&ouml;hne eindeutig negative Besch&auml;ftigungseffekte: Unter der stark vereinfachenden Annahme homogener Arbeit (mit nur einem Lohnsatz f&uuml;r die gesamte Volkswirtschaft) f&uuml;hren Mindestl&ouml;hne oberhalb des marktr&auml;umenden Lohns zu Arbeitslosigkeit; unter der realistischeren Annahme heterogener Arbeit (und damit unterschiedlicher Lohns&auml;tze) bewirkt ein einheitlicher Mindestlohn in der Volkswirtschaft, der &uuml;ber dem marktr&auml;umenden Lohn f&uuml;r gering qualifizierte Arbeitskr&auml;fte liegt, Arbeitslosigkeit in dieser Qualifikationsgruppe, d.h. im Niedriglohnsektor.<\/p>\n<p>Das neoklassische Modell basiert auf mehreren Voraussetzungen: <em>Erstens<\/em> wird unterstellt, dass die Arbeitskr&auml;fte vollst&auml;ndig &uuml;ber die L&ouml;hne in allen Unternehmen informiert und vollst&auml;ndig mobil sind, so dass sie frei entscheiden k&ouml;nnen, wo sie ihre Arbeit anbieten (es existieren mithin keine Transaktionskosten). <em>Zweitens<\/em> funktioniert der Arbeitsmarkt in diesem Modell genau wie jeder andere Markt, also etwa der f&uuml;r &Auml;pfel oder Kartoffeln. <em>Drittens<\/em> f&uuml;hrt eine Nominallohn- zu einer Reallohn&auml;nderung und viertens besteht eine perfekte Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital (Herr et al. 2009, S. 15). <\/p>\n<p>Neoklassische &Ouml;konomen gehen davon aus, dass das &bdquo;Grenzprodukt&ldquo; eines Produktionsfaktors exakt messbar ist und mit seiner eingesetzten Menge sinkt. Folglich setzt ein Unternehmen immer so viel von einem Produktionsfaktor ein, bis jede weitere eingesetzte Einheit weniger erwirtschaftet, als sie an Kosten verursacht. Nehmen wir an, zehn Arbeiter arbeiten den ganzen Tag in einem Unternehmen und produzieren eine bestimmte Anzahl an Produkten. Jeder zus&auml;tzlich eingestellte Arbeiter steigert zwar die Produktion weiter, aber sein Grenzprodukt nimmt ab (d.h. der elfte Arbeiter erh&ouml;ht die Gesamtproduktion um weniger als der zehnte, der zw&ouml;lfte um weniger als der elfte usw.). Das Grenzprodukt der Arbeiter sinkt deshalb, weil von einem gegebenen Kapitalstock, d.h. hier von einem fixen Bestand an Maschinen, ausgegangen wird, bei dem jenseits des Auslastungsoptimums der Kapazit&auml;ten der zus&auml;tzliche Ertrag des Arbeitseinsatzes abnimmt. Ist das Unternehmen mit f&uuml;nf Maschinen ausgestattet und erreicht es sein technisches Leistungsoptimum bei zwei Arbeitern pro Maschine, dann l&auml;sst sich durch den Einsatz von mehr als zehn Arbeitern die Produktion nicht mehr entsprechend steigern: Jeder zus&auml;tzlich besch&auml;ftigte Arbeitnehmer erh&ouml;ht zwar den Gesamtertrag, aber mit abnehmenden Zuw&auml;chsen, bis sich am Schluss die Arbeiter so sehr gegenseitig &bdquo;auf die F&uuml;&szlig;e treten&ldquo;, dass das Grenzprodukt der Arbeit gegen Null geht.<\/p>\n<p>Das Unternehmen muss, wenn es seinen Gewinn maximieren will, solange Arbeitskr&auml;fte einstellen, bis das Grenzprodukt des zuletzt eingestellten Arbeiters gerade den von ihm verursachten Kosten (d. h. seinem Lohn) entspricht. Um in unserem Beispiel zu bleiben: &Uuml;ber die zehn Arbeiter hinaus wird noch ein elfter Arbeiter eingestellt, wenn der Lohn f&uuml;r jeden Arbeiter h&ouml;chstens so hoch ist wie die Grenzproduktivit&auml;t des letzten Arbeiters. Denn vorausgesetzt wird, dass gleiche Arbeit gleich entlohnt wird. Lag das gewinnmaximierende Besch&auml;ftigungsoptimum des Unternehmens bisher bei zehn Arbeitern, wird ein elfter nur dann eingestellt, wenn er zu einem geringeren Lohn als dem bisher gezahlten arbeitet und dar&uuml;ber hinaus auch die anderen zehn Arbeiter einen Lohnverzicht leisten, der der geringeren Grenzproduktivit&auml;t des elften gegen&uuml;ber dem zehnten Arbeiter entspricht.<\/p>\n<p>&Auml;hnlich verf&auml;hrt die neoklassische Theorie bei der Bestimmung des gewinnmaximalen Kapitaleinsatzes. Auch hier gilt, dass das Grenzprodukt des Kapitals mit wachsendem Kapitaleinsatz abnimmt. Bei der Entscheidung, wie viel Kapital sie in der Produktion einsetzen wollen, vergleichen die Unternehmen den Wert des Grenzprodukts des Kapitals mit den (Leih- oder Verwendungs-) Kosten des Kapitals. Ein vereinfachtes Beispiel: Unter der Annahme einer gegebenen Anzahl an Arbeitskr&auml;ften fragt sich ein Unternehmen, wie viele neue Maschinen es anschaffen soll. Jede weitere Maschine tr&auml;gt weniger als die zuvor eingesetzte zur Produktion bei. Der Grund daf&uuml;r ist die konstante Anzahl von Arbeitern, mit der zus&auml;tzliche Maschinen nicht mit maximaler Wirtschaftlichkeit eingesetzt werden k&ouml;nnen: Selbst wenn das Unternehmen das Arbeitstempo erh&ouml;hte, k&ouml;nnten nicht 10 Arbeiter 100 Maschinen bedienen. Jede weitere Maschine tr&auml;gt &ndash; wegen der begrenzten Zahl an Arbeitern und der begrenzten Fl&auml;che &ndash; weniger zur Produktion bei als die vorhergehende. Daher sollte ein Unternehmen solange weitere Maschinen installieren, bis das Grenzprodukt einer Maschine genau ihren Kosten entspricht.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]<\/p>\n<p>Wichtig ist nun, dass die Unternehmen nach der neoklassischen Denkweise in der Produktion Arbeit durch Kapital oder umgekehrt Kapital durch Arbeit substituieren k&ouml;nnen. Bei der Herstellung eines gegebenen Outputniveaus lassen sich &ndash; so die Idee &ndash; eine Vielzahl von Kombinationen von Kapital und Arbeit anwenden, d.h. die Unternehmen sind hier nicht auf eine bestimmte Anzahl von Arbeitskr&auml;ften angewiesen. Ist Arbeit relativ billig, werden die Unternehmen relativ viel Arbeit verwenden; ist das Kapital relativ kosteng&uuml;nstig, werden sie relativ viel Kapital einsetzen. Je mehr deshalb die Arbeitnehmer real als Entlohnung ihrer Arbeit durchsetzen k&ouml;nnen oder je mehr etwa die Reall&ouml;hne in einem Niedriglohnbereich nach Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns angehoben werden, desto gr&ouml;&szlig;er ist f&uuml;r die Unternehmen der Anreiz, Arbeiter zu entlassen und kapitalintensiver zu produzieren. Mindestl&ouml;hne (genauer: Mindestreall&ouml;hne) sind in neoklassischer Sicht also entweder wirkungslos oder gef&auml;hrlich. Wirkungslos seien sie, wenn sie unter dem Gleichgewichtslohnsatz l&auml;gen, weil dann der Marktlohn h&ouml;her sei; gef&auml;hrlich seien sie, wenn sie &uuml;ber dem Marktlohn l&auml;gen, weil sie in diesem Fall Arbeitslosigkeit erzeugten. Mindestl&ouml;hne einzuf&uuml;hren, um die L&ouml;hne gering qualifizierter Arbeitskr&auml;fte anzuheben, sei genau der falsche Weg. Denn die Geringqualifizierten sind ja in neoklassischer Lesart gerade deshalb &uuml;berdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen, weil ihr Lohn im Vergleich zu ihrer Grenzproduktivit&auml;t zu hoch sei, ihr Grenzbeitrag also unter ihrem Lohn liege. Wenn man also die Besch&auml;ftigungschancen gering qualifizierter Arbeitskr&auml;fte verbessern wolle, m&uuml;sse deren Lohn gesenkt werden, nicht aber via Mindestlohn noch erh&ouml;ht.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zur Kritik des neoklassischen Modells<\/strong>\n<p>Die neoklassische Makro&ouml;konomie ist derart mit Problemen &uuml;berfrachtet, dass die nachfolgende Kritik nicht umfassend sein kann, sondern sich aus Platzgr&uuml;nden auf einige wichtige Punkte beschr&auml;nken muss.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p>\n<p>Allein die Grundidee mit der Grenzproduktivit&auml;t ist au&szlig;erordentlich problematisch, obwohl die Grenzproduktivit&auml;tstheorie, mit der die funktionelle Einkommensverteilung erkl&auml;rt werden soll, von vielen neoklassisch orientierten Autoren schon fast wie ein unumst&ouml;&szlig;liches Naturgesetz behandelt wird.[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p>\n<p>Dabei k&ouml;nnte dieses Konzept nur dann G&uuml;ltigkeit beanspruchen, wenn es m&ouml;glich w&auml;re, die Produktivit&auml;t einer <em>einzelnen<\/em> T&auml;tigkeit zu messen, also eindeutig und genau zu identifizieren, wie viel der einzelne Arbeiter bei einem Produktionsprozess beitr&auml;gt. Dies ist aber in der Realit&auml;t in den meisten F&auml;llen unm&ouml;glich, da die &bdquo;Leistung&ldquo; eines einzelnen Arbeitnehmers nur in Kooperation mit anderen Arbeitnehmern zu einem messbaren Ergebnis, einem Endprodukt f&uuml;hrt. Moderne Produktionsst&auml;tten sind ja gerade durch ein sehr komplexes Zusammenwirken von Mitarbeitern mit h&ouml;chst unterschiedlicher Qualifikation und Motivation gekennzeichnet, das eine individuelle Zurechnung der Gesamtleistung auf die einzelnen Besch&auml;ftigten gar nicht zul&auml;sst (Flassbeck 2006, S. 113). Flassbeck et al. verdeutlichen das Mess- und Zuordnungsproblem der Grenzproduktivit&auml;tstheorie an einem treffenden Beispiel:<\/p>\n<p>&bdquo;Wie hoch ist die Produktivit&auml;t eines Autoreifens in Hinblick auf die Fahrleistung eines Pkw? Und wie hoch ist sie im Vergleich zur Produktivit&auml;t des Lenkrads oder der Bremse des Fahrzeugs? Diese Fragen klingen nicht nur unsinnig, sie sind es auch, weil klar ist, dass ein Auto ohne Reifen ebenso wenig f&auml;hrt wie eines ohne Lenkrad oder Bremse. Daher kann nur das Gesamtprodukt &sbquo;Fahrleistung des Autos&lsquo; bestimmt und zum Beispiel mit der Fahrleistung eines anderen Automodells verglichen, nicht aber einzelnen Teilen zugeordnet werden. Genauso unsinnig ist es zu fragen, wie viel die geputzten B&ouml;den im B&uuml;roturm der Bank x zum Abschluss des Kreditvertrags zwischen dieser Bank und dem mittelst&auml;ndischen Unternehmer y beigetragen haben.&ldquo; (Flassbeck et al. 2012, S. 63)<\/p>\n<p>Doch damit nicht genug: Die Grenzproduktivit&auml;tstheorie ist auch in sich nicht stimmig. W&auml;re sie es, so m&uuml;sste die Summe der Grenzprodukte aller individuellen Einsatzfaktoren dem gesamten Grenzprodukt entsprechen. Nehmen wir in einem einfachen Beispiel an, drei Personen betrieben ein Unternehmen und produzierten in Zusammenarbeit ein Produkt. Jede von ihnen hat eine Schl&uuml;sselfunktion inne, d.h. ohne ihren individuellen Beitrag k&ouml;nnte das Produkt nicht hergestellt werden. Ohne Kooperation w&uuml;rden demnach keine Erl&ouml;se anfallen; jeder der drei Mitarbeiter ist also auf die Zusammenarbeit mit seinen beiden Kollegen angewiesen. Nach der Grenzproduktivit&auml;tstheorie kann jetzt zwar der &bdquo;Grenzbeitrag&ldquo; jedes Einsatzfaktors (also jedes einzelnen der drei Mitarbeiter) zum Unternehmensertrag ermittelt werden, indem der Gesamtertrag der Kooperation verglichen wird mit dem Ertrag, den das Unternehmen erzielt h&auml;tte, wenn der betreffende Faktor nicht an der Produktion mitgewirkt h&auml;tte (und dieser Ertrag w&auml;re dann ja gleich Null gewesen, weil ohne Kooperation gar keine Erl&ouml;se zustande gekommen w&auml;ren). Folglich kann jeder der drei Mitarbeiter mit Fug und Recht den gesamten Unternehmensertrag f&uuml;r sich beanspruchen, womit die Summe der drei auf diese Weise ermittelten Grenzbeitr&auml;ge dem dreifachen realen Unternehmensertrag entspr&auml;che, der aber &uuml;berhaupt nicht zur Verteilung zur Verf&uuml;gung steht.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<\/p>\n<p>Ein weiteres Argument gegen die Grenzproduktivit&auml;tstheorie lautet folgenderma&szlig;en: Selbst wenn man messen k&ouml;nnte, wie viel ein Arbeiter in seinem Unternehmen zu dessen Endprodukt konkret beigetragen hat, bleibt unklar, wie man diesen Beitrag objektiv mit dem Beitrag eines anderen Arbeiters in einem anderen Unternehmen, das ganz andere G&uuml;ter herstellt, vergleichen soll. Das kann man nur, wenn man den Preis der jeweils produzierten G&uuml;ter in die Betrachtung einbezieht, denn erst dann kann man z.B. eine produzierte Kilowattstunde mit einem Porsche vergleichen. Doch &ndash; und das ist der Haken &ndash; sind die Produktpreise auch von der Nachfrage nach den Produkten abh&auml;ngig. Steigt die Nachfrage nach Produkt A relativ zu Produkt B und entsprechend der Preis f&uuml;r A, s&auml;he es gem&auml;&szlig; Grenzproduktivit&auml;tstheorie so aus, als ob die Arbeiter, die A herstellen, relativ produktiver geworden w&auml;ren im Vergleich zu denen von B, auch wenn sich an ihren tats&auml;chlichen Produktionsverh&auml;ltnissen nichts ge&auml;ndert hat. Mit anderen Worten: In Wirklichkeit gibt es keine rein technische Grenzproduktivit&auml;t eines Arbeiters und damit kann es auch keine Entlohnung geben, die unabh&auml;ngig von den Nachfrageverh&auml;ltnissen auf den G&uuml;term&auml;rkten ist und nur von der Qualifikation, der pers&ouml;nlichen Einsatzbereitschaft des Arbeiters und der technischen Ausstattung seines Arbeitsplatzes bestimmt wird.<\/p>\n<p>Die neoklassische Theorie der Entlohnung gem&auml;&szlig; &bdquo;Grenzprodukt&ldquo; ist mithin eine Fiktion. Die Arbeitnehmer erhalten in einer Marktwirtschaft im Allgemeinen eine Entlohnung, die der Knappheit von Arbeitskr&auml;ften mit gleicher oder &auml;hnlicher Qualifikation entspricht, nicht aber irgendeiner &bdquo;individuellen Grenzproduktivit&auml;t&ldquo;. Der Begriff der Knappheit umfasst n&auml;mlich beides, die Menge des Angebots und die Menge der Nachfrage nach einer bestimmten Qualifikation von Arbeit.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p>\n<p>Mindestens ebenso problematisch ist die neoklassische Analyse des Kapitalmarktes, die &ndash; wie oben dargestellt &ndash; nach der gleichen Methode erfolgt wie die des Arbeitsmarktes: Sowohl der Reallohnsatz als auch der Preis des Kapitals (Zinssatz bzw. Profitrate) entsprechen den jeweiligen Grenzproduktivit&auml;ten, d.h. sie werden durch die Grenzprodukte der Arbeit bzw. des aggregierten Wertes der Kapitalg&uuml;ter (&uuml;ber die sog. Cobb-Douglas-Produktionsfunktion[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]) bestimmt. Sind so die Faktorpreise gegeben, ergibt sich die Verteilung, indem man die Faktorpreise mit den Faktormengen multipliziert. Aber wie soll man die &bdquo;Menge an Kapital&ldquo; bzw. den aggregierten Wert der Kapitalg&uuml;ter bestimmen? Wie soll man Laserschneideger&auml;te, Computer, Werkb&auml;nke, Lastwagen und Teigknetmaschinen zusammenz&auml;hlen? Die naheliegende Idee, die Preise der verschiedenen, heterogenen Kapitalg&uuml;ter zu einem gesamtwirtschaftlichen Kapitalstock aufzuaddieren, ist keine L&ouml;sung. Denn die Preise der verschiedenen Kapitalg&uuml;ter lassen sich ohne Kenntnis des Kapitalzinses (der Profitrate) nicht bestimmen. Die Profitrate wird aber angeblich von der eingesetzten Menge an Kapital determiniert, so dass eine zirkul&auml;re Argumentation entsteht:<\/p>\n<p>&bdquo;Wenn die Summe der heterogenen Kapitalg&uuml;ter als ein Aggregat errechnet werden soll, das mit Profiten vergleichbar ist, muss sie in Werteinheiten ausgedr&uuml;ckt werden, um ein homogenes Verh&auml;ltnis von Profit zu Kapital zu ergeben. Aber wenn die Profitrate dann durch das Grenzprodukt dieser Summe bestimmt wird, ergibt sich ein logischer Fehler in der Argumentation, weil die Preise der Kapitalg&uuml;ter urspr&uuml;nglich mit irgendeiner Profitrate berechnet worden sein m&uuml;ssen. Folglich kann das Grenzprodukt des Kapitals &ndash; wie durch die aggregierte Produktionsfunktion gegeben &ndash; nur die Profitrate bestimmen, die bereits bestimmt ist und in den Preisen der Kapitalg&uuml;ter ausgedr&uuml;ckt ist, die verwendet werden m&uuml;ssen, um ein homogenes Ma&szlig; des Kapitalstocks zu finden&ldquo; (Kregel 1975, S. 17; &Uuml;bersetzung G. G.) Man dreht sich also &auml;hnlich im Kreis wie bei der Bestimmung des &bdquo;Grenzprodukts&ldquo; des jeweiligen Arbeiters, die auch nicht unabh&auml;ngig von Marktpreisen funktioniert.<\/p>\n<p>Wendet man sich nun den Grundannahmen des neoklassischen Modells zu, die im letzten Abschnitt vorgestellt wurden, so zeigt sich, dass nicht eine einzige von ihnen realistisch ist. Dass nicht alle Arbeitnehmer &uuml;ber perfekte Information und perfekte Mobilit&auml;t verf&uuml;gen, d&uuml;rfte unmittelbar einleuchten und braucht daher nicht n&auml;her erl&auml;utert zu werden. Aber auch die Vorstellung, dass der Arbeitsmarkt im Prinzip nicht anders funktioniere als der Markt f&uuml;r Kartoffeln, trifft in keiner Weise zu. Beim Preismechanismus auf dem Kartoffelmarkt, wo sich ein bestimmter Preis bildet, zu dem die angebotene und die nachgefragte Menge genau &uuml;bereinstimmen, wird implizit angenommen, dass Angebot und Nachfrage unabh&auml;ngig voneinander sind.<\/p>\n<p>Diese f&uuml;r den Kartoffelmarkt weitgehend zutreffende Annahme ist jedoch auf dem gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt bzw. auf seinem Niedriglohnsegment nicht gegeben, denn hier beeinflusst der Preis, d.h. der Lohn, die G&uuml;ternachfrage der Verbraucher, von der dann wieder die Zahl der von den Unternehmen ben&ouml;tigten und damit nachgefragten Arbeitskr&auml;fte abh&auml;ngt (Flassbeck\/Spiecker 2007, S. 62). Es ergeben sich somit zwei entgegengesetzte Effekte einer breit angelegten Lohnsteigerung: Auf der einen Seite sinkt die (gesamtwirtschaftliche) Nachfrage nach Arbeitskr&auml;ften von Seiten der Unternehmen, weil deren Kostenbelastung mit der Lohnerh&ouml;hung zunimmt; auf der anderen Seite steigt die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskr&auml;ften, weil die gesamtwirtschaftliche G&uuml;ternachfrage mit der Lohnerh&ouml;hung w&auml;chst. Der Gesamteffekt ist daher unbestimmt und l&auml;sst sich nicht &ndash; wie beim Kartoffelmarkt &ndash; mit dem simplen Standard-Diagramm einer ansteigenden Angebots- und einer fallenden Nachfragekurve mit einem marktr&auml;umenden Preis (Lohn) im Schnittpunkt abbilden.<\/p>\n<p>Nicht korrekt ist auch die dritte, oben genannte Annahme, dass Nominallohn&auml;nderungen mit entsprechenden Reallohn&auml;nderungen einhergehen. Behauptet wird damit, dass es die Arbeitnehmer bzw. ihre Gewerkschaftsvertreter selbst in der Hand h&auml;tten, die Besch&auml;ftigungssituation zu verbessern, indem sie ma&szlig;volle Lohnabschl&uuml;sse t&auml;tigten. Tats&auml;chlich aber geht es in Lohnverhandlungen immer um Nominall&ouml;hne und niemals um Reall&ouml;hne. Selbst wenn man also die (falsche) neoklassische These akzeptiert, dass die Reall&ouml;hne gesenkt werden m&uuml;ssten, um Vollbesch&auml;ftigung zu erreichen, &uuml;berzeugt die Argumentation nicht. Denn Reall&ouml;hne sind das Resultat von Marktprozessen, d.h. sie werden durch die Verh&auml;ltnisse auf den Absatzm&auml;rkten bestimmt, nicht aber in Verhandlungsrunden. Stimmen die Gewerkschaften einer Nominallohnsenkung (oder einer Tariflohnanhebung unterhalb &ndash; statt im Ausma&szlig; &ndash; des Produktivit&auml;tsanstiegs) zu, so f&uuml;hrt dies zu einem negativen Nachfrageeffekt, der dann die Unternehmen bei intensivem Wettbewerb untereinander (l&auml;ngerfristig) zwingt, die Kostensenkungen in Preissenkungen weiterzugeben. Wenn aber die sinkenden Kosten zu einer mehr oder weniger proportionalen Senkung des Preisniveaus f&uuml;hren, bleibt ex post eine Reallohnsenkung aus und es kann zu keiner Besch&auml;ftigungserh&ouml;hung kommen, selbst wenn man die (falsche) neoklassische Behauptung einer inversen Beziehung zwischen Reallohnsatz und Besch&auml;ftigung anerkennt.<\/p>\n<p>Ebenso problematisch ist die im neoklassischen Modell unterstellte perfekte Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital. Danach gibt es bei einem gegebenen Wissensstand f&uuml;r jedes Produkt eine gro&szlig;e Zahl verschiedener Produktionsverfahren, die &ndash; bildlich gesprochen &ndash; in einem f&uuml;r alle Unternehmen zug&auml;nglichen Buch existierender Produktionstechniken aufgezeichnet sind. Je teurer nun Arbeit im Verh&auml;ltnis zu Kapital ist, desto mehr Kapital wird im Produktionsprozess eingesetzt. Sinkt umgekehrt der relative Preis von Arbeit, wird arbeitsintensiver produziert, d.h. das Unternehmen stellt die gleiche Menge her wie zuvor, setzt jetzt nur weniger von dem relativ teureren Kapital und mehr von der nun relativ billigeren Arbeit ein.<\/p>\n<p>Aber wie realistisch ist eine solche Vorstellung? Lassen sich tats&auml;chlich alle Produkte mit mehr oder weniger Kapital &ndash; jeweils entsprechend dem gerade vorherrschenden Verh&auml;ltnis der Faktorpreise &ndash; herstellen? Und woher sollte das breite Spektrum an Alternativtechniken zur Produktion der jeweiligen G&uuml;ter stammen? Bedenkt man, dass die Produktion von Wissen im Allgemeinen teuer ist, warum sollten dann z.B. in einem Land, in dem bislang der Preis von Kapital niedrig relativ zu dem von Arbeit war, detaillierte Informationen &uuml;ber arbeitsintensive Produktionstechniken verf&uuml;gbar sein? Welche Unternehmen dieses Landes sollten Ressourcen in die Erzeugung von derartigem Wissen gelenkt haben, allein aufgrund der vagen Vermutung, dass es ja vielleicht einmal f&uuml;r die Produktionsaktivit&auml;ten in der Zukunft von Nutzen sein k&ouml;nnte? Selbst wenn man konzediert, dass in einigen F&auml;llen ein solches Wissen aus anderen L&auml;ndern oder auch aus der eigenen j&uuml;ngeren Geschichte erh&auml;ltlich ist, darf doch bezweifelt werden, ob mit der fr&uuml;heren, nun veralteten Technik noch sehr viele Produkte von heute, insbesondere solche mit hohem technologischen Gehalt wie etwa moderne Elektronikartikel, herstellbar sind.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]<\/p>\n<p>Wesentlich plausibler als die Substitutionsthese erscheint die Annahme, dass die Unternehmen ihre produktiven Inputs in einem festen Verh&auml;ltnis kombinieren, das durch die verwendete Technologie bestimmt wird. Dies bedeutet, dass sie Maschinen und Ausr&uuml;stungen anwenden, die komplement&auml;r einen mehr oder weniger fixen Einsatz von Arbeit erfordern und die &ndash; wenn sie erst einmal installiert sind &ndash; wenig Substitutionsm&ouml;glichkeiten bieten. Will ein Unternehmen seinen Output steigern, um eine wachsende Marktnachfrage zu bedienen, muss es seine Nachfrage nach Arbeit <em>und<\/em> Kapital erh&ouml;hen, in den Proportionen, die durch die angewandte Technologie festgelegt sind (Mitchell 2012).<\/p>\n<p>Interessanterweise ist die neoklassische Substitutionshypothese aber noch nicht einmal dann aufrechtzuerhalten, wenn man die (unrealistische) Annahme akzeptiert, dass den Unternehmen f&uuml;r die Herstellung ihrer jeweiligen G&uuml;ter tats&auml;chlich eine gro&szlig;e Auswahl an technischen Alternativen mit unterschiedlichen Faktorintensit&auml;ten zur Verf&uuml;gung steht. Auch dann f&uuml;hren n&auml;mlich sinkende Reall&ouml;hne nicht zwingend zu einer arbeitsintensiveren Technikwahl und damit zu einer steigenden Besch&auml;ftigung. Dies mag ein Beispiel verdeutlichen (Herr et al. 2009): Nehmen wir an, eine einheitliche Anhebung des Mindestlohns erh&ouml;he die L&ouml;hne in arbeitsintensiven Branchen mit einem gro&szlig;en Anteil an gering qualifizierten Arbeitskr&auml;ften, beispielsweise in der Halbleiterindustrie. Die L&ouml;hne in anderen Branchen blieben davon unber&uuml;hrt und &auml;nderten sich somit nicht. Wie reagiert nun die Halbleiterindustrie? Sie wird zum einen nach einer neuen gewinnmaximierenden Technik suchen, zum anderen wird sie die Preise ihrer Produkte erh&ouml;hen (denn mit der neuen Technik m&uuml;ssen die Preise h&ouml;her sein, ansonsten w&auml;re diese Technik schon vorher zum Einsatz gelangt). Ein Teil der Besch&auml;ftigten in der Halbleiterindustrie wird &ndash; je nach dem Ausma&szlig; der Technik&auml;nderung und der Preiselastizit&auml;t der Nachfrage nach Halbleitern &ndash; vermutlich arbeitslos werden. Die neue Technik f&uuml;hrt zu einer Abnahme der Zahl gering qualifizierter Besch&auml;ftigter und zu einer Zunahme des Kapitaleinsatzes (in Form neuer Maschinen) und\/oder des Einsatzes von qualifizierten Arbeitskr&auml;ften. Wie gro&szlig; der Nettoverlust an Arbeitspl&auml;tzen letztlich sein wird, ist schwer zu sagen, denn die Umstellung auf eine kapitalintensivere Technik impliziert eine wachsende Nachfrage nach Investitionsg&uuml;tern, so dass die Produktion und Besch&auml;ftigung in der Kapitalg&uuml;terindustrie steigt.<\/p>\n<p>Jedoch sind damit noch l&auml;ngst nicht alle Effekte benannt. Halbleiter gehen n&auml;mlich als Kapitalinputs in viele andere Branchen ein, die &ndash; je nach angewandter Technologie &ndash; vom Preisanstieg dieser G&uuml;ter in unterschiedlicher Weise betroffen sind. Alle Branchen, die Halbleiter einsetzen, werden jetzt ebenfalls zu einer neuen Technik wechseln, da sich die Preisrelation ihrer Inputs ver&auml;ndert hat. Vermutlich werden diese Branchen nun eine arbeitsintensivere Technik w&auml;hlen, da sich f&uuml;r sie ihre Kapitalinputs verteuert haben. Und so kommt es zu Zweit- und Drittrundeneffekten etc. derselben Art: Alle Industriezweige, die Halbleiter verwenden, ver&auml;ndern ihre Preise und die Zusammensetzung ihrer Inputs und viele weitere Branchen sind betroffen und ver&auml;ndern ihre eingesetzte Technik, ihre Nachfrage nach Inputs und ihre Preise. Schlie&szlig;lich kommt es zu einer Ver&auml;nderung der gesamten Preisstruktur, der Zusammensetzung der Inputs und der Struktur des Outputs in der Volkswirtschaft. Damit aber l&auml;sst sich keine Aussage mehr dar&uuml;ber treffen, in welche Richtung der Technikwechsel gehen wird &ndash; die kostenminimierende Technik kann am Ende insgesamt kapitalintensiver, aber eben auch arbeitsintensiver sein &ndash; und welche Besch&auml;ftigungseffekte sich schlussendlich ergeben werden. Dieses Fazit gilt wohlgemerkt selbst bei Akzeptanz der (mehr als fragw&uuml;rdigen) neoklassischen Annahme, dass es eine perfekte Substituierbarkeit zwischen Arbeit und Kapital gibt.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><\/li>\n<li><strong>Wie wirken Mindestl&ouml;hne auf die Besch&auml;ftigung?<\/strong>\n<p>Im vorangehenden Abschnitt wurde gezeigt, dass das neoklassische Modell nicht in der Lage ist, die Arbeitsmarkteffekte der Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns korrekt zu bestimmen. Im Folgenden soll nun versucht werden, die tats&auml;chlichen Besch&auml;ftigungswirkungen eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns abzusch&auml;tzen. Nehmen wir dazu an, alle Geringverdiener in Deutschland erhielten von sofort an einen Mindestlohn von zehn Euro in der Stunde.<\/p>\n<p>Um die &ouml;konomischen Effekte besser herausarbeiten zu k&ouml;nnen, sollen &ndash; in grober Vereinfachung &ndash; vier Gruppen von Unternehmen betrachtet werden: So gibt es Unternehmungen, die vor allem f&uuml;r den Bedarf von Geringverdienern produzieren und ihre G&uuml;ter in den entsprechenden Preissegmenten anbieten. Sie lassen sich wiederum unterteilen in solche, die selbst nur wenige oder gar keine Geringverdiener besch&auml;ftigen (Gruppe A) und solche, die in relativ hohem Ma&szlig;e Niedriglohnbezieher einsetzen (Gruppe B). Dar&uuml;ber hinaus existieren Unternehmen, die nicht &uuml;berwiegend f&uuml;r Geringverdiener produzieren. Auch bei ihnen l&auml;sst sich eine Aufteilung vornehmen in solche Unternehmen, die nur in geringem Umfang (oder gar nicht) Geringverdiener besch&auml;ftigen (Gruppe C) und solche, die dies in verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig starkem Ma&szlig;e tun (Gruppe D).<\/p>\n<p>F&uuml;r die Unternehmen aus Gruppe A macht sich der neu eingef&uuml;hrte Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde unmittelbar positiv bemerkbar. Denn da sich die G&uuml;ternachfrage der Geringverdiener (soweit ihnen nicht gek&uuml;ndigt wird) aufgrund des Lohnzuwachses deutlich erh&ouml;ht, kommt es f&uuml;r diese Firmen zu einer merklichen nachfragebedingten Umsatzsteigerung, w&auml;hrend auf der anderen Seite die lohnbedingte Kostensteigerung vergleichsweise unbedeutend ist. Etwas ung&uuml;nstiger stellt sich die Lage f&uuml;r die Unternehmungen der Gruppe B dar: Hier steht dem Umsatzplus eine Lohnkostenerh&ouml;hung gegen&uuml;ber. Dies hei&szlig;t, dass das Ergebnis f&uuml;r den Gewinn unbestimmt, nicht aber eindeutig negativ ist, wie die Mindestlohngegner gern behaupten.<\/p>\n<p>Ein einfaches Beispiel mag das verdeutlichen: Betrachten wir dazu die Unternehmen des Friseurgewerbes (traditionelle Standardfriseure ohne exklusive Hair-Designer), in dem viele Geringverdiener arbeiten und zu dessen Kundschaft zu einem nicht unwesentlichen Teil ebenfalls Geringverdiener geh&ouml;ren. Geht man von der (nicht ganz unrealistischen) Annahme aus, dass technologische Ver&auml;nderungen im Friseurhandwerk zumindest kurzfristig nur sehr begrenzt m&ouml;glich sind, so f&uuml;hrt die Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns zu einer Preissteigerung f&uuml;r Friseurdienstleistungen. Je nach der Preiselastizit&auml;t der Nachfrage nach Friseurdienstleistungen d&uuml;rfte es dann zu einer mehr oder weniger stark abnehmenden Inanspruchnahme dieser Dienstleistungen und damit zu entsprechenden Arbeitsplatzverlusten im Friseurgewerbe kommen, wobei allerdings gegengerechnet werden muss, dass den Mindestlohnbeziehern unter den Kunden nun auch h&ouml;here Einkommen zur Verf&uuml;gung stehen, die einen positiven Einfluss auf die Nachfrage nach Friseurdienstleistungen und damit auf die Arbeitskr&auml;ftenachfrage im Friseurgewerbe aus&uuml;ben.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<\/p>\n<p>Die Lohnsumme im Friseurhandwerk mag daher steigen oder sinken. Steigt sie, schaffen die besch&auml;ftigten Friseure zus&auml;tzliche Nachfrage. Geben sie nun beispielsweise mehr Geld in Fast-Food-Restaurants aus, erh&ouml;hen sie damit die Nachfrage nach G&uuml;tern, bei deren Produktion gleichfalls in relativ gro&szlig;em Umfang Geringverdiener resp. Mindestlohnempf&auml;nger eingesetzt werden. Zu ber&uuml;cksichtigen ist aber, dass ein Anstieg der Lohnsumme im Friseurgewerbe die Kaufkraft seiner Kunden insoweit verringert, als sie jetzt mehr als vorher f&uuml;r Friseurdienste zahlen m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Wenn die Lohnsumme im Friseurhandwerk dagegen sinkt, geben die Konsumenten offenbar mehr von ihrem Einkommen f&uuml;r andere G&uuml;ter aus, abgesehen von den nun Arbeitslosen, deren gesunkenes Einkommen auch zu weniger Konsum f&uuml;hren d&uuml;rfte. Welche Auswirkungen sich am Ende f&uuml;r welche Branchen ergeben und wie sich die Besch&auml;ftigung in der Volkswirtschaft insgesamt ver&auml;ndert, ist sehr schwer abzusch&auml;tzen (Herr et al. 2009, S. 12).<\/p>\n<p>Die Unternehmen, die weder vornehmlich f&uuml;r den Bedarf von Geringverdienern produzieren noch in relevantem Umfang Niedriglohnbezieher besch&auml;ftigen (Gruppe C), sind von der Einf&uuml;hrung eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns kaum unmittelbar betroffen. Anders sieht es in den Unternehmungen aus, die nicht vorrangig f&uuml;r Geringverdiener produzieren, aber in relativ gro&szlig;em Unfang Niedriglohnbezieher einsetzen (Gruppe D). In diesen Firmen gleicht keine nachfragebedingte Umsatzsteigerung die lohnbedingte Kostensteigerung aus. Jedoch bedeutet dies nicht notwendigerweise einen gravierenden Arbeitsplatzabbau bei diesen Unternehmen. Denn viele Aufgaben und T&auml;tigkeiten in einer Unternehmung lassen sich nicht einfach streichen, nur weil sie jetzt h&ouml;her entlohnt werden m&uuml;ssen. Kein Unternehmen der Bank- oder Versicherungswirtschaft beispielsweise w&uuml;rde jemals auf die Idee kommen, nach der Einf&uuml;hrung eines gesetzlichen Mindestlohns auf eine Reinigung seiner R&auml;umlichkeiten zu verzichten und seine Kunden sowie Gesch&auml;ftspartner in verschmutzten R&auml;umen zu empfangen, nur weil die Reinigungskr&auml;fte jetzt mehr Geld erhalten. Stattdessen werden die betroffenen Unternehmen entweder die Preise ihrer Dienstleistungen leicht anheben oder etwas weniger Gewinn erzielen oder eine Mischung beider Strategien vornehmen. Da ein fl&auml;chendeckender Mindestlohn alle konkurrierenden Unternehmen gleicherma&szlig;en trifft, entstehen auch niemandem Nachteile gegen&uuml;ber Mitbewerbern.<\/p>\n<p>Die bisherigen &Uuml;berlegungen zeigen bereits, wie absurd das Vorgehen vieler Mindestlohngegner ist, ein einfaches einzelwirtschaftliches Marktmodell, bei dem mit steigendem Preis (Lohn) die Nachfrage (nach Arbeitskr&auml;ften) sinkt, umstandslos auf den gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarkt oder zumindest auf sein Teilsegment der gering qualifizierten Arbeit zu &uuml;bertragen, ohne die positiven Einkommensr&uuml;ckwirkungen eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns auf die G&uuml;ter- und damit auch auf die Arbeitskr&auml;ftenachfrage in die Analyse einzubeziehen. Tats&auml;chlich bewirkt die branchen&uuml;bergreifende Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns eine Ver&auml;nderung der gesamten Preis-, Mengen- und Einkommensstruktur in der Volkswirtschaft, deren makro&ouml;konomische Effekte auf die Besch&auml;ftigung theoretisch und empirisch kaum erfassbar sind (Dullien et al. 2009, S. 207). Die Besch&auml;ftigungswirkungen von Mindestl&ouml;hnen m&uuml;ssen daher im Ergebnis offen bleiben, zumal sie von weiteren Einflussgr&ouml;&szlig;en wie der Marktstruktur, den vorherrschenden Arbeitsmarktinstitutionen <em>und nicht zuletzt von der H&ouml;he der gesetzlichen Lohnuntergrenze<\/em> abh&auml;ngig sind (Brenke\/M&uuml;ller 2013).<\/p>\n<p>Dennoch gibt es einige Faktoren, die als solche f&uuml;r positive Besch&auml;ftigungswirkungen eines gesetzlichen Mindestlohns sprechen. Zum einen ist es m&ouml;glich, dass ein eingef&uuml;hrter Mindestlohn die Motivation und Arbeitsbereitschaft der nun h&ouml;her entlohnten Arbeitskr&auml;fte steigert, so dass die Arbeitsproduktivit&auml;t zunimmt.[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] Zum anderen erleichtern h&ouml;here L&ouml;hne den Unternehmen die Aufgabe, Arbeitskr&auml;fte zu finden und zu halten, wodurch die Fluktuationskosten sinken, die entstehen, wenn neue Mitarbeiter gesucht und angelernt werden m&uuml;ssen [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] (Dube et al. 2012). In beiden F&auml;llen kommt es nach der Mindestlohneinf&uuml;hrung zu einer nachfragebedingten Umsatzerh&ouml;hung bei vergleichsweise geringer (oder gar keiner) Kostensteigerung.<\/p>\n<p>Der wichtigste Faktor aber ist die mit der Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns einhergehende Stauchung der Lohnauff&auml;cherung (Flassbeck et al. 2012, S. 70)[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]. Da gerade die Bezieher geringer Lohneinkommen vom Mindestlohn profitieren, d.h. im unteren und mittleren Bereich der Lohneinkommen nun &ndash; relativ betrachtet &ndash; etwas mehr verdient wird und am oberen Ende etwas weniger, Haushalte mit geringem Einkommen aber eine h&ouml;here Konsumneigung aufweisen als solche mit hohem Einkommen, wird die aggregierte Nachfrage insgesamt steigen und damit auch &ndash; in einer Situation ungenutzter Kapazit&auml;ten und Arbeitslosigkeit &ndash; die Produktion und die Besch&auml;ftigung. Hinzu kommt, dass die Nachfragestruktur der unteren und mittleren Einkommensbereiche in st&auml;rkerem Ma&szlig;e auf industriell hergestellte G&uuml;ter ausgerichtet ist. Verzeichnen deshalb die Branchen, die diese Produkte produzieren, eine zunehmende Auslastung und h&ouml;here Investitionen, wird ein Sektor der Wirtschaft gef&ouml;rdert, der traditionell eine &uuml;berdurchschnittliche Zuwachsrate der Arbeitsproduktivit&auml;t verzeichnet. Bei einer produktivit&auml;tsorientierten Reallohnentwicklung in der gesamten Volkswirtschaft erm&ouml;glicht dies dann allen Besch&auml;ftigten incl. der Mindestlohnbezieher entsprechende Einkommenszuw&auml;chse (Flassbeck et al. 2012, S. 70).<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sind durch die Etablierung eines ausgedehnten Niedriglohnsektors in Deutschland einige Jobs entstanden, die wahrscheinlich mit der Einf&uuml;hrung eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns zahlenm&auml;&szlig;ig abnehmen oder ganz wegfallen werden. Gemeint sind hier etwa Dienstboten, Fensterputzer, T&uuml;tenbef&uuml;ller an Supermarktkassen etc., die bislang extrem billige Dienstleistungen angeboten haben. Gleichzeitig k&ouml;nnte es tats&auml;chlich geschehen, dass einzelne wettbewerbsschwache Unternehmen mit dem neu eingef&uuml;hrten Mindestlohn &bdquo;&uuml;berfordert&ldquo; sind, so dass ihre Existenz gef&auml;hrdet ist.<\/p>\n<p>Allerdings stellt sich hier die Frage, ob dadurch wirklich ein gesellschaftlicher Schaden entsteht (Flassbeck et al. 2012, S. 73f). Ist es sinnvoll, denjenigen Konsumenten, die eine Dienstleistung kaufen wollen, aber nicht bereit sind, daf&uuml;r den Mindestlohn zu zahlen, staatlicherseits zur Hilfe zu kommen, d.h. sie beim Konsum dieser Dienstleistung via Lohnsubvention (d.h. durch die Aufstockung von Hungerl&ouml;hnen der Produzenten) zu unterst&uuml;tzen? Wenn den Kunden die Dienstleistung wichtig ist, werden sie dem Verk&auml;ufer auch einen entsprechend hohen Preis zahlen und daf&uuml;r gegebenenfalls andere Konsumw&uuml;nsche zur&uuml;ckstellen. Ist ihnen die Dienstleistung weniger wichtig, verzichten sie auf einen Kauf und m&uuml;ssen nicht durch staatliche Lohnsubventionen in ihrer Entscheidung umgestimmt werden. Die angebotene Dienstleistung ist dann zum erforderlichen Preis nicht absetzbar und entf&auml;llt; stattdessen werden von den Konsumenten andere G&uuml;ter nachgefragt.<\/p>\n<p>Was nun die durch den Mindestlohn &bdquo;&uuml;berforderten&ldquo; Unternehmungen betrifft: Wenn einzelne Unternehmen so ineffizient sind, dass sie den Mindestlohn nicht zahlen k&ouml;nnen, sie aber gleichzeitig nicht willens oder in der Lage sind, ihre Produktivit&auml;tsniveaus &ndash; vor allem durch produktionstechnische Ver&auml;nderungen &ndash; hinreichend zu erh&ouml;hen, um die gestiegene Kostenbelastung zu verkraften, geraten sie in die Verlustzone und m&uuml;ssen &uuml;ber kurz oder lang aus dem Wettbewerb ausscheiden. Die Marktanteile, die sie einb&uuml;&szlig;en, gewinnen die effizienteren Unternehmen hinzu, so dass zwar an einer Stelle Arbeitspl&auml;tze verloren gehen, an anderer Stelle aber auch neu geschaffen werden. Durch die Beseitigung der produktivit&auml;tsschw&auml;cheren Unternehmen wird die durchschnittliche Produktivit&auml;t der Gesamtwirtschaft erh&ouml;ht, was &ndash; wie bereits erw&auml;hnt &ndash; Einkommenszuw&auml;chse insgesamt erlaubt.<\/p>\n<p>Diese Trennung der Spreu vom Weizen ist in einer Marktwirtschaft nichts Ungew&ouml;hnliches &ndash; ungew&ouml;hnlich und nicht akzeptabel ist es dagegen, wenn produktivit&auml;tsschwache Unternehmen, die unter fairen Bedingungen am Markt nicht bestehen w&uuml;rden, Hungerl&ouml;hne zahlen und auf diese Weise ihr &Uuml;berleben sichern k&ouml;nnen. Genau dem schiebt der Mindestlohn einen Riegel vor.<\/p><\/li>\n<li><strong>Fazit und Ausblick<\/strong>\n<p>Die vorangegangenen Ausf&uuml;hrungen sollten zeigen, dass die Besch&auml;ftigungseffekte von Mindestl&ouml;hnen aufgrund der sehr komplexen Zusammenh&auml;nge (Einkommensr&uuml;ckwirkungen, Ver&auml;nderungen der Preis- und Mengenstruktur in der &Ouml;konomie etc.) nicht exakt zu bestimmen sind. Falsch ist aber in jedem Fall die Behauptung, dass von Mindestl&ouml;hnen bzw. Mindestlohnerh&ouml;hungen zwangsl&auml;ufig signifikante Besch&auml;ftigungsverluste ausgingen. Diese These ist weder theoretisch noch empirisch haltbar und kann daher auch nicht zur Begr&uuml;ndung einer ablehnenden Haltung gegen&uuml;ber Mindestl&ouml;hnen herangezogen werden.<\/p>\n<p>Wenig &uuml;berzeugend ist zudem der Einwand, Deutschland n&auml;hme mit einem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde einen Spitzenplatz in Europa ein. Zur Bewertung der H&ouml;he eines Mindestlohns ist entscheidend, wie er sich zum jeweiligen nationalen Lohngef&uuml;ge verh&auml;lt. Dies wird &uuml;blicherweise mit Hilfe des sog. &bdquo;Kaitz-Index&ldquo; gemessen, der die Relation des Mindestlohns zum Medianlohn angibt. Entsprechende Berechnungen zeigen, dass Deutschland mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro im Industriel&auml;nder- und im Europa-Vergleich lediglich im Mittelfeld l&auml;ge (B&ouml;ckler impuls 2013; Bofinger 2013). Wenn man als grobe Richtschnur annimmt (Herr\/Kazandziska 2011), dass Mindestl&ouml;hne sich im Bereich von etwa 40 bis 60 Prozent des Medianlohns bewegen sollten (wie dies auch in der Mehrzahl der L&auml;nder der Fall ist), w&auml;re in Deutschland auch ein Mindestlohn von 10 Euro (wie im obigen Beispiel angenommen) &ouml;konomisch unproblematisch.<\/p>\n<p>Besonders unsinnig ist der oft ge&auml;u&szlig;erte Einwand, dass die Einf&uuml;hrung eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns in Deutschland die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit des Landes und damit Arbeitspl&auml;tze gef&auml;hrden w&uuml;rde. Denn Deutschland erzielt seit vielen Jahren hohe Handels- und Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse (vgl. z. B. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=18350\">hier<\/a>), die auf einer ausgepr&auml;gten Lohnzur&uuml;ckhaltung basieren und ohnehin dringend abgebaut werden m&uuml;ssen. Das ist deshalb erforderlich, weil den anhaltenden Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen von L&auml;ndern wie Deutschland entsprechende Leistungsbilanzdefizite anderer L&auml;nder gegen&uuml;berstehen, die durch diese Defizite in eine wachsende Verschuldung getrieben werden. Tr&auml;gt also der neu eingef&uuml;hrte Mindestlohn tats&auml;chlich dazu bei, dass Deutschland an Wettbewerbsf&auml;higkeit verliert und damit seine &Uuml;bersch&uuml;sse reduziert, so w&auml;re dies kein Nachteil, sondern ein Vorteil.<\/p>\n<p>Es stellt sich abschlie&szlig;end die Frage, ob die Einf&uuml;hrung eines fl&auml;chendeckenden Mindestlohns ausreicht, um die zunehmende Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland und insbesondere die wachsende Armut am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala wirkungsvoll zu bek&auml;mpfen. Dies ist zweifellos nicht der Fall. Der bedeutende US-amerikanische &Ouml;konom Hyman Minsky stellte mit Recht fest, dass ein gesetzlicher Mindestlohn nur in Verbindung mit einem &bdquo;Arbeitgeber letzter Instanz&ldquo; (&bdquo;employer of last resort&ldquo;, ELR) voll wirksam sein k&ouml;nne, denn ansonsten sei der wahre Mindestlohn f&uuml;r all diejenigen, die keinen Arbeitsplatz finden k&ouml;nnten, gleich Null: &bdquo;Die wichtigste Tatsache, die den Diskurs &uuml;ber den Mindestlohn beherrschen sollte, ist die, dass er f&uuml;r die Arbeitslosen $ 0,00 pro Stunde betr&auml;gt [&hellip;]&ldquo; (Minsky 1987, S. 2; &Uuml;bersetzung G.G.). Mindestl&ouml;hne und gleichzeitig weiter bestehende Arbeitslosigkeit seien unvereinbar: &bdquo;Eine Welt mit gemessener Arbeitslosigkeit und Mindestl&ouml;hnen ist in sich inkonsistent; ein effektives Mindestlohnprogramm muss sicherstellen, dass Jobs f&uuml;r alle zum Mindestlohn verf&uuml;gbar sind&ldquo; (Minsky 1986, S. 310; &Uuml;bersetzung G.G.).<\/p>\n<p>Minsky sprach sich deshalb bereits in den 1960er Jahren f&uuml;r ein ELR-Programm aus, bei dem der Staat allen Arbeitsuchenden, die bereit seien, zum Mindestlohn zu arbeiten, Jobs entsprechend ihren Fertigkeiten und Kenntnissen zur Verf&uuml;gung stellen sollte (Minsky 1965, 1968, 1973, 1975, 1986). Nur der Staat sei in der Lage, ein &bdquo;unendlich elastisches&ldquo; Angebot an Arbeitspl&auml;tzen zum Mindestlohn zu schaffen. Der Staat als &bdquo;Arbeitgeber letzter Instanz&ldquo; zieht damit nicht nur eine Untergrenze f&uuml;r die L&ouml;hne, sondern auch f&uuml;r den privaten Konsum (und die aggregierte Nachfrage), und erh&ouml;ht so die Wirksamkeit antizyklischer Fiskalpolitik (die Staatsausgaben steigen in der Rezession und fallen in der Aufschwungphase, in der die Arbeitnehmer in wachsendem Umfang vom Privatsektor &bdquo;abgeworben&ldquo; werden). Das ELR-Programm w&uuml;rde die Mindestlohngesetzgebung &uuml;berfl&uuml;ssig machen: <\/p>\n<p>&bdquo;Arbeit sollte f&uuml;r alle verf&uuml;gbar gemacht werden, die zum nationalen Mindestlohn arbeiten m&ouml;chten. [&hellip;] Dies w&uuml;rde das Mindestlohngesetz ersetzen, denn wenn Arbeit f&uuml;r alle zum Mindestlohn vorhanden ist, steht den privaten Arbeitgebern keine Arbeit mehr zu einem Lohn unterhalb dieses Minimums zur Verf&uuml;gung&ldquo; (Minsky 1965, S. 196; &Uuml;bersetzung G.G.).<\/p>\n<p>Man mag dies f&uuml;r eine v&ouml;llig unrealistische Utopie halten. Jedoch gibt es im angloamerikanischen Raum inzwischen eine Reihe von &Ouml;konomen, die Minsky&rsquo;s ELR-Idee aufgegriffen und &ndash; teilweise unter anderem Namen wie etwa &bdquo;job guarantee&ldquo; (JG) &ndash; weiterentwickelt haben (z. B. Wray 1998 und 2012; Mosler 1997-98; Mitchell 1998; Burgess\/Mitchell 1998; Mitchell\/Muysken 2008; Forstater 2003; Fullwiler 2005). Auch positive praktische Erfahrungen mit (begrenzten) ELR\/JG-Programmen in neuerer Zeit liegen bereits vor, etwa in Argentinien oder Indien.[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] In jedem Fall erscheint mir eine Diskussion &uuml;ber ELR\/JG-Programme weit fruchtbarer zu sein als etwa die Debatte zum bedingungslosen Grundeinkommen, die hierzulande eine relativ gro&szlig;e Resonanz in den Medien findet, obgleich die Idee vom Grundeinkommen wohl kaum weniger &bdquo;utopisch&ldquo; ist als das ELR\/JG-Konzept.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Addison, J. T.\/Blackburn, M. L.\/Cotti, C. D.<\/strong> (2012): The Effect of Minimum Wages on Labour Market Outcomes: County-Level Estimates from the Restaurant-and-Bar Sector, in: British Journal of Industrial Relations, Vol. 50, No. 3, S. 412-435<\/li>\n<li><strong>Akerlof, G. A.<\/strong> (1982): Labor Contracts as Partial Gift Exchange, in: The Quarterly Journal of Economics, Vol. 97, No. 4, S. 543-569<\/li>\n<li><strong>Allegretto, S. A.\/Dube, A.\/Reich, M.<\/strong> (2011): Do Minimum Wages Really Reduce Teen Employment? Accounting for Heterogeneity and Selectivity in State Panel Data, in: Industrial Relations, Vol. 50, Issue 2, S. 205-240<\/li>\n<li><strong>Allegretto, S.\/Dube, A.\/Reich, M.\/Zipperer, B.<\/strong> (2013): <a href=\"http:\/\/www.irle.berkeley.edu\/workingpapers\/148-13.pdf\">Credible Research Designs for Minimum Wage Studies [PDF &ndash; 11.7 MB]<\/a>, Working Paper Series, Institute for Research on Labor and Employment, UC Berkeley, letzter Zugriff: 10.01.2014<\/li>\n<li><strong>Autor, D. H.\/Manning, A.\/Smith, C. 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Ansonsten hatte er jahrzehntelang mit &bdquo;klugen &ouml;konomischen Argumenten&ldquo; seinen unersch&uuml;tterlichen Glauben an die Effizienz der Finanzm&auml;rkte kundgetan, bis er im Jahr 2011 pl&ouml;tzlich zur Erkenntnis gelangte, dass Finanzm&auml;rkte doch nicht ann&auml;hernd so effiziente &bdquo;Informationsverarbeiter&ldquo; sind wie von ihm und anderen angenommen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Nach dieser Theorie k&ouml;nnen unter den au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Umst&auml;nden eines Nachfragemonopols mit einem monopolistischen Nachfrager nach Arbeitskr&auml;ften (also z.B. einem Kohlebergwerk in einer &ouml;konomisch schwach entwickelten Region) h&ouml;here Mindestl&ouml;hne die Besch&auml;ftigung erh&ouml;hen. Denn der Nachfragemonopolist (das Kohlebergwerk) ist aufgrund seiner Position in der Lage, Output und Besch&auml;ftigung zu reduzieren, damit durch die Erzeugung von Arbeitslosigkeit die L&ouml;hne seiner Arbeiter (deren Mobilit&auml;t gering ist) zu dr&uuml;cken, so die Arbeitnehmer unterhalb ihrer Grenzproduktivit&auml;t zu entlohnen und einen Monopolgewinn zu erzielen. Wenn nun ein gesetzlicher Mindestlohn die L&ouml;hne erh&ouml;ht, verschwindet der Monopolgewinn und das gewinnmaximierende Unternehmen reagiert mit der Erh&ouml;hung seines Outputs.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Pr&auml;ziser formuliert: Je mehr Kapital &ndash; bei gegebenem Arbeitseinsatz &ndash; eingesetzt wird, umso mehr nimmt sein Grenzertrag ab. Beide Produktionsfaktoren &ndash; Kapital und Arbeit &ndash; werden entsprechend ihres jeweiligen physischen Grenzertrags entlohnt und bei beiden sinkt mit steigendem Einsatz der Grenzertrag. Damit glaubte die neoklassische Makro&ouml;konomie eine Erkl&auml;rung der Einkommensverteilung gefunden zu haben, die sog. Grenzproduktivit&auml;tstheorie der Verteilung, die zudem zeigte, dass die Entlohnung des Faktors Arbeit und die im Zinssatz ausgedr&uuml;ckte Entlohnung des Faktors Kapital in einem exakt festgelegten Verh&auml;ltnis zueinander stehen m&uuml;ssen, so dass die Lohnsumme und die Zinssumme zusammengenommen der Neuwertsch&ouml;pfung entsprechen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Der Begriff &bdquo;neoklassische (reale) Makro&ouml;konomie&ldquo; ist an sich unpassend. Denn im Kern begn&uuml;gt sich die neoklassische Makro&ouml;konomie damit, das Verhalten eines einzelnen Wirtschaftssubjekts zu untersuchen, also rein mikro&ouml;konomische &Uuml;berlegungen anzustellen, und das Ergebnis dann unstandslos auf die gesamtwirtschaftliche Ebene zu &uuml;bertragen. Sie verst&ouml;&szlig;t dabei laufend gegen die ceteris-paribus-Klausel, also die Annahme, dass sich durch das einzelwirtschaftliche Verhalten an den Rahmenbedingungen nichts &auml;ndere, unter denen es abl&auml;uft. Genau diese Konstanz der Rahmenbedingungen ist aber nicht mehr gegeben, wenn man einzelwirtschaftliches Verhalten eins zu eins auf die Gesamtwirtschaft &uuml;bertr&auml;gt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Dazu vielleicht ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Als ich mich vor einer Reihe von Jahren (Grunert 2002) gegen die damals sehr popul&auml;re Vorstellung wandte, dass man mit einer st&auml;rkeren Lohnspreizung wirkungsvoll die Arbeitslosigkeit bek&auml;mpfen k&ouml;nne und dass die Industriel&auml;nder &bdquo;w&auml;hlen&ldquo; m&uuml;ssten zwischen mehr Einkommensungleichheit oder h&ouml;herer Arbeitslosigkeit, war die Reaktion bezeichnend. So glaubten Donges (fr&uuml;her beim Kieler Weltwirtschaftsinstitut, der neoklassischen Hochburg in Deutschland) und Kollegen meine Kritik mit dem schlichten Hinweis widerlegen zu k&ouml;nnen, dass ich wohl einfach nicht beachtet h&auml;tte, &bdquo;dass sich die erh&ouml;hte Lohndisparit&auml;t durch bestehende Grenzproduktivit&auml;ten erkl&auml;rt&ldquo; (Donges et al. 2003, S. 50). Da ich dies &uuml;bersehen h&auml;tte, m&uuml;ssten alle meine weiteren &Uuml;berlegungen falsch sein.<br>\nDie Idee, dass jemand die G&uuml;ltigkeit der Grenzproduktivit&auml;tstheorie bestreiten k&ouml;nnte, kam den Autoren gar nicht erst in den Sinn, noch viel weniger nat&uuml;rlich der Gedanke, dass diese Theorie vielleicht tats&auml;chlich falsch ist. Vermutlich erscheint ihnen eine Ablehnung der Grenzproduktivit&auml;tstheorie &auml;hnlich verr&uuml;ckt wie eine Leugnung des Gesetzes der Schwerkraft.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Wolfgang St&uuml;tzel und Rolf-Dieter Grass verdeutlichen das Problem am Beispiel eines Tresors, in dem 1000 DM liegen und der nur mit zwei Schl&uuml;sseln gleichzeitig ge&ouml;ffnet werden kann, die im Besitz unterschiedlicher Personen sind. Eine Person allein kommt an das Geld nicht heran, da ihr der zweite Schl&uuml;ssel fehlt. Wenn aber einer der beiden Schl&uuml;ssel erst einmal im Schloss steckt, steigt die Grenzproduktivit&auml;t des jeweils anderen Schl&uuml;ssels auf 1000 DM an. Nach der Grenzproduktivit&auml;tstheorie der Einkommensverteilung d&uuml;rfte nun jeder der beiden Schl&uuml;sselinhaber 1000 DM verlangen, dazu aber m&uuml;ssten im Tresor 2000 DM liegen, was nicht der Fall ist. Vgl. Grass\/St&uuml;tzel 1983, S. 113. Technisch gesprochen handelt es sich in unserer modernen arbeitsteiligen Welt in aller Regel um limitationale Produktionsprozesse und nicht um substitutive. Das Gegenargument der Neoklassiker, das m&ouml;ge auf einzelwirtschaftlicher Ebene zwar der Fall sein, aber auf der gesamtwirtschaftlichen ginge dieser Charakter der Produktionsweise verloren, denn die Summe vieler limitationaler Prozesse erg&auml;be insgesamt einen substitutiven, ist nicht &uuml;berzeugend. Schlie&szlig;lich wird nach Qualifikationen und einzelnen M&auml;rkten differenziert argumentiert, wenn es darum geht, die Wirkung eines Mindestlohns zu diskutieren. Wer die Entlohnung gem&auml;&szlig; Grenzproduktivit&auml;t auf einzelwirtschaftlicher Ebene f&uuml;r m&ouml;glich und richtig h&auml;lt, muss sich auf die Realit&auml;t der einzelwirtschaftlichen Ebene einlassen (d.h. auf Limitationalit&auml;t) und kann nicht auf Aggregationsargumente zur&uuml;ckgreifen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Genau diese Knappheit als Bestimmungsfaktor des Lohnes erfordert eine vom Staat gesetzte Lohnuntergrenze. Denn in konjunkturellen Flauten und erst recht in Rezessionen, in denen sich die Machtverh&auml;ltnisse zuungunsten der Arbeitnehmer verschieben, w&uuml;rde die Knappheit ansonsten immer zu einem gegenseitigen &bdquo;In-Grund-und-Boden-Konkurrieren&ldquo; der Lohnempf&auml;nger f&uuml;hren, das wegen einzelwirtschaftlicher Rationalit&auml;t nicht &bdquo;von allein&ldquo; (d.h. durch die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo;) gestoppt werden kann. Deshalb ist eine staatlich durchgesetzte Untergrenze (z.B. durch einen gesetzlichen Mindestlohn) makro&ouml;konomisch notwendig.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Eine Produktionsfunktion liefert eine Beziehung zwischen den Inputs eines Produktionsprozesses (Maschinen, Arbeitseinsatz etc.) und der maximalen Menge des Outputs, der sich mit den Inputs produzieren l&auml;sst. Bei der Cobb-Douglas-Produktionsfunktion handelt es sich um eine sog. &bdquo;unbegrenzt substitutionale Produktionsfunktion&ldquo;, bei der das Unternehmen &uuml;ber eine gro&szlig;e Auswahl bei den Einsatzrelationen der Inputmengen verf&uuml;gt (bei der also ein gegebenes Outputniveau mit den unterschiedlichsten Faktorkombinationen produziert werden kann). Die Verringerung eines Inputs kann stets durch die Erh&ouml;hung eines anderen Inputs kompensiert, kein Input allerdings vollst&auml;ndig substitutiert werden. Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher Heine\/Herr 2012, S. 53ff.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Bereits die fr&uuml;here britische &Ouml;konomin Joan Robinson hatte die Vorstellung eines &bdquo;Buches&ldquo; mit einer gro&szlig;en Zahl alternativer Techniken, die den Unternehmen sofort und kostenlos zur Verf&uuml;gung st&uuml;nden, mehrfach heftig kritisiert: &bdquo;In jedem Fall geh&ouml;ren alle Kontroversen, die &uuml;ber das Konzept eines &sbquo;gegebenen Standes des technischen Wissens&lsquo; &ndash; repr&auml;sentiert durch ein Buch von Blaupausen &ndash; gef&uuml;hrt werden, eher in den Bereich &ouml;konomischer Doktrinen als in die Analyse einer realen Volkswirtschaft. Offensichtlich existiert in der realen Industrie nicht eine gro&szlig;e Anzahl an alternativen Blaupausen f&uuml;r verschiedene Techniken zeitlich nebeneinander. Im wirklichen Leben werden Techniken best&auml;ndig neu erfunden und jede wird nur festgehalten, wenn es wahrscheinlich erscheint, dass sie auch benutzt wird&ldquo; (Robinson\/Eatwell 1973, S. 143; &Uuml;bersetzung G.G.).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Diese Argumentation st&uuml;tzt sich auf die Resultate der sog. Cambridge-Cambridge-Debatte in den 1960er Jahren, die im Ergebnis zweifelsfrei aufgezeigt hat, dass es den bis damals behaupteten eindeutigen Zusammenhang zwischen Lohnh&ouml;he, Technikwahl und Besch&auml;ftigungsniveau nicht gibt. Vgl. dazu ausf&uuml;hrlicher Heine\/Herr 2012, S. 234-267; Grunert 2003.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Technisch gesprochen &uuml;berlagern sich damit bei der Nachfrage nach Friseurdienstleistungen eine Bewegung entlang der Nachfragekurve (aufgrund der Preisanhebung) und eine Verschiebung der Nachfragekurve (aufgrund der Einkommenssteigerung).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Von einer solchen Reaktion geht die Effizienzlohntheorie aus, wobei die verst&auml;rkten Arbeitsanstrengungen u. a. entweder als Gegenleistung f&uuml;r die h&ouml;heren ausbezahlten L&ouml;hne interpretiert (Akerlof 1982) oder darauf zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden, dass die Besch&auml;ftigten ihre nun attraktiveren Arbeitspl&auml;tze sichern wollen (Shapiro\/Stiglitz 1984).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Die Kosten der Arbeitskr&auml;ftefluktuation k&ouml;nnen erheblich sein, selbst bei Geringverdienern (Boushey\/Glynn 2012). Nat&uuml;rlich stellt sich dann die Frage, warum die Unternehmen nicht von sich aus bereits h&ouml;here L&ouml;hne zahlen. Tats&auml;chlich geschieht dies in einigen Unternehmen bereits. Prinzipiell aber stehen den Unternehmen zwei unterschiedliche Strategien zur Verf&uuml;gung &ndash; niedrigere L&ouml;hne und h&ouml;here Arbeitskr&auml;ftefluktuation versus h&ouml;here L&ouml;hne und geringere Fluktuation &ndash; , die beide profitabel sein und nebeneinander existieren k&ouml;nnen. Ein gesetzlicher Mindestlohn schr&auml;nkt die Wahlm&ouml;glichkeiten der Unternehmen ein (Schmitt 2013, S. 21).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Diese Kompression der Lohnverteilung als Folge eines Mindestlohns ist empirisch gut belegt (vgl. z.B. DiNardo et al. 1996, Lucifora et al. 2005, Autor et al. 2010, Garnero et al. 2013). Hirsch et al. berichten sogar, dass rund 40 Prozent der von ihnen interviewten Manager angaben, dass sie nach einer Erh&ouml;hung des Mindestlohns &bdquo;Lohnanhebungen\/Boni f&uuml;r erfahrenere Arbeitnehmer verschieben oder begrenzen w&uuml;rden&ldquo; (Hirsch et al. 2011, S. 28; &Uuml;bersetzung G.G.).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] In Argentinien garantierte der &bdquo;Plan Jefes y Jefas&ldquo; armen Haushaltsvorst&auml;nden einen Arbeitsplatz (Tcherneva\/Wray 2005); in Indien verpflichtet der &bdquo;National Rural Employment Guarantee Act&ldquo; (2005) die Regierung, jedem Erwachsenen, der in einem l&auml;ndlichen Gebiet lebt, Besch&auml;ftigung in einem Projekt f&uuml;r &ouml;ffentliche Arbeiten zu beschaffen (Hirway 2006).<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Entscheidung von Union und SPD, einen gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro brutto je Stunde einzuf&uuml;hren, rief die erwarteten Reaktionen hervor.[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Bereits im Vorfeld hatte &bdquo;Star-&Ouml;konom&ldquo; (&bdquo;Focus&ldquo;) Hans-Werner Sinn, Pr&auml;sident des Ifo-Instituts, vor den verheerenden Folgen gewarnt: &bdquo;Ein fl&auml;chendeckender gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro w&uuml;rde nach unseren Sch&auml;tzungen gut eine Million Arbeitspl&auml;tze vernichten&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20002\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,201,132,30],"tags":[290,317,487,424,1591,291],"class_list":["post-20002","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-ideologiekritik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-mindestlohn","tag-produktivitaet","tag-sinn-hans-werner","tag-straubhaar-thomas","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20002","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20002"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20002\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53868,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20002\/revisions\/53868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20002"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20002"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20002"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}