{"id":2004,"date":"2007-01-12T08:20:19","date_gmt":"2007-01-12T07:20:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2004"},"modified":"2016-01-19T11:05:14","modified_gmt":"2016-01-19T10:05:14","slug":"anmerkungen-zu-den-daten-des-statistischen-bundesamtes-uber-die-wirtschaftsleistung-im-jahre-2006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2004","title":{"rendered":"Anmerkungen zu den Daten des Statistischen Bundesamtes \u00fcber die Wirtschaftsleistung im Jahre 2006"},"content":{"rendered":"<p>Wir freuen uns wirklich dar&uuml;ber, dass die Konjunktur wieder etwas angezogen und das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,5 Prozent angestiegen ist. Muss man aber deshalb wie der neue Pr&auml;sident des Statistischen Bundesamtes gleich von einem <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/presse\/deutsch\/pk\/2007\/bip2006_statement-radermacher.pdf\">&bdquo;kr&auml;ftigen&ldquo; Wirtschaftswachstum [PDF &ndash; 520 KB]<\/a> sprechen. &bdquo;Kr&auml;ftig&ldquo; gewachsen ist das BIP zwischen 1950 und 1960 mit durchschnittlich 8,2% oder in den 60er Jahren mit 4,4%, oder in den 70er Jahren mit teilweise knapp 5% oder gar noch w&auml;hrend des Einigungsbooms Anfang der 90er Jahre mit &uuml;ber 5% (<a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/presse\/deutsch\/pk\/2007\/bip2006i.pdf\">Schaubild 2 [PDF &ndash; 908 KB]<\/a>). Davon kann man heute nur noch tr&auml;umen. &Auml;hnliche relativierende Warnungen vor allzu gro&szlig;er Euphorie sind auch bei anderen Daten angezeigt. Wolfgang Lieb.<br>\n<!--more--><\/p><ul>\n<li>Mit 2,5 Prozent Wachstum liegt Deutschland immer noch (zwar knapp) unter dem Durchschnitt der Eurozone mit 2,6%. Im Vergleich zu den Niederlanden (Wachstum 3,0%), &Ouml;sterreich (3,1%), den USA (3,4%) Spanien (3,8%) oder Irland (5,5%, wobei dieser Prozentsatz kritisch zu betrachten ist, weil Irland mit seinem Steuerdumping auch viele blo&szlig;e Buchungsgewinne erzielt) liegt Deutschland immer noch deutlich zur&uuml;ck.<br>\nGar nicht zu Reden von der Wachstumsrate in Schweden von 4%. Die deutlich h&ouml;heren Wachstumsraten in den Baltischen L&auml;ndern und in den mittel- und osteurop&auml;ischen Staaten lassen sich wegen der v&ouml;llig unterschiedlichen Ausgangsgr&ouml;&szlig;en kaum als Vergleich heranziehen.<\/li>\n<li>Dass der Anteil des nominalen deutschen BIP von 2 302,7 Mrd. Euro am gesamten BIP der Eurozone 28% ausmacht, zeigt, wie stark die deutsche Wirtschaft im Verh&auml;ltnis zu seinen Nachbarn ist und wie wichtig Deutschland als &bdquo;Konjunkturlokomotive&ldquo; und als wirtschaftlicher Machtfaktor ist.<br>\nDie Ver&auml;nderung der Wettbewerbsparameter L&ouml;hne, v.a. Lohnst&uuml;ckkosten, Steuern etc. haben einen erheblichen Einfluss auf unsere europ&auml;ischen Mitwettbewerber. So &uuml;bt Deutschland mit seinem nun schon seit Jahren stagnierenden bis r&uuml;ckl&auml;ufigen Reall&ouml;hnen und mit seinem Sozial- und Steuerdumping einen massiven Anpassungsdruck nach unten vor allem auf Frankreich aber auch auf Italien und anderswo aus.<\/li>\n<li>Dass der Preisanstieg mit 1,7% trotz &Ouml;l- und Gaspreisexplosionen unter dem durchschnittlichen Preisanstieg der letzten 5 Jahre liegt  und erheblich unter der Inflationsrate unserer europ&auml;ischen Nachbarn, zeigt wie sch&auml;dlich die dieser Tage zu bef&uuml;rchtende erneute Zinsanhebung der Europ&auml;ischen Zentralbank w&auml;re http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/?p=106 . Es besteht die gro&szlig;e Gefahr,  dass die Zentralbank, &auml;hnlich wie um die Jahrtausendwende, wo etwa das Wachstum von 3,2% im Jahre 2000 durch einen Refinanzierungszinssatz von &uuml;ber 4% ausgebremst wurde (die darauf folgenden Jahre hatte Deutschland praktisch ein sog. &bdquo;Minus-Wachstum&ldquo;) und wie schon Anfang der 90er Jahre aus der Erdrosselung des Einigungsbooms nichts gelernt hat und schon wieder auf die Konjunkturbremse dr&uuml;ckt.<\/li>\n<li>Dass die Erwerbst&auml;tigkeit (im Gegensatz zu 2005 mit einer Abnahme von 0,1%) wieder um 0,7% zugenommen hat, ist erfreulich. Der seit 2001 anhaltende R&uuml;ckgang der sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung ist zum Ende gekommen und es waren 2006 wieder positive Wachstumsraten gegen&uuml;ber dem Vorjahr zu verzeichnen.<br>\n&bdquo;Gleichzeitig gab es auch Zuw&auml;chse bei den Selbstst&auml;ndigen, wenn auch in geringerem Umfang als in den Vorjahren, und <strong>bei den ausschlie&szlig;lich geringf&uuml;gig Besch&auml;ftigten<\/strong>. Neben einer allgemeinen konjunkturellen Aufw&auml;rtsentwicklung hat auch der vermehrte Einsatz gef&ouml;rderter Besch&auml;ftigungsformen, wie der Anstieg gegen&uuml;ber dem Vorjahr bei der Zahl der Arbeitsgelegenheiten nach &sect; 16 Absatz 3 SGB II zur positiven Entwicklung der Erwerbst&auml;tigkeit beigetragen.\n<p>Die Zunahme gerade der prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse tr&uuml;bt die positive Bilanz erheblich.<\/p><\/li>\n<li>Dass die preisbereinigte Bruttowertsch&ouml;pfung am st&auml;rksten im produzierenden (um 4,9%) und im Baugewerbe (4,0 %) zugenommen hat, zeigt, dass nach wie vor das produzierende Gewerbe eine inl&auml;ndische &bdquo;Konjunkturlokomotive&ldquo; ist.<\/li>\n<li>Interpretationsbed&uuml;rftig ist die Verschiebung der Anteile der unterschiedlichen Wirtschaftsbereiche am BIP. W&auml;hrend der Bereich &bdquo;Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister&ldquo; 1991 erst einen Anteil von 23,3% einnahm, ist dieser bis 2006 auf 29,0% gestiegen und nahezu das produzierende Gewerbe (inkl. Bau) mit knapp 30 % erreicht (dessen Anteil lag 1991 noch bei insgesamt 36,6%). Daraus k&ouml;nnte man einen Wandel in die &bdquo;Dienstleistungsgesellschaft&ldquo; ablesen. Dazu m&uuml;sste man aber Genaueres wissen, ob &uuml;ber das sog. Outsourcing nicht schlicht ehemals betriebsinterne Dienstleistungen aus dem produzierenden Gewerbe ausgelagert worden sind. Jedenfalls zeigt auch die neue Statistik, wie wichtig der Anteil des produzierenden Gewerbes nach wie vor ist. Die &ouml;ffentlichen und privaten Dienstleister haben ihren Anteil am BIP in den letzten 15 Jahren kaum ver&auml;ndert. Was sicherlich auch am kontinuierlichen Besch&auml;ftigungsabbau im &Ouml;ffentlichen Dienst liegt.<\/li>\n<li>Erfreulich ist der Anstieg der Bruttoinvestitionen um 6,1%, das zeigt, dass auch wieder mehr investiert und Kapital nicht nur in Finanzanlagen oder ins Ausland abflie&szlig;t.<\/li>\n<li>Nach wie vor schw&auml;chelnd sind die Konsumausgaben, auch wenn sie um 0,9% gestiegen sind und immerhin einen Wachstumsbeitrag von 0,7% geleistet haben.<\/li>\n<li>Eine neuerliche Absage erteilt die Leistungsbilanz an die nach wie vor zirkulierende These von der sog. Basar&ouml;konomie, die ja behauptet hierzulande w&uuml;rden nur noch importierte Vorprodukte zusammen gesteckt, aber keine Werte mehr gesch&ouml;pft. Mit diesen Behauptungen werden auch die st&auml;ndigen Bedrohungen, ja Erpressungen mit Betriebsverlagerungen gest&uuml;tzt.<br>\nDer &Uuml;berschuss beim Au&szlig;enbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt (Exporte abz&uuml;glich Importe von Waren und Dienstleistungen in der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen) lag &ndash; in jeweiligen Preisen gerechnet &ndash; im Jahr 2006 zwar mit 114,1 Milliarden Euro um 1,9 Milliarden Euro unter dem Niveau des Jahres 2005 (116,0 Milliarden Euro), dennoch ist dieser &Uuml;berschuss einer der h&ouml;chsten seit der deutschen Vereinigung im Jahre 1991.<br>\nPreisbereinigt stiegen die Exporte 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 12,4%, die Importe um 12,1%. Daraus ergab sich ein preisbereinigter Export&uuml;berschuss (Au&szlig;enbeitrag), der mit 0,7%-Punkten zum BIP-Wachstum beitrug. D.h. trotz eines Anstiegs der Importe und einem Handelsdefizit vor allem mit China (minus 15 Milliarden) haben die Export&uuml;bersch&uuml;sse den Anstieg der Importe auch 2006 erneut deutliche kompensiert.<br>\nDen Leistungsbilanz&uuml;berschuss, wie wir ihn bei uns feststellen, erzielt man nur, wenn die Wertsch&ouml;pfung im eigenen Land h&ouml;her ist, als die importierte Wertsch&ouml;pfung. Tats&auml;chlich ist der Anteil der internationalen Arbeitsteilung gestiegen. Deutschlands Unternehmen der Autoindustrie zum Beispiel importieren Motoren und andere Teile. Aber es ist eine falsche Behauptung, hierzulande w&uuml;rde nur noch zusammengesteckt. Au&szlig;erdem enthalten die Importe wiederum Leistungen, die vorher exportiert worden sind. Konkret: die Motoren f&uuml;r Audi werden in Ungarn nicht ohne deutsche Zulieferung von Werkzeugmaschinen zum Beispiel gebaut.<\/li>\n<li>Der Au&szlig;enbeitrag auf den ja bei der Debatte um die Verbesserung der &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit&ldquo; st&auml;ndig abgehoben wird und von dem wir ja angeblich so abh&auml;ngig sind, nimmt jedoch beim Anteil am BIP gerade mal 5% ein. Den L&ouml;wenanteil machen mit 58,5% die privaten Konsumausgaben ein. Das beweist einmal mehr, wie wichtig die private Binnennachfrage f&uuml;r das BIP und das wirtschaftliche Wachstum ist und um wie viel wichtiger die Ankurbelung der Binnennachfrage gegen&uuml;ber der von allen Mietm&auml;ulern der Exportindustrie geforderten F&ouml;rderung der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit &ndash; etwa auch durch eine weitere Senkung der Unternehmensteuer.<\/li>\n<li>Doch bei der Binnennachfrage sieht es nach wie vor duster aus. Die Bruttoverdienste haben im Jahre 2006 zwar ein ganz klein wenig, um 0,7% (auf durchschnittlich rd. 2.200 Euro pro Monat) zugenommen, die Nettoverdienste sind jedoch um 0,3% gesunken und liegen stagnierend bei unter 1.500 Euro. Der Nettoverlust ist vor allem auf gestiegene Sozialbeitr&auml;ge (+ 4,3%) sowie eine gleichzeitige Zunahme der Lohnsteuer der Arbeitnehmer (+ 2,7%) zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. (Von wegen also Steuersenkung f&uuml;r die Lohnempf&auml;nger.)<\/li>\n<li>Die gesunkenen Nettol&ouml;hne stehen in einem deutlichen Kontrast zur Steigerung der Arbeitsproduktivit&auml;t (+ 1,8%). Aus dieser Diskrepanz erkl&auml;rt sich auch die anhaltende Senkung der Lohnst&uuml;ckkosten um 1,1%.<\/li>\n<li>Wenn die Menschen dennoch mehr konsumiert haben als im Jahr 2006, so ging das vor allem von den Sparkonten (jedenfalls bei denen, die eines hatten) und deshalb sank auch die notorisch hohe Sparquote der Deutschen leicht auf (im internationalen Vergleich immer noch sehr hohe) 10,5%.<\/li>\n<li>Politisch am problematischsten und kennzeichnend f&uuml;r die zunehmende Spaltung der Gesellschaft ist die weiter voranschreitende Auseinanderentwicklung von Arbeitnehmerentgelten und Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen. Das Auseinanderdriften ist zwar nicht mehr so dramatisch wie 2005, wo die Arbeitnehmerentgelte um 0,7% gesunken und die Verm&ouml;genseinkommen um 6,2% gestiegen sind oder gar im Jahre 2004, wo die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen gar um 10,4% gewachsen sind. Aber die Kluft zwischen dem Anstieg der Arbeitnehmerentgelte (um 1,3%) und der Einkommen aus Kapital und Verm&ouml;gen (mit einem Anstieg um 6,95%) ist immer noch dramatisch, und wenn man das seit Jahren anhaltende Auseinanderdriften summiert, so ergibt sich eine geradezu dramatische Verschiebung.<br>\nDa das Volkseinkommen in H&ouml;he von 1.728 Milliarden Euro insgesamt um 3,1% angestiegen ist, hat sich die Lohnquote (der Anteil des Arbeitnehmerentgeltes am Volkseinkommen) im Jahr 2006 mit 66,2% nochmals deutlich unter der des Vorjahres (67,4%)  gesenkt. Das Kuchenst&uuml;ck f&uuml;r die Lohneinkommen ist damit bereits seit dem Jahr 2000 (72,2%) immer kleiner geworden.<\/li>\n<li>Der Vollst&auml;ndigkeit sei noch erw&auml;hnt, dass der Finanzierungssaldo des Staates mit minus 46,5 Milliarden der weitaus niedrigste Schuldenaufnahmewert im neuen Jahrtausend ist und dass er auch wieder niedriger liegt als Mitte der 90er Jahre. Der Finanzierungssaldo gemessen am BIP ist damit auf -2% gesunken. (das sog. Maastricht-Kriterium ist &ndash; 3%) Deutschland liegt damit inzwischen unter dem Durchschnitt der Euro-Zone mit einem durchschnittlichen Minus von 2,6% und weit hinter Japan mit einem Minus von 6,9% und hinter den USA mit &ndash; 3,8%. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnen wir uns noch nicht an Finnland mit einem Plus von 2,9%, D&auml;nemark (+ 2,8%) oder Schweden (+ 1,5%) messen, aber der Konsolidierungsdruck gemessen an vergleichbaren Staaten hat doch deutlich nachgelassen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Quellen:<\/strong> <\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/presse\/deutsch\/pk\/2007\/bip2006i.pdf\">Alle Daten sind den Informationsmaterialien des Statistischen Bundesamtes entnommen [PDF &ndash; 908 KB]<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/presse\/deutsch\/pm2007\/p0150121.htm\">Statistisches Bundesamt &ndash; weitere Materialien<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir freuen uns wirklich dar&uuml;ber, dass die Konjunktur wieder etwas angezogen und das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 2,5 Prozent angestiegen ist. 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