{"id":201,"date":"2005-07-04T15:24:11","date_gmt":"2005-07-04T14:24:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=201"},"modified":"2019-07-25T11:17:19","modified_gmt":"2019-07-25T09:17:19","slug":"kritik-an-hartz-iv-aus-der-sicht-eines-engagierten-praktikers-vor-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=201","title":{"rendered":"Kritik an Hartz IV aus der Sicht eines engagierten Praktikers vor Ort"},"content":{"rendered":"<p>Fordern ohne zu f&ouml;rdern?<br>\nZwischenbilanz zu Hartz IV aus der Perspektive eines Praktikers vor Ort &ndash; von Joke und Petra Frerichs.<br>\n<!--more--><br>\nEnde Juni 2005 war die letzte Stufe der rot-gr&uuml;nen Arbeitsmarktreform ein halbes Jahr in Kraft. Sie beinhaltet im wesentlichen die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II, die Verk&uuml;rzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes und ein Konzept des &bdquo;Forderns und F&ouml;rderns&ldquo; bei der Stellenvermittlung. Die j&uuml;ngsten Arbeitsmarktdaten weisen darauf hin, dass die Reformen (noch) nicht greifen. Dass die magische Zahl von 5 Mio. Erwerbslosen im zweiten Monat infolge unterschritten ist, wird als saisonbedingter Effekt gewertet. Die Verantwortlichen betonen, ein halbes Jahr sei noch kein angemessener Zeitraum f&uuml;r die Beurteilung der Reformen. Die Kritiker wiederum sehen sich in ihrer grunds&auml;tzlichen Ablehnung der Arbeitsmarktreform best&auml;tigt.<br>\nWir wollten wissen, wie die Reform sich vor Ort auswirkt und wie diejenigen sie beurteilen, die mit ihren Auswirkungen konfrontiert sind. Zu diesem Zweck befragten wir den Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Tr&auml;gervereins &bdquo;Zug um Zug&ldquo; in K&ouml;ln, Dr. Walter Schulz, dessen Einrichtung sich seit ihrem Bestehen (1987) der Integration von arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen verschrieben hat. Der Tr&auml;ger hat wesentlich am sog. K&ouml;lner Modell mitgewirkt. Die folgenden Ausf&uuml;hrungen beruhen auf seinen Erfahrungen mit der Arbeitsmarktreform. <\/p><p><strong>Einsch&auml;tzung der Reform: <\/strong><\/p><p>Unabh&auml;ngig davon, wie man die Wirkung der Reform beurteilt, l&auml;sst sich feststellen, dass die Debatte &uuml;ber Arbeitslosigkeit, die &uuml;ber lange Zeitr&auml;ume hinweg rituelle Formen angenommen hatte, wieder ins Zentrum der &ouml;ffentlichen Aufmerksamkeit ger&uuml;ckt wurde. Durch die Zusammenf&uuml;hrung der beiden Systeme Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe in ein System hat sich die Aufmerksamkeit auf den realen Sockel der Arbeitslosigkeit gelenkt und nicht l&auml;nger auf den fiktiven. Die Arbeitslosenstatistik ist dadurch ein St&uuml;ck ehrlicher geworden. Die arbeitsf&auml;higen Sozialhilfeempf&auml;nger m&uuml;ssen jetzt mitgerechnet werden. Man muss sich jetzt um sie k&uuml;mmern, man muss sie zur Kenntnis nehmen. Dar&uuml;ber ist die Debatte um Arbeitslosigkeit und ihre Folgen erheblich angeheizt worden &ndash; egal wie sie jetzt gef&uuml;hrt wird. Der Effekt, dass der Blick auf Arbeitslosigkeit und Armut gelenkt worden ist, ist sicher nicht unbedingt gewollt an der Stelle; aber das ist eine Auswirkung der Zusammenf&uuml;hrung der beiden Systeme.<br>\nDas zweite, was in Bewegung geraten ist, ist die Auseinandersetzung um die Struktur der Bed&uuml;rftigkeit. Zum erstenmal wird genauer hingeguckt: Wer sind denn alle diese Sozialhilfeempf&auml;nger eigentlich. Und man stellt fest, dass es unglaublich viele Alte, Frauen und Migranten darunter gibt, die insgesamt einen gro&szlig;en Sockel der Langzeitarbeitslosigkeit bilden, um deren soziale Situation sich aber kaum einer gek&uuml;mmert hat. Das sind Auswirkungen der Reform, die ein realistischeres Bild der Arbeitslosigkeit vermitteln, als es bisher der Fall war. <\/p><p>Wichtig ist auch, dass eine &ouml;ffentliche Diskussion &uuml;ber die H&ouml;he des Existenzminimums eingesetzt hat. Das ist eine tiefgreifende Geschichte. Dadurch wird transparenter, was als Existenzminimum in dieser Gesellschaft gelten soll und was unbedingt dazu geh&ouml;rt. Zum erstenmal erhalten Sozialhilfeempf&auml;nger Rentenleistungen. Und sie sind zum erstenmal in die Krankenversicherung einbezogen. Bisher hat die Kommune die Krankenkosten des Sozialhilfeempf&auml;ngers bezahlt, jetzt ist es eine Versicherungsleistung. Darin kann man ein Konzept der St&auml;rkung des Individuums, der individuellen Verantwortung, sehen. Das Konzept zielt darauf, diese Leistungen aus der Bevormundung der Kommune herauszul&ouml;sen und in einen eigenen Anspruch zu &uuml;berf&uuml;hren.<br>\nDas Problem ist, dass diese an sich positiven Ma&szlig;nahmen mit einer Krise der Sozialsysteme zusammen fallen. Dadurch wird aus einem &bdquo;Entstaatlichungskonzept&ldquo; ein defizit&auml;res. Jedenfalls wird es in weiten Teilen der &Ouml;ffentlichkeit und seitens der Betroffenen vielfach so wahrgenommen. In Wirklichkeit sind es gr&ouml;&szlig;tenteils Sozialhilfebezieher, die in diesen Systemen gesteckt haben &ndash; 80% Sozialhilfe- und 20% Arbeitslosenhilfebezieher. F&uuml;r diese hat es vielfach zur Verbesserung der sozialen Situation gef&uuml;hrt, denn der Sozialhilfebezieher bekommt ja etwas mehr Geld statt weniger. Problematisch ist die Situation im Osten. Durch die Tradition der Arbeitsbeschaffungsma&szlig;nahmen und die traditionell viel h&ouml;here Frauenbesch&auml;ftigung &ndash; auch in den ABMs hat es viel mehr Frauen gegeben &ndash; waren oft beide Partner im Leistungsbezug. Und da f&auml;llt jetzt einer hinten runter. W&auml;hrend sie fr&uuml;her zwei selbst&auml;ndige Einkommen aus der Arbeitslosenhilfe hatten, haben sie jetzt nur noch ein selbst&auml;ndiges und ein abgeleitetes. Und das ist nat&uuml;rlich ein dramatischer Einbruch, auch weil es vor allem Frauen trifft und damit den ganzen Emanzipationsansatz des unabh&auml;ngigen Status der Frauen v&ouml;llig zerst&ouml;rt. Deswegen wird ein gro&szlig;er Teil der ganzen Hartz IV-Diskussion von der zentralen Erfahrung im Osten bestimmt. Von dem Absturz dieser Personengruppe. Denn nat&uuml;rlich nimmt man viel eher wahr, dass diese von 800 auf 500 Euro abst&uuml;rzen, als wenn ein Sozialhilfeempf&auml;nger statt 370 jetzt 430 Euro erh&auml;lt. <\/p><p><strong>Zum Konzept &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; <\/strong><\/p><p>Kernst&uuml;ck der Arbeitsmarktreformen ist das Konzept &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo;. In der Umsetzung zeigen sich unerwartete Schwierigkeiten. Nicht nur fehlt es ganz offensichtlich an geeigneten Arbeitspl&auml;tzen; auch das Wissen &uuml;ber die von den Ma&szlig;nahmen betroffenen Personengruppen erweist sich als defizit&auml;r. Dazu einige Anhaltspunkte: Bei der Erfassung des Personenkreises, der bisher Arbeitslosenhilfe bezog, stellte sich schnell heraus, dass &uuml;ber deren Bedarfe, Struktur und Befindlichkeit eigentlich wenig bekannt war. Jetzt hat man erstmals angefangen, sich damit zu besch&auml;ftigen: Was ist deren Problemlage? Und was muss man tun, wenn man intervenieren will? W&auml;hrend es (zumindest in K&ouml;ln) f&uuml;r die Leute, die in der Sozialhilfe waren, ein individuell ausgerichtetes Instrumentarium des F&ouml;rderns gab, fehlte dies bei den Arbeitslosenhilfeempf&auml;ngern v&ouml;llig.<br>\nJetzt kann man feststellen: Es gibt einen Schub in Richtung Mobilisierung wie z.B. mehr Anfragen nach Arbeit f&uuml;r diese Leute. Die Tatsache, dass jemand einen Brief von der Arbeitsagentur bekommt, er solle sich da und da melden, schafft Unruhe. Wenn hinter dieser Unruhe ein Job st&uuml;nde, w&auml;re diese Unruhe produktiv. Die Tatsache, dass dahinter nur ein Erfassungsgespr&auml;ch steht, ist nat&uuml;rlich nichts Produktives. <\/p><p>Es gibt dar&uuml;ber hinaus eine intensivere Diskussion dar&uuml;ber, dass die Arbeitslosigkeit der &uuml;ber F&uuml;nfzigj&auml;hrigen oder gerade auch der &uuml;ber f&uuml;nfzigj&auml;hrigen Migranten oder der Ungelernten sich soweit verfestig hat, dass man jetzt &uuml;berlegt, brauchen wir zus&auml;tzliche Konzepte, um diese zu f&ouml;rdern oder m&uuml;ssen wir uns da nicht eingestehen: Die Leute sind in einer Weise durch Arbeit fr&uuml;her k&ouml;rperlich verbraucht oder sie sind in einer Weise vom Arbeitsmarkt abgeh&auml;ngt, dass es ihnen &uuml;berhaupt nicht mehr gelingt, in die Vermittlung zu kommen. M&uuml;ssen wir uns da nicht entschlie&szlig;en zu sagen: Die lassen wir jetzt in Ruhe, die haben Hartz IV, die &uuml;berlassen wir ihrer Eigeninitiative, sich noch etwas dazu zu verdienen, aber es steht ihnen eine gesicherte Leistung, so was wie eine Grundsicherung zu.<br>\nIn diesem Zusammenhang gibt es dann auch die &Uuml;berlegung, so etwas einzuf&uuml;hren wie zus&auml;tzliche F&ouml;rderungen, also die Integrationsjobs wie z.B. 1-Euro-Jobs, aber die m&uuml;ssen dann mindestens drei Jahre dauern, sonst lohnen sie sich in dem Alter nicht mehr. Da hat sich eine Diskussion aufgetan, dass man eigentlich einen Sektor von &ouml;ffentlich gef&ouml;rderter Besch&auml;ftigung braucht, um den Leuten etwas anzubieten, weil sie von den individuellen Voraussetzungen her das drastische Tempo, das der globalisierte Arbeitsmarkt verlangt, nicht mehr bringen k&ouml;nnen. <\/p><p><strong>Institutionelle Probleme bei der Umsetzung der Reformen : Herrschafts- versus Dienstleistungsorientierung <\/strong><\/p><p>Bisher kann noch nicht die Rede davon sein, dass die Instrumentarien, mit deren Hilfe die Reformen umgesetzt werden sollen, wirklich greifen. Das hat u.a. institutionelle Ursachen. Die Arbeitsagenturen tun sich unheimlich schwer, ihre eigenen Instrumentarien auf den Weg zu bringen. Die Schwierigkeit ist, dass sie zwei Dinge machen m&uuml;ssen: Sie m&uuml;ssen die neuen Anspr&uuml;che der Kundschaft bew&auml;ltigen, aber zugleich m&uuml;ssen sie sich auch selbst ver&auml;ndern. Dieser Selbstfindungsprozess steckt noch in den Anf&auml;ngen. In K&ouml;ln z.B. lassen sich zwei Denkweisen feststellen: Da ist einmal das Sozialamt, das in den letzten f&uuml;nf Jahren umgebaut worden ist und sich bereits fr&uuml;hzeitig auf &bdquo;Dienstleistungen&ldquo; hin orientiert hat. Mit denen klappt die Zusammenarbeit auf der Ebene von Dienst- und Leistungsvereinbarungen f&uuml;r Arbeitssuchende hervorragend. Die Zusammenarbeit der Tr&auml;ger mit der Kommune funktioniert deshalb, weil es auf beiden Seiten einen gro&szlig;en Vertrauensvorschuss gibt. Auf der anderen Seite ist festzustellen, dass die Tradition der Agentur f&uuml;r Arbeit, des Arbeitsamtes, bisher ganz eindeutig &bdquo;herrschaftsorientiert&ldquo; war. Die Arbeitsagentur versucht, die Ma&szlig;nahmen zu bestimmen und den Ma&szlig;nahmenverlauf bis ins Detail zu kontrollieren. Sie verlangen, dass die Leute sich dem anpassen; nicht nur die Arbeitssuchenden, auch die Tr&auml;ger von Ma&szlig;nahmen. Hier ist noch das Kontrollinteresse dominant, statt zu sehen, dass f&uuml;r das Gelingen von Ma&szlig;nahmen oft individuelle Angebote viel erfolgreicher sind. Diese beiden Sichtweisen passen gegenw&auml;rtig noch nicht zusammen. Nicht, dass sich die Leute auf der pers&ouml;nlichen Ebene bek&auml;mpfen w&uuml;rden. Es sind einfach unterschiedliche, institutionell gepr&auml;gte Denk- und Organisationsstrukturen. Insbesondere auf Seiten der Arbeitsagentur l&auml;sst sich feststellen, dass diese als Institution noch sehr im Findungsprozess ihrer neuen Arbeitskultur begriffen ist. Nicht zuletzt dadurch werden die Wirkungen der Arbeitsmarktreformen erheblich abgebremst. Man gewinnt den Eindruck, dass diejenigen, die die Reform umsetzen sollen, oft nicht wissen, wie sie dies tun sollen. Das liegt nicht daran, dass das alles unverbesserliche B&uuml;rokraten w&auml;ren, dass die alle nicht wollten, sondern das liegt daran, dass da unglaublich lange g&uuml;ltige und angeblich bew&auml;hrte Methoden der Arbeitsf&ouml;rderung von einem Tag auf den anderen f&uuml;r obsolet erkl&auml;rt wurden. <\/p><p><strong>Hohe Besch&auml;ftigungsquote bei gleichzeitigem Lohndumping <\/strong><\/p><p>Dass der Arbeitsmarkt sich bewegt, zeigt sich u.a. daran, dass die Besch&auml;ftigungsquote noch nie so hoch war wie zur Zeit. Aber durch die Hereinnahme der bisher nicht registrierten Arbeitslosen kommt dieser Effekt statistisch nicht zum Tragen. Tatsache ist aber, dass unsere Job-B&ouml;rsen mehr vermitteln. Dabei wirken zweierlei Dynamiken mit: Es wird wieder einfachere Arbeit nachgefragt, weil die Firmen merken, dass sie bestimmte Arbeitsbereiche nicht ungestraft vernachl&auml;ssigen k&ouml;nnen. Und gleichzeitig bewegen sich auch die arbeitslosen Menschen auf bisher ungeliebte T&auml;tigkeiten zu, weil sie nicht in Hartz IV abrutschen wollen. Diese an sich positiven Auswirkungen haben allerdings katastrophale Folgen auf dem Arbeitsmarkt. Wir haben es damit zu tun, dass die Leute bereit sind, nahezu jede Arbeit zu &uuml;bernehmen, mit der Folge, dass die Unternehmen sagen: Wenn die so gewillt sind, alles zu machen, dann arbeiten die auch f&uuml;r weniger Geld. <\/p><p>Unser Experte berichtet von einem Fall: Ein Unternehmen ruft in der Job-B&ouml;rse an, bietet eine Arbeitsstelle an und fragt nach Integrationszusch&uuml;ssen. Der Integrationszuschuss bei Einstellung in den ersten Arbeitsmarkt kann gew&auml;hrt werden, das sieht das Gesetz vor: Abh&auml;ngig von der Lohnh&ouml;he kann ein Teil des Lohns gezahlt werden f&uuml;r eine &Uuml;bergangszeit von 6 Monaten. Der Integrationszuschuss ist in der Vergangenheit ein bew&auml;hrtes Modell gewesen, weil man mit einem relativ geringen Aufwand die Anlaufschwierigkeiten mitfinanziert und die Arbeitslosen dauerhaft aus dem Leistungsbezug raus sind. Dieses Unternehmen bietet also eine Stelle an, fragt nach einem Integrationszuschuss in H&ouml;he von 300 Euro. Auf die Frage, wie hoch denn das Bruttoeinkommen sei, weil das ja in Relation gesetzt werden muss, lautet die Antwort: 500 Euro. F&uuml;r 38,5 Stunden w&ouml;chentlich ein Monatseinkommen von 500 Euro! Daraufhin hat man darauf hingewiesen, dass bestimmte tarifliche Mindeststandards einzuhalten seien. Das wiederum hatte ein w&uuml;stes Gezeter zur Folge: Dadurch w&uuml;rde die Einrichtung eines Arbeitsplatzes verhindert usw.<br>\nDas ist genau die Problematik, dass auf der F&ouml;rderseite, ja sogar noch auf der staatlichen F&ouml;rderseite, eine Bereitschaft besteht, eine derartige Tendenz, die nur noch Mitnahmeeffekte auf der Kapitalseite erzeugt, zu unterst&uuml;tzen. Damit aber wird jedes F&ouml;rderinstrument bereits im Ansatz kaputt gemacht. <\/p><p><strong>Forderung nach Mindestlohn <\/strong><\/p><p>Die in dem Fallbeispiel zutage tretenden Tendenzen werden sich ausweiten, wenn es nicht gelingt, einen gesetzlichen Mindestlohn durchzusetzen. Diese Forderung l&auml;sst sich durch Erfahrungen in England und Holland erh&auml;rten. Dort hat man dieselben Arbeitsmarktreformen relativ erfolgreich umgesetzt, weil andere Ausgangsbedingungen herrschten. Der entscheidende Unterschied besteht &ndash; vor allem in England &ndash; im existierenden Mindestlohn. Die Engl&auml;nder haben gesagt: Jeder, der arbeiten kann, muss arbeiten. Aber er erh&auml;lt einen Mindestlohn. Die Regierung hat nicht wie bei uns auf jedes gesellschaftliche Geschrei reagiert, sondern war bereit, das durchzusetzen. Die haben den Mindestlohn und ein hartes Kontrollsystem mit Bestrafung der Unternehmen, die das Mindestlohngebot verletzen. Und mit dem Mindestlohn haben sie genau den Effekt vermieden, der in unserem System zu unerw&uuml;nschten Effekten f&uuml;hrt. Hier bietet man den Leuten Stellen an, wo sie am Ende weniger verdienen als im Leistungsbezug. Das macht keinen Sinn. Das spielt der Mensch, der sich ja ansonsten immer als &bdquo;homo oeconomicus&ldquo; verhalten soll, zu Recht nicht mit. Das kann nicht Sinn der Entwicklung sein! Der Mindestlohn w&auml;re genau das als Erg&auml;nzung, was jetzt gebraucht w&uuml;rde. Dann w&uuml;rde es sich f&uuml;r die Betroffenen lohnen, sich zu bewegen. Aber so wird sich jeder sagen: Warum soll ich mich freiwillig den Berg runterst&uuml;rzen? Bei gro&szlig;en Firmen wie beispielsweise &bdquo;Bayer Leverkusen&ldquo;, die sich in den letzten Jahren einen Fu&szlig;ballklub f&uuml;r 200 Millionen Euro leisteten, w&uuml;rde sich ein Mindestlohn im Promillesatz des Jahresergebnisses auswirken. Aber f&uuml;r die Leute w&auml;re es ein Anreiz.<br>\nIn Deutschland ist genau dieser Schritt nicht gemacht worden. Stattdessen erz&auml;hlt man den Leuten, wir dehnen das Entsendegesetz auf alle Branchen aus. Warum soll ich mich denn als Unternehmen darauf freiwillig einlassen? Das ist eine der entscheidenden Stellen, wo die Reform stecken geblieben ist. Stattdessen gab es eine gro&szlig;e Koalition des Einschr&auml;nkens. Notwendig aber w&auml;re eine &bdquo;politische Kultur des F&ouml;rderns&ldquo; zugunsten von Langzeitarbeitslosen gewesen. Aber die ist im Gerangel des politischen Alltagsgesch&auml;fts zerbrochen. Da ist genau die entscheidende Schwachstelle von Hartz IV. Und das wirkt sich dann gesellschaftlich aus. Mindestlohn, das sagt jeder, der sich schon einmal mit Konjunkturtheorien besch&auml;ftigt hat: Mindestlohn bedeutet Anheizen der Binnenkonjunktur, also genau das, woran es bei uns fehlt. Bei uns wird gerade &uuml;ber Hartz IV, &uuml;ber diese M&ouml;glichkeit des Lohndumpings, das die Arbeitgeber sofort genutzt haben, die Binnenkonjunktur weiterhin abgew&uuml;rgt. Mit einem relativ einfachen, wenn auch gesellschaftlich und politisch konsequent durchzusetzenden Gesetz lie&szlig;e sich dies vermeiden. Und daf&uuml;r lie&szlig;e sich auch eine Mehrheit finden. Denn auch das Argument mit der sog. Branchendifferenzierung sticht ja nicht. Es ist doch keiner Branche untersagt, mehr zu zahlen als den Mindestlohn. Warum hei&szlig;t denn Branchendifferenzierung immer, dass nach unten korrigiert werden muss? Der Mindestlohn hat sich ohnehin nicht an der Branche, sondern am Lebensniveau einer Gesellschaft zu orientieren. <\/p><p>Die Reformen sind in diesem Punkt ein schlechter Kompromiss in der Forderseite und halbherzig in der F&ouml;rderseite. Halbherzig, ungen&uuml;gend und letzten Endes auch ziellos. <\/p><p><strong>Integrationsjobs nur als Dienstleistung, nicht im Handwerk <\/strong><\/p><p>Eine weitere Schw&auml;che der Reform wird in der Ausrichtung von Integrationsjobs auf Dienstleistungen gesehen. Mit der Orientierung auf den Sektor Gemeinn&uuml;tzigkeit, Wohlfahrtspflege, werden ganze Traditionen von Berufst&auml;tigkeiten ausgeblendet, n&auml;mlich alle, die aus der Industriearbeiterschaft kommen. Denen wird gesagt, sie k&ouml;nnten in die Alten- oder Behindertenpflege gehen. Aber wer 30 Jahre beim Krupp oder Ford geschafft hat, ist nicht morgen in der Altenpflege einsetzbar. Weder psychisch noch physisch. Da wird dann gesagt, der soll den Alten etwas vorlesen &ndash; aber dazu muss man lesen und schreiben k&ouml;nnen. Ein Gro&szlig;teil der in Frage kommenden Personen sind Migranten ohne entsprechend ausreichende F&auml;higkeiten , da kann das gar nicht funktionieren. Und etwa einem m&auml;nnlichen (Migranten-) Jugendlichen, dem eine Betreuungsdienstleistung v&ouml;llig fremd ist, so etwas als seine Lebensperspektive anzudienen, das geht v&ouml;llig an der Zielgruppe vorbei. (Ausnahmen best&auml;tigen selbstverst&auml;ndlich die Regel). Auch zu sagen, da braucht man nichts zu k&ouml;nnen in diesem Bereich und au&szlig;erdem tut es dem Kapital nicht weh, da keine Konkurrenz f&uuml;r richtige Arbeitspl&auml;tze entstehen kann, geht an der Wirklichkeit vorbei. Diese Ignoranz gegen&uuml;ber T&auml;tigkeiten der Alten-, Kinder- und Behindertenhilfe und der dort geforderten Kompetenz ist unglaublich. Und zu glauben, dies mit den individuellen Perspektiven der Menschen vereinbar, zeugt schlichtweg von Unkenntnis. Dass die sich dagegen wehren, ist doch klar. Also wenn man hier etwas erreichen will, muss man die Lebenswirklichkeit der Menschen im Auge haben. In Tr&auml;gervereinen wie &bdquo;Zug um Zug&ldquo; hat man gerade mit der Integration von Arbeitslosen in handwerkliche Jobs gute Erfahrungen gemacht. Daher w&auml;re es wichtig, auch weiterhin auf handwerkliche oder industrielle T&auml;tigkeiten zu orientieren, da viele arbeitslose Jugendliche vor allem in diesen Berufen Perspektiven sehen. Aber gerade das sind die Bereiche der Bildungs- und Integrationsf&ouml;rderung, die bei der Umsetzung von Integrations-Jobs nur noch sehr m&uuml;hsam aufrecht erhalten werden k&ouml;nnen, weil die ausschlie&szlig;liche Orientierung auf Dienstleistungen dies erschwert. Es gibt Leute, f&uuml;r die das richtig ist, aber was geschieht mit all den anderen? <\/p><p><strong>Deutschunterricht f&uuml;r Migranten <\/strong><\/p><p>Eine zunehmend wichtiger werdende Aufgabe bleibt die F&ouml;rderung des Deutschunterichts f&uuml;r Migranten. Dieser Bereich ist deshalb so bedeutsam, weil sich unter den Migranten sehr viele hochqualifizierte Kr&auml;fte befinden, die aber trotz ihrer hohen Qualifikation z.B. als Physiker, auf einem Arbeitsmarkt unserer Art nicht bestehen k&ouml;nnen. U.a. deswegen, weil sie mit der Arbeitssystematik und mit den Strukturen nicht zurecht kommen, zum anderen aber auch deswegen, weil ihnen einfach die sprachlichen Voraussetzungen fehlen. Viele sind hoch motiviert, kommen auch gut zurecht, w&uuml;rden sich auch umstellen. Da ist das Instrument Deutschunterricht unverzichtbar. Und das kommt gut an: Morgens der Sprachunterricht und nachmittags ist man zusammen, arbeitet im praktischen Bereich und hat die M&ouml;glichkeit der Erprobung. Der Deutschunterricht steht ganz klar im Mittelpunkt. Aber die F&ouml;rderungsdauer von einem halben Jahr ist zu kurz. In der ganzen Zeit findet ja auch die Begleitung, die Betreuung, die Regelung sonstiger Angelegenheiten statt. Dann darf am Ende aber nicht stehen, dass es Unternehmen gibt, die sagen: Solche Leute arbeiten auch f&uuml;r 300 Euro. Dann hat keinerlei F&ouml;rderung und Integration eine Chance. Eine Gesellschaft, die integrieren will, muss den Menschen auch etwas anbieten. Keiner kann es sich erlauben, f&uuml;r Geld zu arbeiten, das noch nicht mal die Miete ausmacht. Bei uns herrscht eine Tendenz vor, denen, die kein deutsch k&ouml;nnen, ihre Defizite vorzuhalten. Aber vielleicht k&ouml;nnen diese Leute zwei, drei, f&uuml;nf andere Sprachen! Wir handeln z.B. mit der T&uuml;rkei. Die T&uuml;rkei geh&ouml;rt mittlerweile zu einem der gr&ouml;&szlig;ten Exportbereiche, aber keiner kommt auf die Idee, dass es doch toll w&auml;re, vornehmlich zweisprachige Leute einzusetzen. Kein Apotheker w&uuml;rde &uuml;berleben, wenn er nicht mit t&uuml;rkischem Personal arbeitete. Die wissen das. Die Apotheken sind die einzigen Gesch&auml;fte, in die sowohl Migranten als deutsche Kundschaft reingehen. Da m&uuml;ssten wir mal den Schluss draus ziehen, dass das gute Gesch&auml;ft nur zwei- oder dreisprachig l&auml;uft. <\/p><p><strong>Die K&ouml;lner JobB&ouml;rsen <\/strong><\/p><p>Gegen die Tendenz, die Menschen immer nur als defizit&auml;r zu betrachten, arbeiten Einrichtungen wie die K&ouml;lner Job-B&ouml;rsen bei der Vermittlung an. Hier ist eine der Erfahrungen, dass der Vertreter der Job-B&ouml;rse den ersten Besprechungstermin f&uuml;r den Arbeitslosen selbst wahrnimmt und mit dem potentiellen Arbeitgeber die vermeintlichen Defizite des Betreffenden schon vorab kl&auml;rt. Das ist wichtig, damit der Arbeitslose dann mit seinem k&uuml;nftigen Arbeitgeber &uuml;ber die Dinge reden kann, die er kann. Allein die Tatsache motiviert ganz viele Leute, zum Vorstellungsgespr&auml;ch zu gehen, die sonst nicht hingingen. Die keinen Bock mehr haben, sich immer nur mit ihren Defiziten auseinander zu setzen. Das ist die Hauptleistung der JobB&ouml;rsen, sozusagen die defizit&auml;re Seite schon abgekl&auml;rt zu haben, indem sie fragen: Was brauchen Sie vom Bewerber? So wird abkl&auml;rt, ob jemand einen F&uuml;hrerschein f&uuml;r die entsprechende T&auml;tigkeit braucht oder Sprachkenntnisse oder was auch immer. Der Arbeitslose muss sich dann nicht mehr bei der Bewerbung um eine neue Stelle und in seinem neuen Lebenszusammenhang als defizit&auml;re Person pr&auml;sentieren, sondern er pr&auml;sentiert sich als jemand, der was kann. Und damit hat er einen ganz anderen Einstieg. Und er hat sich ja nicht um die Stelle als Generaldirektor beworben. Das Defizit&auml;re kommt nicht mehr zur Sprache, liegt im Schreibtisch &ndash; und die St&auml;rke wird vermittelt. <\/p><p><strong>Abschlie&szlig;ende Bemerkung <\/strong><\/p><p>Aus der Perspektive der Praxis eines Tr&auml;gervereins, der sich mit der Integration und Qualifizierung von Arbeitslosen befasst, wird folgender Ver&auml;nderungsbedarf bei den Arbeitsmarktreformen artikuliert: <\/p><ol>\n<li>Es sind Korrekturen insbesondere im Hinblick auf &Auml;ltere, Frauen und Migranten erforderlich, die der spezifischen Situation der jeweiligen Gruppe Rechnung tragen. So muss beispielsweise Frauen oder Ehepartnern oder Menschen in Lebensgemeinschaften generell ein eigener Anspruch auf Unterhalt und F&ouml;rderung zugebilligt werden. Au&szlig;erdem m&uuml;ssen f&uuml;r &Auml;ltere und Migranten wirksame F&ouml;rderprogramme entwickelt werden, die den bisherigen Erfahrungen mit der Qualifizierung und Integration dieser Gruppen entsprechen. Generell gilt: Jeder Mensch muss einen eigenen Anspruch auf F&ouml;rderung haben.<\/li>\n<li>Programme f&uuml;r Jugendliche m&uuml;ssen umfassend, generell qualifizierend und bildungsorientiert angelegt sein. Ohne diese Ausrichtung, als blo&szlig;es Instrument der Disziplinierung, schlagen sie ins direkte Gegenteil um, verst&auml;rken den Verlust von Kompetenz und Engagement.<\/li>\n<li>Die zentrale Reform ist nur wirksam, wenn es einen gesetzlichen Mindestlohn gibt. Ansonsten verpuffen wesentliche Aspekte der F&ouml;rderma&szlig;nahmen.<\/li>\n<li>Wenn man f&ouml;rdern will, dann braucht man individuell angemessene Laufzeiten f&uuml;r Ma&szlig;nahmen. Zu sagen, wir f&ouml;rdern Leute mit sprachlichen oder fachlichen Defiziten oder gesundheitlichen Problemen, aber in einem halben Jahr muss die Ma&szlig;nahme zu Ende sein, ist inkonsequent. Was soll nach einem halben Jahr mit den Teilnehmern einer Ma&szlig;nahme geschehen? Derartige Probleme m&uuml;ssen angemessen gel&ouml;st werden, wie &uuml;berhaupt eine gr&ouml;&szlig;ere Flexibilit&auml;t in den F&ouml;rderma&szlig;nahmen w&uuml;nschenswert w&auml;re.<\/li>\n<li>Um soziale Ungerechtigkeiten beim Leistungsbezug zu mindern, sollte entweder die Bezugsdauer vom Arbeitslosengeld flexibler gestaltet, nach den Jahren der Beitragszahlung etwa, oder es k&ouml;nnten drei oder vier (steuerfinanzierte) ALG II-Stufen einrichtet werden. Auch ist die pauschale Festlegung auf 345 Euro (im Westen) oder 331 Euro (im Osten) im Rahmen des ALG II unzureichend. Eine Ost-West-Angleichung w&auml;re ebenso geboten wie eine st&auml;rkere Ber&uuml;cksichtigung der individuellen sozialen Situation.<\/li>\n<li>Die Arbeitsgemeinschaften (ARGE), die mit der Umsetzung des SGB III gefordert sind, werden immer noch mit zu vielen Routinearbeiten befasst. Dazu geh&ouml;rt in Fortf&uuml;hrung alter Traditionen die Art der Aktenf&uuml;hrung oder die Anfertigung von zu vielen Statistiken. Es wird viel zu viel Wert seitens der Arbeitsagenturen auf den detaillierten Nachweis einzelner Elemente von F&ouml;rderma&szlig;nahmen gelegt. Hier war die pragmatische, dem Tr&auml;ger mehr Raum lassende Praxis der Kommune in K&ouml;ln beispielhaft. Weniger Kontrollwahn w&auml;re manchmal von Vorteil. Denn nur so wird sich die Organisationskultur der Arbeitsgemeinschaften selbst ver&auml;ndern lassen, die mehr auf Kooperation mit den Tr&auml;gern statt auf Kontrolle ausgerichtet sein m&uuml;sste.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fordern ohne zu f&ouml;rdern?<br \/> Zwischenbilanz zu Hartz IV aus der Perspektive eines Praktikers vor Ort &ndash; von Joke und Petra Frerichs.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,140],"tags":[518,1737,308,317,479],"class_list":["post-201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","tag-arbeitslosenstatistik","tag-ein-euro-jobs","tag-existenzminimum","tag-mindestlohn","tag-reservearmee"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=201"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53671,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions\/53671"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}