{"id":203,"date":"2005-07-15T15:37:37","date_gmt":"2005-07-15T14:37:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=203"},"modified":"2019-03-02T13:52:35","modified_gmt":"2019-03-02T12:52:35","slug":"italien-oder-deutschland-wer-ist-europas-groster-sunder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=203","title":{"rendered":"Italien oder Deutschland \u2013 Wer ist Europas gr\u00f6\u00dfter S\u00fcnder?"},"content":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, FTD, 7. 7. 2005<br>\n<!--more--><br>\nIst es nicht komisch? Derzeit fragt sich die ganze Welt, was in der europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion los ist und niemand scheint eine wirklich schl&uuml;ssige Antwort zu finden. Nur der Tatbestand ist klar: Die Wachstumsraten laufen auseinander und Italien hat ein gewaltiges Problem mit seiner internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit. Die Gr&uuml;nde daf&uuml;r aber liegen scheinbar im Dunkeln. Die einen philosophieren &uuml;ber mangelnde finanzpolitische Flexibilit&auml;t, die anderen &uuml;ber mangelnde Flexibilit&auml;t der Geldpolitik; einige beklagen allgemein zu wenig flexible L&ouml;hne, anderen sind die Strukturanpassungen nicht weit genug gegangen. Besonders hervor tut sich die Europ&auml;ische Zentralbank, die sich peinlich h&uuml;tet, Klartext zu reden, obwohl die Fakten auf ihrem eigenen Tisch liegen. Warum wird so furchtbar viel Allgemeines hin und hergew&auml;lzt wird, statt Ross und Reiter in dieser europ&auml;ischen Krise eindeutig zu benennen? <\/p><p>Der Zusammenhang, um den es geht, ist extrem einfach. Eine W&auml;hrungsunion, die, sagen wir, eine Inflationsrate von 2 % anstrebt, kann auf Dauer nur funktionieren, wenn im Durchschnitt der gesamten Union die Steigerungsraten der Nominall&ouml;hne in der gesamten Wirtschaft Jahr f&uuml;r Jahr nicht um mehr als 2 % &uuml;ber dem Produktivit&auml;tszuwachs liegen. Dann steigen die Lohnst&uuml;ckkosten ebenfalls um zwei Prozent und, weil selbst die Europ&auml;ische Zentralbank zugibt, dass die gesamtwirtschaftlichen Lohnst&uuml;ckkosten die entscheidende Stellgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Inflationsrate sind, kann es von der Kostenseite her kein Problem f&uuml;r die gesamte W&auml;hrungsunion geben. <\/p><p>Jedes einzelne Mitglied muss also mit seinen L&ouml;hnen immer genau zwei Prozent &uuml;ber seiner Produktivit&auml;tsrate bleiben, wie gro&szlig; die auch immer sein mag, dann wird die Wettbewerbsf&auml;higkeit jeder einzelnen Volkswirtschaft gerade erhalten und kein einzelnes Land kann in die Bredouille geraten. Wer nach oben von den zwei Prozent abweicht, verliert Wettbewerbsf&auml;higkeit und Marktanteile, wer nach unten abweicht, gewinnt beides. Wer einmal nach oben abgewichen ist, muss sp&auml;ter in genau dem gleichen Masse nach unten. Gelingt ihm das nicht, verliert er auf alle Zeiten Marktanteile gegen den, der kosteng&uuml;nstiger produziert. <\/p><p>So einfach ist das und offenbar doch ganz schwer f&uuml;r viele nationale und internationale Beobachter. Sobald n&auml;mlich das konkrete Ross und sein Reiter auftauchen, fallen manchen die Augen aus, weil sie nicht glauben k&ouml;nnen und wollen, was sie sehen. Da erscheint in der Tat die unglaublich flexible deutsche Volkswirtschaft, die mehr als alle anderen mit ihren L&ouml;hnen nach unten abgewichen ist und folglich einige lahme Mitstreiter in S&uuml;deuropa aus dem Felde schl&auml;gt. Die mit Abstand flexibelsten L&ouml;hne hat Deutschland, das Land also, in dem die eigenen Politiker und &ouml;konomischen Kommentatoren nicht m&uuml;de werden, den unflexiblen Arbeitsmarkt und die unflexiblen L&ouml;hne lauthals zu beklagen. <\/p><p>Das kann nat&uuml;rlich nicht sein, weil es nicht sein darf. Folglich schlie&szlig;en alle Deutschland-Kritiker ganz fest die Augen in der Hoffnung, das im Lichte der eigenen Vorurteile so schreckliche Bild m&ouml;ge doch schnell weggehen. Tut es aber nicht, weil inzwischen unbestreibar ist, wie wettbewerbsf&auml;hig die Deutschen innerhalb und au&szlig;erhalb Europas sind. Da bleibt den Deutschen nur, laut &uuml;ber Italien zu klagen, von dem nat&uuml;rlich jeder wei&szlig;, das es notorisch unf&auml;hig ist, die notwendige Disziplin zu wahren und immer wieder Abwertungen seiner W&auml;hrung braucht. <\/p><p>Wer aber hat sich wirklich danebenbenommen, die Italiener oder die Deutschen? Auch das ist ohne weiteres zu beantworten. Zwei Prozent Zuwachs der Lohnst&uuml;ckkosten sind die Norm, die jeder erreichen sollte. Nur so kann die europ&auml;ische Zentralbank ihr Inflationsziel ohne Schwierigkeiten erreichen, weil die Entwicklung der gesamten Arbeitskosten weder nach unten noch nach oben abweicht. <\/p><p>Das Ergebnis: Nach Berechnungen der EU Kommission liegt Deutschlands Zuwachs von 1999 bis 2004 bei 0,5 %, der italienische bei 2,8 %. Italien ist folglich von der Norm um 0,8 nach oben, Deutschland um 1,5 nach unten abgewichen. Italien hat inflation&auml;r ges&uuml;ndigt, Deutschland deflation&auml;r. Selbst wenn man, wie es die europ&auml;ische Zentralbank anstrebt, mit der Inflationsrate etwas unter zwei Prozent bleiben will, geht kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Deutschland der gr&ouml;&szlig;ere S&uuml;nder ist. Da hilft auch die &uuml;bliche Ausrede nicht, Deutschland habe an Wettbewerbsf&auml;higkeit nur aufgeholt, was es im Zuge der Vereinigung verloren hat. Wenn das so w&auml;re, w&uuml;rde nicht Deutschland seine Exporterfolge feiern und Italien am Boden liegen. Zudem, selbst in diesem Falle &auml;nderte sich nichts an dem deflation&auml;ren Effekt, der innerhalb der W&auml;hrungsunion von Deutschland ausgeht.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Heiner Flassbeck, FTD, 7. 7. 2005 <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,157,30],"tags":[365,577,319,333],"class_list":["post-203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-inflation","tag-italien","tag-lohnentwicklung","tag-lohnstueckkosten"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=203"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49760,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/203\/revisions\/49760"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}