{"id":2030,"date":"2007-01-22T08:47:08","date_gmt":"2007-01-22T07:47:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2030"},"modified":"2016-01-19T10:32:38","modified_gmt":"2016-01-19T09:32:38","slug":"buchkritik-pladoyer-fur-die-schwarzarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2030","title":{"rendered":"BUCHKRITIK: Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Schwarzarbeit"},"content":{"rendered":"<p>VON ACHIM TRUGER<br>\n<!--more--><br>\nWenn es um Wirtschaftspolitik geht, h&auml;ngen die einflussreichsten deutschsprachigen &Ouml;konomen immer noch einer veralteten marktradikalen Doktrin an. Aus ihrer Sicht sind die meisten &ouml;konomischen Probleme auf einen &uuml;berbordenden Staat zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Daher sehen sie in der Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates die L&ouml;sung fast aller Probleme. Ein eindrucksvolles Beispiel f&uuml;r diese einseitige Denkweise haben j&uuml;ngst Friedrich Schneider und Helmut Badekow mit ihrem Buch Ein Herz f&uuml;r Schwarzarbeiter abgeliefert.<\/p><p>Schneider ist Wirtschaftsprofessor an der Universit&auml;t Linz und Pr&auml;sident des Vereins f&uuml;r Socialpolitik, der Standesvereinigung deutschsprachiger &Ouml;konomen. In seiner Zunft gilt er als Experte auf dem Gebiet der Schwarzarbeit. Um seine Erkenntnisse einem breiteren Publikum zug&auml;nglich zu machen, hat er sich mit dem Journalisten Helmut Badekow zusammengetan.<\/p><p>Zun&auml;chst kann man dem Buch durchaus Positives abgewinnen. Die Autoren schreiben verst&auml;ndlich, anschaulich und unterhaltsam. Und man findet viel Wissenswertes: Der &ouml;konomische Gegenwert der in Deutschland geleisteten Schwarzarbeit werde auf etwa 350 Milliarden Euro, das hei&szlig;t ungef&auml;hr ein Sechstel des offiziellen Bruttoinlandsprodukts, gesch&auml;tzt. Damit liege Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld.<\/p><p><strong>Zu den Ursachen<\/strong><\/p><p>Zu den Ursachen der Schwarzarbeit z&auml;hlten einerseits &ldquo;harte&rdquo; Faktoren wie die Steuer- und Abgabenbelastung des Faktors Arbeit sowie die Aufdeckungswahrscheinlichkeit und die drohenden Strafen. Zu den &ldquo;harten&rdquo; &ouml;konomischen Faktoren z&auml;hlten auch Lohnh&ouml;he und durchschnittliche Arbeitszeit. Andererseits spielten aber auch &ldquo;weiche&rdquo; Faktoren wie die Wahrnehmung der Gerechtigkeit des Staatshandelns und seiner Leistungen sowie grundlegende gesellschaftliche Werthaltungen eine wichtige Rolle.<\/p><p>Schwarzarbeit k&ouml;nne durchaus als wohlfahrtssteigernd interpretiert werden. Sie steigere indirekt das offizielle Bruttoinlandsprodukt. Grob gesch&auml;tzt verdr&auml;nge Schwarzarbeit zu etwa einem Drittel regul&auml;re Besch&auml;ftigung und erh&ouml;he zu zwei Dritteln das Sozialprodukt. F&uuml;r den Staat sei sie dennoch ein Verlustgesch&auml;ft; ihm entgingen bedeutende Summen an Einnahmen. Trotzdem werde Schwarzarbeit wenig effektiv bek&auml;mpft. Dies m&ouml;glicherweise deshalb, weil sie als Kavaliersdelikt gelte und die Politiker bei st&auml;rkerer Verfolgung die Wut ihrer W&auml;hler f&uuml;rchteten.<\/p><p>Auf dieser Basis lie&szlig;e sich eigentlich eine differenzierte Argumentation aufbauen. Doch Schneider und Badekow haben sich leider f&uuml;r Schwarz-Wei&szlig;-Malerei entschieden. Das deutet sich schon im Titel an, der einseitig die positive Seite der Schwarzarbeit betont und um Verst&auml;ndnis f&uuml;r Schwarzarbeiter wirbt. Es setzt sich im Aufbau des Buches fort: Jedem Sachkapitel folgt ein Kapitel mit Fallbeispielen, in dem verst&auml;ndnisvoll die pers&ouml;nlichen Motive der Schwarzarbeiter oder ihrer Nachfrager geschildert werden.<\/p><p>Dadurch und durch regelm&auml;&szlig;ige harsche Kritik an Politik und Staatshandeln soll den Lesern offenbar folgende Grundbotschaft eingebl&auml;ut werden: Schwarzarbeit ist letztlich nichts anderes als die Notwehr rechtschaffener B&uuml;rger gegen&uuml;ber einem &uuml;berbordenden Staat, der ungerechtfertigt gro&szlig;e fiskalische Anspr&uuml;che stellt.<\/p><p>Wenig &uuml;berraschend laufen die Vorschl&auml;ge zur Bek&auml;mpfung der Schwarzarbeit daher auf eine Beschneidung des Staatseinflusses hinaus. Das Betriebsverfassungs-, Mitbestimmungs- und Tarifvertragsrecht soll &ldquo;auf ein vern&uuml;nftiges Ma&szlig; zur&uuml;ckgestutzt&rdquo;, Mini-Job-Regelungen sollen ausgebaut werden. Die Steuerbelastung des Faktors Arbeit und die Lohnnebenkosten sollen gesenkt und das Ganze soll gleich mit einer radikalen Steuerreform &agrave; la Paul Kirchhof verkn&uuml;pft werden.<\/p><p>Dass die Umsetzung solcher Vorschl&auml;ge die Erf&uuml;llung wichtiger Staatsaufgaben verunm&ouml;glichen und Gerechtigkeitsfragen aufwerfen w&uuml;rde, muss die Autoren nicht interessieren. Dass ein finanziell ausgebluteter Staat mit immer schlechteren Leistungen das Vertrauen der B&uuml;rger verspielen und damit zu mehr Schwarzarbeit f&uuml;hren k&ouml;nnte, h&auml;tten ihnen nicht entgehen d&uuml;rfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VON ACHIM TRUGER<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,160,208],"tags":[1784],"class_list":["post-2030","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-markt-und-staat","category-rezensionen","tag-schwarzarbeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2030","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2030"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2030\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30319,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2030\/revisions\/30319"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2030"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2030"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2030"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}