{"id":204,"date":"2005-07-25T15:40:35","date_gmt":"2005-07-25T14:40:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=204"},"modified":"2016-03-07T18:18:37","modified_gmt":"2016-03-07T17:18:37","slug":"die-freiheit-die-sie-meinen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=204","title":{"rendered":"Die Freiheit, die sie meinen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser, Timm Sch&uuml;tzhofer, &uuml;ber das Verh&auml;ltnis der Freiheiten der Wirtschaft und der Freiheit der B&uuml;rger.<br>\n<!--more--><br>\nDie Freiheit ist die wohl st&auml;rkste Waffe der Neoliberalen. Es geht ihnen um die freie Wirtschaft. Es geht um freies Unternehmertum. Es geht um die Freiheit von Umweltstandards. Es geht um die Freiheit im Betrieb, endlich nicht mehr durch Gewerkschaftsfunktion&auml;re bevormundet L&ouml;hne und Geh&auml;lter auszuhandeln. Besser w&auml;re es nat&uuml;rlich, wenn dies der selbstbewusste Arbeitnehmer gleich selbst t&auml;te. Ja, es geht um Freiheit, Freiheit f&uuml;r das Kapital, Freiheit f&uuml;r die Pharmaindustrie. Es geht darum, dass die Gesch&auml;ftsleitungen m&ouml;glichst frei und ohne l&auml;stigen Betriebsrat entscheiden k&ouml;nnen. Es geht um das Mehr an Freiheit, das entsteht, wenn weniger Steuern bezahlt werden m&uuml;ssen. Es geht um Freiheit statt Sozialismus, so sagt es die FDP auf ihren neu entworfenen Wahlplakaten.<\/p><p>Wir schreiben das Jahr 2005; die FDP, sonst als parlamentarischer Arm der Wirtschaftsverb&auml;nde immer sehr f&uuml;r den Schutz des Urheberrechts, ist auf eine tolle Idee gekommen. Wenn sonst nichts mehr einf&auml;llt, warum nicht einfach eine schlechte Kopie von der Rote-Socken-Kampagne der CDU aus dem Jahre 1994 machen. Wieder einmal stellt man die Parole &bdquo;Freiheit statt Sozialismus&ldquo; auf und versucht damit Stimmen zu gewinnen. Es hat ja schlie&szlig;lich auch 1994 geklappt, da muss es doch auch f&uuml;nfzehn Jahre nach dem Mauerfall noch klappen. Ganz wichtig f&uuml;r die Freiheit ist, dass der B&uuml;rger m&ouml;glichst wenig Steuern bezahlen. So denkt man nicht nur in der FDP, so denkt auch Wolfram Weimer, Chefredakteur der Zeitschrift Cicero. Er beklagt sich dar&uuml;ber, dass die Bauern im Mittelalter nur 10% Steuern zahlen mussten und man dies als Ausbeutung bezeichnen w&uuml;rde, dieser im finsteren Mittelalter erhobene Steuersatz jedoch angesichts unserer hohen Steuern von heute (Spitzensteuersatz 42%) noch relativ gering ausgefallen sei. Der Chefredakteur vergisst, dass es im Mittelalter noch keinen modernen Staat gab und schon deshalb weniger Steuern erhoben werden konnten. Er vergisst, dass es kein Sozialsystem gab. Er vergisst, dass die Bauern nur wenig mehr als f&uuml;r den Eigenbedarf n&ouml;tig produzieren konnten. Vor allem aber vergisst er, dass der Staat heute nicht irgendwer ist, ein b&ouml;ser Mann, der uns das Geld wegnimmt, sondern durch uns, das Volk, legitimiert ist. Obwohl dies so ist wird jeder, der es wagt, eine st&auml;rkere Besteuerung Wohlhabender zu fordern, als Sozialist oder noch besser als Kommunist bezeichnet. Es geht immer gleich ums Ganze, um Freiheit statt Sozialismus. Man fragt sich da, seit wann die skandinavischen L&auml;nder sozialistisch sind und was dann am Sozialismus so schlimm sein kann. Sind beispielsweise die D&auml;nen wirklich weniger frei als wir?<\/p><p>Ja, sie zahlen h&ouml;here Steuern, viel h&ouml;here Steuern, aber als bevormundet w&uuml;rden sich die D&auml;nen wohl kaum bezeichnen. Sie wissen, was sie daf&uuml;r bekommen. Eine gute Infrastruktur mit einem funktionierenden Verkehrssystem, eine gute Gesundheitsversorgung f&uuml;r alle, ein fast l&uuml;ckenloses Sozialsystem. Neben den durch den Staat ergriffenen Ma&szlig;nahmen ist auch das soziale Gewissen noch st&auml;rker verbreitet. Die Lohnpyramide weniger steil, was offensichtlich nicht zu weniger Leistungsbereitschaft f&uuml;hrt. In den nordischen L&auml;ndern ist Freiheit auch sehr wichtig, allerdings st&auml;rker die Freiheit der Menschen als die des Kapitals. Das Motto d&auml;nischer Kindererziehung lautet: &bdquo;Freiheit unter Verantwortung.&ldquo; Fr&uuml;h werden Kinder ernst genommen und fr&uuml;h lernen sie, dass sie Verantwortung &uuml;bernehmen sollen und dass sie in einer demokratischen Gemeinschaft leben. Auch deshalb sind die Hierarchien sehr flach und Mitbestimmung sehr weit verbreitet. Nur durch die soziale Gerechtigkeit, verbunden mit einer Erziehung zur Verantwortung, kann man auch weitgehende b&uuml;rgerliche Freiheiten sichern.<\/p><p>Der gegenteilige Weg wird in Deutschland bestritten &ndash; der Weg zum Nachtw&auml;chterstaat. Durch die Steuersenkungen werden Sozialstationen geschlossen, Jugend&auml;mter bekommen weniger Geld, Frauenh&auml;user schlie&szlig;en, f&uuml;r Integrationsma&szlig;nahmen fehlt das Geld, die Kriminalit&auml;t steigt und die Angst w&auml;chst, und schon fordert man mehr Polizei auf den Stra&szlig;en, mehr Kameras, bessere &Uuml;berwachung und h&auml;rtere Strafen. Selbstverst&auml;ndlich spricht die FDP von B&uuml;rgerrechten und bezeichnet sich sogar selbst als B&uuml;rgerrechtspartei, insbesondere dann, wenn es gilt das Bankgeheimnis zu sch&uuml;tzen. Erst fordert man Steuersenkungen und bekommt sie, dann klagt man &uuml;ber Staatsverschuldung, dann k&uuml;rzt man beim Sozialen, die Kommunen m&uuml;ssen Jugendeinrichtungen schlie&szlig;en, schon bald steigt die Jugendkriminalit&auml;t. Dann tritt die Union auf den Plan und fordert ein hartes Durchgreifen. Ein bisschen Rasterfahndung hier, ein paar Kameras da und auch die Telefone werden abgeh&ouml;rt. <\/p><p>Nein, der Neoliberalismus f&uuml;hrt nicht zu mehr Freiheit. Dieses Wirtschaftskonzept f&uuml;hrt zum Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die soziale Schieflage dient als N&auml;hrboden f&uuml;r Kriminalit&auml;t und beg&uuml;nstigt so, wenn auch nur indirekt, den Ruf nach harten Strafen und der Einschr&auml;nkung b&uuml;rgerlicher Freiheiten. <\/p><p>Timm Sch&uuml;tzhofer\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser, Timm Sch&uuml;tzhofer, &uuml;ber das Verh&auml;ltnis der Freiheiten der Wirtschaft und der Freiheit der B&uuml;rger. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183,145,137,161],"tags":[441],"class_list":["post-204","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienkritik","category-sozialstaat","category-steuern-und-abgaben","category-wertedebatte","tag-freiheit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=204"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31946,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/204\/revisions\/31946"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=204"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=204"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=204"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}