{"id":205,"date":"2005-08-05T15:42:03","date_gmt":"2005-08-05T14:42:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=205"},"modified":"2016-03-06T14:47:22","modified_gmt":"2016-03-06T13:47:22","slug":"wie-amerikanische-unternehmen-versuchen-die-lastig-gewordene-rentenauszahlungspflicht-gegenuber-ehemaligen-mitarbeitern-los-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=205","title":{"rendered":"Wie amerikanische Unternehmen versuchen, die l\u00e4stig gewordene Rentenauszahlungspflicht gegen\u00fcber ehemaligen Mitarbeitern los zu werden"},"content":{"rendered":"<p>Zusammenfassung eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 12.7.2005 erschienen Berichts von Eric Leiser &bdquo;Les entreprises am&eacute;ricaines rechignent &agrave; financer les retraites&ldquo;. Von Gerhard Kilper.<br>\n<!--more--><br>\nRund 44 Millionen amerikanische Rentner und Arbeitnehmer haben zurzeit oder k&uuml;nftig Anspruch auf genau festgelegte, monatliche Rentenzahlungen aus den Pensionskassen privater Unternehmen (sogenannte &bdquo;Franklin D. Roosevelt-Rente&ldquo;). In den 1990-er Jahren wurde zus&auml;tzlich ein neuer Altersrenten-Typ, die 401k-Rente eingef&uuml;hrt. Ihre Leistungsauszahlung ist vom B&ouml;rsenkurs bzw. vom Unternehmensgewinn abh&auml;ngig, daher nicht genau fixiert, schwankend und tendenziell unsicherer als die traditionelle &bdquo;Roosevelt&ldquo;-Rente.<\/p><p>Seit den 1930-er Jahren bestehen in den USA Pensionskassen privater Unternehmen (heute ca. 31 000 Kassen). Es gibt gemeinschaftliche Kassen kleinerer Unternehmen und firmeneigene Pensionskassen gro&szlig;er Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Diese Unternehmens-Rentenkassen oder Rentenfonds behalten 12,4% vom Bruttoeinkommen der amerikanischen Arbeitnehmer ein und zahlen gegenw&auml;rtig in den USA jeden Monat Renten in einer Gr&ouml;&szlig;enordnung von ca. 124 Milliarden $ aus. In Zeiten hoher Einzahlungs&uuml;bersch&uuml;sse hatten gro&szlig;e Unternehmen &uuml;ber ihre Renten-Fonds umsatzunabh&auml;ngig reichlich Liquidit&auml;t zur Verf&uuml;gung, das sie investiv anlegen konnten. Aber: sobald die Renten-Zahlungen f&auml;llig wurden, musste die notwendige Liquidit&auml;t auch wieder vorhanden sein.<\/p><p>Die ver&auml;nderte Altersstruktur der US-amerikanischen Bev&ouml;lkerung erforderte in den letzten Jahren eine Aufstockung der kurzfristig verf&uuml;gbaren Unternehmens-Pensionsr&uuml;cklagen. Nach einer Studie des Bankhauses Cr&eacute;dit Suisse First Boston verschlechterten diese zus&auml;tzlichen R&uuml;cklagen in den letzten Jahren erheblich finanzielle Situation und B&ouml;rsenkurse von Konzernen wie General Motors, Ford, IBM, Motorola, United Technologies, Whirlpool, US Steel, Delta Airlines, Continental, Lockheed Martin u.s.w. <\/p><p>Neben laufenden Rentenzahlungen f&uuml;hrt jede einzelne Pensionskasse Beitr&auml;ge an einen zentralen Bundes-Garantiefonds, die Pension Benefit Guaranty Corporation (PBGC) ab. Sie &uuml;bernimmt die Rentenzahlungen, wenn beim Konkurs eines Unternehmens trotz strenger Pensionsr&uuml;cklagen-Bilanzierungsvorschriften keine Mittel mehr f&uuml;r Rentenzahlungen vorhanden sind. Die PBGC hatte im Jahr 2000 noch einen &Uuml;berschuss von 9,7 Milliarden Dollar erzielt.<\/p><p>Der in Zahlungsschwierigkeiten befindliche Luftfahrtkonzern United Airlines versuchte seit dem Jahr 2002 die vom Konkursrecht vorgesehene Pr&auml;ferenz f&uuml;r Pensionszahlungen durch Klage vor einem Gericht zu umgehen und hatte in letzter Instanz Erfolg. Das Gericht erm&auml;chtigte United Airlines, die Rentenzahlungen an seine 120 000 ehemaligen Arbeitnehmer vollst&auml;ndig einzustellen &ndash; ein Pr&auml;zedenzfall, der bisher undenkbar schien, zur Nachahmung einlud und die amerikanischen Arbeitnehmer verunsicherte.<\/p><p>Seit dem United-Airlines-Gerichtsurteil nahm die Zahl der Konkurse in den USA stetig zu und schon zwei Jahre sp&auml;ter wies die PBGC ein Defizit von 23,3 Milliarden $ auf. Sie verf&uuml;gt zurzeit noch &uuml;ber 39 Milliarden $ Reserven f&uuml;r kurzfristig absehbare Verpflichtungen in H&ouml;he von 62,3 Milliarden Dollar. <\/p><p>Der Pr&auml;sident des amerikanischen Bundesfinanzhofs, Douglas Elliott, meinte, der Gemeinschaftsfonds PBGC sei virtuell bankrott und das Defizit aller Pensionskassen zusammen belaufe sich auf 353,7 Milliarden $, sei also innerhalb eines Jahres um 74,7 Milliarden $ oder 27% gestiegen. Diese Studie ber&uuml;cksichtige noch nicht die 1108 Fonds mit einem &bdquo;kleinen&ldquo; Loch von mehr als 50 Millionen Dollar. Tats&auml;chlich aber betrage das Defizit der privaten Rentenfonds amerikanischer Unternehmen zurzeit 450 Milliarden $ oder noch mehr.<\/p><p>Klar ist in der momentanen Situation nur, dass die US-Regierung den Gemeinschaftsfonds der PBGC aus Steuergeldern kr&auml;ftig aufstocken muss. Die PBGC zahlt inzwischen die Renten an mehr als 1 Million ehemaliger Arbeitnehmer von LTV Steel, Bethlehem Steel, TWA, Pan Am, US Airways, United Airlines und Eastern Airlines aus. Die Altersrente aus diesem Gemeinschaftsfonds wird jedoch fr&uuml;hestens ab dem 65 Lebensjahr gezahlt und betr&auml;gt, unabh&auml;ngig vom Beitragsaufkommen, h&ouml;chstens 45 614 $ pro Jahr. <\/p><p>Wie konnte es zu dieser Verunsicherung des privaten amerikanischen Renten-Systems kommen?<\/p><p>Die Konzerne &uuml;bersch&auml;tzten aus Gr&uuml;nden der Au&szlig;endarstellung bei ihren Bilanzierungen grunds&auml;tzlich und kontinuierlich ihre erwarteten &Uuml;bersch&uuml;sse bzw. untersch&auml;tzen ihre k&uuml;nftigen Defizite. So behaupteten etwa Unternehmenssprecher des 2002 zahlungsunf&auml;hig gewordenen Stahlriesen Bethlehem Steel bis zum Schluss, 84% der Mitarbeiter-Rentenanspr&uuml;che gegen das Unternehmen seien gedeckt &ndash; tats&auml;chlich betrug die Deckungsrate nur 45 %. <\/p><p>Der Wirtschaftsprofessor George Benston von der University of Emory (Georgia) meinte, es gebe eine unabsehbare Vielfalt von M&ouml;glichkeiten, die gesetzlichen Bewertungsregeln zu umgehen. Als der Stahlriese Bethlehem Steel durch Konkurs sich seiner Sozialverpflichtungen entledigen konnte, wurden seine Real-Aktiva von der International Steel Group &uuml;bernommen. Heute ist dieser Konzern ein profitables Unternehmen &ndash; ohne die l&auml;stigen Rentenverpflichtungen von Bethlehem Steel.<\/p><p>Nach einer unabh&auml;ngigen Studie von Wilshire Associates sind 81% der bilanzierten amerikanischen Rentenkassenfonds unterfinanziert, was nicht hei&szlig;t, dass die Unternehmen nicht die Mittel h&auml;tten, ihre Reserven aufzustocken. Die verbreitete sharehoulder-value-Mentalit&auml;t sehe jedoch darin &uuml;berhaupt keine Priorit&auml;t und hoffe, eines Tages &bdquo;irgendwie&ldquo; die Renten-Verpflichtungen gegen ehemalige Mitarbeiter ganz loszuwerden &ndash; der seit dem New Deal die USA pr&auml;gende sozialpartnerschaftliche Kapitalismus scheint eine seiner wichtigsten S&auml;ulen zu verlieren.<\/p><p>Newt Gingrich, der republikanische Sprecher des Repr&auml;sentantenhauses &auml;u&szlig;erte: &bdquo;Wenn heute Ford und GM Schwierigkeiten haben, neue Obligationen zu platzieren, weil sie als junk bonds (&bdquo;hochriskant&ldquo;) eingestuft werden und wenn United Airlines an seine ehemaligen Arbeitnehmer &uuml;berhaupt keine Betriebsrenten mehr bezahlen muss, dann sagen sich die Leute, irgendetwas stimmt nicht mehr im amerikanischen Rentensystem.&ldquo;<\/p><p>Bradley Belt, Direktor der PBGC, verlangt jetzt vom Kongress gesetzliche Regelungen, bevor die Diskussion um die Renten v&ouml;llig aus dem Ruder l&auml;uft und der Durchschnitts-Amerikaner noch weiter verunsichert wird. Die Bush-Regierung will zwar offiziell vermeiden, dass der Steuerzahler einspringen und der Bundeshaushalt durch Zahlungen an den Gemeinschaftsfonds PBGC belastet werden muss. Aber daran f&uuml;hrt wohl offensichtlich kein Weg mehr vorbei. <\/p><p>Andererseits wird eine gro&szlig;z&uuml;gige Speisung des Gemeinschaftsfonds aus Steuergeldern viele Unternehmen in Versuchung bringen, sich durch juristische und Bilanzierungs-Tricks &agrave; la United Airlines oder Bethlehem Steel ihrer Rentenzahlungspflicht gegen&uuml;ber ehemaligen Mitarbeitern ganz zu entziehen. Durch solche Machenschaften gleichen sie Wettbewerbsnachteile gegen&uuml;ber Unternehmen aus, die diese unsolidarischen Wege schon ohne irgendwelche Skrupel beschritten haben. <\/p><p>Und was das Vertrauen der Amerikaner in ihre k&uuml;nftigen Renten und die soziale Funktionsf&auml;higkeit ihres Kapitalismusmodells noch mehr schw&auml;chen wird: ab dem Jahr 2020 ist die amerikanische Regierung bei Defiziten nicht mehr zu Bundeszusch&uuml;ssen an den Gemeinschaftsfonds verpflichtet.<\/p><p><strong>Das amerikanische Unternehmens-Rentensystem des New Deal<\/strong><\/p><p>Unter Pr&auml;sident Franklin D. Roosevelt wurde das amerikanische Rentensystem in den 1930-er Jahre eingef&uuml;hrt. Von den Unternehmen werden pro Jahr 12,4%, h&ouml;chstens jedoch 90 000 Dollar, der Brutto-L&ouml;hne und Geh&auml;lter der Arbeitnehmer einbehalten und in die Unternehmens-Rentenkassen eingestellt bzw. als Pensions-Verbindlichkeiten in der Unternehmensbilanz ausgewiesen. Gleichzeitig wurde von Roosevelt der R&uuml;ckversicherungs-Gemeinschafts-Fonds PBGC eingef&uuml;hrt, an den jede einzelne Unternehmenskasse einen Pflicht-Beitrag abzuf&uuml;hren hat. <\/p><p>Nach langfristig angelegten Berechnungen sollte dieses private amerikanische Renten- System bis zum Jahr 2018 ein Finanzgleichgewicht aus Einnahmen und Ausgaben ohne Staatszusch&uuml;sse garantieren. Bushs &bdquo;Rentenreform&ldquo; unterminiert die bisherige Projektion, weil sie vorsieht, dass junge Amerikaner ein Drittel weniger &ndash; als bisher vom Gesetz vorgesehen &ndash; abf&uuml;hren m&uuml;ssen und dass sie &uuml;ber die eingesparten Beitr&auml;ge nach Gutd&uuml;nken frei verf&uuml;gen k&ouml;nnen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zusammenfassung eines in der Pariser Tageszeitung Le Monde vom 12.7.2005 erschienen Berichts von Eric Leiser &bdquo;Les entreprises am&eacute;ricaines rechignent &agrave; financer les retraites&ldquo;. 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