{"id":2055,"date":"2007-01-29T08:24:56","date_gmt":"2007-01-29T07:24:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2055"},"modified":"2016-01-17T11:15:37","modified_gmt":"2016-01-17T10:15:37","slug":"warum-politik-sich-auf-ihre-eigene-kraft-besinnen-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2055","title":{"rendered":"\u201eWarum Politik sich auf ihre eigene Kraft besinnen sollte!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Erweiterte Fassung eines Vortrages im Rahmen einer Tagung von DeutschlandRadio und FU Berlin  zum Thema: &ldquo;Wer dreht am Rad der Politik?&rdquo; &ndash; &Uuml;ber Zustand und Zukunft von Lobbyismus und Politikberatung am 17.1.2007<br>\n<!--more--><br>\nMeinen Beitrag zum Thema habe ich in 12 Beobachtungen geb&uuml;ndelt.<br>\nSie sind zum einen gepr&auml;gt von meiner Arbeit in der Politik &ndash; als Redenschreiber des fr&uuml;heren Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller, als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt und als Bundestagsabgeordneter. Wir hatten &uuml;brigens in der Planungsabteilung einen Beratungsetat von rund 400.000 Euro f&uuml;r Gutachten und 150.000 f&uuml;r sogenannte Honorarvertr&auml;ge zur Verf&uuml;gung &ndash; verglichen mit den heutigen Beratungsetats ein geradezu l&auml;cherlich kleiner Betrag. Die Hauptarbeit hatten wir selbst zu erledigen. Wie sich die Zeiten &auml;ndern.<br>\nZum andern ist meine Meinung gepr&auml;gt von der intensiven Beobachtung des heutigen Geschehens. Dazu veranlasst mich die Arbeit an drei einschl&auml;gigen B&uuml;chern und &ndash; jeden Tag &ndash; neu als Herausgeber der kritischen Homepage www.NachDenkSeiten.de.<\/p><p>Und nun zur Sache: <\/p><p><strong>1. Schon immer gab es politische Beratung von au&szlig;en. Das wird es auch weiter geben und geben m&uuml;ssen. Bemerkenswert und problematisch ist die massive Verlagerung der politischen Entscheidungsfindung auf au&szlig;enstehende Berater.<\/strong><\/p><p>Welche gro&szlig;e politische Entscheidung der letzten Jahre ist nicht von Beratern vorbereitet und teilweise sogar formuliert worden? Die Bahnreform anfangs der Neunziger. Hartz I bis III. Agenda 2010. Die Riester-Rente. Die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67. Der sogenannte Nachhaltigkeitsfaktor. Hartz IV. Waren da die gew&auml;hlten Parlamentarier und die laut Grundgesetz zur politischen Willensbildung ausersehenen politischen Parteien, waren die in &Auml;mter berufenen Politiker und die ihnen zuarbeitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ministerien ausschlaggebend? Die einzige nicht von Beratern gepr&auml;gte Entscheidung der Regierung Schr&ouml;der k&ouml;nnte die Entscheidung gewesen sein, offiziell keine Soldaten in den Irakkrieg zu schicken.<br>\nAnsonsten waren &ndash; im Verbund mit einigen wenigen Spitzenpolitikern &ndash; Berater und Beratungsunternehmen, Kommissionen voller sogenannter Experten und Lobbyisten entscheidend..<\/p><p>Das treibt inzwischen erstaunliche Bl&uuml;ten:<br>\nBeratende Professoren treten als Vertreter des beratenen Bundeskanzleramts auf &ndash; so die Professoren Streeck und Heinze schon beim B&uuml;ndnis f&uuml;r Arbeit.<br>\nGesetze werden ma&szlig;geblich von au&szlig;enstehenden Anwaltskanzleien entworfen &ndash; so das &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetz zur Teilprivatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen von der amerikanischen Anwaltssoziet&auml;t Hogan &amp; Hartson Raue in Kooperation mit dem SPD-Bundestagsabgeordnete Michael B&uuml;rsch.<br>\nDie politische Gestaltung von ganzen Fachbereichen wird an au&szlig;enstehende Berater abgetreten &ndash; bestes Beispiel ist die &Uuml;bernahme weiter Bereiche der Hochschul- und Bildungspolitik durch Bertelsmann und seinen Ableger CHE, das Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung. Bertelsmann ber&auml;t und beeinflusst die Politik an allen Ecken der Republik, eine Krake ohne jegliche demokratische Legitimation. <\/p><p>Selbst solche erstaunlichen Entwicklungen m&uuml;sste man hinnehmen, wenn ein Rest an demokratischer Kontrolle gewahrt w&uuml;rde und wenn die politischen Entscheidungen dadurch besser w&uuml;rden als beim fr&uuml;her &uuml;blichen Verfahren der Entscheidungsfindung. Aber dem ist nicht so. <\/p><p><strong>2. Die Qualit&auml;t der Beratung ist &uuml;ber weite Strecken schlecht. Wir verdanken der Verlagerung der Willensbildung auf Berater und beratende Kommissionen eine Reihe von gravierenden und grotesken Fehlentscheidungen und Fehlentwicklungen.<\/strong><\/p><p>Ich skizziere f&uuml;nf Beispiele:<\/p><ul>\n<li>Erstes Beispiel: Auf der Basis der Empfehlungen eines renommierten Beratungsunternehmens wurde die Deutsche Bundesbahn anfangs der 90ger Jahre in mehrere Aktiengesellschaften aufgeteilt &ndash; eine f&uuml;r Bahnhofe, f&uuml;r das Netz, f&uuml;r den G&uuml;terverkehr, f&uuml;r den Fernverkehr und Nahverkehr. Lauter eigene AGs mit eigenen Vorst&auml;nden und den entsprechenden Geh&auml;ltern. Ein finanzieller Wahnsinn und mit verheerender Wirkung f&uuml;r die Performance der Bahn. So arbeiteten z.B. Fern- und Nahverkehr gegeneinander &ndash; ein markantes Opfer: das Sch&ouml;ne-Wochenend-Ticket und die Glaubw&uuml;rdigkeit des Nahverkehrs. &ndash; Auch das dem Flugverkehr entlehnte und mit hohen Kosten und Imagesch&auml;den wieder abgeschaffte Preissystem der Bahn war ein Produkt miserabler Beratung. Der viel verspotteten &bdquo;Beh&ouml;rdenbahn&ldquo; w&auml;ren diese und andere vorhersehbaren Flops vermutlich nicht passiert.<\/li>\n<li>Zweites Beispiel: Bei der Pr&auml;sentation der  Beratungsergebnisse der Kommission f&uuml;r Hartz I-III hat der Vorsitzende Peter Hartz verk&uuml;ndet, erreichbares Ziel sei es, die Zahl der Arbeitslosen innerhalb von drei Jahren um 2 Millionen zu reduzieren. Daraus wurde nichts. Die meisten der von der Hartz-Kommission beschlossenen Reformen wie PSA, Jobfloater oder Ich-AG sind inzwischen wieder abgeschafft oder eingedampft. Sie haben zudem ma&szlig;los viel gekostet.<\/li>\n<li>Drittes Beispiel f&uuml;r die Misserfolge der  Berater: Hartz IV wurde sogar vom &bdquo;Spiegel&ldquo; schon am 23.5.2005 zur &bdquo;total verr&uuml;ckten Reform&ldquo; erkl&auml;rt. Sie hat weit mehr gekostet als kalkuliert und kaum Positives gebracht. Wo sind die versprochenen Arbeitspl&auml;tze? Wo ist das versprochene &bdquo;F&ouml;rdern&ldquo; geblieben? Hartz IV hat wie Hartz I-III vor allem einen Zuwachs an Minijobs incl. 1-Euro-Jobs gebracht. Das Gegenteil dessen, was den Menschen und den sozialen Sicherungssystemen gut tut.<br>\nIch stelle mir vor, die fr&uuml;here Planungsabteilung w&auml;re heute noch intakt und w&auml;re mit den Beratungsvorschl&auml;gen der Hartz-Kommissionen befasst worden. Wir w&uuml;rden den Bundeskanzler auch deshalb gewarnt haben, solchen Vorschl&auml;gen zu folgen, weil sie auf Verwaltung der Arbeitslosigkeit statt auf ihre Bek&auml;mpfung angelegt sind. Wir h&auml;tten ihm empfohlen, alle Kraft auf eine expansive makro&ouml;konomische Politik zu verwenden, statt die Regierungskapazit&auml;ten beim Umbau der Arbeitsverwaltung und bei der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zu verbrauchen &ndash; zu verplempern, k&ouml;nnte man auch sagen.<\/li>\n<li>Viertes Beispiel: Die Riesterrente wurde von der zust&auml;ndigen Fachabteilung des Bundesministerium f&uuml;r Arbeit und Soziales bis zum Schluss abgelehnt. Wie zu h&ouml;ren ist, wurde diese sogenannte F&ouml;rder-Rente dem damaligen Arbeits- und Sozialminister Walter Riester auf einem langen Auslandsflug vom Chef einer sp&auml;ter gescheiterten Versicherungsgesellschaft nahe gebracht. Gegen den Widerstand der zust&auml;ndigen internen Berater wurde so eine Reform durchgesetzt, bei der dem Steuerzahler zugemutet wird, die Milliarden zur F&ouml;rderung der Privatvorsorge zu bezahlen &ndash; quasi die Vertriebskosten der Lebensversicherungswirtschaft, die ohne diese Subvention nicht konkurrenzf&auml;hig w&auml;re. Es ist zudem eine Reform gewesen, die zun&auml;chst einmal keinen sp&uuml;rbaren Verkaufserfolg hatte und erst mit massiver Propaganda von Wirtschaft und Wissenschaft, Medien und Politik f&uuml;r die Privatvorsorge unter die Leute gebracht werden konnte. Diese Propaganda war begleitet von politischen Entscheidungen zulasten der gesetzlichen Rente; die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters geh&ouml;rt dazu. Die Propaganda selbst war von der interessierten Wirtschaft, den konkurrierenden Medien und den verantwortlichen Politikern so angelegt, dass das Vertrauen in die gesetzliche Rente systematisch zerst&ouml;rt wurde. So z.B. gerade in diesen Tagen im ZDF mit einem Programmschwerpunkt Demographischer Wandel einschlie&szlig;lich der Doku-Fiction &bdquo;2030 &ndash; Aufstand der Alten&ldquo;.<\/li>\n<li>F&uuml;nftes Beispiel: Ziemlich unbemerkt von der deutschen &Ouml;ffentlichkeit wurde von der Regierung Schr&ouml;der und ohne Widerstand von Seiten der Union beschlossen, zur Aufl&ouml;sung der so genannten Deutschland AG zu ermuntern und diese Operation mit der Befreiung der beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen entstehenden Gewinne von der Steuer zu f&ouml;rdern. Die eigentlichen Profiteure sind zum ersten die Verk&auml;ufer &ndash; das waren Unternehmen wie die Deutsche Bank oder die Allianz AG oder Familieneigent&uuml;mer; Profiteure sind dann jene Investoren, von M&uuml;ntefering auch Heuschrecken genannt, die die gekauften Unternehmen meist nach Verschuldung und Zerschlagung weiterverkauften; Profiteure sind aber dann vor allem jene, die am Vorgang des Verkaufens selbst verdienen: Banken, Anw&auml;lte, Steuerberater, B&ouml;rsen, PR-Agenturen und Unternehmensberater. Nach dem Sinn dieser Zerschlagung bisheriger Strukturen und vor allem nach den Sinn der Steuerbefreiung wurde nicht gefragt. Dieser Sinn wurde nur behauptet und von Beratern best&auml;tigt, sozusagen per Zuruf gegenseitig best&auml;tigt. Die Folgen sind noch nicht absehbar. In einzelnen Unternehmen sind sie erkennbar. Viele Unternehmen wurden von den neuen Eigent&uuml;mern in die Verschuldung getrieben, Arbeitnehmer wurden erpresst und zu niedrigeren L&ouml;hnen gezwungen; Kommunen meinen, auf Steuern verzichten zu m&uuml;ssen, um Unternehmen zu retten. So haben zum Beispiel das Finanzamt und die Stadt Leverkusen dem Bremsbelaghersteller TDM Friction mindestens 100 Millionen Steuern erlassen, weil das Unternehmen von Finanzinvestoren in Schieflage gebracht worden war.<br>\nDie Finanzaufsicht warnte in den letzten Tagen vor Risiken durch Firmenk&auml;ufer. Das Gebaren der Firmenk&auml;ufer sei aggressiver und riskanter geworden, sagte Bafin-Pr&auml;sident, Jochen Sanio. Der Kreditanteil bei &Uuml;bernahmen wachse. Dadurch entstehen Gefahren f&uuml;r Banken und Unternehmen. &ndash; Diese kritische Entwicklung ist nicht vom Himmel gefallen, sondern vom damaligen Bundeskanzler Schr&ouml;der betrieben und sogar noch mit einer Steuerbefreiung der Ver&auml;u&szlig;erungsgewinne gef&ouml;rdert worden. Vermutlich die Folge intensiver Beratung des damaligen Bundeskanzlers durch Vertreter der Finanzindustrie.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Warum ist die Beratung heute so schlecht? <\/strong><\/p><ol type=\"a\">\n<li><strong>Die Beratung ist in vielen F&auml;llen das Einfallstor f&uuml;r die Durchsetzung von Einzelinteressen und damit f&uuml;r Korruption.<\/strong> Darauf komme gleich zur&uuml;ck.<\/li>\n<li><strong>Die Beratung ist schlecht wegen der schlechten Qualit&auml;t vieler Berater.<\/strong><\/li>\n<\/ol><p>Dazu im einzelnen:<\/p><p><strong>3. Die Qualit&auml;t der Beratung und damit der Entscheidungsfindung leidet unter einer auff&auml;lligen Engstirnigkeit der meisten Berater. Dort hat sich offensichtlich eine enge, rein betriebswirtschaftliche Sicht der Welt durchgesetzt. <\/strong><\/p><p>Weitsicht, Umsicht, der Blick auf l&auml;ngerfristige &ouml;konomische und nicht direkt berechenbare, seelische und famili&auml;re Folgen geht den modernen Beratern offenbar ab. Wer Hartz IV konzipiert hat, hat zum Beispiel keine Ahnung davon, was es f&uuml;r viele Familien bedeutet, wenn sie ihre zu teure Wohnung und damit ihr bisheriges soziales Umfeld verlassen m&uuml;ssen. Es ist auch nicht dabei  bedacht worden, welche langfristigen Folgen die mit Hartz IV verbundene Zerst&ouml;rung der Arbeitslosenversicherung und Verunsicherung von Millionen von arbeitenden Menschen f&uuml;r ihr Lebensgef&uuml;hl und f&uuml;r ihre Haltung zu einem Staat hat, der ihnen solches zumutet. Davon sp&auml;ter mehr.<\/p><p>Die Berater, die Hartz IV erfunden und gepr&auml;gt haben, haben auch &uuml;berhaupt nicht begriffen, welchen Unmut die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe ausl&ouml;st &ndash; Konflikte in der Warteschlange bei den Arbeitsagenturen. Man mag ja jene Menschen, die 30 Jahre Arbeitslosenversicherung gezahlt haben und sich pl&ouml;tzlich in der Warteschlange der Sozialhilfeempf&auml;nger wieder finden und sich unwohl f&uuml;hlen, f&uuml;r arrogant halten. Damit erfasst man aber die Breite des Lebensgef&uuml;hls dieser Menschen und der Probleme ihres sozialen Abstiegs nicht.<\/p><p>In der Debatte um die Geburtenziffern und eine m&ouml;gliche pronatale Politik wird sichtbar, wie wenig die Politik beratenden Personen von den Ursachen der f&uuml;r zu gering gehaltenen Geburtenfreudigkeit verstanden haben. Der Zusammenhang zwischen mangelnder beruflicher Perspektive und prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen auf der einen Seite und der Bereitschaft, zwei oder drei Kinder zu haben andererseits, wird nicht erfasst.<\/p><p><strong>4. Die Qualit&auml;t der Beratung leidet heute offensichtlich unter der ideologischen Gleichschaltung der meisten Berater. <\/strong><\/p><p>Ideologische Glaubenss&auml;tze pr&auml;gen die Beratung: Alles ist neu, die Globalisierung, der demographische Wandel, die Strukturen unseres Sozialstaats sind &uuml;berholt; n&ouml;tig sind Privatisierung, De-Regulierung, Wettbewerb, finanzielle Anreize, Lohnnebenkosten senken &ndash; das sind die g&auml;ngigen angelernten Schemata, die allem und jedem &uuml;bergest&uuml;lpt werden. Konjunkturprogramme sind Strohfeuer, Keynes ist out &ndash; solche geliehenen Gedanken verhindern den pragmatischen Einsatz aller m&ouml;glichen Instrumente und damit die Optimierung der Wirtschaftspolitik. In keinem Land ist die beratende Wissenschaft so weitgehend ideologisch festgelegt. Da ist es dann kein Wunder, dass bei uns der Sinn f&uuml;r eine gute Makropolitik, also f&uuml;r eine intelligente Steuerung der Konjunktur, verloren gegangen ist. Regression nenne ich das, also den R&uuml;ckfall hinter Erkenntnisse, die man mal hatte &ndash; bei uns schon vor 40 Jahren zur &Uuml;berwindung der ersten Rezession von der damaligen Gro&szlig;en Koalition, von Plisch und Plum, von Schiller und Strau&szlig;, umgesetzt.    <\/p><p><strong>5. Das Beratungswesen hat die Tendenz verst&auml;rkt, den Willen der Mehrheit des Volkes nicht mehr zum Tragen kommen zu lassen. Die Berater f&uuml;hlen sich dem Milieu der Eliten verbunden; die Lebenswelt der Mehrheit ist ihnen ziemlich fremd, was man schon am ahnungslosen Einsatz englischer  Begriffe  bei den Hartz-Reformen sieht. Viele Berater pflegen ihre Vorurteile gegen sozialstaatliche L&ouml;sungen.<\/strong><\/p><p>Sie sind blind f&uuml;r die Mehrheit der Menschen, die bis heute und trotz massiver Agitation immer wieder bekennen, dass sie solidarische L&ouml;sungen zur Absicherung der Lebensrisiken und einen starken Staat w&uuml;nschen. Die Mehrheit der Menschen will eine staatlich organisierte Rente und pr&auml;feriert eine gesetzliche Krankenkasse. Das zeigen Umfragen immer wieder.<br>\nDie Gruppe der Berater geht wie inzwischen auch die von ihr beeinflusste Politik davon aus, dass die W&uuml;nsche der Mehrheit missachtet werden m&uuml;ssen, dass den Menschen etwas zugemutet werden muss, dass die Aufgabe nicht sein kann, den W&uuml;nschen der Mehrheit zu entsprechen, sondern nur noch das von oben Ausgedachte durchzusetzen. (Eine solche Haltung war &uuml;brigens auch pr&auml;gend f&uuml;r die Gr&uuml;ndung der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die Metallarbeitgeber hatten festgestellt, dass die Mehrheit anders denkt und anderes will als die F&uuml;hrung der Wirtschaft. Also nahm man 100 Millionen D-Mark in die Hand und macht seitdem Propaganda.) <\/p><p>Weil die Berater so weit weg sind von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen, haben sie keine Ahnung davon, welche Bedeutung das bisschen soziale Sicherheit f&uuml;r die Mehrheit der Menschen hat. Diese Ahnungslosigkeit sch&uuml;tzt sie davor, zu begreifen, wie zerst&ouml;rerisch die von ihnen empfohlenen Reformen bisher schon waren. Hartz IV ist daf&uuml;r typisch. Die damit verbundene Begrenzung des Arbeitslosengeldes auf ein Jahr und die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe macht nicht nur die Arbeitslosen zu Betroffenen. Diese Reform hat Millionen von Erwerbst&auml;tigen die kleine Sicherheit der Arbeitslosen-Versicherung geraubt. Die noch Arbeitenden wurden in den Zustand latenter Angst versetzt. Was diese Angst, nach einem Jahr in den Zustand von Hartz IV zu fallen, pers&ouml;nlich f&uuml;r diese Menschen, f&uuml;r ihre Familien und auch f&uuml;r unsere Gesellschaft bedeutet, begreifen betriebswirtschaftlich geschulte Berater ohne die N&auml;he zu den Menschen eines Wahlkreises offenbar nicht.<br>\nSie stehen staunend davor, wenn die politische Beteiligung und die Wahlbeteiligung sinkt. Sie beklagen rechtsradikale Tendenzen. Aber sie begreifen offenbar nicht, dass diese antidemokratischen Entwicklungen viel mit den von au&szlig;en und oben verordneten Reformen zu tun haben.<br>\nIch w&uuml;rde erwarten, dass Politik ohne den dominanten Filter des Beratungswesens nicht so klassenspezifisch entscheiden und operieren w&uuml;rde. Auch deshalb sollte man sich auf die Kraft der Politik besinnen.<\/p><p><strong>6. Das Beratungswesen entpuppt sich immer mehr als Einfallstor f&uuml;r die Durchsetzung privater Interessen in der Politik und damit auch f&uuml;r politische Korruption. Beratung ist heute in vielen F&auml;llen geleitet von gro&szlig;en Interessen. Vermutlich in den meisten F&auml;llen.<\/strong><\/p><p>Beratung und Korruption sind zwei Seiten einer Medaille. Viele Politikberater sind zugleich Interessenvertreter. Die Lobby hat sich als Beratung getarnt und l&auml;sst sich so ihre Lobbyarbeit in vielen F&auml;llen auch noch vom Steuerzahler bezahlen.  Das ist in vielen F&auml;llen nachweisbar &ndash; denken Sie an die verschiedenen Kommissionen; auf einige Beispiele habe ich schon hingewiesen: <\/p><ol type=\"a\">\n<li>Prototypisch ist die gezielte Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente und die damit betriebene Verkaufsf&ouml;rderung der Privatvorsorge:<br>\nWenn die privaten Rentenversicherer nur 10% des Beitragsaufkommens auf ihre M&uuml;hlen umlenken, dann erzielen sie j&auml;hrlich ungef&auml;hr 15 Milliarden &euro; an zus&auml;tzlichem Pr&auml;mieneinnahmen. Darin sind eine so gro&szlig;e F&uuml;lle an Gewinnen und an Provisionen enthalten, dass man damit reihenweise Wissenschaftler bezahlen kann. Diese werden dann geschickter Weise als Berater installiert, womit in vielen F&auml;llen der erw&auml;hnte Vorteil eintritt, dass wir Steuerzahler die Lobbyarbeit bezahlen. Typische F&auml;lle: Die Professoren Miegel und R&uuml;rup, Raffelh&uuml;schen, Sinn und B&ouml;rsch-Supan raten als Gutachter, Kommissionsmitglieder und pers&ouml;nliche Berater von Politikern zum Ausbau der Privatvorsorge und sind gleichzeitig in Diensten der Finanzwirtschaft, konkret zum Beispiel gut bezahlte Redner des Heidelberger Finanzdienstleisters MLP, Mitglieder in Aufsichtsr&auml;ten von ERGO und HypoVereinsbank zum Beispiel.<br>\nR&uuml;rup und Raffelh&uuml;schen haben als Mitglieder der so genannten R&uuml;rup-Kommission und auch sp&auml;ter politische Entscheidungen vorbereitet, die die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente mindern und damit das Vertrauen zerst&ouml;ren, die gesetzliche Rente k&ouml;nnte f&uuml;r die Altersvorsorge ausreichen. Letztes Beispiel daf&uuml;r ist die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters. Auch die Nullrunden und der Nachhaltigkeitsfaktor haben dazu beigetragen.<br>\nB&ouml;rsch-Supan sitzt einem Institut vor, das wesentlich von der Versicherungswirtschaft bezahlt ist, und gibt Ratschl&auml;ge als so genannter Wissenschaftler.<\/li>\n<li>Berater haben den Weg f&uuml;r weitere Privatisierungen bereitet. Die schon erw&auml;hnte Durchsetzung des &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetzes ist ein solcher, typischer Fall. Das geschah mit Unterst&uuml;tzung der erw&auml;hnten Rechtsanwaltskanzlei und vermutlich einer Reihe von Politikern, die inzwischen als Berater t&auml;tig sind und an Privatisierungen verdienen. So wurde auf der Webseite von Rudolf Scharpings Beratungsgesellschaft RSBK, der Rudolf Scharping Strategie Beratung Kommunikation, die Durchsetzung des &Ouml;PP-Beschleunigungsgesetzes gefeiert. Rudolf Scharping begleitet heute als Berater zusammen mit Rainer Br&uuml;derle, FDP, dem ehemaligen Landshuter Oberb&uuml;rgermeister Deimer, CSU, und den beiden Parteifreunden und ehemaligen Oberb&uuml;rgermeistern Rolf B&ouml;hme, Freiburg und Lehmann-Grube, Leipzig beratend die einzelnen Privatisierungen. Genauer m&uuml;sste man wohl sagen: Die f&uuml;nf nahezu all-parteilichen Pers&ouml;nlichkeiten versuchen Oberb&uuml;rgermeistern, Fraktionen, Landr&auml;ten und Kommunalparteien das Verscherbeln des &ouml;ffentlichen Eigentums nahe zu bringen. Sie verdienen an den Privatisierungen, die auch mit Hilfe ihrer Parteifreunde zuvor gesetzlich erleichtert worden sind.<\/li>\n<li>Eine der gro&szlig;en Privatisierungen steht uns dank des Dr&auml;ngens einer Reihe von Beratern und anderer Interessenten ins Haus: der B&ouml;rsengang der Deutschen Bahn AG. Daran ist richtig viel Geld zu verdienen. Der jetzt vorliegende Gesetzentwurf ist schon merkbar von Interessen gepr&auml;gt und wahrscheinlich weit gehend von Beratern mitgestaltet.<br>\nIch bin ganz sicher, dass der Ausverkauf &ouml;ffentlichen Eigentums, wie wir ihn auch in diesem Fall wieder erleben werden, auch nicht ann&auml;hernd so forciert worden w&auml;re, wenn sich die Politik auf die eigene Kraft besonnen h&auml;tte.<\/li>\n<li>Auch die erw&auml;hnte Durchsetzung der Steuerfreiheit f&uuml;r Gewinne bei Unternehmensverk&auml;ufen geht vermutlich auf eine Beratung des damaligen Bundeskanzlers Schr&ouml;der zur&uuml;ck. Im Handumdrehen wurde sie durchgesetzt.<\/li>\n<li>Alle diese skizzierten F&auml;lle von Interesseneinfluss &uuml;ber den Weg der Beratung sind Laienspiele gemessen an dem, was Bertelsmann unserem Land antut. Die sogenannte Bertelsmann Stiftung hat wie eine Krake ihre Finger in einer Vielzahl von politischen und gesellschaftlichen Bereichen unseres Landes &ndash; von der Au&szlig;enpolitik &uuml;ber die Bildungs- und Hochschulpolitik bis zur Verwaltung. Bertelsmann r&auml;t zur Entstaatlichung und Privatisierung und beschafft auch so Jobs f&uuml;r k&uuml;nftige unternehmerische T&auml;tigkeiten des Unternehmens. Die Bertelsmann-Tochter Arvato betreibt in einer Art Test die Verwaltung einer britischen Kommune. &Auml;hnliches wird uns vermutlich demn&auml;chst auch ins Haus stehen.<\/li>\n<\/ol><p><strong>7. Vieles liegt im Dunkel:<\/strong><\/p><p>Wir wissen zum Beispiel nicht, welche Berater daf&uuml;r gesorgt haben, dass die Gewinne der so genannten Heuschrecken zum 1.1.2002 von der Steuer freigestellt worden sind.<br>\nWir wissen nicht, welche Berater im einzelnen Helmut Kohl und seinen Postminister Schwarz-Schilling vor gut 20 Jahren zur Kommerzialisierung des Fernsehens &uuml;berredet haben. Mit gravierenden Folgen f&uuml;r Demokratie und Bildungsstand.<br>\nDieser Vorgang ist ein gutes Beispiel daf&uuml;r, dass Politik ohne den Einfluss au&szlig;enstehende Berater bessere Ergebnisse zeitigen kann. Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hat 1978\/9 die Folgen der Programmvermehrung und Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks ziemlich pr&auml;zise und umfassend vorhergesagt, auch die Folgen f&uuml;r den Bildungsstand unseres Volkes. Was heute Forscher wie der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer oder der Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer mit ihren Forschungen best&auml;tigen, war damals pr&auml;zise angedacht und beschrieben. Wir hatten mit diesen Analysen und Prognosen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt  davon &uuml;berzeugt, dass es keinen Sinn macht, dieser unseligen Entwicklung auch noch mit dem Einsatz von Steuer- und Postgeldern nachzuhelfen. Kohl und Schwarz-Schilling haben das dann ab 1982 getan. Der Dank eines der  beiden Hauptbeg&uuml;nstigten, Leo Kirch, floss dann Jahre sp&auml;ter.<\/p><p><strong>8. Die Sanktionsmechanismen versagen in einer von Beratern gepr&auml;gten Gesellschaft.<\/strong><\/p><p>Wenn uns in der fr&uuml;heren Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes zum Beispiel Hartz I bis III eingefallen w&auml;re und diese  Flops dann unserem Volk zugemutet worden w&auml;ren &ndash; die verantwortlichen Politiker w&auml;ren einer h&ouml;chst kritischen &ouml;ffentlichen Debatte ausgesetzt worden. <\/p><p>Und heute? Das Netzwerk aus Beratungswesen und Politik, aus PR-Agenturen und Medien verhindert erfolgreich eine umfassende kritische Bestandsaufnahme des Scheiterns der so genannten Reformen, die zumeist auf Beratung von au&szlig;en zur&uuml;ckgehen. Berater und Beratene verbindet das gleiche Interesse am Verschleiern der Verantwortung f&uuml;r die Misserfolge. <\/p><p><strong>9. Das nahezu ungest&ouml;rte Wirken der Berater und ihr Einfluss auf die Politik w&auml;re nicht ann&auml;hernd so m&ouml;glich, wenn es inzwischen nicht ein effizientes Zusammenspiel von gro&szlig;en Interessen, von PublicRelations-Agenturen, von Medien und von Beratern g&auml;be.<\/strong><\/p><p>Was wir in diesen Tagen z.B. beim ZDF erleben, die massive Agitation f&uuml;r die Privatvorsorge &uuml;ber die extreme und angstbesetzte Thematisierung des demographischen Wandels, unterf&uuml;ttert und st&uuml;tzt das gleichgerichtete Wirken der in Diensten der Versicherungswirtschaft und der Politik stehenden Berater. Vermutlich ist sowohl die massive mediale Pr&auml;senz zum Thema wie auch das parallele Wirken der Berater und die Unterst&uuml;tzung und Gef&uuml;gigkeit der Politik nur zu begreifen, wenn man dahinter effiziente PublicRelations-Agenturen vermutet.<\/p><p>Ohne die gef&uuml;gige Mitwirkung der meisten Medien w&auml;re die Kampagne der Versicherungswirtschaft in Sachen Demographie und Privatvorsorge auch nicht ann&auml;hernd so erfolgreich. Die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente, aus meiner Sicht ein wirkliches gesellschaftspolitisches Verbrechen, w&auml;re ohne die t&auml;tige Hilfe von Spiegel und Bild, von FAZ und ZDF, von RTL, Stern und leider auch von Deutschlandfunk\/Deutschlandradio nicht m&ouml;glich gewesen. <\/p><p>Die Berater haben sich &uuml;brigens in manchen Medien schon sichtbar festgesetzt. Prototypisch die Vermischung bei ZDF und Bertelsmann: Der Heute-Journal-Moderator und Stellv. Chefredakteur des ZDF Klaus-Peter Siegloch ist Mitglied des Kuratoriums der Bertelsmann Stiftung. Der Leiter des Berliner ZDF-Studios, Peter Frey, ist Fellow beim Bertelsmann-Ableger CAP, dem Center f&uuml;r angewandte Politikforschung des Bertelsmannintimus Prof. Weidenfeld. &ndash; So macht man das. Man verf&uuml;gt als Beratungsunternehmen Bertelsmann Stiftung &uuml;ber ein m&auml;chtiges eigenes Medienimperium von RTL bis Gruner und Jahr mit Stern, Brigitte, Einfluss auf den Spiegel und etliches mehr, und verklammert sich zus&auml;tzlich personell mit einem &ouml;ffentlich-rechtlichen Kanal. Und nicht nur das.<\/p><p><strong>10. Es gibt also viele gute Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass sich die Politik auf ihre eigene Kraft besinnen sollte. Ob sie diese noch hat, ist allerdings eine berechtigte Frage.<\/strong><\/p><p>In den Parteien, die der politischen Willensbildung auch nach den Regeln unseres Grundgesetzes dienen sollen, finden substantielle inhaltliche Debatten kaum noch statt. Entsprechend inhaltlich unbeschrieben ist der Nachwuchs an Abgeordneten. Darunter sind viele Karrieristen ohne inhaltliches Interesse.<\/p><p>Viele Politiker sind heute mit gro&szlig;en Interessen verbunden. Die Schamgrenze ist nachweisbar gesenkt worden. Helmut Kohl sorgt mit politischen Entscheidungen und mit Steuergeldern f&uuml;r die Kommerzialisierung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks und ber&auml;t Jahre sp&auml;ter den Beg&uuml;nstigten Leo Kirch. &ndash; Gerhard Schr&ouml;der, dessen Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten 1998 ganz wesentlich von einem Finanzdienstleister in Hannover betrieben worden ist, bediente die Finanzindustrie in vielf&auml;ltiger Weise: mit der Einf&uuml;hrung einer staatlichen Subvention f&uuml;r eine kommerzielle private Rente, f&uuml;r die F&ouml;rderrente gleich Riester-Rente, und mit der Steuerfreiheit f&uuml;r &bdquo;Heuschrecken&ldquo;. &ndash; Unsere Bundeskanzlerin wird nichts unternehmen, was dem Hause Bertelsmann schadet. &ndash; Friedrich Merz ber&auml;t gro&szlig;e Investoren. Von ihm wird man beispielsweise keine Initiative zur Streichung der Steuerbefreiung f&uuml;r Gewinne beim Verkauf von Unternehmen erwarten k&ouml;nnen. Hingegen wird er rastlos f&uuml;r die Senkung von Unternehmenssteuern eintreten. &ndash; FDP-Spitzenpolitiker arbeiten schon seit Jahren f&uuml;r die Versicherungswirtschaft; beispielhaft Otto Graf Lambsdorff. Auch Gr&uuml;ne wie Christine Scheel hatten sich dieser Branche angedient. &ndash; Der ehemalige Wirtschaftsminister Werner M&uuml;ller leitet heute den Chemiekonzern Ruhrkohle AG, der unter der Kontrolle von E.on steht, einem Unternehmen, das von einer Ministererlaubnis profitiert, die in M&uuml;llers Amtszeit erteilt wurde. Und so weiter und sofort.<\/p><p>In der Beamtenschaft findet seit Jahren eine Erosion der unabh&auml;ngigen und ausreichenden Meinungsbildung und der Motivation statt. Die personelle Ausd&uuml;nnung, pro Jahr anderthalb Prozent Streichung der Planstellen, wirkt sich aus. Noch mehr aber d&uuml;rften zwei andere Trends die Substanz ver&auml;ndert haben:<br>\nZum einen: wirtschaftliche Interessenten platzieren heute ihre Lobby in den Ministerien direkt. Das war in Ans&auml;tzen vor allem im Wirtschaftsministerium schon immer so. Quantitativ d&uuml;rfte diese Art von au&szlig;en gesteuerter Innenberatung zugenommen haben.:<br>\nDer zweite Trend liegt in der Neigung, inhaltlich nicht sonderlich engagierte aber politisch linientreue Mitarbeiter in Schl&uuml;sselstellungen zu platzieren. Auch das gab es immer schon. Mein Eindruck, der Trend hat zugenommen.<br>\nUnd dann kommt noch hinzu, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ministerien voller Verwunderung miterleben, welche unglaublichen Honorare die au&szlig;enstehenden Berater kassieren. Da sie zugleich die mangelnde Qualit&auml;t der Beratung kennen, erscheint ihnen die Disparit&auml;t bei der Bezahlung besonders grotesk. Die Folge ist eine greifbare Demotivierung.<\/p><p>Angesichts dieser Entwicklungen m&uuml;sste ich Sie ratlos lassen. Allerdings doch nicht ganz. Denn die negativen Folgen der Ausweitung des Beratungswesens sind so gravierend. Bedenken Sie, dass z.B. zur Zeit &ouml;ffentliches Eigentum von Beratern motiviert geradezu gefleddert wird. Diese Verschleuderung &ouml;ffentlicher Unternehmen und &ouml;ffentlichen Eigentums &ndash; meist unter Preis und zu Lasten der Geb&uuml;hrenzahler, Mieter, B&uuml;rger &ndash; wird uns allen so teuer zu stehen kommen, dass die R&uuml;ckbesinnung auf die Kraft der Politik, der Ministerialb&uuml;rokratie und der parteilichen Willensbildung auf jeden Fall nicht schlechter enden kann. Ein schwacher Trost? Ein Trost, zumal dies nur ein einziges Beispiel f&uuml;r das unselige Wirken von Beratern ist.<\/p><p><strong>11. Die R&uuml;ckbesinnung auf die Kraft der Politik verlangt allerdings einige Vorkehrungen: Zum Beispiel eine r&uuml;cksichtslose Debatte der eingerissenen Korruption. Die Schamgrenze dagegen muss mithilfe einer breiten &ouml;ffentlichen Debatte neu errichtet werden. Zum Beispiel geh&ouml;rt dazu eine Wiederbelebung der inhaltlichen Debatten auf allen Ebenen der Parteien &ndash; nicht einfach, aber n&ouml;tig. Zum Beispiel w&uuml;rde dazugeh&ouml;ren, in den Ministerien Elemente einer wirksamen Kontrolle und Gegenkontrolle zu installieren.<\/strong><\/p><p>Als Leiter der Planungsabteilung bei Willy Brandt und Helmut Schmidt habe ich in vielen F&auml;llen miterlebt, wie so etwas funktionieren kann, und am Aufbau solcher Checks und Balances gearbeitet. Die Erfahrung zeigte, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in den Fachabteilungen des Bundeskanzleramtes zum Beispiel viel zu eng mit den Ministerien verflochten waren und auf das Wohlwollen der Ministerien bei der eigenen Karriereplanung angewiesen waren, oder sie waren teilweise einfach Vertreter von Au&szlig;eninteressen. Die Planungsabteilung hat versucht, diese Verkrustungen aufzubrechen &ndash; sozusagen als zus&auml;tzliche Stimulanz- und Kontrolleinheit. Es gab zum Beispiel in den Fachabteilungen und Ministerien gl&uuml;hende Verehrer der Kernenergie, die trotz &Ouml;lpreiskrisen in den siebziger Jahren  nichts unternahmen, um die Energiebedarfprognosen aus der bis dahin g&uuml;ltigen engen Korrelation mit den Prognosen f&uuml;r das Bruttoinlandsprodukt zu l&ouml;sen. Das ist dann mit Unterst&uuml;tzung der Spitze des Kanzleramtes und im streitigen Disput mit den Fachabteilungen und dem f&uuml;r die Energieprogramme zust&auml;ndigen Wirtschaftsministerium gelungen.<\/p><p>&Auml;hnliche Erfahrungen machten wir in der Au&szlig;enpolitik. Zum Beispiel: Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan im Dezember 1979 wollte Au&szlig;enminister Genscher Arm in Arm mit Franz Josef Strau&szlig; und Helmut Kohl weg von der Entspannungspolitik. Die Planungsabteilung hat die damals eigentlich zust&auml;ndige au&szlig;enpolitische Abteilung des Bundeskanzleramtes animiert und mit Informationen und Daten &uuml;ber den innenpolitischen R&uuml;ckhalt der Entspannungspolitik versorgt, um den Bundeskanzler bei der Fortsetzung des bisherigen Kurses zu st&auml;rken. Die Politik des Dialogs mit der Sowjetunion wurde nicht abgebrochen.<\/p><p>Auch in den siebziger Jahren gab es schon eine Diskussion um das angeblich sterbende deutsche Volk und einen Vorschlag des damaligen Innenministers Maihofer, 2000 DM einmalig f&uuml;r jedes neugeborene Kind zu zahlen. Das war eine absurde Vorstellung, die aber bei der eigenen Fachabteilung des Bundeskanzleramtes wegen der N&auml;he zum Innenministerium Zustimmung fand. Wir haben in Konkurrenz zur Fachabteilung den damaligen Bundeskanzler &uuml;berzeugt, dass es angesichts des weltweiten Problems einer Bev&ouml;lkerungsexplosion sinnlos ist, hierzulande eine pronatale Politik zu betreiben, noch dazu mit einer Politik des einmaligen finanziellen Anreizes zur Geburt und ohne nachhaltige weitere Unterst&uuml;tzung f&uuml;r diese Familien mit Kindern. Der Wahnsinn, den wir heute erleben, dass n&auml;mlich ein aus der wirtschaftlichen Krise folgendes Problem der Rentenfinanzierung irrt&uuml;mlicher Weise der demographischen Entwicklung zugeschrieben wird, w&auml;re bei Meinungsbildung aus eigener Kraft unterblieben. Was wir heute erleben, ist der typische Fall f&uuml;r die Verquickung von Beratung mit Wirtschaftsinteressen. <\/p><p><strong>12. Auch bei einer R&uuml;ckbesinnung auf die Kompetenz der Politik wird es neben interner Beratung auch externe Beratung geben m&uuml;ssen. Wir haben ausgezeichnete Erfahrungen damit gemacht, diese externe Beratung zu integrieren. Das ist wichtig wegen der engen Verzahnung, zum anderen, um das Einfallstor f&uuml;r Korruption, das die externe Beratung heute darstellt, zu schlie&szlig;en.<\/strong><\/p><p>Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes hatte die M&ouml;glichkeit, sowohl Gutachtenauftr&auml;ge zu vergeben, als auch Honorarvertrags-Mitarbeiter f&uuml;r einen verabredeten Zeitraum zu engagieren. &Uuml;ber solche Vertr&auml;ge haben wir damals j&uuml;ngere Spezialisten f&uuml;r einzelne Fachbereiche engagiert, so z. B. einen Spezialisten f&uuml;r Kernenergie und Energiepolitik f&uuml;r die beschriebene Auseinandersetzung um die Energiepolitik und die Abkoppelung der Prognose des Energiebedarfs von der Bruttoinlandsprodukts-Entwicklung. So zum Beispiel auch Bert R&uuml;rup, damals schon Rentenspezialist, aber noch nicht in Diensten der Versicherungswirtschaft. So zum Beispiel einen Spezialisten f&uuml;r Demographie und einen Makro&ouml;konomen, um die Beratung zur Bew&auml;ltigung der makro&ouml;konomischen Probleme nach dem ersten &Ouml;lpreisschock zu verbessern.<br>\nDiese Honorarvertrags-Mitarbeiter waren so in die Planungsabteilung eingebunden, dass ihre Loyalit&auml;t allein dieser Aufgabe galt.<br>\nDas sind Erfahrungen, die sich leicht auf heute &uuml;bertragen lie&szlig;en und die helfen w&uuml;rden, dass die Politik wieder die Kraft gew&ouml;nne, auf die zu besinnen sich lohnen w&uuml;rde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erweiterte Fassung eines Vortrages im Rahmen einer Tagung von DeutschlandRadio und FU Berlin zum Thema: &ldquo;Wer dreht am Rad der Politik?&rdquo; &ndash; &Uuml;ber Zustand und Zukunft von Lobbyismus und Politikberatung am 17.1.2007<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[140,127,40,73],"tags":[312],"class_list":["post-2055","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","category-verkehrspolitik","tag-reformpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2055","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2055"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2055\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30276,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2055\/revisions\/30276"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2055"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2055"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2055"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}