{"id":20560,"date":"2014-02-03T09:20:29","date_gmt":"2014-02-03T08:20:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20560"},"modified":"2020-11-18T16:25:53","modified_gmt":"2020-11-18T15:25:53","slug":"fassadendaemmung-loesung-oder-irrweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20560","title":{"rendered":"Fassadend\u00e4mmung \u2013 L\u00f6sung oder Irrweg?"},"content":{"rendered":"<p>Wer den immer wieder aufflackernden Streit um das F&uuml;r und Wider der Fassadend&auml;mmung verstehen will, muss in Gedanken zur&uuml;ck ins Jahr 1973. Im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 drosselten zahlreiche OPEC-Staaten ihre &Ouml;lf&ouml;rderung um etwa 5%, was einen Preissprung von 3 auf 5$ f&uuml;r ein Barrel (159 Liter) ausl&ouml;ste. In Deutschland reagierte man darauf unter anderem mit den vier autofreien Sonntagen. Als die Deutschen am Sonntag ihr liebstes Kind in der Garage lassen mussten, verloren sie ihr naives Vertrauen in die seit dem Wirtschaftswunder gewohnte sichere Energieversorgung. Von <strong>Christoph Jehle<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nObwohl es sich bei der damaligen Krise eher um eine &Ouml;lpreiskrise als eine &Ouml;lkrise handelte, wurde doch manchen bewusst, dass der Nachschub an fossilen Energietr&auml;gern ins Stocken kommen k&ouml;nnte. Die im Jahre zuvor vorgestellte Studie des Club of Rome &uuml;ber die Grenzen des Wachstums wandelten sich urpl&ouml;tzlich von einer akademischen Untersuchung in eine konkret erscheinende Gefahr. <\/p><p>In der Folge besch&auml;ftigten sich die Forschung und zunehmend auch die Politik mit der Fragestellung, wie sich die Abh&auml;ngigkeit von importierten fossilen Energietr&auml;gern reduzieren lassen k&ouml;nnte. Kurzfristig wurden alle &Ouml;lkraftwerke vom Netz genommen. Dies betraf auch Kraftwerke, die noch lange nicht abgeschrieben waren. In der Folge wurde untersucht, welche weiteren M&ouml;glichkeiten zu Energieeinsparen m&ouml;glich w&auml;ren. Vor dem Hintergrund, dass damals jeder 7. Arbeitsplatz der Automobilwirtschaft zugeschrieben wurde, wollte man den Hebel damals jedoch nicht beim Auto und seinem Kraftstoffverbrauch ansetzen.  <\/p><p>Und so fokussierte man sich auf den Geb&auml;udebereich und fand mit der Verbesserung der Heizkesseltechnik und der W&auml;rmed&auml;mmung der Geb&auml;ude-Au&szlig;enh&uuml;lle zwei Ansatzpunkte, die weniger emotionsbeladen waren als das Automobil. Zudem findet sich die Mehrheit der deutschen Haushalte in gemieteten R&auml;umen. Damit wurde die Entscheidung &uuml;ber das D&auml;mmen des Geb&auml;udes und die Optimierung der Heizungsanlage einem Dritten &uuml;berlassen.<\/p><p>Bei den Heizungsanlagen gab es beispielsweise mit Brennwertkesseln zumindest bei Gas- und &Ouml;l-befeuerten Systemen bald schon deutliche Fortschritte hinsichtlich der Effizienz. Dazu kam die Unterst&uuml;tzung der Warmwasser- und Heizwasser-Bereitung durch solarthermische Kollektoren.<\/p><p>Je gr&ouml;&szlig;er der Anteil der direkt aus Sonnenenergie gewonnenen W&auml;rme, desto geringer ist im Grunde die Notwendigkeit, den Energiebedarf in einem Geb&auml;ude durch eine D&auml;mmung der Au&szlig;enh&uuml;lle zu senken. Und in zahlreichen F&auml;llen rechnet sich sogar die Modernisierung einer auf fossilen Brennstoffen basierenden Heizungsanlage schneller, als eine komplette D&auml;mmung der Au&szlig;enh&uuml;lle des Geb&auml;udes. Daher dr&auml;ngen gerade die Heizungsanlagenbauer immer wieder, doch zuerst die Heizungsanlage zu modernisieren.<\/p><p>Auf der anderen Seite reduziert eine D&auml;mmung der Geb&auml;ude-Au&szlig;enh&uuml;lle den Heizenergiebedarf und f&uuml;hrt dazu, dass die Heizanlage dann meist deutlich &uuml;berdimensioniert ist und im weniger effizienten Teillastbereich arbeitet. Daher wird zumeist die D&auml;mmung zuerst angegangen und dann erst die Heizungsmodernisierung. Dazu kam der Druck durch den Gesetzgeber, der forderte, dass bei Arbeiten an der Geb&auml;udeh&uuml;lle, die mehr als 10% der Gesamtfl&auml;che betrafen, auch die D&auml;mmung auf den aktuellen Stand gebracht werden m&uuml;sse. Bei bewohnten Geb&auml;uden setzte man meist auf eine Au&szlig;end&auml;mmung, die auf die Fassade aufgebracht wurde. Auch hier lohnt wieder ein Blick in die Vergangenheit, um zu verstehen, wie es zur Markteinf&uuml;hrung der D&auml;mmstoffe kam. Zumeist war das Material vorhanden und der Hersteller suchte eine m&ouml;gliche Anwendung.<\/p><p>Die Unternehmerfamilie Rhodius in Burgbrohl hatte von der BASF im Jahre 1961 eine Lizenz zur  Produktion von Styropor-Verpackungen erworben und suchte eine M&ouml;glichkeit zur Verwertung der dabei entstehenden Abf&auml;lle. Sie kam dabei auf die Entwicklung von D&auml;mmstoffen. Styropor-Verpackungen sind heute weitgehend von umweltfreundlicheren Materialien verdr&auml;ngt worden, im Bereich der W&auml;rmed&auml;mmung haben sie sich aufgrund ihres Kostenvorteils bei der Herstellung jedoch am Markt gehalten. Und so werden zahlreiche Geb&auml;ude noch immer zur W&auml;rmed&auml;mmung mit Platten aus dem gesch&auml;umten Kunststoff verpackt. Gesch&uuml;tzt vor den Einwirkungen von UV-Licht und L&ouml;sungsmitteln h&auml;lt sich das expandierte Polystyrol (EPS), das zwar gegen W&auml;rmeverlust hilft, jedoch schlechte Schalld&auml;mmeigenschaften besitzt, durchaus 40 Jahre als Fassadend&auml;mmung. Das unverrottbare Material h&auml;lt damit l&auml;nger als manches heute neu gebaute Haus, wenn es sicher vor M&auml;usefra&szlig; gesch&uuml;tzt wird. Wie der Marder seine Schw&auml;che f&uuml;r Bremsleitungen in PKWs entdeckt hat, so finden M&auml;use offensichtlich Gefallen am Zerbei&szlig;en von EPS-Platten.  <\/p><p>Muss die D&auml;mmung aus baulichen oder sonstigen Gr&uuml;nden entfernt werden, sollte der Hauseigent&uuml;mer kein Problem haben, sagen die Hersteller der D&auml;mmstoffe.  Unverschmutzte D&auml;mmplatten k&ouml;nnen problemlos einer stofflichen Wiederverwertung zugef&uuml;hrt werden. Das betrifft jedoch nur Verschnitt und anderen Abfall, der bei der D&auml;mmung der Fassade entsteht. Verschmutztes EPS wurde bislang meist als Bauabfall zur Deponie gebracht. Dies ist inzwischen nach den Vorgaben der Ablagerungsverordnung nicht mehr m&ouml;glich. Und so bleibt meist nur die Nutzung des guten Heizwertes &uuml;ber die Verbrennung in entsprechend ausger&uuml;steten M&uuml;llheizkraftwerken. Da sich bei der Verbrennung in Verbindung mit den eingesetzten Flammschutzmitteln Dioxin bilden kann, ist die Verbrennung nicht in jeder M&uuml;llverbrennung m&ouml;glich. Die Flammschutzmittel werden dem EPS zugesetzt, damit es als schwer entflammbar klassifiziert werden kann. <\/p><p>Auch die als D&auml;mmmaterial zum Einsatz kommende Mineralwolle geht auf einen Hersteller zur&uuml;ck, der f&uuml;r seine Erzeugnisse einen wachstumsf&auml;higen Markt suchte. Franz Haider hatte 1947 in Linz-Wegscheid eine Glasfaserproduktion gegr&uuml;ndet und produzierte grobe Glasfasern zur technischen Isolierung und das sogenannte Engelshaar, das als Weihnachtsschmuck eine zeitlich stark begrenzte, saisonale Anwendung fand. 1957 erwarb man vom franz&ouml;sischen Saint-Gobain-Konzern die Lizenz Mineralwolle im sogenannten Tel-Verfahren zu produzieren und nannte das Produkt Tel-Wolle. Unter dem Namen Saint-Gobain ISOVER ist das Unternehmen noch heute Lieferant f&uuml;r D&auml;mmstoffe f&uuml;r Geb&auml;ude. Engelshaar als Christbaumschmuck ist heute vom Markt verschwunden. Wie andere Fasermaterialien steht auch Mineralwolle immer wieder im Verdacht <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mineralwolle\">krebsausl&ouml;send zu sein<\/a> und so wird das Material als gesundheitssch&auml;dlich gekennzeichnet. Dies gilt in besonderer Weise f&uuml;r Materialien, die vor 2000 verbaut wurden und kein RAL-Zeichen tragen. Wie bei EPS tritt die Umweltbelastung schwerpunktm&auml;&szlig;ig bei der Entsorgung des D&auml;mmmaterials auf. Zudem muss man nicht unbedingt die Fassade jedes Geb&auml;udes hinter einer D&auml;mmschicht verstecken, so wie man das bis in die 1970er-Jahre mit Eternit-Schindeln oder Kunststoff-Panelen gemacht hat.  <\/p><p>Die W&auml;rmed&auml;mmung der Geb&auml;udeh&uuml;lle betrifft im &Uuml;brigen nicht nur die Fassade, sondern auch die Bereiche Dach und Keller\/Bodenplatte. Im Geb&auml;udebestand ist eine D&auml;mmung der Bodenplatte von unten praktisch nicht mehr m&ouml;glich und so muss man sich mit einer wasserdichten D&auml;mmung der Kellerw&auml;nde begn&uuml;gen. Beim Dach oder der obersten Geschossdecke, falls das Dachgeschoss nicht ausgebaut ist, bieten sich nat&uuml;rliche D&auml;mmstoffe wie Zelluloseflocken aus Altpapier, Schafwolle, Bims, expandierter Kork und zahlreiche andere Materialien an, die umweltvertr&auml;glicher sind als EPS und problemloser zu verarbeiten als Mineralwolle. Bei einer sehenswerten, m&ouml;glicherweise sogar denkmalgesch&uuml;tzten Au&szlig;enfassade, l&auml;sst sich die D&auml;mmung der Au&szlig;enw&auml;nde auch als Innend&auml;mmung realisieren. Der fr&uuml;her vielfach gef&uuml;rchteten Baracken-Effekt beim Raumklima l&auml;sst sich vermeiden, wenn man im Innenraum einen Lehmputz aufbringt. Heutzutage gibt es f&uuml;r den Innenausbau Holzfaserd&auml;mmplatten, die schon mit einem Lehmputz versehen sind und nur noch im Fugenbereich verputzt werden m&uuml;ssen, was die Trockenzeiten drastisch reduziert. <\/p><p>Wer unter Geb&auml;uded&auml;mmung nur eine Fassadenverpackung mit EPS- oder Mineralfaser-D&auml;mmplatten versteht, hat deutlich zu kurz gedacht. Inzwischen ist zum Gl&uuml;ck mit der Novellierung der Energiesparverordnung (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Energieeinsparverordnung\">ENEV 2014 <\/a>) der zeitliche Druck der gesetzlichen Vorgaben etwas reduziert worden und so sollte ein Hausbesitzer nicht zum n&auml;chstbesten D&auml;mmstoff greifen, den ihm ein Vertreter des einschl&auml;gigen Handwerks andient, sondern in Ruhe und Gelassenheit auch andere L&ouml;sungen zur D&auml;mmung hinsichtlich der jeweiligen Anwendbarkeit pr&uuml;fen. Zudem n&uuml;tzt die beste Fassadend&auml;mmung nichts, wenn man die W&auml;rme &uuml;ber alte Fenster ohne entsprechendes Isolierglas entweichen l&auml;sst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den immer wieder aufflackernden Streit um das F&uuml;r und Wider der Fassadend&auml;mmung verstehen will, muss in Gedanken zur&uuml;ck ins Jahr 1973. Im Zusammenhang mit dem Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 drosselten zahlreiche OPEC-Staaten ihre &Ouml;lf&ouml;rderung um etwa 5%, was einen Preissprung von 3 auf 5$ f&uuml;r ein Barrel (159 Liter) ausl&ouml;ste. In Deutschland reagierte man<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20560\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[178,176],"tags":[1142],"class_list":["post-20560","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ressourcen","category-umweltpolitik","tag-wohnungswirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20560"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20560\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":67038,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20560\/revisions\/67038"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}