{"id":20587,"date":"2014-02-04T13:35:23","date_gmt":"2014-02-04T12:35:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20587"},"modified":"2015-10-14T17:09:58","modified_gmt":"2015-10-14T15:09:58","slug":"auswuechse-des-kasinokapitalismus-nicht-eigentum-verkaufen-oder-versichern-und-von-sinkenden-kursen-profitieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20587","title":{"rendered":"Ausw\u00fcchse des Kasinokapitalismus &#8211; Nicht-Eigentum verkaufen oder versichern und von sinkenden Kursen profitieren"},"content":{"rendered":"<p>Am 22. Januar hat der Europ&auml;ische Gerichtshof in Luxemburg ein Urteil zu den EU-Regeln bei ungedeckten Leerverk&auml;ufen und Credit Default Swaps gef&auml;llt. Das von der EU-B&ouml;rsenaufsicht ESMA 2012 erlassene europaweite Verbot dieser Gesch&auml;fte ist rechtswirksam. Pech f&uuml;r die britische Regierung &ndash; sie hatte n&auml;mlich gegen die entsprechende Regelung geklagt. Wer jedoch glaubt, durch das Urteil werde dem spekulationsfixierten Treiben auf den Finanzm&auml;rkten ernsthaft Einhalt geboten, irrt sich gewaltig. Von <strong>G&uuml;nther Wierichs<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20587#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nDie EU-Verordnung erlaubt es der ESMA, ungedeckte Leerverk&auml;ufe in europ&auml;ischen Aktien und &ouml;ffentlichen EU-Schuldtiteln (z.B. Staatsanleihen) sowie ungedeckte Credit Default Swaps (CDS) auf &ouml;ffentliche Schuldtitel in Krisenzeiten zu untersagen. Ungedeckte Leerverk&auml;ufe und CDS sind ganz besonders exklusive Instrumente aus dem Spekulations-Baukasten der Finanzbranche, und zwar aus zwei Gr&uuml;nden: Man verkauft oder versichert etwas, das man nicht besitzt, und man profitiert von sinkenden Kursen bzw. schlechten Nachrichten.<\/p><p>Ein ungedeckter Leerverkauf funktioniert im Prinzip folgenderma&szlig;en: Wenn ein Spekulant der Auffassung ist, die X-Aktie sei zurzeit &uuml;berbewertet, verkauft er sie zum aktuellen (seiner Meinung nach zu hohen) Kurs gegen sp&auml;tere Lieferung. Das Kaufvertragsrecht verpflichtet ihn zur Lieferung, nirgendwo steht jedoch, dass er die Aktie zum Zeitpunkt des Deals auch in seinem Bestand haben muss. Trifft seine Annahme nun zu, macht er ein lukratives Gesch&auml;ft, indem er sich die Aktie bei Eintreten der Lieferverpflichtung zum gesunkenen Preis beschafft und liefert. Damit hat er seine Verpflichtung erf&uuml;llt und kassiert nebenbei die Differenz zwischen den beiden Kursen. <\/p><p>Bei CDS geht es um eine Art Versicherung gegen einen Forderungsausfall. Wer eine Forderung an ein Unternehmen oder einen Staat erwirbt (zum Beispiel durch den Kauf einer Unternehmensanleihe oder einer Staatsanleihe), kann von dem Versicherer, also demjenigen, der den CDS herausgibt, gegen Zahlung einer Pr&auml;mie verlangen, dass dieser im Falle einer Insolvenz des Schuldners f&uuml;r den damit verbundenen Forderungsausfall eintritt. Je h&ouml;her die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls, desto saftiger f&auml;llt die Versicherungspr&auml;mie aus. Eine Pr&auml;mie f&uuml;r f&uuml;nfj&auml;hrige Schuldtitel der  Bundesrepublik Deutschland kostet zurzeit etwa 0,23 % pro Jahr. Wer also beispielsweise den Erwerb von 10 Millionen Euro einer Bundesanleihe absichern m&ouml;chte, zahlt 23.000 Euro pro Jahr. Die Absicherung italienischer Staatsanleihen ist da mit etwa 1,67 % schon ein wenig kostspieliger. F&uuml;r ein Jahr sind hier 167.000 Euro zu zahlen. Noch teurer sind &ndash; mit einer Jahrespr&auml;mie von 555.000 Euro &ndash; CDS auf Griechenland-Bonds. <\/p><p>Meistens geht es jedoch nicht um die Absicherung einer bestehenden Forderungsposition. CDS-Spekulanten sind nicht an Forderungstitel interessiert, ebenso wenig, wie es dem &bdquo;ungedeckten&ldquo; Aktienleerverk&auml;ufer um den Aktienbestand selber geht. Daher gibt es auch ungedeckte (&bdquo;nackte&ldquo;) CDS, mit deren Hilfe man &uuml;ber die Versicherungspr&auml;mie Kasse macht. Wer also auf die n&auml;chste Regierungskrise in Italien setzt, kann, um im obigen Beispiel zu bleiben, CDS auf italienische Schuldtitel im Volumen von 10 Millionen Euro zum aktuellen Preis von 1,67 % (entsprechend 167.000 Euro) erwerben. Wenn die Regierungskrise dann eintritt (oder auch nur herbeigeredet wird), wird die Pr&auml;mie steigen. F&uuml;r jeden Prozentpunkt w&uuml;rden dann pro Jahr 100.000 Euro mehr an Absicherungskosten anfallen. Und der &bdquo;Markt&ldquo; gibt das locker her. Interessenten, welche bereit sind, die dann gestiegenen Pr&auml;mien auch zu zahlen (und die damit dem CDS-Spekulanten einen Gewinn bescheren), sind Inhaber von Forderungstiteln oder andere Spekulanten, die zulangen, weil sie zuk&uuml;nftig mit noch h&ouml;heren Pr&auml;mien rechnen.<\/p><p>Nicht-Eigentum oder (Nicht-Besitz[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]) verkaufen bzw. versichern. Der Leerverkauf ist nichts anderes als Vertrag &uuml;ber eine Sache, in dem festgehalten wird, dass diese sp&auml;ter beschafft und geliefert wird. Ein &bdquo;nackter&ldquo; CDS gleicht einer Elementarschadenversicherung gegen Feuer, Wasser und Sturm auf das Haus eines Nachbarn. Kasse gemacht wird in beiden F&auml;llen, wenn ein &bdquo;negatives Ereignis&ldquo; eintritt, ein Preisverfall der Sache oder ein heranziehender Orkan, der das Haus des Nachbarn bedroht. <\/p><p>Hintergrund der eingangs erw&auml;hnten EU-Verordnung: Das &bdquo;Ungedeckte&ldquo; soll weg. Nur diejenigen, die eine Aktie besitzen bzw. einen Forderungstitel haben, sollen als Verk&auml;ufer oder versicherte Person auftreten. Leider ist die Verordnung &ndash; wie alles, was aus der Abteilung Finanzmarktregulierung kommt &ndash; ein halbherziges Regelwerk im Patchwork-Stil. Denn erstens umfasst sie mit der Beschr&auml;nkung auf europ&auml;ische Aktien und &ouml;ffentliche Schuldtitel nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Spektrum der Kapitalanlagen. Alle &uuml;brigen Wertpapiere und auch Devisen bleiben schlie&szlig;lich au&szlig;en vor. Zweitens enth&auml;lt die Verordnung eine F&uuml;lle von Ausnahmeregelungen. Drittens sind andere Spekulationsinstrumente aus der Derivate-Giftk&uuml;che nach wie vor beliebig verf&uuml;gbar. Und selbst &uuml;ber eine solche kastrierte Verordnung regen sich britische Regierungsvertreter und die Gentlemen aus der City of London, also diejenigen, die den Regierungsmitgliedern sagen, was sie zu tun haben, noch auf! Die EU Verordnung[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] wirkt &ndash; im &uuml;bertragenen Sinne gesprochen &ndash; so, als w&uuml;rde man in einer Gesellschaft, in der k&ouml;rperliche Z&uuml;chtigung von Kindern mit allen erdenklichen Mitteln (Ohrfeigen, Weidenruten, biegsame St&ouml;cke etc.) erlaubt ist, einschr&auml;nkende Regelungen f&uuml;r bestimmte Z&uuml;chtigungsma&szlig;nahmen erlassen (z.B. das Verbot der Benutzung zu harter St&ouml;cke oder das Pr&uuml;geln mit mehr als zehn Hieben). <\/p><p>Der Grund f&uuml;r die Halbherzigkeit des Gesetzgebers in Sachen Finanzmarktregulierung ist sattsam bekannt. Die Beharrungskr&auml;fte der Branche sowie ihr Einfluss sind einfach zu gro&szlig;. Kein Wunder, es geht um sehr, sehr viel Geld, denn immerhin sind weltweit mehr 200 Billionen US-Dollar an renditehungrigem Finanzverm&ouml;gen unterwegs. Da muss man zwangsl&auml;ufig einen Gro&szlig;teil der Rendite &uuml;ber Spekulationsgesch&auml;fte &bdquo;erwirtschaften&ldquo;. <\/p><p>Die Verteidigungslinie der Hardliner in Sachen Finanzkapitalismus und ungez&uuml;gelten Markthandelns ist jedenfalls eindeutig. Zur Rechtfertigung von ungedeckten Leerverk&auml;ufen und &bdquo;nackten&ldquo; CDS wird wieder einmal das M&auml;rchen von der Effizienz der Kapitalm&auml;rkte verbreitet. Das ist Manipulation vom Feinsten. So hei&szlig;t es beispielsweise in einer Stellungnahme des Instituts der Deutschen Wirtschaft K&ouml;ln aus dem Jahr 2010, als die Bundesrepublik im Vorgriff auf die EU-Verordnung erstmalig einen Gesetzentwurf zum Verbot der genannten Gesch&auml;fte vorlegte:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Leerverk&auml;ufe, auch ungedeckte, sind n&auml;mlich ein wichtiges Instrument zur korrekten Preisbildung an den Finanzm&auml;rkten. Die Pessimisten auf den M&auml;rkten, die ansonsten durch ihren jeweiligen Bestand an Wertpapieren in ihren Verkaufsabsichten begrenzt werden, erhalten durch Leerverk&auml;ufe zus&auml;tzliche Optionen. Der Markt wird dann nicht durch die Optimisten &ndash; die K&auml;ufer &ndash; dominiert, was die Volatilit&auml;t (Schwankungsintensit&auml;t &ndash; G.W.) der Preise reduziert und die Gefahr von Preisblasen mindert.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.deutschland-check.de\/analyse-der-gesetzentwurf-zum-verbot-ungedeckter-leerverkaeufe-im-urteil-der-oekonomen.html\">deutschland-check<\/a><\/p><p>Dann soll also das eine Lager der Spekulanten diejenigen Fehlsteuerungen korrigieren, die das andere Lager verursacht &ndash; oder wie ist das jetzt zu verstehen? Oder, um wieder im Bild von der Z&uuml;chtigung von Kindern zu bleiben: Wir ben&ouml;tigen zwei Klassen von Erziehern (wobei der einzelne Erzieher m&uuml;helos und schnell von der einen Klasse in die andere Klasse, je nach Bedarf und Stimmung, wechseln kann). In der einen Klasse werden die Erzieher mit Ruten und Schlagst&ouml;cken ausgestattet, in der anderen mit Wundsalben und Verb&auml;nden. Damit die Auswirkungen der Pr&uuml;gel-Klasse nicht zu krass ausfallen, muss die Klasse der Wundheiler korrigierend eingreifen. <\/p><p>Richtig w&auml;re es daf&uuml;r zu sorgen, dass weder die Pr&uuml;gelnden noch die Wundheiler zum Einsatz kommen. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] G&uuml;nter Wierichs (* 1955) studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und promovierte zum Dr. rer. pol. Er arbeitet als Fachleiter am Zentrum f&uuml;r schulpraktische Lehrerausbildung in D&uuml;sseldorf und ist Autor mehrerer Lehrb&uuml;cher, eines Bank- und B&ouml;rsenlexikons sowie zahlreicher Aufs&auml;tze zu wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Themen. Ende August 2013 erschien im Westend-Verlag sein Buch: &bdquo;Das kritische Finanzlexikon&ldquo;.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der rechtliche Unterschied zwischen Eigentum und Besitz besteht darin, dass Eigentum die rechtliche Herrschaft, Besitz hingegen die tats&auml;chliche Herrschaft &uuml;ber eine Sache mit sich bringt. H&auml;ufig f&auml;llt beides zusammen. Der Eigent&uuml;mer und Besitzer einer CD kann damit machen, was er will; er kann sie in einen CD-Player legen und sich an der Musik erfreuen, sie in einem Kunstwerk verarbeiten &ndash; oder sie, wenn er m&ouml;chte, vernichten. Er kann auch rechtlich beliebig &uuml;ber sie verf&uuml;gen und sie beispielsweise verschenken oder verleihen. Der Entleiher w&auml;re im letzteren Fall lediglich Besitzer und ist in seinen M&ouml;glichkeiten begrenzt. Die Vernichtung entf&auml;llt dann zum Beispiel.  Bei Leerverk&auml;ufen spielt das Entleihen im &Uuml;brigen eine gro&szlig;e Rolle, und zwar immer dann, wenn ein Leerverk&auml;ufer mit der Beschaffung der Wertpapiere noch warten m&ouml;chte, gleichzeitig jedoch schon liefern muss. Dann leiht er sich die Wertpapiere von einem Dritten und  liefert sie an den Leerverkaufspartner. Dem Verleiher gibt er dann sp&auml;ter die von ihm gekauften Wertpapiere zur&uuml;ck. Diese Variante des so genannten &bdquo;gedeckten&ldquo; Leerverkaufs ist nach wie vor ohne Einschr&auml;nkungen erlaubt.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Wer nachts wach liegt und etwas zum Einschlafen ben&ouml;tigt, dem sei die Lekt&uuml;re der Verordnung empfohlen, abrufbar <a href=\"http:\/\/eur-lex.europa.eu\/LexUriServ\/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:086:0001:0024:de:PDF\">hier [PDF &ndash; 1 MB]<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. 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