{"id":20646,"date":"2014-02-11T07:48:32","date_gmt":"2014-02-11T06:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646"},"modified":"2015-10-15T14:24:23","modified_gmt":"2015-10-15T12:24:23","slug":"auf-dem-richtigen-weg-pisa-2012-und-die-migranten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646","title":{"rendered":"Auf dem richtigen Weg? PISA 2012 und die Migranten"},"content":{"rendered":"<p>Migrantenkinder machen zwar einen rasch anwachsenden Anteil der Sch&uuml;lerschaft aus (in K&ouml;ln schon insgesamt 50%), es gibt aber nur wenige &Uuml;berlegungen, was das hei&szlig;en k&ouml;nnte f&uuml;r schulisches Lehren und Lernen. In der Grundschuldidaktik wird vielfach &uuml;bersehen, dass ein wachsender Anteil an Sch&uuml;lern nicht mehr Deutsch als Muttersprache spricht. PISA macht bei aller berechtigten Kritik immerhin auf die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus sozi&ouml;konomisch benachteiligten Familien aufmerksam. Aber die richtigen Konsequenzen werden nicht gezogen, vielleicht auch deshalb, weil P&auml;dagogen zwar Aufgaben f&uuml;r das sprachliche Lernen formulieren, w&auml;hrend die eigentlich zust&auml;ndige Didaktik f&uuml;r das sprachliche Lernen aber h&ouml;flich schweigt.<br>\nEine fortschrittliche Schulpolitik muss sich Gedanken &uuml;ber diese Situation machen. Additive Ma&szlig;nahmen bei Weiterbestehen der Regelsysteme helfen nicht mehr, wenn es um eine langfristige Trendwende gehen soll. Ein Kommentar zu PISA 2012 und daraus abzuleitende Schlussfolgerungen f&uuml;r Migrantenkinder von <strong>Thomas Jaitner<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorweg eine Anmerkung der Redaktion:<\/strong> Die NachDenkSeiten nehmen eine kritische Position zu PISA ein. Siehe etwa:<\/p><ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=19428\">Macht PISA dumm?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/131206_Pisa_Krautz.pdf\">Anpassung an eine Scheinwelt [PDF &ndash; 65 KB]<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/39\/39307\/1.html\">Schluss mit PISA?<\/a><\/li>\n<\/ul><p>Thomas Jaitner begr&uuml;ndet  in seinem Anschreiben, warum er f&uuml;r seine Vorschl&auml;ge zur &Uuml;berwindung der Benachteiligung von Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund auf die PISA-Tests &ndash; die er selbst auch kritisiert &ndash;  zur&uuml;ckgreift. Schlie&szlig;lich wird die Schulpolitik von PISA-Gl&auml;ubigen bestimmt und die PISA-Tests beherrschen die &ouml;ffentliche Debatte. Die in dem nachfolgenden Beitrag skizzierten Handlungs- und Reformvorschl&auml;gen f&uuml;r ein weiteres Vorankommen auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei hohen Leistungen decken sich mit den PISA-Resultaten. Auch die PISA-Anh&auml;nger k&ouml;nnen sich also der Auseinandersetzung diesen Anst&ouml;&szlig;en kaum verweigern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><ol>\n<li>\n<p><strong>Die Fakten sind bekannt: Die 15-j&auml;hrigen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in Deutschland schneiden in PISA 2012 besser ab.<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem ein Vergleich mit der ersten, schockierenden Untersuchung aus dem Jahr 2000 macht dies deutlich. Die Sch&uuml;lerleistungen in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften liegen 2012 &uuml;ber dem Durchschnitt der beteiligten Staaten:<\/p>\n<ul>\n<li>In Mathematik erreichten die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler im Durchschnitt 514 Punkte, das sind deutlich mehr als die 490 aus dem Jahr 2000.<\/li>\n<li>Im Bereich Lesekompetenz waren es 2012 508 Punkte gegen&uuml;ber 484 aus dem Jahr 2000.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Ergebnisse sind haupts&auml;chlich zur&uuml;ckzuf&uuml;hren auf Leistungssteigerungen unter den leistungsschw&auml;cheren und sozio&ouml;konomisch benachteiligten Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern, w&auml;hrend sich der Anteil der Jugendlichen in den h&ouml;chsten Kompetenzstufen kaum ge&auml;ndert hat:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Anteil der besonders Leistungsschwachen in Mathematik (unterhalb von Kompetenzstufe II) sank seit 2003 um 4 Punkte. &bdquo;Au&szlig;erdem erzielten die leistungsschw&auml;chsten 10% der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in PISA 2012 &uuml;ber 20 Punkte mehr als die entsprechende Gruppe in PISA 2003.&ldquo; (L&auml;ndernotiz Deutschland, S. 2).<\/li>\n<li>&Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Lesekompetenz: &bdquo;Zwischen 2000 und 2012 ist es Deutschland gelungen, den Anteil der besonders leistungsschwachen Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler im Bereich Lesekompetenz um 8 Prozentpunkte zu reduzieren; au&szlig;erdem erzielten die leistungsschw&auml;chsten 10% der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler &hellip; fast 50 Punkte mehr als die entsprechende Gruppe in PISA 2000.&ldquo; (S. 3) Es gibt also einen &bdquo;erfreulichen R&uuml;ckgang schwacher Leserinnen und Leser.&ldquo; (Langfassung der Studie, S. 237)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Besser waren auch die Ergebnisse der Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die 2000 besonders schlecht abgeschnitten hatten:<\/p>\n<ul>\n<li>&bdquo;2003 erzielten Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund in Mathematik durchschnittlich 81 Punkte weniger als Sch&uuml;ler ohne Migrationshintergrund; 2012 hatte sich dieser Leistungs-abstand auf 54 Punkte verringert.&ldquo; (S. 6)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch der Einfluss sozio&ouml;konomischer Faktoren auf die Sch&uuml;lerleistungen ist schw&auml;cher geworden (S. 5).<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Wie sind die verbesserten Ergebnisse zu bewerten?<\/strong><\/p>\n<p>Kann man dem Kommentar der Kultusministerkonferenz vom 3.12.2013 zustimmen: &bdquo;Die eingeschlagenen Wege sind erfolgreich und m&uuml;ssen konsequent fortgesetzt werden.&ldquo;?&nbsp;<br>\nZun&auml;chst einmal muss man die Fortschritte anerkennen, sie sind vor allem dem Engagement und der Arbeit vor Ort zu verdanken. Sie zeigen, dass man ungleiche Bildungschancen nicht einfach hinnehmen muss, dass sie ver&auml;ndert werden k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>Zum PISA-Verfahren ist in der Vergangenheit viel berechtigte Kritik vorgetragen worden, auch auf den NachDenkSeiten. Aber immerhin hat PISA auf die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und aus sozio&ouml;konomisch benachteiligten Familien hingewiesen. Deshalb sollte PISA 2012 gerade auch f&uuml;r diejenigen, die sich st&auml;ndig auf die Ergebnisse dieses Tests berufen, Anlass sein, &uuml;ber den bisher eingeschlagenen Weg und seine Fortsetzung nachzudenken.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Alte Probleme weiterhin ungel&ouml;st<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Bewertung muss man bedenken, dass die Ergebnisse von 2000 besonders schlecht waren, Deutschland war damals Schlusslicht bei der sozialen Gerechtigkeit in der Bildung. Bei einem so vielf&auml;ltigen und erfahrenen Bildungssystem wie dem deutschen konnte man durchaus rasche Verbesserungen erwarten. Allerdings zeigt auch PISA 2012, dass alte Probleme weiterhin ungel&ouml;st bleiben. Dies gilt vor allem f&uuml;r die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die immer noch deutlich zur&uuml;ckbleiben hinter den durchschnittlichen Sch&uuml;lerleistungen. So erreichten 31% von ihnen in Mathematik nur maximal die Kompetenzstufe I, k&ouml;nnen also nur einfachste Aufgaben l&ouml;sen. Bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund sind es dagegen 14%, also die H&auml;lfte. Die Abh&auml;ngigkeit der Leistung vom sozio&ouml;konomischen Hintergrund der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler liegt weiterhin &uuml;ber dem Durchschnitt der OECD. Zus&auml;tzlich gibt es offensichtlich auch neue Probleme, die mit dem Unterricht zu tun haben:<\/p>\n<ul>\n<li>&bdquo;Die Schuldisziplin hat sich in Deutschland zwischen 2003 und 2012 verschlechtert&hellip; Der Anteil der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, die in Deutschland angaben, dass es bei ihnen im Unterricht &lsquo;drunter und dr&uuml;ber geht&rsquo;, ist zwischen 2003 und 2012 um 4 Prozentpunkte von 25% auf 29% gestiegen&hellip; Auch der Anteil der Sch&uuml;ler, in deren Klasse &lsquo;es lange dauert, bis die Sch&uuml;ler mit dem Arbeiten anfangen&rsquo;, hat sich von 26% auf 29% erh&ouml;ht.&ldquo; (L&auml;ndernotiz Deutschland, S. 8)<\/li>\n<li>&bdquo;W&auml;hrend im OECD-Durchschnitt 82% der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler der Aussage &lsquo;Wenn ich zus&auml;tzliche Hilfe brauche, bekomme ich sie von meinen Lehrerinnen und Lehrern&rsquo; &lsquo;v&ouml;llig&rsquo; oder &lsquo;eher&rsquo; zustimmten, war dies in Deutschland nur bei 66% der Fall. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Aussage &lsquo;Die meisten meiner Lehrerinnen und Lehrer interessieren sich f&uuml;r das, was ich zu sagen habe&rsquo;, der im OECD-Schnitt 74% der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler &lsquo;v&ouml;llig&rsquo; oder &lsquo;eher&rsquo; zustimmten, w&auml;hrend in Deutschland mindestens ein Drittel der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler anders antwortete.&ldquo; (S. 8)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Befunde h&auml;ngen sicherlich mit einer wachsenden &Uuml;berforderung aller Beteiligten mit der zunehmenden Heterogenit&auml;t in den Klassenzimmern zusammen. Diese wird vor allem als Belastung empfunden, es mangelt an effektiven Strategien des Umgehens damit.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Erg&auml;nzungen zum Regelbetrieb reichen nicht<\/strong><\/p>\n<p>Das Hauptproblem bei dem bisher eingeschlagenen Weg besteht darin, dass die nach 2000 neu ergriffenen Ma&szlig;nahmen in der Regel additive, zus&auml;tzliche Erg&auml;nzungen zum Bestehenden sind, dass der Regelbetrieb aber, und hier vor allem der Regelunterricht, wenig einbezogen sind. Dadurch wurde auf der einen Seite ein h&ouml;heres Ma&szlig; an Aufmerksamkeit f&uuml;r das jeweilige Problem erreicht, was bereits zu einer Verbesserung der Sch&uuml;lerleistungen ausreichte. Auf der anderen Seite wird aber auch viel Verwirrung gestiftet, widerspr&uuml;chliche Ma&szlig;nahmen stehen unverbunden nebeneinander. F&uuml;r ein weiteres Vorankommen auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit bei hohen Leistungen wird dies nicht ausreichen. An drei Beispielen aus dem Bundesland NRW soll dies gezeigt werden.<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>\n<p><strong>Die Integrationsstellen<\/strong><\/p>\n<p>Seit den 80er Jahren stehen den Schulen aller Schulformen zus&auml;tzlich zur normalen Lehrerversorgung Lehrerstellen zur Verf&uuml;gung, die der Verbesserung der Deutschkenntnisse von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund dienen sollen. Aktuell geht es dabei landesweit um ca. 3000 Stellen. Hier stecken also erhebliche Ressourcen. In den 90er Jahren setzte sich allgemein die Tendenz durch, dass diese Stellen zweckentfremdet f&uuml;r die Behebung von Lehrerausfall im Regelunterricht eingesetzt wurden, z.B. f&uuml;r den fehlenden Mathekollegen. Hintergrund war die damals vertretene Auffassung, dass nach Abschaffung aller separaten Beschulungsformen f&uuml;r Migranten Ende der 80er Jahre Ali und Ay&#351;e nun automatisch Deutsch lernen, weil sie neben Lena und Benjamin sitzen und gemeinsam unterrichtet werden. Gezielte Sprachbildungsma&szlig;nahmen erschienen nicht mehr notwendig. Dementsprechend wurden auch umfangreiche landesweite Lehrerfortbildungsprogramme beendet. Durch den PISA-Schock 2000 wurde klar, dass hier etwas schief gelaufen war. Ali und Ay&#351;e hatten zwar unter dem Zwang, die deutsche Sprache benutzen zu m&uuml;ssen, m&uuml;ndliche Sprachf&auml;higkeiten in konkreten Alltagssituationen erlernt, besser als dies jeder Fremdsprachenunterricht k&ouml;nnte (sog. konzeptionelle M&uuml;ndlichkeit), sie scheiterten aber an den Anforderungen der Schriftsprache und komplexer Texte (konzeptionelle Schriftlichkeit). Das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen war eine p&auml;dagogische Entscheidung gewesen, der aber keine didaktischen Schlussfolgerungen f&uuml;r das sprachliche Lernen gefolgt waren.&nbsp;<\/p>\n<p>Nach 2000 gab es mehrere Versuche, die Stellen wieder ihrem urspr&uuml;nglichen Zweck zuzuf&uuml;hren. Sie m&uuml;ndeten 2012 in einem neuen Erlass, der die Stellen nicht nur neu benannte (aus den alten &bdquo;Integrationshilfestellen&ldquo; wurden jetzt &bdquo;Integrationsstellen&ldquo;), sondern auch ein umfangreiches Antragsverfahren, Verwendungsnachweise und eine Beratung der Schulen durch die neu geschaffenen Kommunalen Integrationszentren einf&uuml;hrte. Die alles entscheidende Frage blieb aber ungekl&auml;rt: Was soll eigentlich mit den Stellenanteilen im Unterricht gemacht werden, was genau ist unter Sprachf&ouml;rderung zu verstehen? In dieser Frage gibt es viel Unsicherheit, sehr verbreitet (auch in Schulb&uuml;chern) sind immer noch die einschl&auml;gigen, aber v&ouml;llig wirkungslosen Grammatik&uuml;bungen mit L&uuml;ckentexten, in die man die richtigen L&ouml;sungen einzusetzen hat. Viele Schulen f&uuml;hrten zus&auml;tzliche F&ouml;rderstunden ein. Wenn allerdings der Regelunterricht unver&auml;ndert am &bdquo;Normalfall&ldquo; von Kindern und Jugendlichen festh&auml;lt, die Deutsch als Muttersprache erlernt haben, dann werden st&auml;ndig die sprachlichen F&auml;higkeiten vorausgesetzt, die den Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern mit einer anderen Muttersprache zuvor h&auml;tten vermittelt werden m&uuml;ssen. Man k&ouml;nnte auch sagen, dass der Regelunterricht &uuml;berhaupt erst den F&ouml;rderbedarf schafft, der dann in den F&ouml;rderstunden aufgearbeitet werden soll.&nbsp;<\/p>\n<p>Immerhin hat man erreicht, dass sich die Schulen intensiv mit der Sprachf&ouml;rderung auseinandersetzen, aber die Frage der Unterrichtsqualit&auml;t bleibt umstritten.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Die Lesef&ouml;rderung<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren tauchten an den Schulen viele motivierte Lesepaten, Lesem&uuml;tter oder Mentoren auf, die das Vorlesen wieder pflegen. Viele Bundesl&auml;nder legten spezielle Programme auf, in der PISA-Studie 2012 wird z.B. die Aktion &bdquo;B&uuml;cherwurm NRW&ldquo; beispielhaft erw&auml;hnt. Nat&uuml;rlich mag man all diese Aktivit&auml;ten nicht mehr missen, die Frage ist nur: Welchen Bezug haben sie zum Regelunterricht? Vor einigen Jahren wurde im Rahmen von &bdquo;B&uuml;cherwurm&ldquo; zu einem Wettbewerb aufgerufen, in dem eine Geschichte mit einem offenen Ende von Peter H&auml;rtling, extra f&uuml;r diesen Wettbewerb verfasst, weiter geschrieben werden sollte. Wie aber k&ouml;nnen auch Kinder, die die deutsche Sprache noch nicht richtig beherrschen, nicht nur eine spannende und anr&uuml;hrende Geschichte schreiben, sondern auch eine sprachlich richtige? Wer ist daf&uuml;r zust&auml;ndig? Diese Aufgabe kann nur der Unterricht &uuml;bernehmen, aber der war in diese Aktivit&auml;ten nicht eingeplant&hellip;<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Sprache im Fachunterricht<\/strong><\/p>\n<p>PISA 2000 &ouml;ffnete die Augen daf&uuml;r, dass sprachliche F&auml;higkeiten eine Schl&uuml;sselkompetenz sind, die auch Auswirkungen auf den Erfolg im Fachunterricht hat. In der j&uuml;ngsten Zeit wurden spezielle Studienmodule und Materialien f&uuml;r Fachlehrkr&auml;fte entwickelt, die ihren Unterricht in Mathematik oder Geschichte mit der gezielten funktionalen Sprachf&ouml;rderung verbinden sollen. Dabei geht es vor allem um die Vermittlung komplexer schriftsprachlicher Strukturen, die f&uuml;r das Verst&auml;ndnis fachsprachlicher Texte unerl&auml;sslich sind. Das ist sicherlich sinnvoll, l&ouml;st aber nicht die Frage, wer denn zust&auml;ndig ist f&uuml;r die Vermittlung grundlegender sprachlicher Strukturen wie des so komplexen deutschen Deklinationssystems mit seinen Artikeln, F&auml;llen, Pr&auml;positionen und Personalpronomen. Ohne genaue Kenntnisse in diesem Bereich sind aber auch Fachtexte nicht zu verstehen, auch nicht die neuen Aufgabenformate in Mathematik. Die Sprachf&ouml;rderung im Fachunterricht allein hilft nicht weiter. Notwendig ist vielmehr ein Gesamtkonzept f&uuml;r das sprachliche Lernen in mehrsprachigen Klassen, das auch die Rolle des Deutschunterrichts einbezieht. <\/p>\n<p>Die Rolle der Literatur bei Vermittlung und Erwerb der deutschen Sprache ger&auml;t allerdings zunehmend ins Hintertreffen. Gerade poetische Texte aus Kinderliedern, Reimen, Sprachspielen oder Bilderb&uuml;chern eignen sich f&uuml;r die implizite Vermittlung sprachlicher Strukturen. &bdquo;Im Gegensatz zur funktionalen Alltagssprache, die sich auf den Erfolg der sprachlichen Handlung konzentriert, nicht auf sprachliche Korrektheit und Vollst&auml;ndigkeit, lenken poetische Texte die Aufmerksamkeit auf die Sprache als solche. Reim und Rhythmus erfordern eine exakte Reproduktion der vorgegebenen Textmuster. Funktionsw&ouml;rter und Endungen k&ouml;nnen nicht einfach weggelassen werden. Im Gegensatz zu alltagssprachlichen &Auml;u&szlig;erungen k&ouml;nnen poetisch-sprachspielerische Texte beliebig oft wiederholt werden. Gerade bei j&uuml;ngeren Kindern zeigt sich diese Urlust an der Wiederholung. Sie wollen die gleichen Bilderb&uuml;cher, M&auml;rchen, Kinderlieder und Kinderreime immer wieder h&ouml;ren, bis sie sie korrekt reproduzieren und gezielt abwandeln k&ouml;nnen.&ldquo; (Gerlind Belke, Elementare Literatur als Medium sprachlicher Bildung im Kontext einer Didaktik der Mehrsprachigkeit, S. 5). <\/p>\n<p>Auch in der Sekundarstufe eignen sich Literatur und Poesie in besonderem Ma&szlig;e f&uuml;r den Spracherwerb. Umso bedenklicher ist es, wenn die Literatur aus dem Unterrichtsalltag und den Richtlinien immer mehr verschwindet zugunsten von Fachtexten oder &bdquo;Textsorten&ldquo;. Dies gilt auch f&uuml;r die in PISA 2012 beispielhaft erw&auml;hnte Bund-L&auml;nder-Initiative &bdquo;Bildung durch Sprache und Schrift BISS&ldquo;. Betrachtet man die aktuellen Sprachf&ouml;rderma&szlig;nahmen, &bdquo;so stellt man mit Erschrecken fest, dass der Gegenstand ihrer Bem&uuml;hungen, die Sprache selbst und die Freude am kreativen Umgang mit ihren vielf&auml;ltigen Erscheinungsformen verloren zu gehen droht. Die Publikationen ersch&ouml;pfen sich in der Diskussion von Begrifflichkeiten, Konzepten, &lsquo;Problemen&rsquo; und &lsquo;Ma&szlig;nahmen&rsquo;, Test- und Diagnoseinstrumenten, Erhebungsverfahren und Evaluation. Dabei bleiben die Kinder und ihre Freude am Spiel&nbsp; mit ihren Sprache(n) au&szlig;er Betracht.&ldquo; (Belke, ebda., S. 12). F&uuml;r die Literatur bleiben dann wieder zus&auml;tzliche Ma&szlig;nahmen zur Lesef&ouml;rderung, siehe oben.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Notwendig ist eine Didaktik des Sprachunterrichts in mehrsprachigen Klassen<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich hat der &bdquo;eingeschlagene Weg&ldquo; mit seiner Ausweitung des Ganztages, Sprachf&ouml;rderprogrammen in den Kitas, Rechtschreibprogrammen in den Grundschulen oder den beschriebenen Ma&szlig;nahmen eine h&ouml;here Aufmerksamkeit f&uuml;r tats&auml;chliche Probleme erzeugt. Nicht gekl&auml;rt sind aber die Qualit&auml;t und die Frage, wie denn alles zusammenpasst. <\/p>\n<p>Der Regelbetrieb und vor allem der schulische Regelunterricht sind in die Reform&uuml;berlegungen zu wenig eingebunden. Notwendig ist vor allem eine Didaktik des Sprachunterrichts in mehrsprachigen Klassen, insbesondere f&uuml;r die Sprachf&auml;cher, die auf den Regelunterricht abzielt und Konzepte f&uuml;r Deutsch als Muttersprache, Deutsch als Zweit- und Fremdsprache miteinander verkn&uuml;pft. Es reicht nicht, wenn eine der PISA-Verantwortlichen, Petra Stanat, eine verst&auml;rkte Besch&auml;ftigung mit Deutsch als Zweitsprache fordert, weil dies wiederum die Auslagerung der sprachlichen Bed&uuml;rfnisse der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus dem Regelunterricht in spezifische F&ouml;rdergruppen bedeutet. Grundz&uuml;ge einer Didaktik f&uuml;r das sprachliche Lernen in mehrsprachigen Regelklassen, die die Bed&uuml;rfnisse aller Kinder ber&uuml;cksichtigt, hat die Hagener Didaktikerin Gerlind Belke vorgelegt. (Vgl. G. Belke, Mehr Sprache(n) f&uuml;r alle. Sprachunterricht in einer vielsprachigen Gesellschaft, Baltmannsweiler 2012) Leider ist sie noch immer eine Au&szlig;enseiterin in der didaktischen Debatte, wenn auch ihre &Uuml;berlegungen und Anregungen von den Lehrkr&auml;ften mit gro&szlig;em Interesse angenommen werden. Immerhin hat die Bezirksregierung K&ouml;ln das auf ihren Anregungen basierende Programm &bdquo;Deutschlernen in mehrsprachigen Klassen DemeK&ldquo; entwickelt, das ein umfangreiches Fortbildungsprogramm und ausf&uuml;hrliche Materialien f&uuml;r die Primar- und Sekundarstufe anbietet und auf gro&szlig;e Zustimmung bei einer rasch anwachsenden Anzahl von Schulen trifft.<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Nat&uuml;rliche Mehrsprachigkeit in ein Konzept des schulischen Sprachenlernens einbeziehen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man &uuml;ber Leistungen und Schulerfolge von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern mit Migrations-hintergrund spricht, dann muss man auch ihren gro&szlig;en Reichtum, n&auml;mlich ihre nat&uuml;rliche Mehrsprachigkeit einbeziehen. Dieses Thema wird allerdings in den PISA-Studien ausgeklammert. Stattdessen wird ausf&uuml;hrlich untersucht, wie viele Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund die Sprache des Einwanderungslandes, also Deutsch, zu Hause sprechen (Langfassung PISA 2012, S. 284). Welche Erkenntnisse kann man aus diesen Tabellen gewinnen? Sie sagen etwas aus &uuml;ber den Grad der kulturellen Assimilation. Es w&auml;re allerdings ein Irrweg darauf zu hoffen, dass die Herkunftssprachen zugunsten der deutschen Sprache allm&auml;hlich aussterben. Die moderne Welt mit ihren billigen Reisem&ouml;glichkeiten, Internet, Skype, eMail-Verkehr oder Satellitenfernsehen erm&ouml;glicht das Aufrechterhalten von vielf&auml;ltigen, eben auch sprachlichen Verbindungen mit dem Herkunftsland &uuml;ber Generationen hinweg. Die Mehrsprachigkeit wird ein dauerhaftes Ph&auml;nomen auch in Deutschland. Die moderne Migration unterscheidet sich darin entscheidend von der traditionellen, wie sie noch von dem Soziologen S.N. Eisenstadt untersucht worden war und die auf dem endg&uuml;ltigen Bruch mit dem Herkunftsland basierte.&nbsp;<\/p>\n<p>&Uuml;ber m&ouml;gliche Sch&uuml;lerleistungen in Mathematik oder im Bereich der Lesekompetenz kann man aus den Tabellen keine Erkenntnisse gewinnen. Wenn die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler zu Hause Deutsch sprechen, aber auf dem Niveau der konzeptionellen M&uuml;ndlichkeit, dann werden sie nicht automatisch Verstehensleistungen erbringen, die F&auml;higkeiten der konzeptionellen Schriftlichkeit voraussetzen. Wenn sie zu Hause ihre nichtdeutsche Muttersprache sprechen auf dem Niveau der konzeptionellen Schriftlichkeit, dann ist damit zu rechnen, dass ihnen das Erlernen der deutschen Sprache auf diesem Niveau leichter fallen wird.&nbsp;<\/p>\n<p>Das Problem ist also komplexer, als es auf den ersten Blick erscheint. Es ist deshalb wichtig, die nat&uuml;rliche Mehrsprachigkeit einzubeziehen in ein Konzept des schulischen Sprachenlernens.&nbsp;<\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Die Hirnforschung belegt, dass Mehrsprachigkeit intelligenter macht. Die M&uuml;nchener Linguistin Claudia Maria Riehl unterscheidet dabei f&uuml;nf Aspekte:&nbsp;\n<ul>\n<li>&bdquo;Den psychologischen Aspekt: Bei Mehrsprachigen fungiert die Herkunftssprache als Tr&auml;ger der Identit&auml;t, die Zielsprache erm&ouml;glicht Integration in eine andere Sprachgemeinschaft.<\/li>\n<li>Den sozialen Aspekt: Sprache bef&auml;higt Individuen, einander zu &bdquo;lesen&ldquo;. Mehrsprachige k&ouml;nnen eine gr&ouml;&szlig;ere Bandbreite an Sprechern auf diese Weise &bdquo;verstehen&ldquo;.<\/li>\n<li>Den kognitiven Aspekt: Mehrsprachige besitzen ein differenziertes Bewusstsein von Sprache und haben eine andere Art des Sprachzugangs, der weniger regelorientiert und nat&uuml;rlicher ist als der Einsprachiger. Sie besitzen ein starkes metasprachliches Bewusstsein und andere Fertigkeiten, die ihnen auch das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern.<\/li>\n<li>Den pragmatischen Aspekt: Mehrsprachige haben eine differenziertere Sicht auf die Welt. Sie lernen durch die Brille der anderen Sprache andere Sichtweisen kennen und sind daher flexibler im Handeln.<\/li>\n<li>Den kulturellen Aspekt: Mehrsprachige, besonders Angeh&ouml;rige von Sprachminderheiten, haben eine Br&uuml;ckenfunktion als Vermittler zwischen verschiedenen Kulturen.&ldquo;<\/li>\n<\/ul>\n<p>(Claudia Maria Riehl, <a href=\"http:\/\/ganztag-blk.de\/ganztags-box\/cms\/upload\/sprachfrderung\/BS_3\/Artikel_Die_Bedeutung_von_Mehrsprachigkeit.pdf\">Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit [PDF &ndash; 110 KB]<\/a>)<\/p>\n<p>Wenn man bedenkt, dass PISA 2012 zu dem Ergebnis kommt, dass die besonders guten Leistungen nicht zunehmen, dann sollte man bedenken, dass es hier ein gro&szlig;es Potential gibt. Bilinguale Unterrichtsg&auml;nge, Angebote in den Herkunftssprachen, die koordiniert werden mit dem Regelunterricht sollten ausgeweitet werden, in der Primarstufe, aber auch in der Sekundarstufe bis zum Abitur.<\/p><\/li>\n<li>Es ist einfacher f&uuml;r Kinder mit einer nichtdeutschen Muttersprache, die Schriftsprache in ihrer eigenen Sprache zu erwerben. Es spricht deshalb viel daf&uuml;r, die <strong>Alphabetisierung in der Grundschule zweisprachig<\/strong> und koordiniert auf Deutsch und der Herkunftssprache durchzuf&uuml;hren. Entsprechende Konzepte in NRW wie KOALA haben sich in der Praxis bew&auml;hrt und sind als erfolgversprechend evaluiert worden, etwa durch die Untersuchung von Prof. Hans H. Reich &bdquo;Schriftsprachliche F&auml;higkeiten t&uuml;rkisch-deutscher Grundsch&uuml;lerinnen und Grundsch&uuml;ler in K&ouml;ln&ldquo; (K&ouml;ln 2011).<\/li>\n<li>Die <strong>nat&uuml;rliche Mehrsprachigkeit schafft auch v&ouml;llig neue Chancen f&uuml;r das Erlernen einer Fremdsprache<\/strong> f&uuml;r die nur deutschsprachigen Kinder und Jugendlichen. Sie k&ouml;nnen eine weitere Sprache gemeinsam mit &bdquo;native speakern&ldquo; erlernen. Bilinguale Programme schon in der Grundschule haben sich bew&auml;hrt, sie sind attraktiver und effektiver als ein Englischunterricht ab der Klasse 1, der wenig mit der Lebenswelt der Kinder zu tun hat.&nbsp;\n<p>Man sollte auch nicht vergessen, dass die schulische Aufwertung der Migrantensprachen und damit auch deren Sprecherinnen und Sprecher eine wichtige politische Funktion hat. Sie ist eine wichtige Waffe gegen den in der Gesellschaft festzustellenden Rassismus. Aufkl&auml;rung, Mahnmale oder Feste sind unerl&auml;ssliche Beitr&auml;ge in der Auseinandersetzung mit dem Rassismus. Dazu muss aber &uuml;ber Einzelereignisse hinaus eine strukturelle Ver&auml;nderung des Alltags in den Institutionen kommen. Schulische Angebote zur Mehrsprachigkeit eignen sich dazu in besonderem Ma&szlig;e, weil sie f&uuml;r alle einen Gewinn darstellen. Die zusammenwachsende &bdquo;Eine Welt&ldquo; erfordert Mehrsprachigkeit von allen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Bildungspolitik w&auml;re gut beraten, die nat&uuml;rliche Mehrsprachigkeit der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund nicht zu ignorieren, sondern als gro&szlig;e Chance zu betrachten. Nat&uuml;rlich bedeutet das auch, dass Lehrerstellen f&uuml;r einen modernen Muttersprachlichen Unterricht zur Verf&uuml;gung gestellt werden m&uuml;ssen. Das Argument, der Muttersprachliche Unterricht sei &uuml;berlebt, weil die Gr&uuml;nde f&uuml;r seine Einf&uuml;hrung entfallen seien, n&auml;mlich die Vorbereitung der Migrantinnen und Migranten auf die R&uuml;ckkehr in ihr Herkunftsland, &uuml;berzeugt nicht. Statt einer Abschaffung des Muttersprachlichen Unterrichts (so geschehen bis auf die Bundesl&auml;nder NRW und Rheinland-Pfalz) steht seine Reform an, als ein wichtiger Beitrag f&uuml;r das vielf&auml;ltige Sprachenlernen in einer mehrsprachigen Gesellschaft.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<li>\n<p><strong>Zu einer Zuwanderungsgesellschaft geh&ouml;rt auch ein l&auml;ngeres gemeinsames Lernen<\/strong><\/p>\n<p>Auch die L&auml;ndernotiz PISA 2012 weist darauf hin, dass in Deutschland bereits die Zehnj&auml;hrigen auf unterschiedliche Schultypen in der Sekundarstufe verteilt werden. 62% der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler in Deutschland besuchen selektive Schulen, im OECD-Durchschnitt sind es nur 43%. Mit dem Trend zum 2-S&auml;ulen-Modell der letzten Jahre geht gleichzeitig die Entwicklung einher, innerhalb der Schulen zu separieren:<\/p>\n<p>&bdquo;Der Anteil der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler, die Schulen besuchen, die keine Einteilung in Leistungsgruppen vornehmen, ist in Deutschland zwischen 2003 und 2012 von 54% auf 32% zur&uuml;ckgegangen, und ein gr&ouml;&szlig;erer Anteil der Sch&uuml;ler gab an, dass in ihrer Schule in einigen oder allen Unterrichtsstunden eine Einteilung der Sch&uuml;ler entsprechend ihrer Leistungsf&auml;higkeit erfolgt.&ldquo; (L&auml;ndernotiz, S. 9)<\/p>\n<p>Es ist schon oft begr&uuml;ndet worden, dass ein mehrgliedriges Schulsystem nicht in eine demokratische Gesellschaft passt und zu wenig leistungsf&auml;hig ist. In einer mehrsprachigen Gesellschaft ergeben sich zus&auml;tzliche Argumente.<\/p>\n<ul>\n<li>Die internationale Forschung und die allt&auml;gliche Praxis belegen, dass viele Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund 5 &ndash; 7 Jahre brauchen, bis sie einen Sprachstand in der deutschen Sprache (konzeptionelle Schriftlichkeit) erreichen, der dem der einsprachig Aufwachsenden entspricht. Das Ende der Primarstufe unterbricht oft wichtige Lernprozesse und f&uuml;hrt zu Schulzuweisungen, die dem Leistungsverm&ouml;gen der Kinder nicht angemessen sind.<\/li>\n<li>Das mehrgliedrige Schulsystem ist zu teuer und unflexibel. Mehrsprachige Programme in der Primarstufe sind in ihren M&ouml;glichkeiten begrenzt, weil sie in der Sekundarstufe kaum fortgesetzt werden k&ouml;nnen und wichtige Lernprozesse allzu fr&uuml;h abbrechen. So zerstreuen sich die Kinder aus einer bilingualen Grundschulklasse auf viele weiterf&uuml;hrende Schulen und machen eine Fortf&uuml;hrung unm&ouml;glich.<\/li>\n<li>Vor allem in den st&auml;dtischen Ballungsgebieten hat sich die Hauptschule als Sackgasse erwiesen. Sie ist zu einem Ghetto von Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;lern mit Migrationshintergrund aus schwierigen famili&auml;ren Bedingungen geworden. Hier sind regelrechte Parallelgesellschaften entstanden, die an anderer Stelle als Schreckgespenst an die Wand gemalt werden und unbedingt verhindert werden sollen. Die aktuelle Abstimmung mit den F&uuml;&szlig;en gegen die Hauptschule ist sinnvoll.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu einer Zuwanderungsgesellschaft geh&ouml;rt auch ein l&auml;ngeres gemeinsames Lernen aller Kinder und Jugendlichen. Dass Schulen mit einer heterogenen Sch&uuml;lerschaft durchaus mit hohen Leistungen vereinbar sind, zeigt interessanterweise auch das Gymnasium. &Uuml;ber die Lesekompetenz hei&szlig;t es: &bdquo;Bei PISA 2000 erreichten die Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler an Gymnasien einen Mittelwert von 582 Punkten; bei PISA 2009 lag der Kennwert bei 575 Punkten, und 2012 bei 579 Punkten. Die durchschnittliche Leseleistung an den Gymnasien ist damit seit PISA 2000 ziemlich genau auf dem gleichen Niveau geblieben. Allerdings hat sich die Bildungsbeteiligung seit PISA 2000 deutlich ge&auml;ndert, von 28.3 Prozent auf 33.5 Prozent (PISA 2009) und schlie&szlig;lich auf 36.0 Prozent (PISA 2012). Die (um knapp 8 Prozent) gestiegene Bildungsbeteiligung am Gymnasium hat zu keinem Niveauverlust gef&uuml;hrt.&ldquo; (Langfassung der Studie, S. 241)<\/p><\/li>\n<li>\n<p><strong>Inklusion als Umgang mit Heterogenit&auml;t<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat sich eine neue Aufmerksamkeit f&uuml;r benachteiligte Sch&uuml;lerinnen und<br>\nSch&uuml;ler entwickelt, auch unter den Lehrkr&auml;ften. Der neuseel&auml;ndische P&auml;dagoge John Hattie hat in seinem Buch &bdquo;Visible Learning&ldquo;, das auch hierzulande eine gro&szlig;e Resonanz erreichte, die Bedeutung dieser Aufmerksamkeit unterstrichen. Er sieht die Lehrkr&auml;fte nicht beschr&auml;nkt auf die Rolle der Lernbegleiter, die auf die Selbstst&auml;ndigkeit und Eigenverantwortlichkeit ihrer Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler setzen und sie dabei vielleicht auch alleine lassen. Er pl&auml;diert f&uuml;r eine Schule, die jedes Kind so akzeptiert, wie es ist, und f&uuml;r es die Verantwortung &uuml;bernimmt, ohne Abschieben und Ausgrenzen.<\/p>\n<p>Damit diese Aufmerksamkeit aber ausgebaut werden kann, ist statt isolierter Einzelma&szlig;nahmen, die im Zweifelsfall wenig miteinander zu tun haben, ein Gesamtkonzept notwendig. Der Landesintegrationsrat NRW hat daf&uuml;r den Begriff &bdquo;interkulturelle Schule&ldquo; in die Diskussion gebracht. Insbesondere steht ein didaktisches Konzept f&uuml;r das sprachliche Lernen unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit an. Ohne ein solches Konzept bleiben Lesef&ouml;rderung, Stellenvergabe oder unterst&uuml;tzende Ma&szlig;nahmen aus den Kommunen in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Die aktuelle Politik der Landesregierung ist dabei insofern wenig hilfreich, als mit ihrem einseitigen, auf Defiziten orientierten Ansatz von Inklusion die Arbeit an der Integration nur noch als Einladungspolitik verstanden wird und dadurch in den Hintergrund ger&auml;t. Die Schulleistungen der Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler mit Migrationshintergrund werden sich aber langfristig nur verbessern lassen, wenn Inklusion als Umgehen mit Heterogenit&auml;t insgesamt verstanden wird und alle Kinder und Jugendlichen mit einbezieht.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>&nbsp;<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Thomas Jaitner<\/strong> ist seit vielen Jahren Bildungsreferent des Landesintegrationsrates und hat bis zur Pensionierung im Sommer 2013 an der Bezirksregierung K&ouml;ln als Fachberater f&uuml;r Migration in der Schulabteilung gearbeitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migrantenkinder machen zwar einen rasch anwachsenden Anteil der Sch&uuml;lerschaft aus (in K&ouml;ln schon insgesamt 50%), es gibt aber nur wenige &Uuml;berlegungen, was das hei&szlig;en k&ouml;nnte f&uuml;r schulisches Lehren und Lernen. In der Grundschuldidaktik wird vielfach &uuml;bersehen, dass ein wachsender Anteil an Sch&uuml;lern nicht mehr Deutsch als Muttersprache spricht. PISA macht bei aller berechtigten Kritik immerhin<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20646\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[34,151,206],"tags":[371,408,340],"class_list":["post-20646","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-bildungspolitik","category-chancengerechtigkeit","tag-pisa","tag-soziale-herkunft","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20646","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20646"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20646\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20674,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20646\/revisions\/20674"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20646"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20646"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20646"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}