{"id":20701,"date":"2014-02-14T14:38:11","date_gmt":"2014-02-14T13:38:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20701"},"modified":"2015-10-15T14:34:48","modified_gmt":"2015-10-15T12:34:48","slug":"eine-nachbetrachtung-zum-schweizer-volksentscheid-was-fuer-die-einen-freizuegigkeit-bedeutet-ist-fuer-die-anderen-der-verlust-der-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20701","title":{"rendered":"Eine Nachbetrachtung zum Schweizer Volksentscheid: Was f\u00fcr die einen Freiz\u00fcgigkeit bedeutet, ist f\u00fcr die anderen der Verlust der Heimat."},"content":{"rendered":"<p>Und was dem einen eine berufliche Chance und besseren Lohn bringt, wirkt beim andern als Druck auf seinen Lohn nach unten und der Mieten nach oben. Es ist schon deshalb gut, die Abstimmung in der Schweiz vom vergangenen Sonntag aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das kann man engagiert tun, wie das zum Beispiel der Regisseur Volker L&ouml;sch mit einem Aufruf <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/130214_tages-anzeiger_wacht-auf.pdf\">&bdquo;Wacht auf!&ldquo; [PDF &ndash; 265 KB]<\/a> an die unterlegenen 49,7% im Tagesanzeiger und in der Berner Zeitung tut. Die <a href=\"http:\/\/www.bernerzeitung.ch\/kultur\/diverses\/Wacht-auf\/story\/23587060?comments=1\">Kommentare<\/a> im Netz sind engagiert bis bedr&uuml;ckend; sie lassen ahnen, was in der Schweiz nach dem Volksentscheid los ist. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_317\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-20701-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=20701-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"140119_Schweizer_Abstimmung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zur differenzierten Betrachtung folgen gleich noch einige Erw&auml;gungen &ndash; in Erg&auml;nzung zum <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20633\">Beitrag von Wolfgang Lieb<\/a> vom Montag. Vorweg noch ein Hinweis f&uuml;r Nachdenkseiten-Leser im Umfeld von Basel: Volker L&ouml;sch inszeniert gerade und zuf&auml;llig das passende St&uuml;ck zum Thema: &ldquo;biedermann und die brandstifter&rdquo; von max frisch, mit 2 ausl&auml;ndern, die biedermann an den kragen wollen :&ldquo;Wir lesen das st&uuml;ck als rechte angstphantasie. und mit einem sprechchor von migranten&ldquo;, so der Regisseur in einer Mail an uns. N&auml;heres dazu <a href=\"http:\/\/www.theater-basel.ch\/index.cfm\/BDB3CC74-08AE-5F54-38434531347A36D1\/?method=play.detail&amp;ID=9007148D-959A-CCE9-59FFEE851904630F\">hier<\/a>. Nun zu den Zwischent&ouml;nen:<\/p><p><strong>Manche sorgen sich um den eigenen Arbeitsplatz, um die H&ouml;he des Lohns und um bezahlbaren Wohnraum<\/strong><\/p><p>Man kann aus unterschiedlichen Motiven gegen einen unkontrollierten Zuzug sein, wie das in dem Volksentscheid der Eidgenossen sichtbar wurde: aus Fremdenfeindlichkeit, aus Sorge um den Zugriff der Zuwandernden auf Sozialleistungen, aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz, um die H&ouml;he des Lohnes und der Miete. Ist diese Angst, n&auml;mlich um Arbeitsplatz, Lohn und die Verf&uuml;gbarkeit einer bezahlbaren Wohnung zu haben, nicht legitim? Das betrifft Menschen und Familien, die am unteren Ende der Ausbildungs- und Lohnskala stehen, und oft auch schon, besonders in st&auml;dtischen Ballungsr&auml;umen, solche aus dem so genannten Mittelstand. Deren Perspektive ist meist eine andere als jene von Menschen, die von diesen Alltagssorgen nicht umgetrieben werden.<\/p><p>Ich beispielsweise habe nie in meinem Arbeitsleben davor Angst haben m&uuml;ssen, dass ein Ausl&auml;nder mir einen meiner verschiedenen Arbeitspl&auml;tze wegnehmen k&ouml;nnte; die Manager von Industrie und Handel brauchen sich darum auch kaum Sorgen zu machen; auch die meisten Lehrer, Rechtsanw&auml;lte und andere Freiberufler m&uuml;ssen sich in der Regel keine Sorgen machen. Bei Hilfsarbeitern ist das anders. Sie konkurrieren sehr schnell um Arbeitsstellen mit den Zuwanderern. Und ihr Lohn wird anders als das Gehalt der Manager und der Lehrer in der Regel von zuwandernden Arbeitskr&auml;ften gedr&uuml;ckt. Deshalb ist ihre Sorge berechtigt und alle, die sich diese Sorgen nicht machen m&uuml;ssen, haben kein Recht, diese Menschen in die rechtsradikale oder ausl&auml;nderfeindliche Ecke zu bugsieren. In der Schweiz sind auch Fachkr&auml;fte verschiedener Berufsgruppen der Konkurrenz zuziehender Ausl&auml;nder ausgesetzt. Und alle sp&uuml;ren die Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt.<br>\nDas kann man alles gut finden. Aber man sollte wenigstens einr&auml;umen, dass dies die einseitige Perspektive der Nachfrager nach Arbeitskr&auml;ften und der Anbieter von Immobilien ist. In der &ouml;ffentlichen Debatte beherrscht diese Perspektive der oberen Schicht und der oberen Mittelschicht die Meinungsbildung.<\/p><p><strong>Freiz&uuml;gigkeit hat in den Ohren der mobilen j&uuml;ngeren Generation und der gut Verdienenden einen guten Klang. Bei anderen ist sie mit dem Verlassen der Heimat verbunden und wiederum bei anderen mit der Bedrohung dessen verbunden, worin sie ihre Heimat sehen.<\/strong><\/p><p>Der erste Aspekt: Freiz&uuml;gigkeit klingt gut. Das ist die eine Seite der Medaille. Bei jenen Menschen, die Arbeit in der Fremde suchen m&uuml;ssen, ist die andere Seite der Medaille aber mindestens ebenso gegenw&auml;rtig: sie m&uuml;ssen ihre Heimat verlassen, weil sie dort nicht mehr f&uuml;r ihren Unterhalt sorgen k&ouml;nnen. Das galt f&uuml;r die Millionen Gastarbeiter, die in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren aus Italien, aus Griechenland, aus Spanien, aus Portugal, aus der T&uuml;rkei und aus Jugoslawien in den Norden Europas zogen. Es galt und gilt f&uuml;r die Osteurop&auml;er und S&uuml;dosteurop&auml;er, deren Arbeitspl&auml;tze mit der Wende nach 1990 ruiniert worden waren. Es gilt heute wiederum f&uuml;r die Griechen, Spanier und Portugiesen, deren Arbeitspl&auml;tze in einer Kombination von Fehlern der heimischen Wirtschaftspolitik und der Austerit&auml;tspolitik der Europ&auml;ischen Union und Deutschlands dezimiert wurden.<\/p><p>Ein zweiter Aspekt: Die Lebenswelt der Gut-Verdienenden und insbesondere der J&uuml;ngeren unter ihnen ist heute schon beachtlich international. Sie reisen viel herum, sie kennen und sch&auml;tzen andere Kulturen, sie k&ouml;nnen die Sprache anderer V&ouml;lker. F&uuml;r sie ist Freiz&uuml;gigkeit ein gro&szlig;artiges Versprechen und ein Geschenk. Aber dieses Wohlf&uuml;hlen eines Teils unseres Volkes, der Schweizer und anderer in der Internationalit&auml;t gibt uns nicht das Recht, auf andere herab zu sehen, f&uuml;r die ihre Region oder sogar ihr Tal oder ihr Ort die ihnen vertraute und genehme Heimat ist. Wollen wir sie wirklich verurteilen, weil sie, geboren aus der anderen Lebensweise, Angst vor dem Fremden haben? <\/p><p>Diese Anmerkungen sind nicht als Rechtfertigung f&uuml;r jene zu verstehen, die Ausl&auml;nderfeindlichkeit s&auml;en und politisch missbrauchen.<\/p><p><strong>Die Rolle der Politik &ndash; Nachl&auml;ssigkeit, Missachtung, Bequemlichkeit, jedenfalls oft direkt mitverantwortlich<\/strong><\/p><p>In der Debatte um den Volksentscheid in der Schweiz wird zu wenig beachtet, welche Rolle die Politik und das Versagen der Politik spielt. Sie ist mitverantwortlich f&uuml;r die Wanderungsbewegungen, deren Auswirkungen sich jetzt eine knappe Mehrheit der Schweizer entgegengestellt hat:<\/p><ul>\n<li>Man muss den Eindruck gewinnen, dass die Politik sich heute kaum mehr f&uuml;r die Nord-S&uuml;d-Problematik interessiert und auch nur ann&auml;hernd ausreichend viel tut, um das Leben der Menschen in Afrika z.B. zu verbessern.<\/li>\n<li>Konflikte wie in Syrien werden nicht zu l&ouml;sen versucht sondern angeheizt. Mit der Folge immer neuer Fl&uuml;chtlingsbewegungen.<\/li>\n<li>Mit der Austerit&auml;tspolitik der Europ&auml;ischen Union, des Internationalen W&auml;hrungsfonds und der EZB werden die Krisen in den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern auf dem R&uuml;cken der arbeitenden Bev&ouml;lkerung zu l&ouml;sen versucht, noch dazu ohne Erfolg. Das ist die Ursache neuer Wanderungsbewegungen.<\/li>\n<li>Schon bei der Vereinigung beider deutschen Staaten hat man auch nicht ann&auml;hernd ausreichend darauf geachtet, Betriebe in Ostdeutschland zu sanieren und zu erhalten. Ganz andere Motive wie das Ausscheiden von Konkurrenz f&uuml;r westliche Unternehmen oder die Demonstration der Minderwertigkeit der DDR- Wirtschaftsweise spielten die gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Die Folge war und ist eine Migration, an der wir bis hin zur Schweiz noch lange zu tragen haben werden.<\/li>\n<li>Im Zuge der modisch gewordenen Privatisierungspolitik wurden auch reihenweise Best&auml;nde sozialen Wohnungsbaus verscherbelt. Diese Wohnungen fehlen in den Metropolen.<\/li>\n<li>Immobilien und Wohnungen sind zum Anlage- und Spekulationsobjekt geworden. Damit wird der Wohnungsmarkt weiter verknappt. Auch diese Bewegung hat den Segen der politisch Verantwortlichen.<\/li>\n<li>Usw. und so fort.<\/li>\n<\/ul><p>Ausl&auml;nderfeindlichkeit hat ihre Wurzeln nicht nur in der B&ouml;sartigkeit vieler Menschen. Sie ist auch die Folge politischer Vers&auml;umnisse und politischer Ideologien. Sch&ouml;ne Worte wie Freiz&uuml;gigkeit verkleistern die ideologischen Hintergr&uuml;nde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und was dem einen eine berufliche Chance und besseren Lohn bringt, wirkt beim andern als Druck auf seinen Lohn nach unten und der Mieten nach oben. Es ist schon deshalb gut, die Abstimmung in der Schweiz vom vergangenen Sonntag aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Das kann man engagiert tun, wie das zum Beispiel der Regisseur<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20701\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[105,107,126,22,159,20],"tags":[530,338,340],"class_list":["post-20701","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-europaische-union","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-landerberichte","tag-buergerentscheid","tag-schweiz","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20701","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20701"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20701\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20789,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20701\/revisions\/20789"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20701"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20701"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20701"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}