{"id":2075,"date":"2007-02-04T12:10:30","date_gmt":"2007-02-04T11:10:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2075"},"modified":"2016-01-15T11:12:04","modified_gmt":"2016-01-15T10:12:04","slug":"sprache-im-neoliberalen-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2075","title":{"rendered":"Sprache im neoliberalen Deutschland"},"content":{"rendered":"<p>Am 2. Februar haben wir auf eine Sendung von arte unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/woche\/244,broadcastingNum=601198,day=5,week=5,year=2007.html\">&bdquo;Sprache l&uuml;gt nicht&ldquo;<\/a> hingewiesen, in der &uuml;ber Victor Klemperers &ldquo;Lingua Tertii Imperii&rdquo;, ein Tagebuch &uuml;ber die Sprache des Dritten Reiches berichtet wurde. Unseren Leser Roberto J. De Lapuente hat das veranlasst &uuml;ber Parallelen in der Sprache des neoliberalen Deutschlands nachzudenken: F&uuml;r einen Philologen, der sich an Klemperer orientieren will, b&ouml;te die heutige Alltagssprache ein unglaubliches Jagdgebiet.<br>\n<!--more--><br>\nMit Freude habe ich Ihre Empfehlung zur LTI &ndash; Lingua Tertii Imperii &ndash; von Klemperer wahrgenommen. Es ist nicht irgendein Buch zum Nationalsozialismus, sondern besitzt mehr Tiefgrund als die &uuml;bliche Literatur zu diesem Themenbereich.<br>\nZun&auml;chst verunstalteten die nationalsozialistischen Sektierer die deutsche Sprache, danach fingen die Zeitungen an, sich dieser Art von Sprache zu bedienen. Kino und Rundfunk schlossen sich an. Kein Wunder also, wenn zuletzt der gemeine B&uuml;rger so sprach, wie die Dauerberieselung seitens des Staates und seiner B&uuml;ttel es vorexerzierte. Klemperer schaute dem &bdquo;Volk aufs Maul&ldquo; und erkannte die Denkart der &bdquo;Sprachsch&ouml;pfer&ldquo; dahinter. Verschweigen treffender Termini und zynische Euphemismen pr&auml;gten deren Gestaltung. Aber: Dennoch verriet deren Sprachsch&ouml;pfung mehr als man glauben m&ouml;chte. Die Verschleierungstaktik, wenn man das so nennen m&ouml;chte, offenbarte eben erst recht, was sich dahinter versteckte. Klemperer dazu:<\/p><blockquote><p>Man zitiert immer wieder Talleyrands Satz, die Sprache sei dazu da, die Gedanken des Diplomaten (oder eines schlauen und fragw&uuml;rdigen Menschen &uuml;berhaupt) zu verbergen. Aber genau das Gegenteil hiervon ist richtig. Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewu&szlig;t in sich tr&auml;gt: die Sprache bringt es an den Tag. Das ist wohl auch der Sinn der Sentenz: Le style c&rsquo;est l&rsquo;homme; die Aussagen eines Menschen m&ouml;gen verlogen sein &ndash; im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen h&uuml;llenlos offen.<\/p><\/blockquote><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p class=\"reference\">LTI, Seite 20<\/p><p>Um einen kleinen Eindruck dessen zu bekommen, was sich Gleichschaltung nannte, lohnt es sich Klemperers erste Tagebuchnotizen zu lesen. Beinahe t&auml;glich mussten sich die Menschen mit neuen Worten und Redensarten abplagen, die aber immer einen gemeinsamen Kern hatten, sozusagen einer Gedankenfamilie entsprangen. Einige Ausz&uuml;ge aus dem Tagebuch:<\/p><blockquote><p>27. M&auml;rz 1933: Neue Worte tauchen auf, oder alte Worte gewinnen neuen Spezialsinn, oder es bilden sich neue Zusammenstellungen, die rasch stereotyp erstarren. Die SA hei&szlig;t jetzt in gehobener Sprache &ndash; und gehobene Sprache ist st&auml;ndig de rigueur, denn es schickt sich, begeistert zu sein &ndash; &bdquo;das braune Heer&ldquo;. Die Auslandsjuden, besonders die franz&ouml;sischen, englischen und amerikanischen, hei&szlig;en heute immer wieder die &bdquo;Weltjuden&hellip;.<\/p><\/blockquote><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p class=\"reference\">Aus dem Tagebuch des ersten Tages, Seite 43<\/p><blockquote><p>20. April 1933: Wieder eine neue Festgelegenheit, ein neuer Volksfeiertag: Hitlers Geburtstag. &bdquo;Volk&ldquo; wird jetzt beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie Salz beim Essen, an alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnah, volksfremd, volksentstammt&hellip;<\/p><\/blockquote><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p class=\"reference\">Aus dem Tagebuch des ersten Tages, Seite 45<\/p><blockquote><p>9. Juli 1933: Vor ein paar Wochen ist Hugenberg zur&uuml;ckgetreten, und seine deutschnationale Partei hat &bdquo;sich selbst aufgel&ouml;st&ldquo;. Seitdem beobachte ich, da&szlig; an die Stelle der &bdquo;nationalen Erhebung&ldquo; die &bdquo;nationalsozialistische Revolution&ldquo; ger&uuml;ckt ist und da&szlig; man Hitler h&auml;ufiger als zuvor den &bdquo;Volkskanzler&ldquo; nennt und da&szlig; man vom &bdquo;totalen Staat&ldquo; spricht.<\/p><\/blockquote><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p class=\"reference\">Aus dem Tagebuch des ersten Tages, Seite 45<\/p><blockquote><p>23. Oktober 1933: Mir ist vom Gehalt eine &bdquo;Freiwillige Winterhilfe&ldquo; abgezogen worden; niemand hat mich deswegen vorher gefragt. Es soll sich um eine neue Steuer handeln, von der man sich ebensowenig ausschlie&szlig;en darf wie von irgendeiner anderen Steuer; die Freiwilligkeit bestehe nur darin, da&szlig; man &uuml;ber des festgesetzten Betrag hinaus zahlen d&uuml;rfe, und auch hinter diesem D&uuml;rfen stelle sich f&uuml;r viele schon ein kaum verh&uuml;llter Zwang. [&hellip;] Hilfe statt Steuer: das geh&ouml;rt zur Volksgemeinschaft. Der Jargon des Dritten Reiches sentimentalisiert; das ist immer verd&auml;chtig.<\/p><\/blockquote><div class=\"cite_hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p class=\"reference\">Aus dem Tagebuch des ersten Tages, Seite 50<\/p><p>Mit diesen Zeilen liegt es mir fern, die heutigen Ausw&uuml;chse sprachlicher Gleichschaltung, die anderer Art sind als die Beschriebenen, mit denen der Nationalsozialisten auf eine Ebene zu stellen; oder anders, treffender formuliert: Die Verst&uuml;mmelung und Sch&ouml;nrederei gleicht sich, die Motive dahinter sind freilich andere. Wo einst Gleichschaltung herrschte, betreibt heute die &Ouml;konomisierung des Alltags Sprachverst&uuml;mmelung.<\/p><p>Als ich zum ersten Mal Klemperer las, erkannte ich sofort die Parallelen zur Gegenwart. Es erinnert in fataler Weise an die LTI, wenn man heute davon spricht, die Lohnnebenkosten senken zu m&uuml;ssen, um Arbeitspl&auml;tze zu schaffen, aber eigentlich Lohnk&uuml;rzungen damit meint. Und in dieser Art bedeutet Umbau nicht selten Abbau, anpassen ist gleich senken, Sozialabbau wird mit dem Terminus Reform verdeckt. Bedenkt man dann, dass man heute ungeniert wieder den unheilvollen Begriff Arbeitsscheue in den Mund nimmt (man denke an das &bdquo;Reichsprogramm Arbeitsscheu&ldquo;, welches &bdquo;asoziale&ldquo; Subjekte zur Zwangsarbeit heranf&uuml;hren sollte), dass im Sozialministerium unter Minister Clement eine Brosch&uuml;re das der Natur entlehnte Wort &bdquo;Schmarotzer&ldquo; auff&uuml;hrte, dann ist gewiss, dass es in sprachlicher Hinsicht hierzulande einen R&uuml;ckschritt gibt. Wollen wir hoffen, dass dieser R&uuml;ckschritt, wenn er schon stattfindet, nur sprachlich vollzogen wird &ndash; m&ouml;gen also Worten keine (Un-)Taten folgen!<\/p><p>F&uuml;r einen Philologen, der sich an Klemperer orientieren will, b&ouml;te die heutige Alltagssprache ein unglaubliches Jagdgebiet. Ein Tagebuch, welches sich mit der SND &ndash; der Sprache des neoliberalen Deutschland &ndash; befassen w&uuml;rde, k&ouml;nnte viele Seiten f&uuml;llen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 2. Februar haben wir auf eine Sendung von arte unter dem Titel <a href=\"http:\/\/www.arte.tv\/de\/woche\/244,broadcastingNum=601198,day=5,week=5,year=2007.html\">&bdquo;Sprache l&uuml;gt nicht&ldquo;<\/a> hingewiesen, in der &uuml;ber Victor Klemperers &ldquo;Lingua Tertii Imperii&rdquo;, ein Tagebuch &uuml;ber die Sprache des Dritten Reiches berichtet wurde. Unseren Leser Roberto J. 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