{"id":20768,"date":"2014-02-19T09:04:49","date_gmt":"2014-02-19T08:04:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20768"},"modified":"2015-10-15T14:42:45","modified_gmt":"2015-10-15T12:42:45","slug":"zur-ausstellung-diktatur-und-demokratie-im-zeitalter-der-extreme-vom-weisswaschen-deutscher-machteliten-und-vom-anschwaerzen-ihrer-kritiker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20768","title":{"rendered":"Zur Ausstellung \u201eDiktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme\u201c &#8211; Vom Wei\u00dfwaschen deutscher \u201eMachteliten\u201c und vom Anschw\u00e4rzen ihrer Kritiker"},"content":{"rendered":"<p>Peter Dausend z&auml;hlt unter dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/05\/supergedenkjahr-2014\">Krieg &amp; Kurt<\/a>&ldquo; f&uuml;r das laufende Jahr 25 Gedenkm&ouml;glichkeiten auf; vor lauter Gedenktagen komme man gar nicht mehr zum Denken, bef&uuml;rchtet er. Die Ausstellung &bdquo;Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme&ldquo; bel&auml;sst es bei drei Gedenkdaten aus dem 20. Jahrhundert und nimmt noch ein weiteres Datum aus dem 21. Jahrhundert dazu: 100 Jahre &bdquo;Ausbruch&ldquo; des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre Entfesselung des Zweiten Weltkriegs durch Deutschland, 25 Jahre Mauerfall und Ende der realsozialistischen Regime in Osteuropa und 10 Jahre Osterweiterung der EU. Damit hat man die &bdquo;Br&uuml;ckenk&ouml;pfe&ldquo; der Ausstellung &bdquo;Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme&ldquo; beisammen, &uuml;ber die die Herausgeber der Ausstellung, drei deutsche &bdquo;ideologische Staatsapparate&ldquo;, n&auml;mlich das &bdquo;M&uuml;nchner Institut f&uuml;r Zeitgeschichte&ldquo;, &bdquo;Deutschlandradio Kultur&ldquo; und die &bdquo;Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur&ldquo;, gesponsert von der Daimler-AG, eine &bdquo;dramatische Geschichte&ldquo; Europas &bdquo;zwischen Freiheit und Tyrannei, zwischen Demokratie und Diktatur&ldquo; w&ouml;lben.<br>\nDie Ausstellung erhebt den Anspruch, eine sinnstiftende &bdquo;europ&auml;ische Perspektive&ldquo; einzunehmen, bleibt aber von Anfang bis Ende ein St&uuml;ck deutsch-hegemonialer &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo;, meint <strong>Hans Otto R&ouml;&szlig;er<\/strong> in seiner kritischen Analyse.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>Vorbemerkung WL:<\/strong> In dem Artikel wird die Kritik an den unwissenschaftlichen Darstellungsmethoden der Ausstellungsmacher sehr detailliert belegt, der Text ist deshalb selbst f&uuml;r die Gepflogenheiten der NachDenkSeiten ziemlich umfangreich. Ich habe  deshalb einige kritische Urteile Hans Otto R&ouml;&szlig;ers &uuml;ber die Ausstellung seiner ausf&uuml;hrlichen  Analyse vorweggestellt. Der l&auml;ngere Artikel, vor allem f&uuml;r historisch interessierte Leserinnen und Leser, ist als <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/140218_roesser_kritische_anmerkungen_zur_ausstellung_diktatur_demokratie.pdf\">Datei [PDF &ndash; 2 MB]<\/a> zu &ouml;ffnen.<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140219_zur_ausstellung_zeitalter_der_extreme.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Der Ausstellungstitel vergreift sich am Titel des ber&uuml;hmten Buches von Eric Hobsbawm. Aus dessen &ldquo;Zeitalter der Extreme&ldquo; wird aber ein Jahrhundert der Extremismen und Extremisten &ndash; in Wiederbelebung der &bdquo;Totalitarismustheorie&ldquo; mit ihrer kruden Gleichsetzung von links und rechts. <\/p><p>Erst wird geschossen, dann geraten die guten B&uuml;rger zwischen der Scylla des Rechtsextremismus (schlimm) und der Charybdis des Linksextremismus (schlimmer) ins Schwimmen, um schlie&szlig;lich als Sieger der Geschichte ins gelobte Land einer osterweiterten EU einzulaufen. Ziel und Ende der Geschichte.<\/p><p>Die Ausstellung erhebt den Anspruch, eine sinnstiftende &bdquo;europ&auml;ische Perspektive&ldquo; einzunehmen, bleibt aber von Anfang bis Ende ein St&uuml;ck deutsch-hegemonialer &bdquo;Erinnerungskultur&ldquo;, n&auml;mlich die &bdquo;von uns proklamierte Sicht auf das Zeitalter der Extreme&ldquo;.<\/p><p>Die Ausstellung macht nirgends deutlich, dass ihre Behauptungen in einem diskursiven Feld stehen und darin hoch umstritten sind. Ihr Gestus ist nicht diskursiv, sondern apodiktisch. Sie tut so, als verk&uuml;nde sie zum Zweck &bdquo;politischer Breitenbildung&ldquo;  v&ouml;llig unstrittige Wahrheiten, wo es tats&auml;chlich um die &bdquo;von uns proklamierte Sicht&ldquo; geht.<\/p><p>Es w&auml;re zu viel der Ehre, w&uuml;rde man den Ausstellungsmachern vorwerfen, das geschichts- und politikdidaktische Ziel pers&ouml;nlicher Urteilsf&auml;higkeit verfehlt zu haben. Ihre &bdquo;politische Breitenbildung&ldquo; nimmt dieses Ziel nicht einmal ansatzweise in den Blick.<\/p><p>Im Hinblick auf das Scheitern der Weimarer Republik suggeriert die Ausstellung z.B., dass die Aush&ouml;hlung des Parlamentarismus der negativen Mehrheit antidemokratischer Parteien (NSDAP und KPD &ndash; die DNVP wird freundlicherweise nicht erw&auml;hnt) geschuldet sei&hellip; Die Wende zum Antiparlamentarismus erfolgte, weil die b&uuml;rgerlichen Parteien den politischen und sozialpolitischen Kompromiss der Weimarer Koalition aufgek&uuml;ndigt hatten. Es sind nicht die &bdquo;Extreme&ldquo; an den R&auml;ndern, es ist die wirtschaftliche, soziale und politische Radikalisierung der b&uuml;rgerlichen &bdquo;Eliten&ldquo; und ihres politischen Personals, der b&uuml;rgerlichen Parteien, es ist der &bdquo;Extremismus der Mitte&ldquo;, der zur Aufl&ouml;sung der parlamentarischen Demokratie f&uuml;hrt. <\/p><p>Ein Hauptakteur, die Gro&szlig;industrie bzw. das Gro&szlig;b&uuml;rgertum, wird eher beil&auml;ufig erw&auml;hnt. Seine Rolle und die Rolle der b&uuml;rgerlichen Parteien bei der Zerst&ouml;rung der Weimarer Republik werden verschwiegen. Insbesondere wird nicht deutlich, dass die auf den Abbau des Sozialstaates gerichtete Krisenpolitik der Unternehmer in der Konsequenz die Zerst&ouml;rung nicht nur der Formen parlamentarischer Repr&auml;sentation, sondern jeder demokratischen Artikulation implizierte. Stattdessen wird eine Kausalit&auml;t fingiert (eine negative Parlamentsmehrheit von NSDAP und KPD), die als solche niemals zur Ernennung Hitlers als Kanzler gef&uuml;hrt h&auml;tte.<\/p><p>Die Trennung zwischen sozialer Lage und politischer Artikulation wirkt besonders niedertr&auml;chtig bei der Wiederholung des mehrfach widerlegten Irrtums, die Arbeitslosen h&auml;tten den Aufstieg der Nazis mit Stimmen bef&ouml;rdert. In den gro&szlig;en Erz&auml;hlungen der deutschen &bdquo;Eliten&ldquo; richten eben immer die &Auml;rmsten und Ohnm&auml;chtigsten das gr&ouml;&szlig;te Ungl&uuml;ck an. Sie essen falsch, sie lieben falsch, sie w&auml;hlen falsch. In den gro&szlig;en Erz&auml;hlungen der deutschen &bdquo;Eliten&ldquo; werden immer nur die Wehrlosesten verh&ouml;hnt und die Hungrigen als &bdquo;Hans Wurste&ldquo; l&auml;cherlich gemacht. Immer sind die Niedrigsten die gr&ouml;&szlig;ten Betr&uuml;ger und bekommen komische Indianernamen. Sie hei&szlig;en &bdquo;Florida-Joe&ldquo; oder &bdquo;Karibik-Klaus&ldquo;, aber niemals Josef Ackermann oder Klaus Zumwinkel.<\/p><p>Es ist emp&ouml;rend, dass einen die Manipulationen, Verf&auml;lschungen und Halbwahrheiten dieser Ausstellung dazu zwingen, Fakten zu reproduzieren, die man in jedem halbwegs brauchbaren Schulbuch nachlesen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Dausend z&auml;hlt unter dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2014\/05\/supergedenkjahr-2014\">Krieg &amp; Kurt<\/a>&ldquo; f&uuml;r das laufende Jahr 25 Gedenkm&ouml;glichkeiten auf; vor lauter Gedenktagen komme man gar nicht mehr zum Denken, bef&uuml;rchtet er. Die Ausstellung &bdquo;Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme&ldquo; bel&auml;sst es bei drei Gedenkdaten aus dem 20. Jahrhundert und nimmt noch ein weiteres Datum aus dem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20768\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,212,11],"tags":[],"class_list":["post-20768","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-strategien-der-meinungsmache"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20768","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20768"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20768\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20796,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20768\/revisions\/20796"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20768"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20768"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20768"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}