{"id":20798,"date":"2014-02-21T09:15:07","date_gmt":"2014-02-21T08:15:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20798"},"modified":"2019-05-20T10:14:05","modified_gmt":"2019-05-20T08:14:05","slug":"volkswagen-usa-revolution-von-oben-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20798","title":{"rendered":"Volkswagen USA: Revolution von oben gescheitert"},"content":{"rendered":"<p>Die Automobilarbeiter-Gewerkschaft United Automobile Workers (UAW) hat die Abstimmung zur Anerkennung im Volkswagen Werk in Chattanooga, Tennessee laut offizieller Ausz&auml;hlung vom Freitag, 14. Februar 2014 mit 626 zu 712 Stimmen <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wirtschaft\/vw-gewerkschaft-bleibt-ausgesperrt,10808230,26214410.html\">deutlich verloren<\/a>.<br>\nTats&auml;chlich handelt es sich um eine demoralisierende Niederlage f&uuml;r die gesamte US-amerikanische Gewerkschaftsbewegung, die zudem deutlich macht, wie es um die demokratische Kultur in weiten Teilen der USA tats&auml;chlich bestellt ist. Desinformation, Propaganda und teils bizarre &Auml;ngste spielten in der begleitenden Medienschlacht eine gro&szlig;e Rolle &ndash; in der Form vergleichbar mit den hysterischen Kampagnen gegen Waffen-Beschr&auml;nkung oder die allgemeine Krankenversicherung. Rechte Lobbyisten der Anti-Gewerkschafts-Organisation &ldquo;Center for Workers Freedom&rdquo; stellten zuletzt 13 Riesen-Werbetafeln in Tennessee auf, auf denen sie die VW-Gewerkschaftswahl sogar direkt mit Aspekten wie der Waffenfreiheit und dem in Tennessee bei der wei&szlig;en Mehrheit relativ unbeliebten Pr&auml;sidenten Obama verbanden. Die UAW wurde einmal als &ldquo;United Obama Workers&rdquo; verh&ouml;hnt, andererseits f&uuml;r den dramatischen Niedergang der Motor-Town Detroit in den letzten Jahrzehnten verantwortlich gemacht. Von <strong>Elmar Wigand<\/strong> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140220_Volkswagen_USA.jpg\" alt=\"United Obama Workers\" title=\"United Obama Workers\"><\/p><p>Die Wahl bei VW wirft ein Schlaglicht auf manche Aspekte US-amerikanischer Realit&auml;t, die in Europa weitgehend <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/42944_42966.htm\">unbekannt sind<\/a>. Sie gehen uns mehr denn je an, da Europa mit diesem Staatsgebilde durch das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP in Zukunft zu einem gemeinsamen Binnenmarkt verschmolzen werden soll. <\/p><p><strong>Die Right-to-work-Bewegung<\/strong><\/p><p>Der Begriff &ldquo;Right-to-Work&rdquo;-Gesetze [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">1<\/a>] ist in den letzten Wochen h&auml;ufiger in deutschen Qualit&auml;tsmedien zu lesen gewesen (Siehe <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/chattanooga100.html\">Tagesschau.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/VWler-stimmen-ueber-Betriebsrat-ab\/!132816\/\">taz<\/a>). Das k&ouml;nnte auch an unserem <a href=\"http:\/\/arbeitsunrecht.de\/ttip-stoppen\">Aufruf gegen das TTIP<\/a> liegen, der das Ph&auml;nomen thematisierte &ndash; 24 von 50 US-Bundesstaaten haben inzwischen gewerkschaftsfeindliche Gesetze. Es ist auff&auml;llig, dass sich deutsche Unternehmen in den letzten Jahren bevorzugt in eben solchen Bundesstaaten ansiedelten, in den gewerkschaftliche Organisierung, Tarifvertr&auml;ge und Streiks per Gesetz stark eingeschr&auml;nkt sind. Der Motors&auml;genfabrikant Stihl produziert bereits seit 1974 in Virginia Beach; zum Trend wurde der Zug in den S&uuml;den der USA vermutlich durch die Er&ouml;ffnung eines BMW-Werkes in Spartanburg, South Carolina im Jahr 1992. Mercedes-Benz folgte nach Alabama, Thyssen-Krupp setzte im selben Staat Milliarden in den Sand. Von diesen Firmen, die in Deutschland ein sozialpartnerschaftliches Image pflegen, sind in den USA vehemente Anti-Gewerkschafts-Kampagnen ruchbar geworden, bei denen das Management Union-Busting Berater anheuerte, um gewerkschaftliche Organisierungsversuche zu ersticken. <\/p><p>In Tennessee hat VW den folgenden Kostenvorteil gegen&uuml;ber den Big 3 im traditionellen Auto-Standort Detroit (Ford, GM, Chrysler): Arbeiter, die vor 2007 eingestellt wurden, kommen in Detroit auf 28,- $ pro Stunde; VW zahlt in Chattanooga zwischen 15 und 19,- $, wie Mike Elk f&uuml;r das gewerkschaftsnahe Magazin &ldquo;In These Times&rdquo; <a href=\"http:\/\/inthesetimes.com\/working\/entry\/16300\/after_uaw_defeat_at_volkswagen_in_tennessee_theories_abound\">recherchierte<\/a>.<\/p><p>Allerdings ist die UAW nach dem Crash von 2008 und der Chrysler-Pleite soweit eingeknickt, dass auch in Detroit f&uuml;r Neueinstellungen vergleichbar niedrige Einstiegsl&ouml;hne gelten. Der Grund f&uuml;r Produktionsverlagerungen in Right-to-work-Staaten d&uuml;rfte also vor allem in der Gewerkschaftsfreiheit und damit einher gehender maximaler unternehmerischer Gestaltungsm&ouml;glichkeit liegen, sowie einer tendenziellen Erpressbarkeit von Arbeitern in strukturschwachen Region mit schwach entwickelter Zivilgesellschaft. <\/p><p><strong>Rechte Meinungsmache: Republikaner machen mobil<\/strong><\/p><p>Die VW-Wahl wurde im rechten Lager zur Entscheidungsschlacht stilisiert. Der Chicagoer Rechtsanwalt Thomas Geoghegan schrieb f&uuml;r den Nachrichtendienst Bloomberg &uuml;ber die Idee eines Betriebsrats nach deutschem Vorbild &ndash; der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zur Entscheidung stand: &ldquo;Wenn diese fortschrittliche Form von Arbeitermitbestimmung im gewerkschaftsfreien S&uuml;den beginnen w&uuml;rde, w&auml;re das ebenso explosiv wie ironisch. Das Schauspiel dieser Art von Macht [&hellip;] k&ouml;nnte die Welt der Arbeiter des amerikanischen S&uuml;dens auf den Kopf stellen.&rdquo; Landrat Tim Boyd aus Hamilton County meinte etwa eine Gewerkschaft bei VW in Chattanooga sei <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/42944_42965.htm\">&ldquo;ein Krebsgeschw&uuml;r f&uuml;r das wirtschaftliche Wachstum&rdquo;<\/a>. <\/p><p>Der UAW Boss King beschuldigte vor allem die Republikaner der unerlaubten Einmischung: &ldquo;Niemals zuvor haben wir es in diesem Land erlebt, dass ein US-Senator, ein Gouverneur und der F&uuml;hrer der Legislative eine Firma mit dem Entzug von Anreizen bedroht haben und die Arbeiter mit dem Verlust eines Produktes.&rdquo;<br>\nDer republikanische Senator Bob Corker <a href=\"http:\/\/labornotes.org\/2014\/02\/after-historic-uaw-defeat-tennessee-volkswagen-plant-theories-abound\">sagte kurz vor der Wahl<\/a>: &ldquo;Ich hatte heute Gespr&auml;che aufgrund derer ich sicher bin, dass  &ndash; sollten die Arbeiter gegen die UAW stimmen &ndash; VW in den kommenden Wochen bekannt geben wird, dass der neue mittelgro&szlig;e SUV hier in Chattanooga gebaut wird&rdquo;.<\/p><p>Bill Haslam, der republikanische Gouverneur von Tennessee, erz&auml;hlte der Lokalpresse: &ldquo;Ich glaube die Abstimmung wird Auswirkungen auf unsere F&auml;higkeit haben, andere Zulieferer anzulocken. Wenn wir andere Firmen rekrutieren wollen, kommt das Thema jedes Mal auf.&rdquo;<br>\nZwei Tage vor Beginn der Wahlen, schlugen der republikanische Senatssprecher von Tennessee Bo Watson und der republikanische Mehrheitsf&uuml;hrer Gerald McCormick vor, dass Volkswagen in Zukunft Subventionen gestrichen werden sollten, falls die Fabrik in Chattanooga gewerkschaftlich organisiert w&uuml;rde. <\/p><p><strong>Grover Norquist, die Koch Br&uuml;der und ihre Satelliten<\/strong><\/p><p>Die erdr&uuml;ckende Wirkung, die rechte bis rechtsextreme Think-tanks und Lobbyorganisationen auf die Meinungsbildung in den USA entfalten k&ouml;nnen, spielte auch bei der VW-Wahl eine gro&szlig;e Rolle. Der konservative Meinungsmacher Grover Norquist z&auml;hlt zu den einflussreichsten politischen Personen der USA. Eines seiner vielen Projekte ist das &ldquo;Center for Workers Freedom&rdquo;, das die oben erw&auml;hnten 13 Riesen-Werbetafeln an Highways und Stra&szlig;enkreuzungen rund um Chattanooga platzierte. Seine Hauptmission ist der Kampf gegen Steuern, sein bekanntestes Vehikel die Organisation &ldquo;Americans for Tax Reform&rdquo;. Sie tritt f&uuml;r die weitgehende Senkung bis Abschaffung von Steuern ein und konnte 95% aller republikanische Abgeordnete des US-Kongress vor der Wahl im November 2012 zu einem Schwur bewegen, dass sie niemals Steuern anheben w&uuml;rden (&ldquo;Taxpayer Protection Pledge&rdquo;). Norquist ist Teil der Tea Party Bewegung und sitzt in Aufsichtsr&auml;ten der National Rifle Association und der American Conservative Union. <\/p><p>Finanziert werden Norquists Organisastionen u.a. von den milliardenschweren Br&uuml;dern Charles und David Koch (<a href=\"http:\/\/www.sourcewatch.org\/index.php\/Koch_Industries\">Koch Industries<\/a>). Diese <a href=\"http:\/\/www.prwatch.org\/news\/2013\/05\/12118\/pbs-killed-wisconsin-uprising-documentary-citizen-koch-appease-koch-brothers\">finanzierten<\/a> auch den siegreichen Wahlkampf von Scott Walker 2010 zum Gouverneur von Wisconsin, was zur umgehenden Einf&uuml;hrung von Right-to-work-Laws in dem Bundesstaat und zeitweise zu einem B&uuml;rgeraufstand in der Stadt Milwaukee f&uuml;hrte. Wie das Magazin <a href=\"http:\/\/www.thenation.com\/blog\/171475\/analysis-grover-norquists-budget-largely-financed-just-two-billionaire-backed-nonprofits\">&ldquo;The Nation&rdquo;<\/a> schreibt, z&auml;hlten 2010 auch Mogule wie Stephen Bechtel (Bechtel Corporation) oder Stephen Schwarzman (Blackstone Group) zu Norquists Finanziers, 2013 unterst&uuml;tzte der kalifornische Internetriese Google <a href=\"http:\/\/www.prwatch.org\/news\/2013\/11\/12319\/google-funding-grover-norquist-heritage-action-alec-and-more\">Norquists Aktivit&auml;ten<\/a>. <\/p><p>Es wundert nicht, dass die lokale Presse von solchen Schwergewichten und ihren Werbeetats leicht auf ihrer Seite gezogen werden konnte. Zudem war auch das unvermeidliche &ldquo;National Right to Work Comittee&rdquo; (NRTWC) <a href=\"http:\/\/nrtwc.org\/president-obama-forgot-all-about-the-vw-workers-in-chattanooga\/\">involviert<\/a>. Es wurde 1955 von ultra-konservativen S&uuml;dstaaten-Unternehmern gegr&uuml;ndet, um sich gegen die angeblich drohende Diktatur einer Gewerkschaftsmacht, die mal als mafi&ouml;s mal als sozialistisch ausgemalt wurde, zu wehren und  Reformen aus der Roosevelt-&Auml;ra <a href=\"http:\/\/zcomm.org\/zmagazine\/reed-larson-and-the-national-right-to-work-committee-by-chip-berlet\/\">r&uuml;ckg&auml;ngig zu machen<\/a>. Das NRTWC wurde 45 Jahre lang vom Anti-Gewerkschafts-Impressario Reed Larson geleitet und wird ebenfalls von den Koch-Br&uuml;dern alimentiert. <\/p><p><strong>Dennoch: Wie konnte das passieren?<\/strong><\/p><p>Die oben geschilderte Einflussnahme war massiv. Die Niederlage der United Automobile Workers bei VW ist dadurch aber nicht vollst&auml;ndig erkl&auml;rbar. Denn hier schienen die Bedingungen f&uuml;r eine Verankerung der Gewerkschaft g&uuml;nstig wie selten. In den allermeisten F&auml;llen werden Union-Busting-Kampagnen direkt aus dem oberen Management lanciert &ndash; unter Zuhilfenahme spezialisierter Berater und Agenturen. Dennoch gelingt es vielen Gewerkschaften in den USA dagegen zu halten und zu siegen. Statistiken der Nationalen Beh&ouml;rde f&uuml;r Arbeitsbeziehungen verzeichnen f&uuml;r 2013 eine <a href=\"http:\/\/www.nlrb.gov\/reports-guidance\/reports\/election-reports\/election-reports-fy-2013\">Erfolgsquote von 60%<\/a> bei Gewerkschaftswahlen. <\/p><p>Inzwischen wird Kritik an der Kampagnen-F&uuml;hrung der UAW in Chattanooga laut. So schreibt Mike Elk, dass die UAW ein Neutralit&auml;tsabkommen mit VW unterzeichnet habe, dass ihnen negative Kommentare &uuml;ber Volkswagen <a href=\"http:\/\/www.no2uaw.com\/uploads\/2\/2\/0\/0\/22009070\/09-neutrality_agreement.pdf\">untersagte [PDF &ndash; 1.2 MB]<\/a>. Schlimmer noch wirkte laut Einsch&auml;tzung von erfahrenden Beobachtern ein Passus, der den Gewerkschaftern Hausbesuche in den Wohngegenden der VW-Arbeiter untersagte. Diese sind in den USA eine weit verbreitete Methode, um Vertrauen aufzubauen, Fragen zu beantworten und heraus zu finden, wo der Schuh dr&uuml;ckt. Im Gegenzug erhielt die UAW aber freien Zugang zum Werk. Wie ihre Gegner h&auml;misch nachhielten, stellte ihnen VW sogar Schutzbrillen f&uuml;r den Aufenthalt in den Produktionsanlagen. <\/p><p>Lokale Aktivisten aus Chattanooga berichteten, so schreibt Elk, dass die UAW keine gro&szlig;en Anstrengungen unternommen habe, mit ihnen in Kontakt zu treten. Und dass obwohl die alternative politische Szene in Tennessee die UAW-Kampagne als M&ouml;glichkeit eines neuen Aufbruchs herzlich begr&uuml;&szlig;te. Eine Nachbarschafts-Aktivistin fand die folgenden Worte: &ldquo;Du kannst im S&uuml;den nicht gewinnen, ohne dass alle, die Dich unterst&uuml;tzen, zusammen mit Dir k&auml;mpfen. Denn der S&uuml;den ist eine gigantische Anti-Gewerkschafts-Kampagne.&rdquo;<\/p><p><strong>Das spezielle Image-Problem der UAW<\/strong><\/p><p>Elk sammelte auch Stimmen aus dem Werk, die sich gegen die UAW aussprachen und dabei nicht Gewerkschaften an sich meinten. &ldquo;Ich habe nichts gegen Gewerkschaften, ich bin gegen die UAW. Es gibt gro&szlig;artige Gewerkschaften da drau&szlig;en. Aber die werden uns nicht angeboten. Wenn Du nur eine Wahl hast ist das Bullshit&rdquo;, sagte der Arbeiter Mike Burton, der die Seite <a href=\"http:\/\/www.no2uaw.com\">No2UAW.com (Nein zur UAW)<\/a> aufgesetzt hatte. Nicht wenige Amerikaner werfen der UAW die Milliarden-Rettung der Big 3 mit Steuergeldern im Zuge des Weltfinanzcrashs 2008 vor, andere halten sie f&uuml;r korrupt bis mafi&ouml;s. Zum einen spiegeln sich hier die Ressentiments der Union-Busting-Propaganda, zum anderen steckt ein gr&ouml;&szlig;erer Teil historischer Wahrheit darin. Kaum eine Gewerkschaft lie&szlig; sich so schnell vom Management ihrer Konzerne z&auml;hmen und assimilieren wie die UAW, die im Dezember 1936 mit einem furiosen Streik bei General Motors in Flint scheinbar aus dem Nichts auftauchte, sich aber bereits Ende der 1940er Jahre durch strammen Anti-Kommunismus hervor tat und in den folgenden Jahren z. B. vehement f&uuml;r den Vietnam-Krieg eintrat. <\/p><p><strong>Der Blick in unbekannte Gefilde<\/strong><\/p><p>Einen Vorteil habe die Wahl bei VW jetzt schon gehabt, schrieb Mark Bail im Portal <a href=\"http:\/\/bluemassgroup.com\/2014\/02\/the-uaw-wants-your-guns-and-other-lessons-from-the-volkswagen-unionizing-vote\/\">&ldquo;Blue Mass Group&rdquo;<\/a> mit einer geh&ouml;rigen Prise Galgenhumor: &ldquo;In Zeiten wie diesen, k&uuml;mmert sich der Journalismus kaum um Themen der Arbeiterbewegung. Niemand redet dar&uuml;ber. [&hellip;] Die Ablehnung der Gewerkschaft durch die VW-Arbeiter in Tennessee, war eine der wenigen Gelegenheiten, &uuml;berhaupt etwas &uuml;ber die Organisierung von Arbeitern zu erfahren.&rdquo;<\/p><p>Es war auch eine seltene Gelegenheit, etwas &uuml;ber die Schwierigkeiten von Gewerkschaften jenseits des Atlantiks zu lernen. M&ouml;glicherweise w&auml;re ein Sieg der UAW bei VW sogar Wasser auf die M&uuml;hlen von sozialdemokratischen Bef&uuml;rwortern des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP gewesen. Nach dem Motto: Seht her &ndash; der gemeinsame Binnenmarkt kann auch Fortschritte bringen. Diese Argumentation zumindest bleibt uns nun erspart.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung:<\/strong><\/p><p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;1<\/a>] &ldquo;Right to work&rdquo;-Gesetze sind vor allem in den Bundesstaaten im S&uuml;den der USA verbreitet. Sie besagen: Besch&auml;ftigte werden nicht automatisch Mitglied der Gewerkschaft, wenn sie in einem gewerkschaftlich organisierten Betrieb arbeiten. Das ist ihr gutes Recht, denkt man. Aber in Amerika l&auml;uft das so ab: Besch&auml;ftigte stimmen dar&uuml;ber ab,  ob die Gewerkschaft sie vertreten soll. Stimmt eine Mehrheit mit Ja, darf die Gewerkschaft alle Besch&auml;ftigten vertreten und f&uuml;r sie Tarifvertr&auml;ge abschlie&szlig;en. Das gilt nun nicht mehr: Gewerkschaftsgegner k&ouml;nnen nun ihr &ldquo;Recht&rdquo; in Anspruch nehmen, keinen Gewerkschaftsbeitrag zu zahlen. Das ist nat&uuml;rlich <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/42944_42966.htm\">eine Schw&auml;chung<\/a>. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Elmar Wigand hat mit Werner R&uuml;gemer die Studie &ldquo;Union Busting in Deutschland&rdquo; geschrieben die voraussichtlich im M&auml;rz 2014 von der Otto-Brenner-Stiftung heraus gegeben wird. Beide haben einen Aufruft gegen das TTIP initiert, <a href=\"http:\/\/arbeitsunrecht.de\/ttip-stop\/ttip\/\">der hier unterzeichnet werden kann<\/a>. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Anmerkung Roger Strassburg:<\/strong> <\/p><blockquote><p>Zu den sog. &ldquo;Right-to-Work&rdquo;-Gesetzen (RTW) in den USA ist einiges zu erkl&auml;ren. Hier einige Erl&auml;uterungen dazu:<br>\nDas Hauptmerkmal dieser Gesetze ist das Verbot von sog. &ldquo;union security agreements&rdquo;. &ldquo;Union security agreements&rdquo; sind Vereinbarungen im Tarifvertrag, dass alle Besch&auml;ftigten eines Unternehmens, f&uuml;r die der Tarifvertrag gilt, der Gewerkschaft beitreten m&uuml;ssen bzw. dass auch von Nicht-Mitgliedern der Gewerkschaft Beitr&auml;ge vom Gehalt abgezogen und an die Gewerkschaft abgef&uuml;hrt werden. Dadurch soll den Trittbrettfahrer-Effekt ausgeschaltet werden. In Bundesstaaten ohne RTW sind &ldquo;union security agreements&rdquo; erlaubt. In RTW-Bundesstaaten nicht.<\/p>\n<p>Der Zweck von RTW-Gesetze liegt auf der Hand: Gewerkschaften sollen dadurch geschw&auml;cht werden, indem ihnen Finanzierung entzogen wird bzw. nur von einem kleineren Teil der Belegschaft erhoben wird. Ersteres erschwert die Gewerkschaftsarbeit durch Entzug der Mittel, Letzteres verteuert die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft f&uuml;r die verbliebenen Mitglieder und macht die Mitgliedschaft damit unattraktiver f&uuml;r sie.<\/p>\n<p>In Deutschland und anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern sind &ldquo;union security agreements&rdquo; ebenfalls verboten. So gesehen ist Deutschland ein &ldquo;Right-to-Work&rdquo;-Land. <\/p>\n<p>Das hei&szlig;t: Gewerkschaften in den USA haben ohne RTW eine st&auml;rkere Position im Betrieb als in Deutschland. Mit RTW f&auml;llt diese Position auf das deutsche Niveau.<\/p>\n<p>Es gibt diverse Unterschiede zwischen dem Recht auf Arbeitnehmervertretung in den USA und in Deutschland. Beide Systeme bringen Vorteile und Nachteile mit sich. Die Frage, welches System besser oder schlechter sei, kann man unterschiedlich beurteilen.<\/p>\n<p>In den USA entscheidet eine Urabstimmung dar&uuml;ber, ob es Kollektiv-Verhandlungen gibt oder nicht. In Deutschland sind Tarifverhandlungen erst dann zwingend, wenn der Arbeitgeber im Arbeitgeberverband ist.<\/p>\n<p>Die M&ouml;glichkeit, der Tarifbindung zu entgehen, indem der Arbeitgeber dem Arbeitgeberverband fern bleibt, wird in Deutschland teilweise durch die Allgemeinverbindlichkeit aufgehoben. Das ist f&uuml;r viele deutsche Arbeitnehmer ein Vorteil, den ihre amerikanischen Kollegen nicht haben.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r gibt es aber in den USA gesetzliche Mindestl&ouml;hne (z.Z. $7,25, was sehr niedrig ist, aber in vielen Bundesstaaten liegt er h&ouml;her) und (f&uuml;r nicht-leitende, nicht-professionelle Arbeitnehmer) &Uuml;berstundenzuschl&auml;ge i.H.v. 50 Prozent, w&auml;hrend deutsche Arbeitgeber ihre Arbeitnehmer zu unbezahlten &Uuml;berstunden verpflichten k&ouml;nnen &ndash; siehe z.B. Vor- und Nacharbeit in Superm&auml;rkten. Und wenn man sieht, wie Arbeitgeber Scheingewerkschaften benutzen, um Allgemeinverbindlichkeit zu unterlaufen, erkennt man dass auch dieser Vorteil nur bedingt vorhanden ist.<\/p>\n<p>Daf&uuml;r gibt es in den USA keine Betriebsr&auml;te. Aber was hei&szlig;t das? <\/p>\n<p>Dass Betriebsr&auml;te K&uuml;ndigungen widersprechen, Sozialpl&auml;ne durchsetzen und die Lage der Arbeitszeit mitbestimmen k&ouml;nnen, und vieles mehr, ist f&uuml;r deutsche Arbeitnehmer auf jeden Fall vom Vorteil. Aber Betriebsr&auml;te k&ouml;nnen (d&uuml;rfen!) weder Tarifvertr&auml;ge abschlie&szlig;en noch einen Streik aufrufen. Sie k&ouml;nnen nicht einmal verhindern, dass Streikbrecher eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Betriebsr&auml;te sind also kein Ersatz f&uuml;r Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Was schlie&szlig;t man daraus?<\/p>\n<p>Arbeitnehmerrechte in den USA und in Deutschland sind unterschiedlich. Bei n&auml;herer Betrachtung gibt es bei beiden Systemen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten Vorteile und Nachteile. Es ist aber nicht so, als w&uuml;rde alles, was dem eigenen Modell nicht entspricht, von einer &ldquo;unterentwickelten Zivilgesellschaft&rdquo; zeugt.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Automobilarbeiter-Gewerkschaft United Automobile Workers (UAW) hat die Abstimmung zur Anerkennung im Volkswagen Werk in Chattanooga, Tennessee laut offizieller Ausz&auml;hlung vom Freitag, 14. Februar 2014 mit 626 zu 712 Stimmen <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/wirtschaft\/vw-gewerkschaft-bleibt-ausgesperrt,10808230,26214410.html\">deutlich verloren<\/a>.<br \/> Tats&auml;chlich handelt es sich um eine demoralisierende Niederlage f&uuml;r die gesamte US-amerikanische Gewerkschaftsbewegung, die zudem deutlich macht, wie es um die demokratische<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=20798\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[109,11,174],"tags":[1371],"class_list":["post-20798","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gewerkschaften","category-strategien-der-meinungsmache","category-usa","tag-volkswagen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20798","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=20798"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20798\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51856,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/20798\/revisions\/51856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=20798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=20798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=20798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}