{"id":2082,"date":"2007-02-05T11:07:40","date_gmt":"2007-02-05T10:07:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2082"},"modified":"2016-01-14T16:35:57","modified_gmt":"2016-01-14T15:35:57","slug":"uber-das-falsche-verstandnis-von-generationengerechtigkeit-der-stiftung-fur-die-rechte-zukunftiger-generationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2082","title":{"rendered":"\u00dcber das falsche Verst\u00e4ndnis von Generationengerechtigkeit der \u201eStiftung f\u00fcr die Rechte zuk\u00fcnftiger Generationen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>J&uuml;rgen Voss, Statistiker aus Oberhausen, hat dem Sprecher der genannten Stiftung, J&ouml;rg Tremmel, der zur Zeit in vielen Medien herumgereicht wird, eine erhellende Mail geschickt. Zur besseren Einordnung ist die Mail von J&uuml;rgen Voss an mich davor gesetzt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>J&uuml;rgen Voss am 5.2. an Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><\/p><p>J&ouml;rg Tremmel ist Sprecher der &ldquo;Stiftung fuer die Rechte zuk&uuml;nftiger Generationen&rdquo;, eine urspr&uuml;nglich im gr&uuml;nen Umfeld (!)entstandene Initiative mit Sitz in Oberursel. Diese Stiftung hat vor ein paar Jahren ein sch&ouml;nes Buch herausgegeben mit dem Titel: &ldquo;Die 68er &ndash; warum wir Jungen sie nicht mehr brauchen&rdquo;. Ein kleiner Reader mit m. E. sehr brauchbaren Denkans&auml;tzen und wichtigen Tabubr&uuml;chen. (Na ja, AM) Der spiritus rector dieser Gruppe ist J&ouml;rg Tremmel, der inzwischen h&auml;ufig als Repr&auml;sentant der jungen Generation, die sich gegen die Anspr&uuml;che der &auml;lteren Generation wehrt (die &ldquo;endlich die silbernen L&ouml;ffel abgeben soll&rdquo;) zu Diskussionen eingeladen wird und offensichtlich wohl noch nicht begriffen hat, dass er von der neoliberalen Seite instrumentalisiert wird. (Da habe ich meine Zweifel, AM) Ich habe vor ein paar Jahren mal mit H. Tremmel im brieflichen Kontakt gestanden und bin da auf einen ganzvern&uuml;nftigen jungen Mann gestossen. Seine &Auml;u&szlig;erungen in der M&uuml;chener Run-de haben mich veranla&szlig;t, ihm einen Brief zu schreiben. Leicht ver&auml;ndert &ndash; die pers&ouml;nlichen Dinge rausgenommen &ndash; m&ouml;chte ich Ihnen diesen Brief zur Kenntnis geben, als Beispiel daf&uuml;r, auf wieviel Ebenen man sich inzwischen wehren muss oder auch, welcher Kampagne wir &ldquo;ubiquit&auml;r&rdquo; ausgesetzt sind. <em>(Das stimmt, AM)<\/em><\/p><p><strong>J&uuml;rgen Voss an:<\/strong><\/p><p>Herrn<br>\nJ&ouml;rg Tremmel<br>\nper email<\/p><p>Oberhausen, 31.1.07<\/p><p><strong>Ihre Argumente zum Thema &ldquo;Rente und Generationengerechtigkeit&rdquo;, ge&auml;u&szlig;ert in der &ldquo;M&uuml;nchener Runde&rdquo; am 30.1.07<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr Tremmel,<\/p><p>seit mehreren Jahren verfolge Ich Ihren politischen Weg und den Ihrer &ldquo;Stiftung f&uuml;r die Rechte zuk&uuml;nftiger Generationen&rdquo; sehr aufmerksam, genauso wie ich Ihnen gestern abend aufmerksam zugeh&ouml;rt habe. <\/p><p>Um gleich auf den Punkt zu kommen: Ich halte Ihr Verst&auml;ndnis von Generationenge-rechtigkeit f&uuml;r falsch, f&uuml;r unkritisch aus einem bestimmten &ldquo;Lager&rdquo; &uuml;bernommen und f&uuml;r alle Fehlinterpretationen aus eben jenem Lager (das z. Bsp. repr&auml;sentiert durch den jungen &ldquo;Berufspolitiker&rdquo; Mi&szlig;felder), dem ich Sie bisher gar nicht zugeordnet habe, offen.<\/p><p>Sie sagen etwa folgendes: Die Belastungen durch die &auml;ltere Generation, die einen leichteren Lebensweg hatte (was stimmt), sind so gro&szlig;, dass sie der j&uuml;ngeren die Chancen zu einem erf&uuml;llten Berufsleben mit ad&auml;quaten Verdiensten verbauen. Die Leistungen sind deshalb einzuschr&auml;nken, um so die j&uuml;ngere Generation zu entlasten und deren Chancen entscheidend zu verbessern.<\/p><p>Sie sehen dabei offenbar folgendes nicht:<\/p><p>Der Begriff Generationengerechtigkeit ist zun&auml;chst mal ein normativer Begriff, gegen den niemand etwas haben kann. Wer vertritt schon die These, dass es der j&uuml;ngeren Generation schlechter gehen soll als der &auml;lteren, bisher galt immer das Gegenteil. W&uuml;rden wir also in einem Seminarraum akademisch &uuml;ber Generationengerechtigkeit diskutieren, k&auml;men wir sehr schnell auf einen Nenner.<\/p><p>Leider ist dieser Weg inzwischen verbaut: Generationengerechtigkeit ist heute ein neoliberaler Kampfbegriff, der demagogisch genutzt wird, die sozialen Sicherungs-system &ldquo;neu zu justieren&rdquo;, wie Schr&ouml;der sagen w&uuml;rde, oder besser: abzubauen.<\/p><p>Als Alternative gilt die Reprivatisierung sozialer Risiken, die vor allem der jungen Ge-neration aufgehalst werden soll, die dann beides tun mu&szlig;: die &auml;ltere versorgen (im Umlageverfahren) und sich selbst einen Kapitalstock aufbauen (wovon nur?). Dass die junge Generation sich dagegen wehrt, ist verst&auml;ndlich. Nur: sie wehrt sich in die falsche Richtung!<\/p><p>Seit nunmehr f&uuml;nfzehn Jahren l&auml;uft ein Proze&szlig; mit durchaus konterrevolution&auml;rer Qualit&auml;t, in dem das wohlfahrtsstaatliche System (weil es aus demografischen Gr&uuml;nden angeblich nicht mehr finanzierbar ist) ersetzt werden soll durch das angels&auml;chsische Knochenbrechersystem, in dem jeder sehen kann, wo er bleibt und in dem die sozialen Risiken &ndash; bis auf eine Restgr&ouml;&szlig;e &ndash; reprivatisiert sind. Zielsetzung ist, das Bruttosozialprodukt anders aufzuteilen; der Kapitalseite, die sich im Zuge der Ost-West- Auseinandersetzung lang genug den &ldquo;Sozialklimbim&rdquo; hat gefallen lassen m&uuml;ssen, ein gr&ouml;&szlig;eres St&uuml;ck vom Kuchen zu geben. <\/p><p>Kernst&uuml;ck dieser Systemver&auml;nderung ist die sog. Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, sprich die Vernichtung oder weitgehende Entsubstanzialisierung sozialversicherungspflichtiger Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse, der Abbau langfristiger Bindungen an die Unternehmen und damit die Verhinderung von beruflichen Perspektiven und einer gesicherten Lebensplanung. Diese &ldquo;Flexibilisierung&rdquo; trifft Ihre Generation mit voller Wucht. So gehe ich davon aus, dass Sie pers&ouml;nlich trotz Ihrer sehr guten Qualifikation bis dato kein ordnungsgem&auml;&szlig;es Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnis mit beruflicher Perspektive gefunden haben. (Wenn es anders sein sollte, w&uuml;rde ich mich sehr freuen.)<\/p><p>Dies gilt f&uuml;r viele Ihrer Generation. In bisher keiner Generation der Nachkriegszeit waren die beruflichen Chancen und die Verdienstm&ouml;glichkeiten so schlecht wie in Ihrer. Sie sind &ndash; ich bitte um Verzeihung &ndash; eine &ldquo;verlorene&rdquo; Generation &ndash; wenn nicht bald etwas geschieht. Im Rahmen dieses Prozesses scheint der Begriff Generatio-nengerechtigkeit die Probleme Ihrer Alterskohorte auf den Begriff zu bringen (wie die 68er gesagt h&auml;tten). Wohlgemerkt &ldquo;scheint&rdquo;, in Wirklichkeit vernebelt er Sie.<\/p><p>Denn dass Sie sich wehren, ist vollkommen verst&auml;ndlich &ndash; sie wehren sich &uuml;brigens viel zu wenig &ndash; nur die Zielrichtung Ihres Angriffes ist falsch. Nicht die &auml;ltere Generation verbaut Ihnen die Chance &ndash; &uuml;brigens auch eine Familie zu gr&uuml;nden, Kinder zu haben usw., insofern ist der Kinder-Appell der Madonna aus Hannover wirklichkeitsfremd, ja zynisch &ndash; sondern die Protagonisten des politischen Mainstreams, der inzwischen komplett neoliberal ausgerichtet ist.<\/p><p>Um es drastisch zu sagen: Selbst wenn von heute auf morgen keine einzige Rente und keine einzige Pension mehr gezahlt w&uuml;rden, w&uuml;rde das Ihre beruflichen Chan-cen um keinen Deut verbessern.<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es Ungerechtigkeiten und Auswucherungen des Sozialstaates, die lange h&auml;tten beseitigt werden m&uuml;ssen. Auch hier wieder Schieflagen, die nur machtpolitisch zu erkl&auml;ren sind: Warum sind die Pensionen viel weniger in der Diskussion als die Renten, obwohl sie doppelt (gehobener Dienst) und dreifach (h&ouml;herer) Dienst so hoch sind wie jene, obwohl sie ganze L&auml;nderhaushalte blockieren? Warum wurde im Rahmen der &ldquo;Gesundheitsreform&rdquo; das Beihilferecht nicht ge&auml;ndert? Warum erz&auml;hlen uns C4-Professoren mit 4.600 Euro Pensionsanspruch ohne Beitragsleistung ununterbrochen und unwidersprochen, dass wir die 1.000 Euro &ndash; Renten nicht mehr bezahlen k&ouml;nnen?<\/p><p>Warum wehren Sie sich nicht &ndash; und das geht an Ihre Stiftung &ndash; gegen den Demogra-fieunsinn?. Auch Sie pers&ouml;nlich erz&auml;hlen etwas von linear sich erh&ouml;hender Lebens-erwartung, als Grund f&uuml;r die nicht mehr bezahlbaren Renten. Die Lebenserwartung kann sich statistisch gar nicht linear erh&ouml;hen, oder werden die Menschen in 500 Jahren alle 350 Jahre alt (Ich habe jetzt nicht genau nachgerechnet)? Die wesentlichen Fortschritte in der Lebenserwartung sind auf gesunkene S&auml;uglingssterblichkeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, also der statistische Effekt eines anderen Ereignisses. Die sog. fernere Lebenserwartung entwickelt sich nur sehr langsam und zwar nicht linear sondern als Hyperbel (Das nur als Hinweis). Im &Uuml;brigen sind l&auml;ngere Rentenlaufzeiten viel st&auml;rker von der Arbeitsmarktpolitik der letzten beiden Jahrzehnte bestimmt als biologisch begr&uuml;ndet.<\/p><p>Zu den Fakten: Gegenw&auml;rtig stehen fast 53 Mio. Menschen im erwerbsf&auml;higen Alter gerade mal 15 Mio. Menschen &uuml;ber 65 gegen&uuml;ber. Statistisch eine gl&auml;nzende Relation. Nur darauf kommt es gar nicht an, sondern gefragt ist, wieviel Menschen davon auch erwerbst&auml;tig sind, mehr noch: sozialversicherungspflichtig besch&auml;ftigt und somit Steuern und Abgaben zahlen und wieviel sie verdienen. Zur Zeit gibt es noch 21 Mio. (SV-)Vollzeitarbeitspl&auml;tze, viele von ihnen sind schon dem Niedriglohnsektor zuzurechnen. In ihnen werden nicht selten L&ouml;hne und Geh&auml;lter auf dem Niveau der siebziger Jahre gezahlt. Dass dies bei 22 Mio. Renten (viele Frauen bekommen &ndash; meist kleine &ndash; Doppelrenten) auf dem Niveau des Jahres 2007 (an sich 2003) nicht gut gehen kann, leuchtet ein. Das hat nichts mit Generationengerechtigkeit zu tun, ist auch nicht demografisch begr&uuml;ndet (Kinder zahlen keine Beitr&auml;ge, erst recht nicht sp&auml;ter als Arbeitslose), sondern ist das Produkt einer rein neoliberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik, die mit dem Ziel der Geldwertstabilit&auml;t Massenarbeitslosigkeit fortlaufend produziert und in Kauf nimmt. (&Uuml;brigens auch Folge eines demografischen &Uuml;berhangs durch die geburtenstarken Jahrg&auml;nge &ndash; was viel zu wenig diskutiert wird, warum wohl?)<\/p><p>Gegen diese Politik und ihre hoch ideologischen Interpretationen sollten sie sich wehren, mit all Ihrem Kritikverm&ouml;gen und ihren sonstigen guten Argumenten.<\/p><p>Noch etwas: Die Altersversorgungsanspr&uuml;che der zur Zeit Besch&auml;ftigten beruhen auf den Beitragsleistungen von zum Teil mehreren Jahrzehnten. Diese Einnahmen wurden mit dazu verwendet, etwa 3 Mio. Menschen fr&uuml;h zu verrenten (bis 1996 ohne Abschl&auml;ge); &uuml;ber 1 Mio. Zuwanderern und 4 Mio. DDR B&uuml;rgern gute bis ausk&ouml;mmliche Renten zu bescheren und dar&uuml;ber hinaus, der &auml;lteren Generation, so wie es an sich gedacht war, die hier hart gearbeitet und selbst ihre Beitr&auml;ge entrichtet hatte, das Alterseinkommen zu gew&auml;hrleisten. Ein Umlageverfahren, das vollkommen in Ordnung ist, verwaltungstechnisch das praktikabelste und von der Leistung her das beste. (Es gibt kein Land in der Welt mit einem funktionierenden Kapitaldeckungssystem, dies nur als Hinweis)<\/p><p>Wenn Sie, Herr Tremmel, und Ihre Mitstreiter sowie alle jungen Menschen, die ar-beiten wollen und k&ouml;nnen, ein Ihrer Ausbildung ad&auml;quates und &auml;quivalent bezahltes T&auml;tigkeit- und Berufsfeld f&auml;nden, w&auml;re das nach meiner Auffassung die beste Form der Generationengerechtigkeit. Und in einer solchen Situation, glaube ich, w&uuml;rden Sie und die jungen Menschen allgemein sich &uuml;ber Steuern und Abgaben weniger Gedanken machen, besonders wenn endg&uuml;ltig politisch klar gestellt w&auml;re, dass die sozialen Lebensrisiken eines solidarischen Schutzes bed&uuml;rfen und das dies ein Resultat bitterer historischer Erfahrungen und letztlich auch eines aufgekl&auml;rten, humanen Weltbildes ist. Mit anderen Worten: Wenn auch Sie sicher sein k&ouml;nnen, dass sie eines Tages (der schneller kommt, als Sie denken), ein ausreichendes Alterseinkommen erhalten.<\/p><p>Ihnen und Ihrer Stiftung w&uuml;nsche ich weiterhin viel Erfolg.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<\/p><p>J&uuml;rgen Vo&szlig;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J&uuml;rgen Voss, Statistiker aus Oberhausen, hat dem Sprecher der genannten Stiftung, J&ouml;rg Tremmel, der zur Zeit in vielen Medien herumgereicht wird, eine erhellende Mail geschickt. 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