{"id":2100,"date":"2007-02-10T08:38:33","date_gmt":"2007-02-10T07:38:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2100"},"modified":"2016-01-14T16:08:45","modified_gmt":"2016-01-14T15:08:45","slug":"die-klotze-am-bein-einer-von-der-herrschenden-lehre-gepragten-volkswirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2100","title":{"rendered":"Die Kl\u00f6tze am Bein einer von der herrschenden Lehre gepr\u00e4gten Volkswirtschaft."},"content":{"rendered":"<p>Viele Beobachter merken inzwischen, dass die herrschende Lehre &ndash; man kann sie Neoliberalismus nennen, ich nenne Sie einfach die herrschende Lehre &ndash; von der notwendigen makro&ouml;konomischen Steuerung einer Volkswirtschaft nicht viel versteht. Mein Eindruck ist immer mehr, dass diesen Ideologen auch das ziemlich fremd ist, was sie meinen gepachtet zu haben: die Sorge f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit, die optimale und effiziente Allokation der Ressourcen. Sie h&auml;ngen unserer Volkswirtschaft jedenfalls einen Klotz nach dem andern ans Bein. Sie versagen genau da, wo sie sich besonders stark f&uuml;hlen: bei der volkswirtschaftlichen Effizienz und damit bei der F&ouml;rderung der Wettbewerbsf&auml;higkeit. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nVorweg: Dieser Tagebucheintrag soll ein Denkansto&szlig; sein. Meine Beobachtung und die folgende Analyse sind noch nicht nach allen Facetten hin ausgearbeitet. Es sind Hypothesen und Anregungen zur Diskussion.<br>\nGrundlage dieser Nachfragen und Anmerkungen ist das in den so genannten WelfareEconomics &uuml;bliche Denken in real terms, in g&uuml;terwirtschaftlichen Gr&ouml;&szlig;en, und die Frage nach der optimalen Allokation der Ressourcen in unserer Volkswirtschaft. Also: hier steht nicht die Frage im Mittelpunkt, wie unsere Volkswirtschaft makro&ouml;konomisch am besten zu steuern w&auml;re und was man tun muss, um m&ouml;glichst viele Menschen in Arbeit zu bringen und die Kapazit&auml;ten unserer Volkswirtschaft auszunutzen. Wir wissen, dass diese Unf&auml;higkeit uns mittlerweile fast 1\/3 unseres m&ouml;glichen Sozialprodukts kostet: rund 700 Milliarden pro Jahr, genauer: was wir gemeinsam leisten, k&ouml;nnte um rund 700 Mrd. mehr sein, wenn nicht sp&auml;testens seit 1992 eine st&uuml;mperhafte Makropolitik betrieben worden w&auml;re.<\/p><p>Diese Schw&auml;chen sollen hier nicht zur Debatte stehen. Hier ist der Ansatz anders. Hier wird gefragt, wie eine Volkswirtschaft organisiert sein muss, um die notwendigen Leistungen m&ouml;glichst effizient zu erbringen, also Arbeitskr&auml;fte und Ressourcen zu schonen und zu sparen. Das Gegenteil ist heute unter F&uuml;hrung der herrschenden Ideologie, die man zu Unrecht Angebots&ouml;konomie nennt, eingetreten. Unserer Volkswirtschaft werden &bdquo;immer neue Kl&ouml;tze ans Bein gebunden&ldquo;, Ressourcen werden verschwendet und falsch zugewiesen. Dazu einige Beispiele:<\/p><ol>\n<li><strong>Die gesamte Reformpolitik<\/strong> der letzten Jahre ist eine verschwenderische, Ressourcen vergeudende Aktion. Hartz I bis III ist mit gro&szlig;em Kostenaufwand installiert worden. Die meisten dieser Ma&szlig;nahmen haben sich als teuer und zugleich erfolglos erwiesen und sind in vielen &bdquo;Modulen&ldquo; schon wieder eingestellt worden. Hartz IV hat viel Personal gebunden und Sachinvestitionen f&uuml;r Umbauten etc. verlangt. Weite Teile der Politik und unserer Gesellschaft wurden damit besch&auml;ftigt. Und dies alles zur Verwaltung der Arbeitslosigkeit. Allein das, was bei der Bundesregierung an Kr&auml;ften f&uuml;r diese Reform gebunden worden ist, ist beachtenswert. Protoypisch daf&uuml;r war Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement. Er hat vermutlich seine gesamte Kraft f&uuml;r die Verwaltung der Arbeitslosigkeit eingesetzt und f&uuml;r ihre Beseitigung fast nichts getan.<br>\nAuch andere Reformen haben politische Kapazit&auml;ten gebunden und nichts gebracht. Ein Musterbeispiel daf&uuml;r ist die Greencard-Initiative.<br>\nAuch die mehrmalige Reform &ndash; die Erweiterung &ndash; der Laden&ouml;ffnungszeiten hat sich als kostenaufw&auml;ndige Reform erwiesen. Man verkauft nahezu das gleiche in l&auml;ngeren &Ouml;ffnungszeiten. Daf&uuml;r braucht man mehr Personal. Das ist auf jeden Fall aufw&auml;ndiger. Gegenrechnen m&uuml;sste man die Ersparnis des Aufwands bei den einkaufenden Kunden.<br>\nDiese Berechnung aber stellt man nie an. Hinweise auf den Unsinn best&auml;tigen sich dann, wenn man liest, dass die &Ouml;ffnung der Ladenschlusszeiten sich allenthalben nicht richtig lohnt. Und obendrein negative Wirkungen f&uuml;r den innerst&auml;dtischen Einzelhandel hat.<br>\nDas Konzept der <strong>permanenten Reform<\/strong>, wie es in ma&szlig;geblichen politischen K&ouml;pfen herum schwirrt und bei uns praktiziert wird, ist aus der Sicht marktwirtschaftlicher WelfareEconomics der helle Wahnsinn. Die permanente Umstellung tangiert nahezu alle von uns. Nicht einmal sondern unentwegt m&uuml;ssen wir uns auf Neues einstellen, m&uuml;ssen Verfahren umgestellt und Organisationseinheiten mit hohem internen Aufwand neu geordnet werden. Die Reformpolitik richtet sozusagen fortw&auml;hrend volkswirtschaftliche Sch&auml;den an. Ein Klotz am Bein unserer &Ouml;konomie.<\/li>\n<li>Der <strong>moderne  Kapitalmarkt<\/strong> mit all den krampfhaften B&ouml;rseng&auml;ngen, den feindlichen und freundlichen &Uuml;bernahmen, den Hedgefonds und Private Equities bindet viel Personal, noch dazu teuer ausgebildetes. Dass dieser komplizierte Kapitalmarkt die Anbieter von Sparkapital und die Nachfrager von Kapital f&uuml;r Investitionen besser und effizienter zusammenbringt als der traditionelle Kapitalmarkt mit seiner Kredittransformation, m&ouml;chte ich bezweifeln. Die neuen Formen erscheinen rentabel, weil einige sehr viel daran verdienen. Tats&auml;chlich werden heute vermutlich sehr viel mehr Ressourcen f&uuml;r den Zweck des Transfers der gesparten Mittel in sinnvolle Investitionen gebraucht und verbraucht als notwendig. Die Organisation des Kapitalmarkts ist h&ouml;chst ineffizient und nicht gepr&auml;gt von einer effizienten Wertsch&ouml;pfung oder in Investitionen in die Real&ouml;konomie, sondern von spekulativen Verm&ouml;genstransfers. So meine Hypothese.<\/li>\n<li>Die von der herrschenden Lehre propagierten <strong>Privatisierungen<\/strong> erweisen sich zum gro&szlig;en Teil als h&ouml;chst kostenaufw&auml;ndige Unternehmen. Ihre &ouml;konomische Ineffizienz f&auml;llt nur deshalb nicht auf, weil andere die Kosten zu tragen haben: die Arbeitnehmer der beteiligten Unternehmen zum Beispiel, indem ihre L&ouml;hne gedr&uuml;ckt werden, die Kunden und Nutzer der privatisierten Unternehmen, indem sie h&ouml;here Geb&uuml;hren f&uuml;r die Leistungen wie Wasser, Abfallentsorgung, Energie u.a.m. bezahlen m&uuml;ssen oder die Steuerzahler.<br>\nPrivatisierungen haben in der Vergangenheit schon auch deshalb Ressourcen verschwendet, weil sie teilweise konzeptionell miserabel gemacht worden sind und deshalb nicht zu halten waren, oder die Organisation musste aufw&auml;ndig korrigiert werden. Typisches Beispiel ist die bei der Bahnreform Anfang der neunziger Jahre vorgenommene Aufteilung der Bahn in mehrere Aktiengesellschaften  &ndash; f&uuml;r Netz, f&uuml;r Bahnh&ouml;fe, f&uuml;r Nahverkehr, f&uuml;r Fernverkehr und den G&uuml;terverkehr. Damals wurden lauter einzelne Aktiengesellschaften mit eigenen Vorst&auml;nden und Apparaten gegr&uuml;ndet. Die Folge war neben gro&szlig;em Kostenaufwand der Umstand, dass die aufgespaltenen Teile gegeneinander gearbeitet haben. Die Reform wurde korrigiert.<br>\n&Auml;hnlich absurd waren die Folgen von Fehlern bei der Privatisierung und Neuorganisation der Deutschen Post AG. Aufgrund einer Beratung von McKinsey wurde der Paketdienst und der Briefdienst aufgespalten, auch da wo die beiden Dienstleistungen sinnvoll zusammengeblieben w&auml;ren. Heute kommt nun vom selben Berater die neue Empfehlung, die Dienste wieder zusammenf&uuml;gen. Dieses Hin und her spricht f&uuml;r sich und McKinsey hat viel Geld verdient.<\/li>\n<li>Die <strong>Umstellung vom  Umlageverfahren zum Kapitaldeckungsverfahren<\/strong> bei der Altersvorsorge bindet auf Dauer gro&szlig;e Ressourcen. Auch das kann man sich erkl&auml;ren, wenn man in g&uuml;ter-wirtschaftlichen Kategorien denkt. Der Vertrieb der Privatvorsorge, die Werbung daf&uuml;r und die Anlagepolitik bindet Menschen &ndash; Versicherungsverwaltungen, Agenturen, Anlageprofis. Das ist eine Ressourcenverschwendung im Vergleich zum Umlageverfahren, wo ohne Vertriebs- und Anlagekosten Beitr&auml;ge eingebucht und Rentenzahlungen berechnet und geleistet werden m&uuml;ssen. Wenn man das System neu zu planen h&auml;tte und in real terms denkt, dann k&auml;me man unweigerlich auf das Umlageverfahren. Im Vergleich zu ihm verschwendet jedes andere System Ressourcen.<\/li>\n<li><strong>Ist Leiharbeit eine &ouml;konomisch sinnvolle Art der Organisation eines Teilarbeitsmarktes?<\/strong> Aus meiner Sicht jedenfalls in der Dimension, die dieses Gewerbe heute annimmt, nicht. Hier werden Personen, B&uuml;ros und die n&ouml;tige Ausstattung installiert, um andere Menschen in Arbeit zu vermitteln. Diese abwegige Art, dieser aufw&auml;ndige Umweg bei der Kombination von Arbeit und Kapital, scheint mir wie andere Missst&auml;nde auch die Folge des konjunkturbedingt unausgeglichenen Arbeitsmarktes zu sein. Nur so ist die damit verbundene Lohndr&uuml;ckerei zu erkl&auml;ren.<\/li>\n<li>Die herrschenden Ideologen haben sich offenbar nicht ausreichend mit dem Umstand besch&auml;ftigt, dass der <strong>Markt versagt, wenn staatlicherseits keine steuernden und korrigierenden Regeln<\/strong> gesetzt werden. Ohne eine gewisse und gezielte Regulierung funktionieren Markt und Wettbewerb nicht optimal. Das ist eine ganz alte Erkenntnis, die durch den &Ouml;konomen und Nobelpreistr&auml;ger Joseph Stiglitz in den letzten Jahren wieder ins Bewusstsein gehoben wurde. Bei den herrschenden Meinungsf&uuml;hrern allerdings ist diese Erkenntnis immer noch nicht angekommen.\n<p>Das <strong>Versagen beginnt schon damit, dass Marktpartner immer die Tendenz haben, den Wettbewerb untereinander zu beschr&auml;nken<\/strong>, Absprachen zu treffen, Oligopole und Monopole zu bilden. Unter fr&uuml;heren Verfechtern der Marktwirtschaft war es deshalb unumstritten, dass der Staat mit seiner Kartellgesetzgebung den Wettbewerb sch&uuml;tzen muss. Heute sind unsere politischen und wirtschaftlichen Eliten meilenweit von diesen Erkenntnissen entfernt. Die von der herrschenden Lehre bestimmte Politik f&ouml;rdert Zusammenschl&uuml;sse geradezu; sie erm&ouml;glicht Fusionen und &Uuml;bernahmen mit Ministererlaubnissen, statt die Kartellgesetzgebung m&ouml;glichst strikt zum Schutz des Wettbewerbs anzuwenden. Und sie erf&auml;hrt dabei von den ma&szlig;geblichen Medien keinerlei ernsthafte Kritik.<\/p>\n<p>Der Markt versagt auch dann, wenn im Zuge der Produktion eines Wirtschaftsgutes oder einer Dienstleistung so genannte <strong>externe Effekte, external diseconomies<\/strong>, anfallen. Ein typisches Beispiel daf&uuml;r ist der Automobil-Verkehr. Er verursacht Klimasch&auml;den und Gesundheitssch&auml;den &uuml;ber L&auml;rm und Dreck. Diese Sch&auml;den fallen bei der Allgemeinheit oder bei einzelnen B&uuml;rgern an. In jedem Fall ist zur Korrektur des Marktversagens der Eingriff &uuml;ber Gebote und Verbote oder &uuml;ber Steuern und andere Belastungen sinnvoll. Solche Korrekturen w&auml;ren heute in vielen Bereichen angebracht. Die herrschenden Kreise aber denken gar nicht daran, die externen Effekte entsprechend ihren eigenen Marktgesetzen den Verursachern anzulasten und so zu internalisieren. Weder ausreichend beim Autoverkehr noch &uuml;berhaupt im Ansatz beim Flugverkehr.<\/p>\n<p>Auch die negativen externen Effekte bei der Liberalisierung und Privatisierung ehedem staatlicher Unternehmen und ihrer so profitabel erscheinenden Rationalisierung werden von den herrschenden Kreisen nicht beachtet. Nehmen wir das praktische Beispiel der Privatisierung der Post und der von ihr getroffenen Entscheidungen zur Konzentration von Post&auml;mtern und Briefk&auml;sten: Der R&uuml;ckzug aus der Fl&auml;che und aus einzelnen Stadtteilen hat dazu gef&uuml;hrt, dass B&uuml;rger inzwischen weite Wege zur&uuml;cklegen m&uuml;ssen, um eine Stelle der Post zu erreichen.<br>\nDer Aufwand an Zeit und Sprit f&uuml;r die Fahrt zur Post wird selbstverst&auml;ndlich in den Kalkulationen der Unternehmensberater und sonstigen Betriebswirte, die diese Art von Rationalisierung planen, nicht miteingerechnet. Schon gar nicht wird ber&uuml;cksichtigt, dass &auml;ltere Menschen h&auml;ufig keine Chance haben, eine Post zu erreichen, ohne jemanden mit einem fahrbaren Untersatz bem&uuml;hen zu m&uuml;ssen. In die engen betriebswirtschaftlichen &Uuml;berlegungen der damit befassten Rationalisierer gehen solche Kosten nicht ein. Volkswirtschaftlich betrachtet f&uuml;hrt das zu einer unteroptimalen Allokation und damit zu einer unteroptimalen Organisation der Marktwirtschaft.<\/p><\/li>\n<\/ol><p><strong fazit: die herrschenden neoliberalen ideologen versagen genau da wo sie sich besonders stark f ein grund mehr so schnell m loszuwerden.><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Beobachter merken inzwischen, dass die herrschende Lehre &ndash; man kann sie Neoliberalismus nennen, ich nenne Sie einfach die herrschende Lehre &ndash; von der notwendigen makro&ouml;konomischen Steuerung einer Volkswirtschaft nicht viel versteht. 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