{"id":21047,"date":"2014-03-10T09:47:32","date_gmt":"2014-03-10T08:47:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21047"},"modified":"2019-07-11T15:02:32","modified_gmt":"2019-07-11T13:02:32","slug":"die-illusion-vom-bildungsaufstieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21047","title":{"rendered":"Die Illusion vom Bildungsaufstieg"},"content":{"rendered":"<p><em>Von Jens Wernicke<\/em><\/p><p>Dass das deutsche Bildungssystem hochgradig sozial selektiv ist, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Dass die meisten aktuellen Reformbem&uuml;hungen jedoch faktisch auf eine umfassende &bdquo;Modernisierung von Auslesemechanismen&ldquo; hinauslaufen, wie Torsten Bultmann und Oliver Schwedes dies bereits vor einigen Jahren in ihrem Aufsatz &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.prokla.de\/archiv\/archiv131.htm\">Die Zukunft des Bildungssystems: Lernen auf Abruf &ndash; eigenverantwortlich und lebensl&auml;nglich!<\/a>&ldquo; konstatierten, ger&auml;t bei weitergehender Analyse aktueller Bildungsreformen zu schnell aus dem Blick.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Alle laufen schneller im Bildungs-Hamsterrad&hellip;<\/strong><\/p><p>Damit meinen Bultmann und Schwedes, dass viele Reformvorschl&auml;ge und Reformen, die wir vordergr&uuml;ndig als Fortschritt wahrnehmen, hintergr&uuml;ndig allzu oft folgende Strategie verfolgen: Immer mehr Mittel werden auf fr&uuml;he Bildung konzentriert, und im sp&auml;teren Verlauf der Bildungswege wird dann mehr und mehr auf so genannte &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo;, auf private Bezahlbildung, auf die Erh&ouml;hung des Leistungs- und Konkurrenzdrucks sowie hieraus folgend wiederum einer sozialen Selektion gesetzt. <\/p><p>Im Durchschnitt w&auml;re so zwar das allgemeine Bildungsniveau angehoben, das Prinzip der sozialen Auslese und damit der Verfestigung der sozialen Spaltung der Gesellschaft bliebe jedoch unangetastet: &bdquo;Unten&ldquo; w&uuml;rde dann zwar durchaus von breiteren Bev&ouml;lkerungsteilen &bdquo;mehr&ldquo; als bisher gelernt, oben w&uuml;rden hierf&uuml;r jedoch die Auslesemechanismen modernisiert und weiter ausgebaut. <\/p><p>Das so genannte &bdquo;Arbeiterkind&ldquo; w&uuml;rde so zwar wom&ouml;glich einen h&ouml;heren Bildungsabschluss erzielen, diese Leistung w&uuml;rde jedoch nicht durch sozialen Aufstieg belohnt. Zwar erlangte es fortan vielleicht leichter beispielsweise einen Bachelorabschluss, scheiterte dann jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit an den neuen H&uuml;rden vor einem Masterstudium oder dem Zugang zu einer &bdquo;Exzellenz&ldquo;-Universit&auml;t &ndash; also an hiernach neu errichteten Mechanismen von Auslese und Exklusion[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. <\/p><p>Am Ende st&uuml;nden dann gegebenenfalls Arbeiterkinder mit Bachelorabschluss, die es aufgrund ihres &bdquo;Bildungsaufstieges&ldquo; gerade einmal vermocht h&auml;tten, die bisherige soziale Position ihres (nicht studierten) Elternhauses aufrechtzuhalten, w&auml;hrend zugleich nicht studierte Arbeiterkinder noch weiter abgeh&auml;ngt und die bisherigen &bdquo;Akademikerprivilegien&ldquo; schlicht an h&ouml;here und alsdann st&auml;rker sozial selektierte Bildungsabschl&uuml;sse weitergereicht worden w&auml;ren: Besser bezahlt und sozial abgesichert w&auml;re dann eben nur noch derjenige mit Master- oder &bdquo;exzellentem&ldquo; Abschluss, wobei der Zugang zu derlei Privilegien sozial deutlich selektiver geworden sein wird [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>].<\/p><p><strong>&hellip;doch nur jene aus &bdquo;besseren Familien&ldquo; profitieren hiervon<\/strong><\/p><p>Wie recht Bultmann und Schwedes mit ihrer diesbez&uuml;glichen Analyse hatten, best&auml;tigt <a href=\"http:\/\/www.soziale-welt.nomos.de\/fileadmin\/soziale-welt\/doc\/Aufsatz_SozWelt_13_04.pdf\">aktuell eine Studie der Soziologin Christina M&ouml;ller [PDF &ndash; 1.6 MB]<\/a>, Doktorandin beim Elitenforscher Michael Hartmann von der Technischen Universit&auml;t Darmstadt. Diese belegt am Beispiel des Fl&auml;chenlandes Nordrhein-Westfalen, dass die soziale Herkunft bei Berufungen kaum je so bedeutend war wie heute. M&ouml;ller konstatiert deswegen sogar einen Trend zur &bdquo;sozialen Schlie&szlig;ung der Universit&auml;tsprofessur&ldquo;.<\/p><p>In &Uuml;bereinstimmung mit einschl&auml;gigen Befunden der Bildungsforschung, die auf einen engen Zusammenhang zwischen der Erreichung hoher Bildungstitel und einer sozio-&ouml;konomisch privilegierten sozialen Herkunft verweisen, stammen auch die untersuchten Professorinnen und Professoren zu einem Drittel (34 Prozent) aus der &bdquo;h&ouml;chsten&ldquo; und nur zu geringen Anteilen (11 Prozent) aus der &bdquo;niedrigen&ldquo; Herkunftsgruppe, w&auml;hrend die Anteile aus der &bdquo;mittleren&ldquo; und &bdquo;gehobenen&ldquo; Herkunftsgruppe je 27 Prozent betragen. Zeitverlaufsanalysen des Datenmaterials zeigten dabei, dass in den letzten 20 Jahren durch einen Anstieg von berufenen Professoren aus der h&ouml;chsten Herkunftsgruppe die Selbstrekrutierungspraxen aus den statushohen Gesellschaftsschichten zugenommen haben. <\/p><p>So geh&ouml;rten beispielsweise die Professoren, die in den Jahren zwischen 1971 und 1980 berufen wurden, der Studierendenkohorte von 1956 an. Damals stammten 43 Prozent der Studierenden aus der h&ouml;chsten und 11 Prozent aus der niedrigen sozialen Schicht. Das spiegelt sich auch in etwa anhand der Zusammensetzung der Berufenen: 35 Prozent derselben entstammen der &bdquo;h&ouml;chsten&ldquo; und 11 Prozent der &bdquo;niedrigen&ldquo; sozialen Schicht. Drei&szlig;ig Jahre sp&auml;ter ergibt sich ein g&auml;nzlich anderes Bild. 18 Prozent der inzwischen deutlich gr&ouml;&szlig;eren Zahl von Studierenden sind &bdquo;niedriger&ldquo; und 25 Prozent &bdquo;h&ouml;chster&ldquo; sozialer Herkunft. Unter der entsprechenden sp&auml;teren Professorenkohorte sind die Professorinnen und Professoren &bdquo;niedriger&ldquo; sozialer Herkunft mit nur 10 Prozent nun jedoch deutlich unterrepr&auml;sentiert, w&auml;hrend jene mit &bdquo;h&ouml;chster&ldquo; sozialer Herkunft mit 38 Prozent deutlich &uuml;berrepr&auml;sentiert sind. <\/p><p>Unter den Professorinnen ist die soziale Selektion sogar noch st&auml;rker. Der Anteil von Professorinnen mit &bdquo;h&ouml;chster&ldquo; sozialer Herkunft liegt aktuell bei 37 Prozent. Bei den M&auml;nnern auf Professuren sind es nur 32 Prozent. Nur 7 Prozent der Professorinnen haben eine &bdquo;niedrige&ldquo; soziale Herkunft, bei den M&auml;nnern hingegen sind es 12 Prozent. Hartmann konstatiert daher, dass der erst am Anfang stehende Aufstieg von Frauen auf Professuren daher auch zu Zielkonflikten f&uuml;hren k&ouml;nne: <\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wenn man nur die Frauenquote im Auge hat, dann kann und wird das dazu f&uuml;hren, dass eben &sbquo;B&uuml;rgert&ouml;chter&lsquo; in gr&ouml;&szlig;erer Zahl h&ouml;here Positionen erreichen. Aber eben nicht auf Kosten der B&uuml;rger-, sondern auf Kosten der Arbeiters&ouml;hne. Bei der Diskussion um Diversit&auml;t sollte daher darauf geachtet werden, diese nicht auf die Geschlechterfrage zu verk&uuml;rzen. Die Klassenzugeh&ouml;rigkeit muss mindestens die gleiche Bedeutung haben.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Das Ergebnis der Studie bewertet er denn auch eben im Sinne von Bultmann und Schwedes und formuliert: <\/p><blockquote><p>\n<em>&ldquo;Das zentrale Ergebnis lautet: Die soziale Rekrutierung von Studierenden und Professoren entwickelt sich genau entgegengesetzt. Das d&uuml;rfte die Probleme von Bildungsaufsteigern im Uni-Alltag noch verst&auml;rken.&rdquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ausgerechnet bei den Juniorprofessuren greift die soziale Auslese dabei &uuml;brigens am deutlichsten: Nur 7 Prozent der Professureninhaber stammen aus der &bdquo;niedrigen&ldquo;, 62 Prozent hingegen aus der &bdquo;h&ouml;chsten&ldquo; Herkunftsgruppe. Sollten sich diese Professuren weiter verbreiten, rechnet M&ouml;ller zuk&uuml;nftig mit einer noch sch&auml;rferen &bdquo;sozialen Schlie&szlig;ung der Universit&auml;tsprofessur&ldquo;. <\/p><p><em>Die Studie im Internet: <a href=\"http:\/\/www.soziale-welt.nomos.de\/\">soziale-welt.nomos.de<\/a>. <\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Siehe hierzu etwa Michael Hartmann: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/mhn_muenster.pdf\">Leistung oder Habitus? Das Leistungsprinzip und die soziale Offenheit der deutschen Wirtschaftselite [PDF &ndash; 108 KB]<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Siehe hier etwa: <a href=\"http:\/\/hessenkongress.files.wordpress.com\/2010\/01\/hochschule-im-historischen-prozess.pdf\">Jens Wernicke: Hochschule im historischen Prozess [PDF &ndash; 3.9 MB]<\/a>; insbesondere das Kapitel &bdquo;Die Illusion der Bildungsexpansion&ldquo;, S. 78 ff.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>Von Jens Wernicke<\/em><\/p>\n<p>Dass das deutsche Bildungssystem hochgradig sozial selektiv ist, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. 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