{"id":2105,"date":"2007-02-12T10:48:55","date_gmt":"2007-02-12T09:48:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2105"},"modified":"2016-01-14T15:57:03","modified_gmt":"2016-01-14T14:57:03","slug":"der-neoliberale-katechismus-teil-2-freiheit-geht-vor-gerechtigkeit-und-solidaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=2105","title":{"rendered":"Der neoliberale Katechismus Teil 2 \u2013 Freiheit geht vor Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Teil 2 des Breviers mit den Glaubensgrunds&auml;tzen zur Anleitung des rechten Glaubens an die neoliberale Heilslehre von Matthias Burghardt. <a href=\"?p=2092\">Fortsetzung von Teil 1 vom 7. Februar 2007<\/a>.<br>\n<!--more--><\/p><p>DER ZWEITE GLAUBENSGRUNDSATZ<br>\nFreiheit geht vor Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das? <\/strong><br>\nFreiheit, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t waren nach Ende des zweiten Weltkriegs die gleichgewichteten Prinzipien, auf denen das Gemeinwesen der Bundesrepublik Deutschland aufgebaut wurde. Die Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t werden aber zunehmend zur Belastung f&uuml;r unternehmerisches Handeln, sie behindern den freien Wettbewerb und stehen der Gewinnmaximierung, den Kapitalinteressen- und Eignern entgegen. Daher ist es notwendig neu zu gewichten, die Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t der wirtschaftlichen Freiheit unterzuordnen und den Markt vom zwanghaften sozialen Ausgleich (Solidarit&auml;t) und staatlichen Ordnungsrahmen (Gerechtigkeit) zu befreien. Wir sind fest davon &uuml;berzeugt, dass das ungebundene, freie Spiel der Kr&auml;fte alle Probleme l&ouml;st. Oberstes Ziel ist und bleibt die Transformation der Bundesrepublik Deutschland zur Deutschland AG mit freien, eigenverantwortlichen und wettbewerbsf&auml;higen Individuen. <\/p><p><strong>Wie verwirklicht man das?<\/strong><br>\nIn der &ouml;ffentlichen Debatte kommt uns zu gute, dass die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung mit dem Begriff der Freiheit zu Recht etwas Positives verbindet z.B. die politische Freiheit, Religionsfreiheit oder Redefreiheit. Das macht es uns sehr einfach zu verschleiern, dass wir mit Freiheit eigentlich nur die unternehmerischer Freiheit und Freiheit f&uuml;r das Kapital meinen. Der Ordnungsrahmen f&uuml;r den Wettbewerb und der Sozialstaat stehen unseren Interessen leider immer wieder entgegen. Das Ziel &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; wird zwar nicht mehr ausdr&uuml;cklich formuliert, aber die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung h&auml;lt nach wie vor an ausgleichenden Ma&szlig;nahmen, die unternehmerisches Handeln z&uuml;geln, fest und verlangt das Kapital f&uuml;r das Gemeinwohl in die Pflicht zu nehmen. Die Drohung Arbeitspl&auml;tze abzubauen oder ins Ausland zu verlagern konnte schon ein langsames Umdenken einleiten. Die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, hat erfreulicherweise auch die Mittelschicht erfasst, die den sozialen Abstieg f&uuml;rchtet und darum bereit ist soziale Errungenschaften aufzugeben und auf eine angemessene Beteiligung am wirtschaftlichen Zuwachs zu verzichten.  Auf politischer Ebene konnte durch den Einsatz von Lobbyisten, von durch uns finanzierte Experten, Arbeitsgruppen, Kommissionen, Initiativen, Rating-Agenturen und vielf&auml;ltiger externer Beratung aber schon wesentlich mehr erreicht werden. Es ist erfreulich, dass unter dem Deckmantel der Unabh&auml;ngigkeit diese Beeinflussung zugunsten unserer Dogmen extrem reibungslos verlaufen ist und nach wie vor verl&auml;uft. Unsere Modebegriffe und Wortsch&ouml;pfungen haben im ganzen politischen Spektrum Einzug gehalten, sei es nun &bdquo;Deregulierung&ldquo;, &bdquo;Flexibilisierung&ldquo;, &bdquo;Privatisierung&ldquo;, &bdquo;Mobilit&auml;t&ldquo; oder &bdquo;neue Freiheit&ldquo;, alle Begriffe sind mit der positiven Verhei&szlig;ung gr&ouml;&szlig;erer Freiheit versehen. Selbst die Entlassung erh&auml;lt durch die Freiheit eine ganz neue Dimension: die &bdquo;Freisetzung&ldquo; vermittelt jetzt Lebensfreude und Hoffnung auf einen Neuanfang. Ferner ist es uns gelungen durch unerm&uuml;dliche Verk&uuml;ndigung unserer Lehre das makro&ouml;konomische Wissen fast restlos aus den K&ouml;pfen der Eliten zu tilgen und in Politik und Wissenschaft die letzten Volkswirtschaftler durch Betriebswirtschaftler zu ersetzen. Im Ergebnis kann sich die Politik unserer angebotsorientierten Lehre und einer z&uuml;gigen Umsetzung unserer Vorstellungen nicht mehr entziehen. Der massive Druck den wir durch die Medien und unsere Multiplikatoren kurzfristig erzeugen k&ouml;nnen, h&auml;ngt wie ein Damoklesschwert &uuml;ber den Entscheidungstr&auml;gern und macht Widerspruch zwecklos. Nachdem wir die Gewerkschaften als gleichberechtigte und ernstzunehmende Debattenteilnehmer nahezu ausschalten konnten, k&ouml;nnen wir feststellen, dass sich unserem verordneten Dogma der &bdquo;neuen Freiheit&ldquo; sogar Gruppierungen unterordnen, die uns in der Vergangenheit teilweise kritisch begegnet sind. So f&uuml;hrt die Evangelische Kirche Deutschlands ihre Reformdebatte unter dem Motto &bdquo;Kirche der Freiheit&ldquo;. Hans Tietmeyer, Vorsitzender der &bdquo;Initiative neue soziale Marktwirtschaft&ldquo;, pr&auml;gte das letzte Sozialwort der katholischen Kirche mit dem Leitsatz &bdquo;Das Soziale neu denken&ldquo;. Solidarit&auml;t und N&auml;chstenliebe konnten durch das neoliberale Prinzip: &bdquo;Jeder sorgt f&uuml;r sich selber&ldquo; ersetzt werden. Die Kirchen haben damit gleichzeitig unseren Kurs der vergangenen Jahre f&uuml;r sakrosankt erkl&auml;rt &ndash; mit einem politischen Diskurs, lautem Widerstand oder gar einer Protestbewegung ist auch von dieser Seite nicht mehr zu rechnen. Trotz diesen Erfolgen muss unsere Lehre mehr denn je als alternativlos dargestellt werden, da uns ihre Verwirklichung immer niedrigere L&ouml;hne, eine weitere Prekarisierung der Arbeitsverh&auml;ltnisse, l&auml;ngere Arbeitszeiten, weniger Arbeitsschutz und niedrigere Unternehmenssteuern, sowie eine Steigerung unserer Gewinne im Interesse unserer Kapitaleigner erm&ouml;glicht. So wird die geplante Unternehmenssteuerreform den Steuerdumpingwettbewerb in Europa weiter anheizen und uns weiter von der Verantwortung f&uuml;r die Gesellschaft und der Finanzierung des Gemeinwesens befreien. Gl&uuml;cklicherweise gibt es derzeit keine Anzeichen, dass die politisch Verantwortlichen zu einer nachfrageorientierten und pragmatischen Wirtschaftspolitik zur&uuml;ckkehren. Trotzdem muss die antizyklische Wirtschafts- und Konjunkturpolitik vorsorglich und unerm&uuml;dlich als &bdquo;sch&auml;dlich&ldquo;, &bdquo;arbeitsplatzvernichtend&ldquo;, &bdquo;von gestern&ldquo; und als &bdquo;Teufelszeug&ldquo; gebrandmarkt werden, da sie dem Gemeinwohl dienen und mehr Gerechtigkeit f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung herstellen w&uuml;rde. Dies wiederum w&uuml;rde unserem gro&szlig;en Ziel, den starken Wohlfahrtsstaat zum Nachtw&auml;chterstaat zu degradieren (der nur noch &uuml;ber rudiment&auml;re Instrumente  verf&uuml;gt um den Markt zu b&auml;ndigen und von oben nach unten zu verteilen) eindeutig entgegenstehen. Deshalb ist es weiterhin von gro&szlig;er Wichtigkeit zu betonen, dass nur die Freiheit Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t schaffen kann und dass zu einer modernen, dynamischen und freiheitlichen Gesellschaft auch eine Unterschicht geh&ouml;rt, die es eben nur nicht versteht die Freiheit zu nutzen, die wenig mobil, flexibel, zu bequem und damit selbst Schuld an ihrem Schicksal ist. Ein schlechtes Gewissen m&uuml;ssen wir uns deswegen nicht von unseren wenigen Kritikern einreden lassen, schlie&szlig;lich kann die befreite Leistungsgesellschaft die Abgeh&auml;ngten getrost der Wohlfahrt oder Diakonie, also den letzten unverbesserlichen Gutmenschen, &uuml;berlassen. Die F&uuml;rsorge kann langfristig an die Stelle der Gerechtigkeit, die Eigenverantwortung an die Stelle der Solidarit&auml;t treten. <\/p><p><strong>Was ist hinderlich? <\/strong><br>\nHinderlich sind zun&auml;chst alle Personen und Gruppierungen, die die Prinzipien der Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t gleich gewichten und keiner der drei einen Vorrang einr&auml;umen. Bedauerlicherweise setzt gerade die Verfassung den Sozialstaat voraus, was die Argumentation gegen den Sozialstaat nat&uuml;rlich erheblich erschwert. Gleiches gilt f&uuml;r die Verpflichtung des Eigentums f&uuml;r das Gemeinwohl. Der Gerechtigkeitsbegriff ist leider so einfach, dass ihn jeder verstehen kann: Jedem das Seine, Gleiches<br>\ngleich, Ungleiches ungleich behandeln. Die Anstrengungen den Begriff wortsch&ouml;pferisch aufzuf&auml;chern, um ihn in unserem Interesse umzudefinieren und den urspr&uuml;nglichen Sinn zu verf&auml;lschen, m&uuml;ssen unbedingt verst&auml;rkt werden. Zwar konnten wir Begriffe wie &bdquo;neue Gerechtigkeit&ldquo;, &bdquo;Beteiligungsgerechtigkeit&ldquo; oder &bdquo;Bef&auml;higungsgerechtigkeit&ldquo; kreieren, aber die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung erschwert durch ihr stures Festhalten die notwendige, z&uuml;gige Verdampfung der alten Werte.<br>\nDie politische Elite ist da gl&uuml;cklicherweise wesentlich aufgeschlossener: so zeigt die Flexibilisierung des Arbeitsmarkts, die Entmachtung der Arbeitnehmervertreter, die Arbeitsmarktreformen, die Privatisierungen, die Einschnitte ins soziale Netz, die Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die solidarischen Sicherungssysteme, die Finanz- und Steuerpolitik in unserem Sinne, dass die Politik durchaus willens ist sich &uuml;ber die Mehrheitsmeinung, die W&uuml;nsche der Bev&ouml;lkerung und die Forderung nach einem starken Sozialstaat und einer gerechten Politik hinwegzusetzen.<br>\nEs ist extrem gef&auml;hrlich, dass es gerade in der Europ&auml;ischen Union L&auml;nder gibt, die auf einen starken Wohlfahrtsstaat setzen in dem keiner zur&uuml;ckgelassen wird, die eine gerechte Steuerpolitik machen, in denen starke Schultern mehr belastet werden als schwache, in denen sich alle mit allem an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen, in denen die Wirtschaft floriert und gleichzeitig in die Verantwortung f&uuml;r das Gemeinwohl genommen wird und trotzdem alle Menschen frei sind. Diese L&auml;nder m&uuml;ssen deshalb von vornherein als &bdquo;mit der Bundesrepublik Deutschland nicht vergleichbar&ldquo; eingestuft werden.<br>\nWeiterhin muss dringend vermieden werden, dass sich die Bev&ouml;lkerung offensiv mit den Ergebnissen der von uns beeinflussten politischen Entwicklung in der Vergangenheit besch&auml;ftigt, da sie zu dem Ergebnis kommen k&ouml;nnte, dass der eingeschlagenen Weg der &bdquo;Befreiungen&ldquo; in allen Lebensbereichen und die Stutzung des Sozialstaats keine Verbesserungen f&uuml;r sie selbst und unser Land gebracht hat. Das ist nat&uuml;rlich objektiv richtig, w&uuml;rde aber letztlich ein Eingest&auml;ndnis des Scheiterns unserer Lehre nach sich ziehen. Dies k&auml;me einem GAU gleich und w&uuml;rde den begonnenen Umbauprozess hemmen oder vollst&auml;ndig zum Erliegen bringen. Deshalb muss eine Diskussion schon im Ansatz mit allen Mitteln erstickt werden. Sollten Einzelne dennoch damit beginnen, reicht es vorerst diese als Verschw&ouml;rungstheoretiker zu stigmatisieren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teil 2 des Breviers mit den Glaubensgrunds&auml;tzen zur Anleitung des rechten Glaubens an die neoliberale Heilslehre von Matthias Burghardt. <a href=\"?p=2092\">Fortsetzung von Teil 1 vom 7. 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