{"id":211,"date":"2005-09-16T16:55:01","date_gmt":"2005-09-16T15:55:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=211"},"modified":"2016-03-04T11:59:23","modified_gmt":"2016-03-04T10:59:23","slug":"liberalisierung-der-daseinsvorsorge-eine-demokratische-errungenschaft-wird-den-regeln-des-wettbewerbs-unterworfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=211","title":{"rendered":"Liberalisierung der Daseinsvorsorge \u2013 eine demokratische Errungenschaft wird den Regeln des Wettbewerbs unterworfen"},"content":{"rendered":"<p>Von Christine Wicht und Carsten Lenz.<br>\n<!--more--><br>\nDie Daseinsvorsorge sichert und pr&auml;gt die grundlegenden Lebensbedingungen unserer Gesellschaft. Daseinsvorsorge durch die &ouml;ffentliche Hand hat in Deutschland eine seit &uuml;ber 100 Jahren bew&auml;hrte Tradition. Sie orientiert sich an dem Grundgedanken, Leistungen in gleichbleibend hoher Qualit&auml;t, fl&auml;chendeckend und zuverl&auml;ssig allen B&uuml;rgern sozial gerecht und diskriminierungsfrei zur Verf&uuml;gung zu stellen. Die &ouml;ffentliche Hand verfolgt dabei keine kurzfristigen Gewinninteressen, sondern zielt auf eine nachhaltige Sicherung der Lebensgrundlagen f&uuml;r alle und gew&auml;hrleistet so die Einhaltung hoher Standards der Hygiene, des Gesundheits- und Umweltschutzes.<br>\nDie Grundversorgung der B&uuml;rger geh&ouml;rt zum Kernbereich der kommunalen Selbstverwaltung. Gemeinden und Kommunen entscheiden selbst &uuml;ber Leistungen, die sie Ihren B&uuml;rgern zur Verf&uuml;gung stellen. Mit der Gemeinwohlverpflichtung, jedem B&uuml;rger die gleiche Qualit&auml;t, eine absolute Zuverl&auml;ssigkeit und faire Preise zu garantieren, ist die kommunale Daseinsvorsorge zu einer wichtigen S&auml;ule unserer Gesellschaft geworden. Die &ouml;ffentliche Hand erf&uuml;llt verantwortungsbewusst und nachhaltig den Versorgungsauftrag, der f&uuml;r private Dienstleister niemals Priorit&auml;t besitzt, da sie auf Gewinninteressen ihrer Anteilseigner R&uuml;cksicht nehmen m&uuml;ssen.<br>\nGem&auml;&szlig; den Prinzipien einer neoliberalen Wirtschaftspolitik wird weltweit von Konzernen, WTO, EU, Regierungen und Parlamenten eine Liberalisierungs- und Privatisierungspolitik zielstrebig vorangetrieben. Nach derzeitigen Erfahrungen haben Privatisierungen &uuml;berwiegend zu privaten Oligopolen gef&uuml;hrt, was keine Verbesserung im Vergleich zu staatlichen Monopolen darstellt. Wir werden in diesem Artikel darlegen, wie wichtig ein Verbleib der Daseinsvorsorge in &ouml;ffentlicher Hand ist, warum eine private Versorgung nicht die gleichen Leistungen erbringen kann wie die &ouml;ffentliche Hand, welche Interessen hinter der Liberalisierungspolitik stehen und welche Auswirkungen dies auf die Versorgung der B&uuml;rger hat. <\/p><p>Immer wieder wird der Staat daf&uuml;r kritisiert, dass er Gelder nicht sinnvoll ausgebe, die Verwaltung unwirtschaftlich und nicht effektiv arbeite und die Leistungen deshalb so teuer seien. Die Daseinsvorsorge ist ein kostenintensiver Aufgabenbereich der &ouml;ffentlichen Hand, nicht weil der Staat unwirtschaftlich arbeitet, sonder weil er den sozialen Aspekt der Gleichbehandlung und der Nachhaltigkeit &uuml;ber jede Gewinnmaximierung stellt. Private Anbieter erf&uuml;llen ihren Auftrag nur durch Kosteneinsparungen verbunden mit Einschr&auml;nkungen der Qualit&auml;t und zu erh&ouml;hten Preisen (Quelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/pt\/2004\/04\/27\/a0263.1\/text\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.taz.de\/pt\/2004\/04\/27\/a0263.1\/text\">www.taz.de<\/a>). <\/p><p><strong>Warum ist Daseinsvorsorge eine Aufgabe der &ouml;ffentlichen Hand? <\/strong><\/p><p>Warum sollte die &ouml;ffentliche Hand &uuml;berhaupt Leistungen erbringen, und sich nicht auf die &Uuml;berwachung des Marktgeschehens beschr&auml;nken? Bei einigen staatlich erbrachten Leistungen ist die Antwort auf diese Frage offensichtlich. Die Aufgaben der Polizei zur Gew&auml;hrleistung &ouml;ffentlicher Sicherheit werden vom Staat wahrgenommen und nicht auf dem Markt gehandelt. W&auml;re &ouml;ffentliche Sicherheit eine Ware wie jede andere, w&uuml;rden sich Wohlhabende mehr Sicherheit leisten k&ouml;nnen, als &auml;rmere B&uuml;rger. In &auml;rmeren L&auml;ndern mit ineffizienten und korrupten Sicherheitsorganen l&auml;sst sich studieren, welche Folgen dass h&auml;tte: Reiche leben in abgeschotteten Ghettos, die von privaten Sicherheitsdiensten bewacht werden. In den Armenvierteln herrschen Kriminalit&auml;t und Verbrecherbanden. An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Staat mit der Daseinsvorsorge f&uuml;r jeden B&uuml;rger die Grundvoraussetzung eines menschenw&uuml;rdigen Lebens schafft.<br>\nW&uuml;rde man die Verteilung dieser G&uuml;ter allein dem Markt &uuml;berlassen, dann k&ouml;nnten nur noch diejenigen die Leistungen der Daseinsvorsorge erwerben, die auch Marktpreise bezahlen k&ouml;nnen. Dadurch w&uuml;rde eine Zweiklassengesellschaft entstehen. Damit eine derartige Spaltung der Gesellschaft verhindert wird, &uuml;bernimmt der Staat bei bestimmten G&uuml;tern die Verantwortung f&uuml;r eine sozial gerechte Verteilung. Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass dem einzelnen B&uuml;rger diese G&uuml;ter unabh&auml;ngig von seiner individuellen und wirtschaftlichen Situation zur Verf&uuml;gung stehen m&uuml;ssen. Auch wer beispielsweise abgelegen auf dem Land wohnt, soll Zugang zu grundlegenden Einrichtungen der Infrastruktur haben, wie z.B. Wasser-, Abwasser- und Telefonanschluss, Stra&szlig;ennetz, &ouml;ffentlicher Verkehr. Die Qualit&auml;t der Schulbildung, ein weiterer wichtiger Teil der Daseinsvorsorge, darf nicht vom Einkommen der Eltern abh&auml;ngen. Sinn dieser staatlichen Leistungen ist die gesellschaftliche Gleichstellung aller B&uuml;rger. Arme und Reiche sollen sich in der Gesellschaft gleichberechtigt gegen&uuml;bertreten k&ouml;nnen. Eine gerechte Verteilungspolitik f&uuml;hrt zu Wohlstand und Sicherheit f&uuml;r alle Schichten der Bev&ouml;lkerung. <\/p><p><strong>Gefahr der Monopolbildung <\/strong><\/p><p>Damit dies gew&auml;hrleistet ist, muss die Verteilung einiger G&uuml;ter reguliert werden und kann nicht dem freien Spiel der Marktkr&auml;fte &uuml;berlassen werden. Das gilt vor allem deshalb, weil viele Leistungen, die der Staat im Rahmen der Daseinsvorsorge zur Verf&uuml;gung stellt, einige Besonderheiten aufweisen. Beispielsweise tendieren die Bereiche der Grundversorgung zur Bildung von Monopolen. Ein wichtiger Grund daf&uuml;r sind die hohen Fixkosten in vielen Bereichen der Versorgung, etwa mit Strom oder Gas. Der Aufbau und Betrieb von Leitungsnetzen und der &uuml;brigen Infrastruktur ist enorm teuer. Wenn die Infrastruktur einmal vorhanden ist, kann allerdings mit relativ geringem Aufwand die Produktion erh&ouml;ht werden. Das beste Beispiel hierf&uuml;r ist der Wassermarkt: Verf&uuml;gt der Anbieter &uuml;ber die entsprechenden Anlagen, so kann er zu relativ geringen Kosten die Menge an bereitgestelltem Wasser erh&ouml;hen. &Auml;hnlich verh&auml;lt es sich auch bei der Energieversorgung. Diese Tatsache f&uuml;hrt dazu, dass sich neue Anbieter auf dem Markt selten etablieren k&ouml;nnen und kleinere Anbieter verdr&auml;ngt werden. Um mit den bestehenden Unternehmen in Konkurrenz treten zu k&ouml;nnen, m&uuml;ssten neue Anbieter erst einmal parallele Versorgungsnetze aufbauen. Dies ist mit enormen Investitionskosten verbunden, die sich &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur auf sehr lange Sicht betriebswirtschaftlich rentieren.<br>\nTats&auml;chlich kann man &uuml;berall dort, wo innerhalb der letzen Jahrzehnte ehemals staatliche Versorgungseinrichtungen privatisiert wurden, eine Tendenz zur Bildung privater Monopole beobachten. Den Markt f&uuml;r Energiedienstleistungen teilen in Deutschland einige wenige Konzerne unter sich auf. &Auml;hnliches gilt z.B. f&uuml;r die Wasserwirtschaft in Gro&szlig;britannien. Weltweit gibt es zahlreiche Beispiele f&uuml;r derartige Konzentrationsprozesse. Damit hat auch der Verbraucher fast keine M&ouml;glichkeit, den Anbieter zu wechseln. Es entsteht kein Wettbewerb, in dem mehrere Anbieter durch Gestaltung von Angebot und Preisen um die Gunst der Konsumenten konkurrieren.<br>\nDie Bef&uuml;rworter der Liberalisierung werben oft mit dem Idealbild eines solchen Wettbewerbs und behaupten, dass der B&uuml;rger als Konsument auf die Anbieter von Leistungen Einfluss nehmen kann, z.B. indem er ein anderes Produkt von einem anderen Unternehmen w&auml;hlt. Weil sich jedoch bei der Privatisierung der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge erfahrungsgem&auml;&szlig; sehr schnell <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oligopol\" title=\"Externer Link zu http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oligopol\">Oligopole<\/a> oder sogar Monopole privater Versorgungsunternehmen bilden, sind die Wahlm&ouml;glichkeiten des Verbrauchers stark eingeschr&auml;nkt und unter Umst&auml;nden gar nicht mehr vorhanden. Im Gegensatz dazu haben die B&uuml;rger bei der Versorgung durch die &ouml;ffentliche Hand die demokratische M&ouml;glichkeit, sich an den Gemeinderat bzw. den Stadtrat zu wenden oder ein B&uuml;rgerbegehren zu initiieren. Zudem stehen Politiker in der Verpflichtung, diese Bereiche abzudecken. Wenn sie ihrer Verpflichtung nicht nachkommen, ist ihre Wiederwahl gef&auml;hrdet. In der Privatwirtschaft, insbesondere bei privaten Oligopolen, verf&uuml;gen die B&uuml;rger &uuml;ber keine demokratischen Mitspracherechte mehr. Auch ist der Einfluss der Politiker nicht mehr gegeben. Wenn sie staatlichen Strukturen durch private ersetzt werden, entscheiden Aufsichtsrat, Vorstand und Management &uuml;ber Investitionen und somit &uuml;ber Qualit&auml;t und Leistung. Private Oligopole (RWE, EON, Vattenfallen und EnBW) zeigen ihre Wirtschaftsmacht. Als letzte M&ouml;glichkeit bleibt dem Staat nur die Schaffung einer Regulierungsbeh&ouml;rde um den Ausw&uuml;chsen Einhalt zu gebieten. <\/p><p><strong>Verlust der demokratischen Kontrolle <\/strong><\/p><p>Nicht uninteressant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob die Bereiche der Daseinsvorsorge, da sie &uuml;ber Steuern und Abgaben der B&uuml;rger aufgebaut und finanziert worden sind, nicht auch den B&uuml;rgern geh&ouml;ren. Aus dieser Perspektive betrachtet, w&auml;re rein theoretisch eine Ver&auml;u&szlig;erung der Daseinsvorsorge ohne die Zustimmung der B&uuml;rger nicht m&ouml;glich. So betrachtet, werden die B&uuml;rger bei einer Ver&auml;u&szlig;erung eines elementaren Bereichs beraubt, den sie selbst durch ihre Leistung erarbeitet haben. Auch wenn rein rechtlich ein Verkauf der &ouml;ffentlichen Daseinsvorsorge zul&auml;ssig sein mag, ist dennoch zu bedenken, dass damit die demokratische Kontrolle und die Einflussm&ouml;glichkeiten mit ver&auml;u&szlig;ert werden. <\/p><p><strong>Vom Leistungserbringer zum Gew&auml;hrleister <\/strong><\/p><p>H&auml;ufig wird sogar von Verfechtern der Liberalisierung zugestanden, dass der Staat sich um die Verteilung bestimmter G&uuml;ter k&uuml;mmern m&uuml;sse, weil etliche B&uuml;rger sich den Erwerb dieser G&uuml;ter auf dem freien Markt nicht leisten k&ouml;nnten &ndash; etwa Schulbildung. Dennoch behaupten die Bef&uuml;rworter von Privatisierungen, dass der Staat diese Leistungen trotz alledem nicht selbst erbringen muss, sondern private Unternehmen damit betrauen sollte, die auf dem Markt um Staatsauftr&auml;ge konkurrieren. Der Staat entwickelt sich vom Leistungserbringer zum Gew&auml;hrleister. Seine Aufgabe besteht nur noch darin, die Einhaltung der Rahmenbedingungen zu &uuml;berwachen. So wird zum Beispiel argumentiert, eine Kommune m&uuml;sse ein Verkehrsunternehmen nicht selbst betreiben, Sie k&ouml;nne die gleichm&auml;&szlig;ige Versorgung der Bev&ouml;lkerung auch dadurch sicherstellen, dass sie etwa einen privates Busunternehmen beauftrage. Damit aber auch Haltestellen angefahren werden, deren Bedienung sich f&uuml;r das Privatunternehmen nicht rentieren w&uuml;rde, muss die Kommune daf&uuml;r eben bezahlen, um ihrem Auftrag zur Daseinsvorsorge gerecht zu werden. Sie tritt diesem Modell zufolge dem Privatunternehmen einfach als Kunde gegen&uuml;ber, der eine Leistung der Daseinsvorsorge nachfragt. Der Staat sorgt dann nur noch daf&uuml;r, dass die privaten Unternehmen die Standards einhalten.<br>\nDiese Vorstellung klingt in der Theorie verlockend, zumal sie in der Regel mit dem Versprechen verkn&uuml;pft ist, dass private Unternehmen ohnehin effizienter wirtschaften, so dass letztendlich die Leistung der Daseinsvorsorge f&uuml;r den Staat und damit f&uuml;r den Steuerzahler g&uuml;nstiger erbracht wird. Ungl&uuml;cklicherweise zeigen aber alle Erfahrungen, die man in den vergangenen Jahren mit der Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen gemacht hat, dass dieses Modell keineswegs die verhei&szlig;enen positiven Effekte hat &ndash; im Gegenteil. Die Leistungen werden teurer, die Qualit&auml;t sinkt. Investitionen in die Infrastruktur (Schienen, Leitungsnetze) unterbleiben, weil sie keine kurzfristige Rendite bringen. Privatunternehmen wirtschaften keineswegs effizienter, weil sie viel Geld f&uuml;r Marketing ausgeben und dar&uuml;ber hinaus auch Gewinne f&uuml;r ihre Anteilseigner erzielen m&uuml;ssen. Au&szlig;erdem werden zur &Uuml;berwachung der Unternehmen zus&auml;tzliche staatliche Regulierungsbeh&ouml;rden eingerichtet. <\/p><p><strong>Warum wird privatisiert? Die Finanzmisere der Kommunen <\/strong><\/p><p>Die Problematik, dass den St&auml;dten und Gemeinden aufgrund der Steuerpolitik und des internationalen Steuerdumpings Einnahmen wegbrechen, f&uuml;hrt dazu, dass f&uuml;r die Finanzierung der Daseinsvorsorge das Geld fehlt. Konzerne entziehen sich ihrer Verantwortung gegen&uuml;ber der Gesellschaft, erwarten aber trotzdem eine intakte Infrastruktur, auf die sie sich verlassen k&ouml;nnen. &Uuml;berwiegend Arbeiter und Angestellte finanzieren unser System &uuml;ber Lohn- bzw. Einkommensteuer, Mehrwertsteuer und Sozialabgaben. Die Konzerne nutzen die legalen Steuervermeidungsm&ouml;glichkeiten und das System kommt aus dem Gleichgewicht. Kommunen suchen nach Alternativen und lassen sich auf private Investoren ein. Wichtiges Ziel einer Gemeinde oder Kommune ist ein ausgeglichener Haushalt. Durch die desolate Haushaltslage sehen sich viele B&uuml;rgermeister zu einer Privatisierungs- bzw. Teilprivatisierungspolitik gezwungen, um dieses Ziel zu erreichen. Die &ouml;ffentliche Hand verkauft ihr Tafelsilber. Nicht selten sind es ausl&auml;ndische Investoren, die, von einer hohen Kapitalrendite ausgehend, diese Bereiche &uuml;bernehmen. Hohe Gewinne sind aber nur dann zu erzielen, wenn Investitionen und Instandhaltungskosten gesenkt werden. Diese Einsparungen im Bereich von Wartung und Service sind mit Entlassungen verbunden und gehen auf Kosten der Verbraucher. <\/p><p><strong>Das Gesch&auml;ft mit der Daseinsvorsorge <\/strong><\/p><p>Gerne steigen private Anbieter in diesen Dienstleistungssektor ein und &uuml;bernehmen speziell die Bereiche der Daseinsvorsorge. Daf&uuml;r gibt es viele Gr&uuml;nde, ein Grund ist beispielsweise, dass die &ouml;ffentliche Hand im Laufe der Jahre die Anlagen, gerade den Bereichen Strom, Wasser, Abwasser, Bahn, &Ouml;ffentlicher Nahverkehr mit aufwendigen Investitionen aufgebaut hat. Da die Infrastruktur bereits vorhanden ist, k&ouml;nnen Konzerne Gewinne absch&ouml;pfen und m&uuml;ssen in den n&auml;chsten Jahren nur die n&ouml;tigsten Investitionen t&auml;tigen. Das private Gesch&auml;ft mit der Daseinsvorsorge ist auch deswegen besonders attraktiv, weil jeder B&uuml;rger von sauberem Trinkwasser, M&uuml;llentsorgung, Bildung usw. abh&auml;ngig ist. Der Anbieter kann von einer stabilen Nachfrage nach diesen elementaren G&uuml;tern ausgehen. Daher haben Konzerne ein gro&szlig;es Interesse daran, an den Kundenstamm der &ouml;ffentlichen Hand zu kommen. Mit dem Kampf f&uuml;r niedrige Unternehmenssteuern und insbesondere f&uuml;r die Abschaffung der Gewerbesteuer l&auml;sst sich also neben der reinen Vermeidung von Steuern durch die Unternehmen noch ein weiteres Ziel verfolgen: Die &ouml;ffentliche Hand wird so weit geschw&auml;cht, dass sie die Aufgaben der Daseinsvorsorge in vielen Bereichen nicht mehr erf&uuml;llen kann. Damit kommen private Investoren zum Zuge, &uuml;bernehmen die &ouml;ffentlichen Unternehmen und schlagen Kapital aus den Leistungen, die sie den B&uuml;rgern zu anderen Bedingungen anbieten. <\/p><p><strong>Was sind die Folgen der Privatisierung? <\/strong><\/p><p>Damit private Anbieter die von ihnen angestrebten Gewinne realisieren k&ouml;nnen, sind Rationalisierungsma&szlig;nahmen auf Kosten von Service und Wartung und somit auf Kosten der Versorgungsqualit&auml;t notwendig. Mitarbeiter werden in die Arbeitslosigkeit entlassen, daraufhin l&ouml;sen sich Familienstrukturen mit schwerwiegenden sozialen Folgen auf. Der Staat ist immer weniger in der Lage diese Situation abzufangen. Langfristig werden die B&uuml;rger ihrer Rechte und ihrer W&uuml;rde beraubt. Finanzielle und geistige Armut der Gesellschaft sind die unaufhaltsame Folge. Soziale Stabilit&auml;t ist nur dann zu erreichen und zu erhalten, wenn der Staat seinen Versorgungsauftrag l&uuml;ckenlos und dauerhaft erf&uuml;llen kann. Wenn die Daseinsvorsorge neoliberalen Wirtschaftsprinzipien folgt, wird dadurch zwangsl&auml;ufig eine Zweiklassengesellschaft entstehen, weil die Leistungen der Daseinsvorsorge sozial benachteiligten Gesellschaftsmitgliedern nicht mehr zur Verf&uuml;gung stehen. Chancenungleichheit f&uuml;hrt zu erh&ouml;hten sozialen Spannungen und gef&auml;hrdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt und damit letztlich auch die Sicherheit. In L&auml;ndern, die in den vergangenen Jahren eine radikale Politik der Liberalisierung und Privatisierung betrieben haben, zeigen sich bemerkenswerte Parallelen in der gesellschaftlichen Entwicklung. Sowohl in Neuseeland als auch in Chile und Gro&szlig;britannien, die den gepriesenen &bdquo;Heilmitteln&ldquo; der Vorreiter neoliberaler Prinzipien Margaret Thatcher und Ronald Reagan folgten, stiegen Kriminalit&auml;t sowie die Ausgaben f&uuml;r Polizei und Gef&auml;ngnisse (vgl. John Gray, Die falsche Verhei&szlig;ung. Der globale Kapitalismus und seine Folgen, Frankfurt a.M. Fischer 2001, S. 46f., 59f.). <\/p><p>Am Beispiel Neuseeland, das eine &auml;hnliche sozialstaatliche Tradition hatte wie Deutschland, ist deutlich erkennbar, wie sich die Privatisierung der Daseinsvorsorge auf die Gesellschaftsstruktur auswirkt. Unter einer sozialdemokratischen Regierung wurde in den 1980er Jahren ein radikaler Umbau des gesamten politischen Systems eingeleitet. Die Regierung &ouml;ffnete auf Druck transnationaler Konzerne die Bereiche der Daseinsvorsorge f&uuml;r private Investoren und unterwarf sie den Gesetzen des Marktes, mit fatalen Folgen f&uuml;r die Gesellschaft des Landes. Als Begr&uuml;ndung musste auch hier die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit herhalten. Versprochen wurden die Schaffung neuer Arbeitspl&auml;tze (vor allem wurden Vollzeitarbeitspl&auml;tze abgebaut und L&ouml;hne gesenkt) und Wohlstand, wenn die Reformen greifen. Es sind immer die gleichen Argumente, hinter denen immer die gleichen Interessen stecken und die immer die gleichen fatalen Auswirkungen haben. Das <a href=\"http:\/\/www.rosalux.de\/cms\/fileadmin\/rls_uploads\/wemgehoertdiewelt\/candeias_conway.pdf\" title=\"Externer Link [PDF - 80 KB] zu http:\/\/www.rosalux.de\/cms\/fileadmin\/rls_uploads\/wemgehoertdiewelt\/candeias_conway.pdf\">Experiment Neuseeland [PDF &ndash; 80 KB]<\/a> ist gescheitert, die Folgen tr&auml;gt das Volk.<br>\nEine nachhaltige, verantwortungsbewusste Politik, welche die Interessen der B&uuml;rger vertritt, ist mit den Modellen der Liberalisierung und Privatisierung nicht m&ouml;glich. Private Investoren beteiligen sich nicht ernsthaft an der Daseinsvorsorge, sondern schlachten sie nur aus. Der Staat wird immer mehr zur&uuml;ckgedr&auml;ngt und Profitinteressen stehen nunmehr im Vordergrund. Hat sich der Staat erst einmal der Verantwortung entzogen, befindet er sich in einer defensiven Position und kann privaten Unternehmen gegen&uuml;ber keinerlei Einfluss mehr geltend machen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christine Wicht und Carsten Lenz. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,28,150],"tags":[1302,233,413],"class_list":["post-211","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-privatisierung","category-verbraucherschutz","tag-daseinsvorsorge","tag-marktliberalismus","tag-schlanker-staat"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=211"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31826,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/211\/revisions\/31826"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}