{"id":21187,"date":"2014-03-25T09:56:21","date_gmt":"2014-03-25T08:56:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21187"},"modified":"2019-07-31T12:34:10","modified_gmt":"2019-07-31T10:34:10","slug":"sind-die-loehne-in-griechenland-immer-noch-zu-hoch-zur-diagnose-von-hans-werner-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21187","title":{"rendered":"Sind die L\u00f6hne in Griechenland immer noch zu hoch? Zur Diagnose von Hans-Werner Sinn"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Welt&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article125314576\/Fuer-Ifo-Chef-Sinn-verdienen-Griechen-noch-zu-viel.html\">berichtete<\/a> k&uuml;rzlich von den Ergebnissen einer neuen Studie des europ&auml;ischen Sachverst&auml;ndigenrats EEAG (European Economic Advisory Group), einer Gruppe von sechs Volkswirten aus f&uuml;nf L&auml;ndern, darunter Hans-Werner Sinn vom M&uuml;nchener Ifo-Institut. Die Untersuchung zur europ&auml;ischen Wirtschaft bietet die &uuml;blichen Diagnosen und Vorschl&auml;ge: In den Euro-Krisenl&auml;ndern sei ein &bdquo;gewisser Grad an fiskalischer Austerit&auml;t&ldquo; ebenso erforderlich wie eine Lohnflexibilit&auml;t nach unten, Arbeitsmarktreformen k&ouml;nnten die Rezession verk&uuml;rzen etc. (EEAG 2014, S. 7). Ein Gastartikel von <strong>G&uuml;nther Grunert<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21187#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nDas alles ist nichts Neues. Interessant ist aber die Kommentierung der Studie durch einen ihrer Autoren, n&auml;mlich Hans-Werner Sinn. Sinn behauptet n&auml;mlich laut &bdquo;Die Welt&ldquo;, dass die Lohnsenkungen in Griechenland in den letzten Jahren zwar die Konkurrenzf&auml;higkeit des Landes verbessert h&auml;tten, dass sie bis jetzt jedoch zu gering ausgefallen seien. Die L&ouml;hne seien nach wie vor zu hoch, um beispielsweise dem Land einen erfolgreichen Wettbewerb mit osteurop&auml;ischen Standorten zu erm&ouml;glichen. &bdquo;Die Welt&ldquo; zitiert Sinn mit den Worten: &bdquo;Die L&ouml;hne in Griechenland sind erst ab 2011 gefallen, aber noch nicht weit genug. Heute sind die L&ouml;hne nicht niedriger als zu Beginn der Krise.&ldquo;<\/p><p>Man fragt sich, was an dieser Aussage bemerkenswerter ist: Der Zynismus angesichts des bereits erreichten Grades an Armut und sozialer Verelendung in Griechenland oder der analytische Bankrott einer &ouml;konomischen Theorie, die offenbar nicht mehr zu bieten hat, als abermals eine h&ouml;here Dosierung der bislang wirkungslosen Medizin zu verlangen.<\/p><p><strong>1. Lohn- und Besch&auml;ftigungsentwicklung in Griechenland<\/strong><\/p><p>Doch bleiben wir bei den Fakten: Wie aus Abbildung 1 hervorgeht, sind beide Behauptungen Sinns unzutreffend: Sowohl die Nominall&ouml;hne als auch die Reall&ouml;hne sinken in Griechenland bereits seit dem zweiten Quartal 2010 (und nicht erst seit 2011) und beide liegen im Jahr 2013 deutlich unter dem Niveau des Jahres 2009, d. h. dem Jahr des Krisenbeginns. Seit ihrem H&ouml;chststand im ersten Quartal des Jahres 2010 sind die griechischen Nominall&ouml;hne um 23 Prozent und die Reall&ouml;hne gar um 27,8 Prozent gefallen.<\/p><p>Abbildung 1 zeigt auch, dass die Lohnsenkungen bislang keinen gro&szlig;en Einfluss auf die Preise ausge&uuml;bt haben &ndash; der Verbraucherpreisindex weist noch bis Ende 2012 einen ansteigenden Trend auf und beginnt erst Anfang 2013 zu sinken.<\/p><p><em>Abbildung 1: Griechenland: Lohn- und Preisindizes (2006=100)<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140324_Griechenland_01.jpg\" alt=\"Griechenland: Lohn- und Preisindizes\" title=\"Griechenland: Lohn- und Preisindizes\"><\/p><p><em>Quelle: Papadimitriou et al. 2014, S. 3<\/em><\/p><p>F&uuml;r Neoklassiker wie Hans-Werner Sinn sind das optimale Bedingungen. W&auml;ren n&auml;mlich die Preise genauso stark gefallen wie die Nominall&ouml;hne, dann w&auml;re eine Reallohnsenkung ausgeblieben. Nur bei einem fallenden Reallohnsatz kann aber nach der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie die Besch&auml;ftigung erh&ouml;ht werden. Der von der Neoklassik behauptete inverse Zusammenhang zwischen Reallohnsatz und Besch&auml;ftigung, bei dem die Nachfrage nach Arbeit bei sinkendem Reallohnsatz steigt (und die Arbeitsnachfrage das Besch&auml;ftigungsvolumen bestimmt), m&uuml;sste sich &ndash; wenn es ihn denn g&auml;be &ndash; im Fall Griechenlands sehr deutlich zeigen: Die drastischen Reallohnsenkungen seit Anfang 2010 sollten dann zu einer Erh&ouml;hung der Besch&auml;ftigung und einem Abbau der Arbeitslosigkeit gef&uuml;hrt haben.<\/p><p><em>Abbildung 2: Griechenland: Besch&auml;ftigung und Arbeitslosigkeit<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140324_Griechenland_02.jpg\" alt=\"Griechenland: Besch&auml;ftigung und Arbeitslosigkeit\" title=\"Griechenland: Besch&auml;ftigung und Arbeitslosigkeit\"><\/p><p><em>Quelle: Papadimitriou et al. 2014, S. 2<\/em><\/p><p>Wie aus Abbildung 2 ersichtlich, ist in Griechenland aber genau das Gegenteil dessen eingetreten, was in neoklassischer Sicht zu erwarten gewesen w&auml;re: Die Besch&auml;ftigung ist in den letzten vier Jahren deutlich gesunken und die Arbeitslosigkeit ebenso klar gestiegen. Im Mai 2010 betrug die Arbeitslosenquote in Griechenland noch 12,2 Prozent, im Mai des darauffolgenden Jahres war sie bereits auf 16,9 Prozent gestiegen, im Mai 2013 lag sie bei 27,6 Prozent und aktuell (November 2013) erreicht sie 28,0 Prozent (<a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/portal\/page\/portal\/publications\/collections\/news_releases\">Eurostat, diverse Pressemitteilungen<\/a>).<\/p><p>Nun wird Sinn vermutlich einwenden, dass es ihm und seiner EEAG ja darum gehe, die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit der griechischen Unternehmen zu erh&ouml;hen und dass dazu die Preise den gesunkenen Arbeitskosten folgen m&uuml;ssten. So begr&uuml;&szlig;en Sinn und die EEAG ausdr&uuml;cklich den durch die Austerit&auml;tspolitik ausge&uuml;bten Abw&auml;rtsdruck auf die Preise (EEAG 2014, S. 75) und beklagen an anderer Stelle die starren Preise, die die notwendigen Preisanpassungen in den Euro-Peripheriel&auml;ndern erschwerten (EEAG 2014, S. 89). Damit geraten Sinn und die EEAG aber in Widerstreit mit der neoklassischen Arbeitsmarkttheorie, denn diese setzt &ndash; wie bereits oben erw&auml;hnt &ndash; voraus, dass die Preise eben nicht in gleichem Umfang sinken wie die Nominall&ouml;hne. <\/p><p>Es entsteht folglich ein Zielkonflikt: Je mehr die Preisentwicklung auf die Nominallohnsenkung reagiert, desto st&auml;rker ausgepr&auml;gt ist tendenziell der Effekt der Verbesserung der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit (mit steigenden Exporten und mehr Besch&auml;ftigung), desto schw&auml;cher muss aber die Reallohnsenkung und die daraus &ndash; in neoklassischer Logik &ndash; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] resultierende positive Besch&auml;ftigungswirkung ausfallen.<\/p><p>Sinn und die EEAG gehen in ihrer Studie auf diesen offenkundigen Widerspruch nicht ein, lassen also die Frage unbeantwortet, was denn nun in erster Linie zur Sanierung der griechischen Wirtschaft w&uuml;nschenswert ist &ndash; sinkende Reall&ouml;hne oder eine verbesserte internationale Konkurrenzf&auml;higkeit.<\/p><p>Da Sinn aber f&uuml;r weitere Lohnsenkungen in Griechenland pl&auml;diert, um die Unternehmen des Landes beispielsweise gegen&uuml;ber osteurop&auml;ischen Konkurrenten wettbewerbsf&auml;higer zu machen, kann davon ausgegangen werden, dass er allein die Konkurrenzf&auml;higkeit nach au&szlig;en hin im Blick hat. Um Sinns Forderung nach noch niedrigeren L&ouml;hnen in Griechenland bewerten zu k&ouml;nnen, soll zun&auml;chst die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet werden, in denen es ja bereits zu massiven Lohnsenkungen gekommen ist. Wie haben sich diese K&uuml;rzungen auf die griechische Wettbewerbsf&auml;higkeit ausgewirkt?<\/p><p><strong>2. Die Entwicklung der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit Griechenlands<\/strong><\/p><p>Sollen durch Lohnk&uuml;rzungen die Exportprodukte eines Landes verbilligt werden, um so &uuml;ber steigende Nettoexporte Investitionen, Wachstum und Besch&auml;ftigung zu erh&ouml;hen, setzt dies voraus, dass die Unternehmen des Landes die Kostenentlastungen relativ schnell in Form von Preissenkungen weitergeben. Wie aus Abbildung 1 ersichtlich, ist genau das in Griechenland aber nicht geschehen; der Index der Verbraucherpreise ist dort trotz des deutlichen R&uuml;ckgangs der L&ouml;hne noch bis Ende 2012 angestiegen. Ein &auml;hnliches Bild ergibt sich, wenn man die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Lohnst&uuml;ckkosten und des gesamtwirtschaftlichen Preisniveaus in Griechenland vergleicht (Abbildung 3). W&auml;hrend in den Jahren 1999 bis 2010 noch ein relativ enger Zusammenhang zwischen Lohnst&uuml;ckkosten- und Preisniveauentwicklung besteht, weichen seit 2011 beide Gr&ouml;&szlig;en immer mehr voneinander ab &ndash; w&auml;hrend die Lohst&uuml;ckkosten drastisch sinken, fallen die Preise (hier gemessen am Deflator des BIP, der die Preise aller produzierten G&uuml;ter eines Landes einbezieht) nur geringf&uuml;gig.<\/p><p><em>Abbildung 3:<\/em> <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140324_Griechenland_03.jpg\" alt=\"Lohnst&uuml;ckkostten und Preise in Griechenland\" title=\"Lohnst&uuml;ckkostten und Preise in Griechenland\"><\/p><p><em>Quelle: Flassbeck\/Spiecker 2014a, S. 3<\/em><\/p><p>Es ist also in den letzten Jahren zu keiner deutlichen Verbesserung der preislichen Wettbewerbsf&auml;higkeit Griechenlands gekommen, wie auch die BIZ-Indizes der realen effektiven Wechselkurse zeigen, die monatlich von der Bank f&uuml;r Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ver&ouml;ffentlicht werden (dazu ausf&uuml;hrlicher Klau\/Fung 2006). In den Ver&auml;nderungen des realen effektiven Wechselkurses (REER) finden sowohl Entwicklungen der nominalen Wechselkurse als auch das Inflationsgef&auml;lle gegen&uuml;ber den Handelspartnern Ber&uuml;cksichtigung. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Reale effektive Wechselkurse liefern somit eine Messgr&ouml;&szlig;e der internationalen Wettbewerbsf&auml;higkeit: Steigt der REER, l&auml;sst sich daraus folgern, dass das Land international weniger wettbewerbsf&auml;hig geworden ist, sinkt der REER, gilt das Umgekehrte.<\/p><p>Betrachtet man die Entwicklung des REER f&uuml;r Griechenland von Januar 2008 bis Februar 2014 (auf der Basis von Januar 2008 = 100), so zeigt sich, dass bis Ende 2013 der Indexwert nur in 8 von 72 Monaten unter den Basiswert gefallen ist (der H&ouml;chststand wurde mit einem Indexwert von 105,3 im April 2011 erreicht). Seit Dezember 2013 ist der reale effektive Wechselkurs f&uuml;r Griechenland drei Monate hintereinander gesunken und erreicht im Februar 2014 mit einem Indexwert von 97,5 seinen Tiefststand in der untersuchten Zeitperiode (<a href=\"http:\/\/www.bis.org\/statistics\/eer\/index.htm\">ermittelt nach BIS 2014<\/a>).<\/p><p>Die preisliche Wettbewerbsf&auml;higkeit Griechenlands hat sich also nur vergleichsweise wenig und erst sp&auml;t verbessert und dennoch ist das Leistungsbilanzdefizit des Landes von 18 Prozent des BIP im Jahr 2008 auf nur noch 5,3 Prozent im Jahr 2012 gesunken. Nach neuesten Berechnungen der griechischen Zentralbank hat sich im letzten Jahr (2013) das Defizit gar in einen Leistungsbilanz&uuml;berschuss von 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung verwandelt (Handelsblatt, 19.02.2014). Auch das Handelsbilanzdefizit ist stark zur&uuml;ckgegangen, n&auml;mlich von 45,8 Mrd. Euro im Oktober 2008 auf nur noch 16,9 Mrd. Euro im November 2013 (Papadimitriou et al. 2014, S. 4).<\/p><p>Wie ist das m&ouml;glich? Die L&ouml;sung liegt auf der Importseite. Die Importe sind eine Funktion des BIP-Wachstums und folglich im Zuge der sechsj&auml;hrigen wirtschaftlichen Krise Griechenlands, in der das BIP um 25 Prozent schrumpfte, massiv zur&uuml;ckgegangen. So sanken die Wareneinfuhren des Landes im Jahr 2013 im Vergleich zu 2008 um 54 Prozent (Handelsblatt, 19.02.2014). Wenn aber die Importe fallen, verbessert sich selbst bei unver&auml;nderten Exporten die Handels- und damit auch die Leistungsbilanz.<\/p><p>Tats&auml;chlich legte die Warenausfuhr Griechenlands vergleichsweise wenig zu. Abbildung 4 zeigt, dass die Exporterh&ouml;hung zwischen Oktober 2008 und November 2013 allein &ouml;lbezogenen Produkten (&bdquo;oil-related products&ldquo;) zu verdanken ist, deren Ausfuhr in diesem Zeitraum um 3,7 Mrd. Euro stieg, w&auml;hrend die Nicht&ouml;lexporte im November 2013 immer noch rund 1 Mrd. Euro unter dem Vorkrisen-H&ouml;chststand von Oktober 2008 lagen.<\/p><p><em>Abbildung 4: Griechenland: Exporte von Waren und Dienstleistungen (j&auml;hrliche gleitende Durchschnitte)<\/em><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/140324_Griechenland_04.jpg\" alt=\"Griechenland: Exporte von Waren und Dienstleistungen\" title=\"Griechenland: Exporte von Waren und Dienstleistungen\"><\/p><p><em>Quelle: Papadimitriou et al. 2014, S. 4<\/em><\/p><p>Interessant ist auch, dass sich der Anteil der Warenexporte in Nicht-EU-L&auml;nder von 36,6 Prozent (2007) auf 55,9 Prozent (2012) der gesamten Warenexporte Griechenlands erh&ouml;ht hat (Papadimitriou et al. 2014, S. 5).<\/p><p>Dies zeigt, dass die Verbesserung der griechischen Exportposition wenig mit einer gesteigerten Wettbewerbsf&auml;higkeit aufgrund von Lohnsenkungen zu tun haben d&uuml;rfte, da sie sich auf den Handel mit L&auml;ndern au&szlig;erhalb der Eurozone &ndash; mit einem starken Euro gegen&uuml;ber dem US-Dollar &ndash; und auf &ouml;lbezogene Produkte konzentriert, die in dem in Abbildung 4 dargestellten Zeitraum zumeist im Preis gestiegen sind. Sehr nachhaltig ist dieses Exportwachstum bei &ouml;lbezogenen Produkten nicht, da es Griechenland anf&auml;llig f&uuml;r Schwankungen der &Ouml;lpreise macht und nur in geringem Ma&szlig;e die Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen und das Wachstum anregt (Papadimitriou et al. 2014, S. 5).<\/p><p><strong>3. Zu den Effekten von (weiteren) Lohnk&uuml;rzungen<\/strong><\/p><p>Die wirtschaftliche Entwicklung in Griechenland zeigt die Absurdit&auml;t der Austerit&auml;tspolitik. Die Senkung der Nominall&ouml;hne f&uuml;hrte dort bei (bislang) weitgehend inflexiblen Preisen am G&uuml;termarkt zu fallenden Reall&ouml;hnen und folglich zu einer abnehmenden realen Konsumnachfrage der Arbeitnehmerhaushalte. Ein R&uuml;ckgang der realen Gesamtnachfrage w&auml;re unter diesen Umst&auml;nden nur dann ausgeblieben, wenn die Unternehmen sofort mehr Arbeitskr&auml;fte eingestellt und so den Einkommensr&uuml;ckgang pro Kopf durch die Besch&auml;ftigung von mehr &bdquo;K&ouml;pfen&ldquo; ausgeglichen h&auml;tten oder die Unternehmen unmittelbar in H&ouml;he der ausgefallenen Konsumnachfrage zus&auml;tzlich investiert oder die Unternehmerhaushalte in entsprechender Gr&ouml;&szlig;enordnung zus&auml;tzlich konsumiert h&auml;tten. Diese Hoffnung von Teilen des Mainstream hat sich erwartungsgem&auml;&szlig; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] genauso wenig erf&uuml;llt wie diejenige auf starke au&szlig;enwirtschaftliche Impulse, d.h. einen Ausgleich durch wachsende Exporte und damit mehr Besch&auml;ftigung. Stattdessen ist die Inlandsnachfrage in Griechenland im Laufe der letzten drei Jahre um 31 Prozent gesunken (Polychroniou 2014, S. 4).<\/p><p>Vor diesem Hintergrund weitere Lohnsenkungen in Griechenland zu fordern, ist abwegig. Einmal ganz abgesehen davon, dass eine solche Strategie weder w&uuml;nschenswert noch politisch durchzuhalten w&auml;re, sprechen mindestens drei gewichtige &ouml;konomische Gr&uuml;nde dagegen. <em>Erstens<\/em> setzt die Empfehlung Sinns voraus, dass die osteurop&auml;ischen L&auml;nder nicht ebenfalls versuchen, durch W&auml;hrungsabwertungen und\/oder Lohnk&uuml;rzungen ihre Konkurrenzf&auml;higkeit zu erh&ouml;hen, denn in diesem Fall w&uuml;rde sich auch bei weiteren Lohnreduktionen in Griechenland die relative Wettbewerbsposition des Landes gegen&uuml;ber den osteurop&auml;ischen Standorten nicht verbessern. Genau diese Voraussetzung ist aber nicht gegeben: Tats&auml;chlich kam es n&auml;mlich in vielen L&auml;ndern Osteuropas nach dem Ende der Planwirtschaft zu relativ hohen Lohnerh&ouml;hungen, die einerseits die Wirtschaft belebten (da auch die Reall&ouml;hne und deshalb der Konsum anstiegen), die aber andererseits mit einem immensen Verlust an Wettbewerbsf&auml;higkeit resp. hohen Importen einhergingen (Flassbeck\/Spiecker 2014b und 2014c). Viele osteurop&auml;ische L&auml;nder weisen daher jahrelange und zum Teil hohe Leistungsbilanzdefizite auf (vgl. dazu z. B. <a href=\"http:\/\/wko.at\/statistik\/eu\/europa-leistungsbilanzsalden.pdf\">hier<\/a>; Februar 2014) und haben dadurch eine massive Verschuldung gegen&uuml;ber dem Ausland aufgebaut, die auf Dauer nicht tragbar ist. [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Sie werden daher versuchen, entweder durch Abwertungen ihrer W&auml;hrungen oder &ndash; wenn sie einen festen Wechselkurs zum Euro verteidigen wollen (wie etwa Bulgarien) oder zur Eurozone geh&ouml;ren &ndash; durch eine sog. &bdquo;interne Abwertung&ldquo;, d.h. mittels Lohnsenkungen oder geringerer Lohnzuw&auml;chse, ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit wiederherzustellen. Wenn aber die osteurop&auml;ischen L&auml;nder und Griechenland mit ihren Kostensenkungsstrategien gleicherma&szlig;en erfolgreich sind (oder die L&auml;nder Osteuropas insgesamt gar erfolgreicher), kann Griechenland weder im Au&szlig;enhandel mit Osteuropa wettbewerbsf&auml;higer werden noch in Drittl&auml;ndern Marktanteile zulasten der osteurop&auml;ischen Konkurrenten gewinnen.<\/p><p>Aber selbst wenn man davon ausgeht, dass es Griechenland am Ende schafft, seine Exporte zu erh&ouml;hen, nachdem die Nominallohnsenkungen zeitverz&ouml;gert in den Preisen weitergegeben worden sind, bleibt <em>zweitens<\/em> zweifelhaft, ob dies dem Land tats&auml;chlich weiterhilft. Denn der Exportanteil Griechenlands ist mit nur rund 25 Prozent am BIP [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] zu klein, als dass eine Exportbelebung den vorherigen Einbruch bei der wesentlich wichtigeren Inlandsnachfrage (aufgrund der gesunkenen nominalen Einkommen bei zuerst noch unver&auml;nderten und dann nur langsam fallenden Preisen) kompensieren k&ouml;nnte.<\/p><p><em>Drittens<\/em> beschw&ouml;ren die lohnbedingten Preissenkungen die Gefahr einer ausgepr&auml;gten Deflation herauf. Eine deflation&auml;re Entwicklung aber hat gravierende negative Folgen f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung: Die Konsumenten in Griechenland, die wegen ihrer Einkommenseinbu&szlig;en in der j&uuml;ngsten Vergangenheit besonders preisbewusst agieren, verschieben K&auml;ufe auf die Zukunft, da die gew&uuml;nschten Produkte ja bald noch billiger werden, gleichzeitig verz&ouml;gern Sachinvestoren ihre Investitionsprojekte, da bei fallenden Absatzpreisen die Kalkulationsgrundlage g&auml;nzlich unsicher ist. Zus&auml;tzlich wird die Investitionsbereitschaft der Unternehmen geschw&auml;cht, weil Deflationsprozesse eine Erh&ouml;hung der Realzinsen und der realen Schuldenlast zur Folge haben: &bdquo;Weil private finanzielle Verbindlichkeiten bestehen, steigt die Belastung durch Altschulden mit Lohn- und Preisdeflationen. Ein Anstieg der Schuldenlast h&auml;lt, wenn es zu einer Preisdeflation kommt, Kreditnehmer wie Kreditgeber von einer Fremdfinanzierung von privaten Ausgaben und insbesondere Investitionen ab. Ein Investitionsr&uuml;ckgang ist eine Reaktion auf eine Preisdeflation&ldquo; (Minsky 1986, S. 139; &Uuml;bersetzung G.G.).<\/p><p>Die Erh&ouml;hung der realen Schuldenlast und die daraus resultierenden Liquidit&auml;ts- und Solvenzprobleme [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>], die mit dem Zusammenbruch einer gro&szlig;en Zahl von Unternehmen (und auch &uuml;berschuldeter Haushalte) und als Folge mit einer Gef&auml;hrdung des Bankensystems verbunden sind, sowie die Schrumpfung der Investitions- und Konsumnachfrage k&ouml;nnen im Extremfall zu einem kumulativen Zusammenbruch selbst einer vorher gesunden Volkswirtschaft f&uuml;hren (dazu auch Heine\/Herr 2014, S. 453f); umso verheerender sind die Konsequenzen einer Deflation bei einer krisengesch&uuml;ttelten &Ouml;konomie wie der Griechenlands.<\/p><p><strong>4. Fazit<\/strong><\/p><p>Radikalen Vorschl&auml;gen von Seiten des Mainstream zur L&ouml;sung der Eurokrise (oder anderer wirtschaftlicher Probleme) wird h&auml;ufig von linker Seite entgegengehalten, dass sie zwar rein &ouml;konomisch plausibel sein m&ouml;gen, dass sie aber ungerecht, moralisch verwerflich oder politisch nicht durchsetzbar seien. Meines Erachtens greift eine solche Kritik zu kurz. Wie der neuerliche Vorsto&szlig; Hans-Werner Sinns zeigt, sind viele dieser Ideen nicht nur ethisch-moralisch inakzeptabel, sondern auch &ndash; und vor allem &ndash; &ouml;konomischer Unfug.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Literatur<\/strong><\/p><p><strong>EEAG<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/policy\/EEAG-Report\/Archive\/EEAG_Report_2014\/eeag_2014_report.html\">The EEAG Report on the European Economy, CESifo, M&uuml;nchen<\/a>; letzter Zugriff: 22.03.2014<\/p><p><strong>Flassbeck, H.\/Spiecker, F.<\/strong> (2014a): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/professor-lucke-und-die-europhobie\/\">Professor Lucke und die Europhobie (Teil 1), flassbeck-economics, 5. M&auml;rz<\/a>; letzter Zugriff: 22.03.2014<\/p><p><strong>Flassbeck, H.\/Spiecker, F.<\/strong> (2014b): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/abo-artikel-bulgarien-und-rumaenien-zwei-weitere-laender-auf-der-verliererstrasse-und-die-folgen\/\">Bulgarien und Rum&auml;nien &ndash; zwei weitere L&auml;nder auf der Verliererstra&szlig;e und die Folgen, Teil I, flassbeck-economics, 17. Januar<\/a>; letzter Zugriff: 22.03.2014<\/p><p><strong>Flassbeck, H.\/Spiecker, F.<\/strong> (2014c): <a href=\"http:\/\/www.flassbeck-economics.de\/abo-artikel-bulgarien-und-rumaenien-zwei-weitere-laender-auf-der-verliererstrasse-und-die-folgen-teil-ii\/\">Bulgarien und Rum&auml;nien &ndash; zwei weitere L&auml;nder auf der Verliererstra&szlig;e und die Folgen, Teil II, flassbeck-economics, 22. Januar<\/a>; letzter Zugriff: 22.03.2014<\/p><p><strong>Heine, M.\/Herr, H.<\/strong> (2013): Volkswirtschaftslehre &ndash; Paradigmenorientierte Einf&uuml;hrung in die Mikro- und Makro&ouml;konomie, M&uuml;nchen<br>\nKlau, M.\/Fung, S. S. (2006): The new BIS effective exchange rate indices, in: BIS Quarterly Review, March, S. 51-65<\/p><p><strong>Minsky, H. P.<\/strong> (1986):  Stabilizing an Unstable Economy, New Haven and London<\/p><p><strong>Papadimitriou, D. B.\/Nikiforos, M.\/Zezza, G.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/www.levyinstitute.org\/pubs\/sa_2_14.pdf;\">Prospects and Policies for the Greek Economy, Strategic Analysis, Levy Economics Institute of Bard College, February<\/a>, letzter Zugriff: 22.03.2014 <\/p><p><strong>Polychroniou, C. J.<\/strong> (2014): <a href=\"http:\/\/www.levyinstitute.org\/pubs\/pn_14_3.pdf\">The Myth of the Greek Economic &ldquo;Success Story&rdquo;, Policy Note, 3, Levy Economics Institute of Bard College<\/a>; letzter Zugriff: 22.03.2014 <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Grunert, G&uuml;nther, Dr., geb. 1955, ist an den Berufsbildenden Schulen der Stadt Osnabr&uuml;ck am Pottgraben vor allem im Bereich Berufs- und Fachoberschule Wirtschaft t&auml;tig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Makro&ouml;konomie, internationale Wirtschaftsbeziehungen, Arbeitsmarkt.<\/p>\n<\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Bei sinkenden Reall&ouml;hnen k&ouml;nnen zwar die Gewinne im Au&szlig;enhandel ansteigen, aber die abgesetzten Mengen werden sich nur vergleichsweise wenig oder gar nicht erh&ouml;hen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Betrachtet werden hier sog. &bdquo;enge Indizes&ldquo; f&uuml;r 27 Volkswirtschaften.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Es war von vornherein absehbar, dass die griechischen Unternehmen ohne nachhaltiges Nachfragewachstum weder (aus einer Situation der Unterauslastung der Kapazit&auml;ten heraus) sofort neue Arbeitskr&auml;fte einstellen noch ihre Investitionen erh&ouml;hen w&uuml;rden, wenn doch der vorhandene Kapitalstock vollkommen ausreicht, die aktuelle (abnehmende) Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen zu befriedigen. Auch mit einem Konsumrausch der Unternehmerhaushalte allein aufgrund der verbesserten Kostensituation der Unternehmen war nicht zu rechnen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Bulgarien etwa verzeichnet im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2010 ein fast genauso hohes Leistungsbilanzdefizit (14,5 Prozent des BIP) wie Griechenland (14,6 Prozent).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Bei unver&auml;nderten nominalen Verbindlichkeiten &ndash; sie k&ouml;nnen nicht kurzfristig gesenkt werden, da die Schuldenbest&auml;nde der Unternehmen &uuml;ber viele Jahre aufgebaut werden und Kreditvertr&auml;ge mehr oder weniger lange Laufzeiten aufweisen &ndash; sehen sich die Unternehmen mit sinkenden nominalen Umsatzerl&ouml;sen konfrontiert.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Welt&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article125314576\/Fuer-Ifo-Chef-Sinn-verdienen-Griechen-noch-zu-viel.html\">berichtete<\/a> k&uuml;rzlich von den Ergebnissen einer neuen Studie des europ&auml;ischen Sachverst&auml;ndigenrats EEAG (European Economic Advisory Group), einer Gruppe von sechs Volkswirten aus f&uuml;nf L&auml;ndern, darunter Hans-Werner Sinn vom M&uuml;nchener Ifo-Institut. Die Untersuchung zur europ&auml;ischen Wirtschaft bietet die &uuml;blichen Diagnosen und Vorschl&auml;ge: In den Euro-Krisenl&auml;ndern sei ein &bdquo;gewisser Grad an fiskalischer Austerit&auml;t&ldquo; ebenso<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=21187\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,173,157,30],"tags":[1217,290,380,499,319,424],"class_list":["post-21187","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-griechenland","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-beschaeftigtenquote","tag-binnennachfrage","tag-export","tag-handelsbilanz","tag-lohnentwicklung","tag-sinn-hans-werner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21187","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21187"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21187\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53866,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21187\/revisions\/53866"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}