{"id":212,"date":"2005-09-18T12:47:28","date_gmt":"2005-09-18T11:47:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=212"},"modified":"2016-03-04T11:57:34","modified_gmt":"2016-03-04T10:57:34","slug":"wir-holen-die-reformen-der-anderen-nach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=212","title":{"rendered":"Wir holen die Reformen der anderen nach&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Von Timm Sch&uuml;tzhofer.<br>\n<!--more--><br>\nNun werden also die Reformen, die andere L&auml;nder in den 90er Jahren gemacht haben gleich gesetzt mit Agenda 2010 und Hartz- Gesetzen. Besonders beliebt ist dabei der Vergleich mit skandinavischen L&auml;ndern, nach dem Motto: Wenn es die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten machen, dann kann es doch nicht so schlimm sein.<br>\nEs gibt jedoch eine Reihe wichtiger Unterschiede zu D&auml;nemark, Finnland und Schweden. Ein Unterschied ist das Ergebnis, in den skandinavischen L&auml;ndern haben die Reformen Arbeitspl&auml;tze geschaffen, in Deutschland geschieht dies nicht. In D&auml;nemark liegt die Arbeitslosigkeit schon seit Jahren rund um die 5%, was weder mit niedrigen L&ouml;hnen und starker Lohnspreizung noch mit niedrigen Energiepreisen zu tun hat. Die Lohnunterschiede sind in D&auml;nemark n&auml;mlich traditionell gering. Die Steuern auf Energie sind h&ouml;her, da man sich der Folgen von Energieverschwendung st&auml;rker bewusst ist. Doch warum investieren auch ausl&auml;ndische Firmen in D&auml;nemark, was machen die D&auml;nen besser als wir?<br>\nFangen wir gleich bei den Reformen der 90er Jahre an. In D&auml;nemark hat man viel Geld in die Hand genommen und die Wirtschaft kr&auml;ftig angekurbelt. Dazu hat man hohe Neuverschuldungen in Kauf genommen.<br>\n&Auml;hnliches gilt f&uuml;r Schweden, wo die Neuverschuldung zeitweise bei 12% lag. In Deutschland wird hingegen bei den Investitionen gespart und der private Konsum wird durch Sozialk&uuml;rzungen abgew&uuml;rgt. Interessant ist auch wie mit Arbeitslosen umgegangen wird. Endlich so hart durchgreifen wie die Danen, endlich die &bdquo;Sozialschmarotzer&ldquo; in Arbeit zwingen, dann wird die Arbeitslosigkeit verschwinden. Doch entspricht es dem d&auml;nischen Modell, jeden in Arbeit zu zwingen?<br>\nNun, so einfach ist es eben nicht. Wer in D&auml;nemark arbeitslos wird f&auml;llt zun&auml;chst relativ weich. Das Arbeitslosengeld betr&auml;gt f&uuml;r Geringverdiener teilweise mehr als 90% des letzten Einkommens. Besserverdienende bekommen prozentual weniger. Es stimmt, dass Arbeitslose auch Arbeit annehmen m&uuml;ssen, bei der sie weniger verdienen. Bevor dies geschieht gibt es aber viele M&ouml;glichkeiten zur Unschulung und Weiterbildung. Das Arbeitslosengeld wird bis zu vier Jahren ausgezahlt. Es wird nicht automatisch nach einer bestimmten Zeit gek&uuml;rzt, sondern nur dann, wenn Angebote der Arbeitsvermittlung abgelehnt werden.<br>\nWas die Verschuldung angeht ist es den skandinavischen L&auml;ndern gelungen, die relative Verschuldung abzubauen. Man ist praktisch aus der Verschuldung herausgewachsen und hat in D&auml;nemark inzwischen einen Haushalts&uuml;berschuss. <\/p><p>In der &bdquo;Zeit&ldquo; vom 25.8.05, schreibt der ehemalige d&auml;nische Ministerpr&auml;sident Poul Nyrup Rasmussen einen Artikel dar&uuml;ber, wie er die Arbeitslosigkeit besiegt haben will. Er kritisiert dabei die deutsche Reformpolitik nicht direkt. Wenn man den Artikel aber genauer liest, dann stellt er sich gegen zentrale Forderungen, die in der Deutschen Reformdebatte immer wieder auftauchen. <\/p><p>Hier nur einige wichtige Zitate, die ich mit eine eigenen Kommentaren versehen habe. <\/p><blockquote><p>Die hitzigen Debatten &uuml;ber die Agenda 2010 in Deutschland heute waren die hitzigen waren die hitzigen Diskussionen in D&auml;nemark vor einem Jahrzehnt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dies klingt erst mal nach Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Agenda 2010, doch die Ergebnisse der Reformpolitik waren in D&auml;nemark anders, die Reformen hatten sp&uuml;rbare positive Effekte. <\/p><blockquote><p>Als wir an die Macht kamen, lag die Arbeitslosenquote bei 13 Prozent. Das Wirtschaftswachstum war niedrig, die Verschuldung hoch. Am Ende meiner dritten Amtszeit 2001 lag die Arbeitslosigkeit bei unter 4 Prozent, es gab zwei Drittel weniger Langzeitarbeitslose, die Jugendarbeitslosigkeit war verschwunden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>An den Ergebnissen gemessen, kann man also die Reformen in Deutschland nicht mit denen in D&auml;nemark vergleichen. Ein Grund daf&uuml;r ist auch, dass man in D&auml;nemark die soziale Gerechtigkeit als Wettbewerbsvorteil begriffen hat. <\/p><blockquote><p>Unsere Vision war: Wettbewerbsf&auml;higkeit und soziale Sicherheit widersprechen sich nicht, sondern bedingen sich gegenseitig, &Ouml;konomische Effizienz kann mit gerechter Verteilung und einem starken Wohlfahrtstaat verbunden werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Interessant auch die Aussagen von Rasmussen zum Thema L&ouml;hne. <\/p><blockquote><p>Qualit&auml;t und Entlohnung von Besch&auml;ftigung wurden nicht geopfert. Sozialdemokraten m&uuml;ssen Niedriglohnjobs und schlechte Arbeitsbedingungen ablehnen. Wir m&uuml;ssen Flexibilit&auml;t f&ouml;rdern, denn die passt zu ver&auml;nderten Wettbewerbsbedingungen und Lebensstilen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die F&ouml;rderung von Flexibilit&auml;t, durch deren Umsetzung der D&auml;nische Arbeitsmarkt so Flexibel geworden ist wie der Amerikanische, die Arbeitnehmer also keinen K&uuml;ndigungsschutz genie&szlig;en, muss im Kontext des d&auml;nischen Sozialstaats gesehen werden. Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist aufgrund des hohen Arbeitslosengeldes und der kurzen Arbeitslosigkeitsdauer relativ gering. <\/p><blockquote><p>Heute haben wir keine langen K&uuml;ndigungsfristen. Aber wir haben nach wie vor ein hohes Arbeitslosengeld. Der Verlust des Arbeitsplatzes f&uuml;hrt nicht zum Verlust des Lebensunterhalts.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dieses hohe Arbeitslosengeld macht es wohl auch m&ouml;glich, dass die Gewerkschaften sich nicht gegen die Politik Rasmussens gestellt haben. Wer auf nach der K&uuml;ndigung erst mal ein Arbeitslosengeld von bis zu knapp &uuml;ber 90 Prozent erh&auml;lt hat in gewisser Weise einen Ersatz f&uuml;r den K&uuml;ndigungsschutz. <\/p><p>Indes fordert auch Poul Nyrup Rasmussen ein Prinzip von F&ouml;rdern und Fordern. <\/p><blockquote><p>Wir haben die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes von neun auf vier Jahre verringert. Und wir haben die Arbeitslosenbez&uuml;ge f&uuml;r j&uuml;ngere unter 20 Jahre nach Ablauf der ersten 6 Monate der Arbeitslosigkeit fast halbiert. Gleichzeitig wurden &bdquo;individuelle Aktionspl&auml;ne&ldquo; eingef&uuml;hrt: Einzelgespr&auml;che mit dem Arbeitslosen, bei denen die pers&ouml;nlichen Qualifikationen, die Stellenangebote und die Notwendigkeiten der Fort- und Weiterbildung besprochen werden. Dies wurde zu einem Grundrecht der Arbeitslosen. Jedem von ihnen werden Fortbildung, Training und Stellen unterbreitet- Angebote, die man nicht Ablehnen darf.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wir erfahren also von einer gek&uuml;rzten Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes. Wir sprechen aber von einer K&uuml;rzung auf vier Jahre, also auf eine immer noch vergleichsweise lange Zeit. Wir h&ouml;ren au&szlig;erdem vom Recht auf Fort- und Weiterbildungsangeboten f&uuml;r jeden Arbeitslosen. Es geht um eben wirklich um Fordern und F&ouml;rdern, wobei der Druck nur auf diejenigen Ausge&uuml;bt die vorhandene Angebote ablehnen. <\/p><p>Besonders interessant ist es, zu lesen, was der ehemalige D&auml;nische Regierungschef zum Thema Arbeit und Freizeit und Frauen im Beruf sagt. Der von ihm beschriebene Weg k&ouml;nnte n&auml;mlich auf sehr soziale Weise das Problem einer &auml;lter werdenden Gesellschaft gel&ouml;st werden. <\/p><blockquote><p>Durch ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit wurde die Frauenerwerbsquote gesteigert. Mit 73 Prozent ist sie heute eine der h&ouml;chsten in Europa. Unsere Politik verbesserte die Besch&auml;ftigungschancen f&uuml;r Frauen indem wir mehr, billigere und bessere Kinderbetreuung anboten; Betreuungsangebote gibt es jetzt f&uuml;r alle nicht schulpflichtigen Kinder.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Am Ende seine Artikels nennt Poul Nyrup Rasmussen einige Prinzipien, die sich auch die Deutschen Politiker st&auml;rker zu Herzen nehmen sollten. Ich habe die wichtigsten herausgeschrieben.<\/p><blockquote><p>Rechte und Leistungen sollten niemals weggenommen werden, ohne gleichzeitig neue Rechte und M&ouml;glichkeiten zur&uuml;ckzugeben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Reform muss so stark wie m&ouml;glich auf Konsens statt auf Konfrontation gebaut werden, besonders im Konsens mit den Interessengruppen, die sich durch die Reformen bedroht f&uuml;hlen m&ouml;gen, wie die Gewerkschaften.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Die potenziellen Vorz&uuml;ge von Arbeitsmarktreformen werden am leichtest sichtbar wenn die Wirtschaft w&auml;chst. Dies war in D&auml;nemark Mitte der 90er der Fall. Es ist deshalb von essentieller Bedeutung, Reformen in Perioden wirtschaftlichen Aufschwungs einzuleiten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Und schlie&szlig;lich die Wirksamkeit von Reformen muss bewiesen werden. Die B&uuml;rger m&uuml;ssen die Verbesserungen sp&uuml;ren- sp&auml;testen nach zwei Jahren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Leider h&auml;lt die Bundesregierung so gut wie keines dieser Prinzipien ein. Die Konkurrenz aus CDU\/CSU und FDP wird dies erst gar nicht versuchen, sondern den neoliberalen Kurs noch versch&auml;rfen. Poul Nyrup Rasmussen geh&ouml;rt dem rechten Fl&uuml;gel der Sozialdemokraten in D&auml;nemark an und einige Forderungen halte ich durchaus f&uuml;r problematisch, dennoch wird deutlich, dass die Reformen in D&auml;nemark eben nicht mit den Hartz-Gesetzen und der Agenda2010 gleich zu setzten sind. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nTimm Sch&uuml;tzhofer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Timm Sch&uuml;tzhofer. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[110,147,141,11],"tags":[1858,643,319,288,312,325,291],"class_list":["post-212","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-agenda-2010","category-arbeitslosgigkeit","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-daenemark","tag-kuendigungsschutz","tag-lohnentwicklung","tag-prekaere-beschaeftigung","tag-reformpolitik","tag-staatsschulden","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/212","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=212"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/212\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31825,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/212\/revisions\/31825"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=212"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=212"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=212"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}